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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-11 · 46 (11.11.1892) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
46 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 624 Oesterreichifche Wochrnschrifl i'tr. 46 Christen verboten sei, also Dinge, die mit dem Thierschutz nichts und mit dem Antisemitismus viel zu thun haben. Der Antisemitismus würde in der Campagne gegen das Schächten die Führung an sich reißen, möge» es die Initianten wünschen oder nicht; sie würden dieser sofort eintretenden Bewegung schwerlich Herr und Meister bleiben. Die Opposition gegen das Schächten ist also meistentheils entweder Sentimentalität, oder etwas Schlimmeres: Claffenhaß. Und wenn es einmal in der Schweiz gelänge, eine Religionsgenossenschaft in dieser Weiseln unterdrücken, so könnten alle andern gelegentlich des gleichen Schicksals gewärtig sein: »il n’y ä que le premier pas, qui coute!« Der Talmud sagt: Als die Juden von Gott in das Exil gesandt wurden, habe ihnen Gott zwei Eide abgenommen: den ersten, nicht in ihr Land zurückzukehren , bevor er sie rufe; den zweiten, sich nie gegen die Staaten, die sie aufnehmen werden, zu empören. Die dritte ernsthafte Beschwörung aber habe er an diese Völker gerichtet, das.jüdische Volk nicht zu bedrücken. Man kann nicht bestreiten, daß die Juden ihre beiden Eide stets gehaltrn haben und ebensowenig läßt es sich wohl bestreiten, daß die Verfolgung Andersgläubiger noch keinem Staate viel Segen gebracht hat. Wir werden also in dem bevorstehenden Streite gut thun, uns auf die Seite der Wissenschaft und der Freiheit zu stellen. Den Standpunkt, welchen das Volk in dieser künstlich heraufbeschworenen und der größten Zahl sehr wenig verständlichen Frage muthmaßlich einnimmt, kennzeichnet am besten folgende humoristische Auseinandersetzung eines kleineren schweizerischen Blattes: „Wir bekommen richtig eine eidgenössische Abstimmung und zwar sollen wir Bürger darüber abstimmen, ob das Schächten der jüdischen Metzger eine Thierquälerei sei oder nicht, während Hundert und Tausende gar nicht einmal wissen, was denn eigentlich das Schächten ist. Ich habe es zwar noch nie gesehen, aber mein Großvater sei. hat einmal Einen gekannt, der von weitem zugeschaut hat, und da muß ich doch etwas mehr wissen, als Andere. Die Juden glauben nämlich, es sei Sünde, Blut zu genießen, und sie sind daher keine Liebhaber von Blutwürsten, aus welchem Grunde ich sehr froh bin, daß mein Vater kein Jude war. In der Bibel steht auch geschrieben im 3. Buch Moses, Kapitel 17, Vers 10: „Und welcher Mensch, er sei vom Hause Israel oder ein Fremdling unter euch, irgend Blut iffet, wider den will ich mein Antlitz setzen und will ihn mitten aus seinem Volke rotten." Das ist nun ganz deutlich gesprochen und wird es den Juden Niemand verargen, wenn sie das Gebot strenge halten, denn man wird nicht gerne ausgerottet. Beim Schlachten der Thiere befolgen sie nun eine Methode, bei welcher das Thier nicht sofort getödtet, sondern blos betäubt wird, (sie!) damit das Blut abfließt und kein Tropfen zurückbleibt. Einige Autoritäten behaupten nun, das sei Thierquälerci; andere dagegen glauben, das Schlachtopfer leide dabei keinerlei Schmerzen, und man dürfte das Schächten wohl erlauben und dulden. Es ist nun nur schade, daß man die Thiere nicht selbst befragen kann, daun wäre der Streit bald entschieden. Sie würden ober wahrscheinlich sagen: „Es kommt so ziemlich auf einerlei Bewegung