Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-11 · 46 (11.11.1892) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
46 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020946--01874-3025936
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 46 Österreichische Wvchrnschrist Seite 837 ein Machtgebot, welches bei der lichtvollen Erscheinung Palestrina's nur dessen Werk gut geheißen; gut geheißen für alle kommenden Tage und alles andere, was später erscheinen könnte, von der Aufführung ausgeschlossen hätte — wohin wäre es denn mit dem Entwickelungsgange der Musik gekommen? Wie wären die hellleuchtenden Gestirne am Musikhimmel, Händel, Bach, Mozart, Beethoven re. erstanden? Nun denn! Es beginnt eine neue Phase in der Entwickelung des Synagogen-Chorgesanges; für uns Israeliten eine bedeutsame künstlerische Phase; wird die künstlerische Fortentwickelung durch Machtgebote zu hemmen sein? — Wir sagen nein; denn im heiligen Bereiche der Kunst gibt es keine Fessel, kein Machtgebvt. (Fortsetzung folgt.) Wien. (Feierlicher Gottesdienst am Freitag Abend.) Wie wir vernehmen, hat der Borstand der israelitischen Cultnsgemeinde beschlossen, eine Action einzuleiteu, den Gottesdienst am Freitag Abend im israelitischen Tempel der Seitenstettengasse mit einer größeren Feierlichkeit auszugestalten. Nicht blos der gesangliche Theil soll eine erhöhte Ausbildung und Ausweitung erfahren: es werden auch bet diesem Gottesdienste Exhorten, Vortrüge über die Mission und Geschichte des Judenthums abgehalten werden. Der Präses der israel. Cultnsgemeinde Herr Wilhelm Ritter von Gutmann unternimmt eine Propaganda, um die Damen der besten Kreise aus der jüdischen Gesellschaft zu bestimmen, am Freitag Abend nicht Bälle und Theater, sondern den Gottesdienst zu besuchen und hofft es zu erreichen, daß auch die Chefs der großen Handlungshäuser ihren Angestellten am Freitag Abend die freie Zeit gewähren, den Gottesdienst zu besuchen. Es gilt dem religiösen Jndifferentismus, den wir in einer der letzten Nummern der „Oest. Wochenschrift" gezeichnet haben, mit aller Macht entgegen zu arbeiten. Wien. (Die Wahlen im medicinischen Unterstützungsverein) Samstag Nachmittags um 3 Uhr fand im Hvrsaale des anatomischen Institutes die diesjährige Plenarversammlung des medicinischen Unterstützungsvereins statt, in welcher die Wahlen für den Ausschuß vollzogen wurden. Seit vierzehn Tagen hatten diese Wahlen sowohl die freisinnige als auch die antisemitische Partei unter den studirenden Angehörigen der medicinischen Partei in Athem gehalten. Die Mitglieder der Burschenschaften und die der deutschnationalen Vereine, die „arischen Mediciner", wie sie sich nennen, hatten die größten Anstrengungen gemacht, um die Leitung des Vereins den Händen der liberalen Partei zu entwinden. Der Versuch ist jedoch gescheitert, die Candidaten der freisinnigen Partei sind, trotzdem daß sie vom academischen Vereine „Kadimah" im Stiche gelassen wurden, durchgedrungen; sie erhielten 283, die Antisemiten 264 Stimmen. Mit einer Majorität von 19 Stimmen sind demnach gewählt die Herren: zum Obmann Arnold Burger, zum Obmann-Stellvertreter Franz Urban: ferner Hermann Benedikt, Ferdinand Brunner, Koloman Schiff, Wilhelm Aß, Otto Schnabel, Edmund Waldstein und Bernhard Panzer zu Ausschußmitgliedern; Gustav Harder, Siegfried Groß und Enül Wagner zu _ Ersatzmännern; schließlich Burkhardt v. Barth, Arthur Schiff, Karl Ornstein und Arthur Foges in das Schiedsgericht. Mit Vergnügen constatiren wir, daß die stürmischen Lärmscenen, die sich gelegentlich derWahlen im verflossenen Sommersemester abspielten und den Bestand des Vereins zu erschüttern drohten, sich diesmal nicht wiederholten. Biel zur Aufrechterhaltung der Ordnung mochte wohl die Anwesenheit des Protectors des Vereins, des Rectors Hofrathes Professor Ludwig, der bei seiner Ankunft von den Angehörigen aller Parteien mit brausendem Beifalle begrüßt wurde, beigetragen haben. Der bisherige Obmann-Stellvertreter des Vereins, Herr 5tnä weä. Arnold Burger, der die Versammlung schneidig und gleichzeitig tactvoll leitete, erstattete nach der Eröffnung den Rechenschaftsbericht. Demselben ist zu entnehmen, daß der Verein im Ganzen 136 dürftige Bewerber unterstützte, und zwar entweder mit Geldunterstützungen, oder dadurch, daß er dieselben auf seine Kosten in den academischen Krankenverein einschreiben ließ, oder endlich durch Vertheilung von Speisemarken. Von diesen Unterstützten stammen 40 aus Galizien, 31 aus Mähren, 13 aus Böhmen, 12 aus