Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-11 · 46 (11.11.1892) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
46 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020946--01872-3025934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 46 Orfierreichifche WochrnfchrM Breite 825 Sie bietet dem Historiker reichen Stoff, und könnte dem Leser, auch dem nichtjüdischen, interessant und belehrend dargestellt werden. — Für ein solches Werk haben wir wohl in den Publikationen von Wertheimer, Wolf, Kaufmann, Güdemann und Andern werthvolle Vorarbeiten; aber wie sich trotz der Werke von Geusau, Hormayer, Weiß u. s. w. das Bedüiffniß nach einer Geschichte der Stadt Wien herausgestellt hat, welche auf der Höhe moderner Wissenschaft stehend doch auch ein Familiennnd Volksbuch werden soll — so bedürfen wir auch einer gleichwerthigen Geschichte der Juden in Wien. Ein solches Werk dürfte den Umfang eines Bandes nicht überschreiten, höchstens wenn man auch das ganze Erzherzogthum Oesterreich und Steiermark einbezieht, zwei Octavbände stark werden. Glauben die Gründer der Geschichte Wien's mit 100.000 Gulden auszureichen, so würden für die jüdische Geschichte fünf bis zehntausend genügen. Wir glauben, daß es nicht gar so schwer wäre, diese Summe zusammenzubringen, wenn sich nur die rechten Leute finden, um die Sache in Gang zu bringen. Dazu die Anregung zu geben ist der Zweck dieser Zeilen. Di. M. L. Aus dem Antisemitenlager. Es ist geradezu unbegreiflich, warum die Antisemiten in den Leitartikeln, Entrefilets, Nachrichtsrubriken rc. ihrer Blätter eine wahrhaftige Atlaslast von Langweile und Dummheit aufstappeln, während sie die eigentlichen Sensationsnachrichten ganz hinten, in winzigen Lettern im Briefkasten abthun. Wenn sich z. B. zwei Großantisemiten gegenseitig die größten Schändlichkeiten nachzusagen haben, so thun sie das im Briefkasten ihrer Zeitung ab. Darum ist dieser auch die interessanteste Rubrik antisemitischer Blätter und wird von uns mit besonderer Liebe behandelt. So bringt der Briefkasten der letzten Nummer der „Unverfälschten deutschen Worte" wieder die Erinnerung an ein interessantes Schreiben, welches Bergani am 24. September 1889 an Schönerer richtete. Es lautete: Hochgeehrter Herr von Schönerer! Der Deutschnationale Verein ist aufgelöst. Ich flehe Sie heute an, bewilligen Sie mir einen „Deutschen Bolksverein" allsogleich zu gründen — ich flehe Sie an, sprechen Sie ein Machtwort für die Deutschnationalen und für das „Volksblatt" — denn es leidet die antisemitische Sache durch das Hervordrängen der sogenannten „Vereinigten Christen" oder „Christlich Socialen". Leute, wie Lueger! Gregorig! HawranekIPfister! Schneidermachen sich breit, hetzen offen gegen das Nationale und geheim gegen mein Blatt. — Ich bitte, ich flehe Sie an, helfen Sie uns und lassen Sie Ihr Werk nicht so verunstalten. In Eile und Aufregung ihr ewig treuer Bergani". Als Antwort liest man im Briefkasten der Redaction des Bergani'schen „Blattes", das die Antisemiten Schönerer'scher Richtung „S... alonblatt" nennen, folgende hübsche Bemerkungen: „Wir glauben, auch Hauck soll schleunigst ein Ende machen, damit seine nativ naleExpensnote nicht in's Ungeheuere anwächst. Er soll seinen „nationalen' Advocaten fragen: „Bin ich im Rechte?" falls dieser es bejaht, dann möge derselbe auf eigenes Risico die Sache weiterführen (!) — falls die Antwort aber verneinend lautet, dann möge Hauck in sich Einkehr halten und thun, was er schon längst thun sollte und keine Expensen weiterzahlen. — Antisemit, Wien, III. So ist es! Die ewige Treue hat der Millionär schändlich gebrochen. Ich hielt sie noch über menschlich lange, trotz des gemeinen Treubruches von Seite des „Führers". Hans B. Ehren- Schönerer läßt in seinem Schmierblatt von einem seiner Diener schreiben: „Wer der erbärmlichen, gemeinen Wiener Judenpresse Glauben schenkt, ist dieser Schandpresse würdig", andererseits versendet er durch einen zweiten Diener die Scharf'schen Lügenartikel an unsere Gesinnungsgenossen. Wie nennt man solch' ein Vorgehen. — M. M., 4. Bez. Er sinkt in seiner ohnmächtigen Wuth zu einem boshaften alten Weibe herab, welches gern durch alten Tratsch die Leute durcheinanderbringt; den Brief veröffentlicht der Mann bereits zum drittenmal, ohne den gewünschten Erfolg." Wenn die „Führer" von einander solch' eine Meinung haben, was muß man erst von den Uebrigen denken, welche keine Führer sind? Das „Deutsche Bolksblatt" vom 27. October 1892 schreibt in „den Antworten der Schriftleitung": „An den Vollzugs-Ausschuß eines Partei-Gelogrundstockes. Wir erhielten heute „Ihre dringende Bitte, den Gedanken der Schaffung eines