heraus, ob ihr uns auf die eine oder die andere Methode schlachtet." Was wir nun am Abstimmungslage thun sollen, Ja oder Nein stimmen, d. h. den Juden helfen oder den Argauern und Bernern, welche die Israeliten auf den Strich haben? Nun, Lieblinge sind mir die Juden gerade auch nicht, weil mir einmal Einer um theueres Geld einen recht schlechten „Tichopen" verkauft hat, aber trotzdem möchte ich ihnen nicht in ihre Religion hincinpfuschen. Sie solle»! glaube», was sie gelehrt worden sind, und sollen's Blut bleiben lassen, wenn sie doch dasselbe nicht mögen. Ich helfe also ihnen; aber sie müssen dann versprechen, ihre Jungen folgendes Sprüchlein zu lehren : „Ueb' immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab, Und schneide keinen Finger breit vom Tuch für Christen ab." Die Aufwerfung einer Schächtsrage ist eigentlich einfach ein Rückschritt in das Mittelalter. Wie weit man es damit in kurzer Zeit bringen kann, zeigte ein Prozeß, welcher in Xanten am Niederrhein gegen den jüdischen Schächter Buschhoff stattfand, ein volles Gegenstück zu dem berüchtigten Solymosi-Handel in Ungarn, dessen Nachahmung in dem gebildeten Deutschland man noch vor »venigen Jahren als ein Ding der Unmöglichkeit bettachtet haben würde. So kann es uns auch gehen. Es gibt nichts Furchtbareres in der Welt, als die ansteckende Kraft von Borurtheilen und aufregenden Gerüchten. Haben dieselben einmal eine gewisse Fluthöhe erreicht, so sind sie momentan unaufhaltsam, und man muß dann auch hier „dem Waldwasser seinen Lauf lassen" hoffend, es werde um so bälder, wenn auch mit großer augenblicklicher Zerstörung, wieder ablaufen. An diesem Punkte befinden mir uns, und manche, die diesem Waldwasser gegen die Juden die Dämme geöffnet haben, werden sich nachher seiner schämen, wenn sie einmal seine Ausschreitungen vor Auen haben. Wir können den Judenhaß namemlich bei manchen angesehenen protestantischen Geistlichen in Deutschland und in der Schweiz nicht begreifen. Denn unsere gesammte religiöse und ein guter Theil unserer Bildung überhaupt, beruht doch historisch auf den geistigen Errungenschaften dieses kleinen Völkchens, das in der Festhaltung seiner Ueberzeugungen eine Ausdauer bewiesen hat, welche'ehrwürdig genannt zu werden verdient, obwvhl »vir glauben, daß seine Entwicklung eine in einem Augenblick unrichtige war. Sollten wir aber deshalb für die höchsten geistigen Güter, die es auch für uns erworben und in seinen höchst vollkommenen religiösen Schriften aufbewahrt hat, nicht dankbarer sein, oder wollen wir etwa statt dessen lieber auf die religiöse Barbarei unserer eigenen Voreltern angewiesen sein und uns des Wagnerffchen Wotan's getrösten? Ist es ob« nicht die Religion, sondern die materielle Streberei der Semiten, die ihre Gegner hassen und verfolgen, so haben wir einerseits daran eine erhebliche Mitschuld, indem »vir sie Jahrhunderte lang baroiif allein angewiesen haben, und andererseits dürfen wir das erst gegen sie allein geltend »nachen, »venu es eininal keine materialistisch gesinnten Streber mehr unter den Christen gibt. Vorläufig ist dieses Zeitübel aber ei» recht allgemein verbreitetes, das sich an keine Confession bindet. Für die Juden selbst ist diese Verfolgung nach unserer Ansicht ein Läuterungsproceß, der ihnen schon öfters, und nie zu ihrem Nachtheile, auserlegt ivorden ist, in welchem die ernsteren Elemente über die andern wieder die Oberhand gewinnen werden." Geschichte der Juden in Men Bon einer Bereinigung hochachtbarer