Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 46 (11.11.1892)
- Date
- 1892-11-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 836 Oesterreichisrhr Wochenschrift Nr. 46 Saul Isaak Kampf. Bei einem allmähligen Zusammenstürzen eines von mächügen Säulen getragenen imposanten Baues macht das Einstürzen d« am längsten stehen gebliebenen letzten Säule den wehmüthigsten Eindruck; indem wir mit dieser die letzte Spur von dem einstigen Prachtbau schwinden sehend und beim Fallen dieses letzten Zeugen ehemaliger Pracht und Größe erhebt sich durch den Zauber der Erinnerung der eingestürzte Bau plötzlich wieder in seiner ganzen früheren Herrlichkeit vor unserem geistigen Auge, daß uns der gänzliche Untergang solch' stolzen Werkes in diesem Augenblicke mit doppelter Wehmuth erfüllt. Ein ähnliches Gefühl bemächtigte sich unser, als wir am 16. v. M. die ersten Erdschollen mit dumpfem Geräusch auf den Sarg Kämpf's in das offene Grab bei abendlichem Dunkel Hinabrollen hörten. In unserem Geiste tauchte da auf die Erinnerung an jene jüdisch-wissenschaftliche Blütezeit Prags, da es neben- und nacheinander Zunz, Sachs, Rappaport und Kämpf in seiner Mitte wirken, forschen und schaffen sah. Kämpf war der einzige noch unter uns wandelnde Zeuge und Mitschöpfer jenes so regen jüdisch-wissenschaftlichen Lebens in Prag; er bildete das letzte Glied in der Kette der hervorragenden Männer, die im alten Prag neue Schätze mit geschickter Hand und kundigem Blick aus dem classischen Boden des Judenthums ausgegraben haben. Ja, mit dem Hinscheiden Kämpf's ist der letzte Strahl jener Lichtperiode Prags erloschen, und tiefe öde Finsterniß herrscht nunmehr am jüdisch-wissenschaftlichen Himmel, der einstigen „Mutter in Israel". Als Kämpf nach Prag kam, hatte sein Name, schon einen guten Klang in Gelehrtenkreisen durch seine 1845 erschienene Promotionsschrift: „Die ersten Makamen mit dem Tachkemoni", wie durch seine geistvollen, schön und klar gefaßten Aufsätze im „Literaturblatt des Orient". In Prag begnügte er sich auch nicht mit seinen wirksamen, durch den reichsten Beifall belohnten oratorischen Leistungen auf der Kanzel, sondern lieferte in Frankel's „Monatsschrift" von geistiger Originalität zeugende Abhandlungen, edirte 1858 seine „Zehn Makamen aus dem Tachkemoni"'), hebräische und deutsche Ausgabe, worin er seine poetisch veranlagte Natur, seine tiefe Vertrautheit mit dem Geiste der hebräischen Sprache, dem innersten Wesen, Character und Entwicklungsgang des semitischen Sprachgutes, ganz besonders aber seine Meisterschaft in der Uebersetzung auf das Glänzendste documenttrte, was er auch in seiner deutschen Uebersetzung des Sidur und der Machsorim bewiesen hat. Beim Auftauchen einschlägiger schwieriger Probleme stellte Kämpf gerne jedesmal seinen Mann, so mit seiner 1870 erschienenen Schrift: „Die Inschrift auf dem Denkmal Mesa's" und mit seiner 1874 herausgegebenen Schrift: „Die Grabschrift Eschmunazar's". Bon seiner pietätvollen Gesinnung und den religiösen Frieden anstrebenden Richtung zeugen: seine Biographie seines Lehrers R. Abika Eger (1837) und sein Schriftchen: „Mamttk Sod" in der Frankel-Hirsch'schen Streitsache (1861). Den Abschluß seiner literarischen Thätigkeit bildet seine Uebersetzung und Erklärung des Hohenliedes. So bildete die Liebe zur hebräischen Muse die Seele und den Mittelpunkt seines geistigen Strebens und Schaffens. Wie eine Selbstbiographie klingen seine Worte im Vorwort zu seiner „Nichtandalusische Poesie" u. s. w. S. 2: „Einmal aber in diese erlesene Gesellschaft gerachen, war für mich kein Loskommen mehr; mit unwiderstehlicher Macht zog es mich hin zu den hehren Gestalten, die durch ihre Geisteserzeugniffe überhaupt und ihre dichterischen Schöpfungen insbesondere sich den Kranz der Unsterblichkeit um's Haupt gewunden." Kämpf hätte uns fteilich bei seinen großen Fähigsten und seiner reichen, ausgebreiteten Gelehrsamkeit eine noch weit größere Zahl solch' reifer Geistesfrüchte liefern können, und er hätte sie auch sicherlich geliefert, wenn er die letzten fünfundzwanzig Jahre in einem wissenschaftlich mehr anregenden Kreise gelebt hätte, doch bleibt ihm durch seine „Makamen" ein ehrenvolles Blatt in der jüdischen Literaturgeschichte gesichert. Prag-Smichow, 6. November 1892. Dr. Samuel Back. ') Haupttitel: „Nichtandalusische Poesie andalusischer Dichter aus dem elften, zwölften und dreizehnten Jahrhundert". Synagogenchoq und Orgel.. Von