Partei-Geldgrsundstockes durch unsere schon so oft bethätigte Opferwilligkeit ehestens der Verwirklichung zuzuführen." Sie schreiben oder drucken da unter anderen schönen, stylvollen Sätzen Nachstehendes: „Heute schon (?!) müssen wir (unterfertigt erscheinen die Herren Hauck, Jro, von Berger, Wolf, Bauer, Sickenberg, Decker und Brunner) an die Ausbringung von Mitteln denken für den Fall, als unstr Führer was der deutsche Gott (offenbar der unverfälscht deutsche) noch recht lauge verhüten möge — einst nicht mehr in unserer Mitte weilt und die Partei einzig und allein auf ihre eigene Kraft (!!!) angewiesen ist und jedem Genossen die heilige (!!!) Aufgabe zufällt, unsere (siehe oben) mächtige (?!) Bewegung nicht in's Stocken kommen zu lassen." Weilers: „Ein Stillstand wird aber dann (?) am allerwenigsten eintreten, lvenn der Bestand unserer (siehe oben) deutschnationalen Presse, des deutschnationalen Kalenders (herausgegeben von Jro und Wolf) u. s. w. (???), durch bestimmte (?!) jährliche (!!) Unterstützungen (!!) gesicherterscheint und die sonstige (?!)Parteiarbeit (?!) auch in geldlicher Beziehung in einem (?) bestimmten (!) Rahmen (?!) vor sich geht." Also einen Partei-qeld-grund-stock zur Erhaltung der Kalcnderarbeit als Ersatz für den bisher Tausende Gulden „opfernden" Führer, falls der deutsche Gott ihn aus der Mitte des Partei-Geld-grund-stocks-Bollzugs- Ausschusses reißen würde. Da müssen wir denn doch die Sache ein wenig überlegen. Sie versprechen zwar von dem germanischen Gruß salbungsvoll Allen, „die ein Schärflein (!) auf den Altar (!!!) der Partei" niederlegen, „der Segen wird Eueren Kindern werden!" — da wir aber bisher kinderlos sind, so können wir auf denselben nicht reflectiren. Auch verdrießt es uns, daß sie Ihrerseits nur den Segen bindend versprechen, von uns aber „geldliche" Beiträge und eine Unterschrift zu einer Erklärung verlangen, die ein garstiges Mißtrauen gegen die Scherflein-Spender erweist. Die Erklärung lautet: „Ich bin mir darüber klar, daß mit diesen Beiträgen der unentgeltliche Bezug der deutschnationalen Blätter und des deutschnationalen Kalenders nicht verbunden ist." Wir sind uns über diese ganze Schnorrerei vollständig klar und halten uns vor diesem Altar in „geldlicher" und in jeder Beziehung ferne, mit und ohne Bezug eines Kalenders." ' Wir lesen im Vaterland vom 4. November 1892: „(Jude»-Entdeckung.) Das „Deutsche Bolksblatt" muß in argen Nöthen sein, da es zu ganz verzweifelten Reclamemitteln greift. In den letzten Wochen hat es sich bekanntlich mehrseitig als „katholisches Blatt empfehlen lassen, in seinen eigenen Spalten hat es sich aber gleichzeitig als „deutsch-antisemitisch" angepriesen. Heute wieder prahlt es sich damit, daß es in Wien das „einzige christliche Taglatt" sei. Und für diese letztere Prahlerei wird auch, was bei diesem Blatte sonst nicht üblich ist, eine Beweisführung versucht. Der Beweis soll nämlich darin liegen, daß in den Redactionen aller Wiener Blätter, auch in jener des „Baterlavd", Juden beschäfttgt find. Es werden auch Namen angeführt, so für das „Vaterland" die Herren Carl Koller und Heinrich Langer. Nur leider hört hier die Beweisführung auf, so daß gerade das unbewiesen bleibt, was bewiesen werden soll. Denn daß etwa alle Leute, welche die verbreiteten Namen Carl Koller und Heinrich Langer führen» Juden seien, hat noch Niemand behauptet. Es ist natürlich unwahr, was das „Deutsche Volksblatt" von unsere« Herren Mitredacteuren behauptet; beide Herren find Katholiken und stammen von katholischen Eltern. Nun sagt das „einzige christliche" Blatt allerdings, vom Standpunkte der Grundprincipien des nationalen Anttsemitismus könne es zwischen getauften und ungetauften Juden keinen Unterschied machen. Im Sinne des „einzig christlichen" Blattes wären also auch die Apostel, da sie von Juden abstammten, keine Christen gewesen und wenn etwa ein P. Ratisbonne Redacteur des „Vaterland" wäre, so wäre nach derselben Theorie unser Blatt kein christliches, sondern ein Judenblatt. Es muß mit dem christlichen Fundamente des „einzig christlichen" Blattes ganz verzweifelt stehen, wenn es zur Beglaubigung desselben sich genöthigt sieht, zu so widerwärttgen Mitteln zu greifen. Uns kommt dieser Verzweiflungsakt allerdings nicht überraschend, denn jeder Christ weiß, daß der Raffen- Antisemitismus keinen festen Boden hat." So das „Vaterland vom 4. November 1892. Wie lange ist es her, daß in den Spalten des „Vaterland" — der Katholik Sonnensels ein „abgehauter Nikolsburger Jud'" titulirt worden? Es ändern sich die Menschen nach den jeweiligen Geschäftserforderniffen, auch das ist arisch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.