Männer ist vor Kurzem die Anregung zur Herausgabe einer auf der Höhe der heutigen Wissenschaft stehenden künstlerisch reich ausgestatteten Geschichte der Stadt Wien ausgegangen. Jeder gute Wiener muß dieses Unternehmen mit Freude begrüßen und ihm den besten Erfolg wünschen. Und die Namen, die unter dem darauf bezüglichen Aufruf stehen, bieten die beste Garantie, für einen solchen Erfolg. Sie bürgen auch dafür, daß das von ihnen in's Leben zu rufende Geschichtswerk nicht in judenfeindlichem oder, wie man heute zu sagen beliebt, antisemitischem Geiste abgefaßt sein wird. Naturgemäß wird aber die Geschichte der Juden in Wien darin einen verhältnißmäßig geringen Raum einnehmen und besonders dürfte das innere Leben der Judengemeinde wenig Berücksichtigung finden. Was Wiener Juden auf dem Gebiete der Literatur und der Wissenschaft, der Humanität und Vaterlandsliebe geleistet haben, wird hoffentlich nicht verschwiegen werden, aber es wird nicht hervorgehoben werden, daß diese Wiener Juden waren. Ja, wir würden es sogar dem Zwecke des Werkes nicht entsprechend finden, wenn ein solches Hervorheben stattfände. Wir Juden aber sind leider in der Lage, daß eine vollkommen unparteiische Geschichtschreibung uns nicht genügen kann. Bon allen Seiten angegriffen und angeklagt, benöthiqen wir, bevor wir vor den Richterstuhl der Geschichte treten, gewissenhafter und geschickter Vertheidiger. Es bedarf daher auch einer in diesem Sinne abgefaßten Geschichte der Wiener Juden, in der was sie gelitten und geleistet ausführlich erzählt, in der nachgewiesen würde, wie sie stets unschädliche, oft nützliche Bewohner der Kaiserstadt waren. Die Geschichte der Juden in Rom ist von einem jüdischen Italiener und einem christlichen Franzosen, wenn auch in ungenügender Weise, geschrieben worden, und in Wien ist sogar vor einigen Jahren — bis jetzt ohne Erfolg — ein Preis auf eine Geschichte der Juden in — Rom ausgeschrieben worden. Liegt uns Rom näher als Wien? Die römische Judengemeinde ist wohl älter als die Wiener und hat vielleicht größere hebräische Gelehrte in ihrer Mitte gezählt, aber die Zahl der römischen Juden ist verschwindend klein gegen die der Wiener. Und gar so jung ist die hiesige Judengemeinde auch nicht. Wir brauchen uns nicht auf die fabulirenden Chronisten und unkritischen Geschichtschreiber vergangener Jahrhunderte zu berufen, welche von einem vor dreiunddreißig Jahrhunderten gegründetem Judenreich in Oesterreich, von jüdischen Herzogen, welche in dem „lustigen Stockerau" residirten und deren Grabsteine in Wien, Stockerau, Tulln und Enns zu sehen waren, erzählten. Wir brauchen nicht die jüdischen Fürsten Atham, Selim, Rabam*) u. s. w. zu nennen, welche vor drei Jahrtausenden das „verjudete Oesterreich" beherrschten, um der Wiener Judengemeinde ein refpectables Alter anzudichten. Aber, wenn wir auch nicht behaupten wollen, daß die ersten Juden mit den Römerheeren nach Deutschösterreich gekommen sind, so kann man doch mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß sie schon zur Zeit der ersten Babenberger da waren. So haben die Juden des Erzherzogthums, wenn auch nicht die Wiens, eine beinahe tausendjährige Geschichte, der es nicht an ergreifenden Wechselfällen fehlt. * '.Diese und andere Namen jüdisch-österreichischer Herrscher finden sich noch in Fuhrmanns Alt- und Neuösterreich und in Bormastino's 1715 in Wien gedruckter llelarione storica della cittä imperiale di Vienna.

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