Niederösterreich, 3 aus der Bukowina, 9 aus Ungarn; der Rest vertheilt sich auf die Alpenländer. Nach 4 Uhr wurde mit dem Scrutinium begonnen und um 7, 6 Uhr war dasselbe beendet; die officielle Verkündigung des Resultats, das wir bereits oben bekanntgegeben haben, erfolgt einem Beschlüsse des Ausschusses gemäß erst heute durch Affichen in der Universität, im Allgemeinen Krankenhause und im Anatomischen Institute. Durch diese kluge Maßregel wollte das Comite Reibungen und Streitigkeiten, wie sie früher während des Wartens auf die Bekanntmachung des Wahlergebnisses vorzukommen pflegten, Vorbeugen; der Zweck wurde vollständig erreicht, denn kaum daß sich die Scrutatoren zurückgezogen hatten, verließen auch die Studenten das Wahllocale, und um halb 5 Uhr zeigte das anatomische Institut seine gewöhnliche Physiognomie. Wien. (Antisemitische Studenten gegen Hofrath Noth* nagel.) In der Aula fand letzten Samstag Vormittags unter reger Betheiligung seitens der Gruppe der Mediziner die Neu" wähl in den Ausschuß des „Vereins zur Pflege kranker Studirender" für das laufende Jahr statt. Die Wahl leitete stuä. jur. Ascher. Die Wahl selbst spielte sich unter turbulenten Sccnen ab, da die antiliberalen Studenten, welche sich einer bedeutenden Majorität Freisinniger gegenüber sahev, den Wahlgang vereiteln wollten. Wiederholt mußte der Wahlleiter aufmerksam machen, daß er unter solchen Umständen die Wählleitung nicht weiterführen könne. Den Höhepunkt erreichten aber die Lärmscenen der Antiliberalen, als bei der Wahl eines Mitgliedes des medizinischen Profesioren-Collegiums in den Ausschuß seitens der Freisinnigen unter lebhaften Profitrusen Hosrath Professor Dr. Nothnagel vorgeschlagen wurde. Nunmehr verließen die antisemitischen Studenten unter wüstem Lärm und Gejohle das Wahllocal. Bon den zurückgebliebenen 160 Freisinnigen — die Antisemiten verfügten blos über 40 Stimmen — wurde hierauf Professor Nothnagel einstimmig in den neuen Ausschuß gewählt Eine Abordnung der Anttsemiten begab sich noch während der Wahl in die Vereinskanzlei und reichte daselbst einen Protest gegen die Wahl ein. Führer der Deputatton war der srnä. oieä. Reinhold Seidel, der Proponent des im verflossenen Sommer bekanntlich wegen antisemitischer Umtriebe behördlich aufgelösten Waidhofener Bundes. Wien, 4. November 1892. An der juridischen Facultät der hiesigen Universität fand heute Nachmittags die Wahl des fünfgliedrigen Ausschusses des „Vereines zur Pflege kranker Studirender" statt. Leider entfielen von 119 abgegebenen Stimmen durchschnittlich 70 auf antisemitische Candidaten. während die liberalen Studenten Ascher, Feßl, Spielmann, Landau und Czech mit etwa je 50 Stimmen in der Minorität blieben. —■ Jndeß ist nicht alle Hoffnung geschwunden, wenigstens ein Ansschußmandat den Liberalen zu retten, da wahrscheinlich auf Veranlassung des Tcrutators Herrn sind, jur. Rosenfeld die Wahl des Anttsemiten Sotlschegg in den Ausschuß angefochten werden wird. — Wären die liberalen Herren Studenten nur mit einem kleinen Theile jenes Eifers für die Wahl ihrer Candidaten eingetteten, den die Antisemiten bethätigten, dann wären wohl auch die Deutsch-Nationalen nie mit jener großen Majorität durchgedrungen. Wenigstens die Ausschußmandate der juridischen und medicinischen Facultät hätten für die Liberalen gerettet werden müssen, die durch eine ebenso curiose als ungerechte Bestimmung, von der wir gleich sprechen wollen, ohnehin weit im Nachtheile gegen andere Hörer sind. Von den 1214 ordentlichen Mitgliedern des Vereines gehörten nämlich (im letzten Jahre) an: Der juridischen Facultät.310 „ medicinischen „ 591 „ Philosoph. „ 79 „ evang.-theol. „ 6 „ Technik „ 155 Dem pharmaceut. Cours.17 Der Hochschule für Bodencultur .... 43 Der Academie der bildenden Künste ... 13 Mitglieder. Nun haben aber die Liberalen nur in den ersten zwei Wahlkörpern Aussicht, durchzudringen. Für die 310 Mitglieder der juridischen und die 591 der medicinischen Facultät sind aber ebenso nur je fünf Stimmen reservirt, wie für 79 Philosophen und 155 Techniker, die meist deutsch-national wählen. Die sechs evangelischen Theologen, 17 Pharmaceuten und 13 Kunstacademiker entsenden je einen Vertreter in den Ausschuß, 43 Agronomen aber zwei. Während also überall dort, wo ein für die Antisemiten günstiges Wahlergebnis zu erwarten ist, ein Ausschußmitglied auf 6, 13, 16, 17, 22 höchstens 31 Hörer entfällt, kommen auf nahezu 62, respective 118 Hörer der juri-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.