Obercantor I. Singer. II. So wie die Synagogenpredigt, diese bedeutsame Errungenschaft des jüdischen Gottesdienstes, sich aus der starren Form der v'rascha bis zur heutigen Vollendung entwickelte, ebenso muß der moderne Synagogengesangschor seinen Ausgangspunkt in dem einstigen Me schore rim-Gesang auffinden. Was hier als sogenannter Stegreif - Gesang der Intention des Einzelnen entstammte, das finden wir heute unter dem Gebote strenger Gesetzmäßigkeit angeordnet und wenn die Text-Phrase durch Wiederholungen der Worte wie durch mannigfache Verunglimpfungen seitens des Chosen und der Me schore rim bedeutende Einbuße erlitt, ist man heute desto mehr bemüht, der Wort- und Satz- Declamation ihr gebührendes Recht zu wahren. Man kann es jedoch nicht in Abrede stellen, daß die Synagogensänger am Anfänge unseres Jahrhundertes nicht schon ganz respectabel „zusammen" sangen. Jeder der bedeutenderen damaligen Chasanim hatte unter seinen Leuten wenigstens einen, der sich in der Welt einigermaßen umgesehen und der, wenn auch nicht theoretisch, doch naturalistisch-musikalisch beanlagt, es zu Stande brachte, daß die verschiedenen Stimmen auch verschiedene, zu einander wohlklingende Intervalle sangen und seinen Anordnungen als „Einstudirer" sich willig fügten; immer jedoch blieb der Chasen die hervorragende Persönlichkeit, man sagte stets: Der Chasen und seine Meschorerim. Beim katholischen wie beim protestantischen Gottesdienste, allwo der Geistliche als gottesdienstlicher Functionär erscheint, muß der Gesangsstoff selbstredend ganz anders angeordnet werden, kann daher viel selbstständiger auftreten, wie beim jüdischen Gottesdienste, allwo ein Chorgesang als ein vom Cantor vollständig gesondertes Tonstück nur in den seltensten Fällen denkbar ist. Deshalb finden wir bei allen modernen synagogengesanglichen Anordnungen, namentlich bei der Sulzer'schen das Cantor-Solo hervorragend bedacht. Werfen wir nun einen prüfenden Blick auf die Wandlung, welche das Verhältniß des Cantors, dem Synagozengesangskörper gegenüber, im Laufe der Zeiten erfahren, so muß der Ernst der Sachlage mit Besorgniß erfüllen. Die veralterten Benennungen Chasen, Me schorer, Einstudierer, sind in nebelgraue Ferne gerückt; statt derselben haben die inhaltsreichen Kunstausdrücke Cantor, Chor und Dirigent das volle Bürgerrecht erlangt und da die letztere Benennung „Dirigent" zu deutsch Leiter heißt, so ließ Mancher sich verleiten, dem Cantor gegenüber eine dominirende Stellung einzunehmen. Nicht diejenigen, wenigen Chordirectoren, denen vermöge ihres Wissens und Strebens der Titel vollinhaltlich gebührt und die auch in vollem Zielbewußtsein, dem Cantor seine Rechte wahren, sind hier gemeint, sondern jene, heutzutage legionartig auftretenden Pseudo-Dirigenten, die ausgerüstet — nicht mit tüchtiger musikalischer Bildung — sondern lediglich mit der behördlichen Machtvollkommenheit, sich Uebergriffe erlauben, welche die heilige' Angelegenheit schädigen müssen. Der iutelligente und fachlich reife Cantor wird sicherlich dem ebenbürtigen Dirigenten gleichfalls seine Rechte wahren und bestrebt fein, jedweder Dissonanz nicht nur im Gesänge sondern auch im Verkehre auszuweichen; allein auch der Dirigent muß in Anbetracht des zu erreichenden idealen Zieles, alle Mittel anwenden, um dem Cantor seine Position zu einer nicht allein achtungsvollen sondern auch angenehmen zu gestalten. Mit Haß und Zwist im Herzen kann man im besten Falle eine „Rachearie" niemals jedoch herzgewinnende, weiche Töne der Bitte oder der Versöhnung anstimmen. Es ist ein glücklicher Gedanke, wenn größere Gemeinden die Chorleitung einer, nur für diesen Zweck bestellten Persönlichkeit übertragen, da der Betreffende seine ganze Kraft für diese eine Bestrebung einsetzen kann und bei nur einigermaßen günstigen Nebenumständen auch sicherlich die besten Resultate erzielen wird. Allein derjenige, der die Chorleitung zu besorgen hat, darf sich nicht allein auf E instu dir en und D irigiren beschränken, sondern er allein wird einstens dafür verantwortlich gemacht werden-, wie der Synagogengesang der kommenden Jahre sich nicht blos in yualitativer Weise sondern vielmehr in Anbetracht des zu bietenden Stoffes entwickeln wird. Die Entwickelung des Synagogengesangschores ist eine Kunstbestrebung und kann in ihrem Fortschreiten weder durch Machtgebote noch durch nervöses Festhalten an einem Lieblingsgedanken aufgehalten werden. Man denke sich