Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 45 (4.11.1892)
- Date
- 1892-11-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 45 Orsterrichifchr Wochrnfchrift Seite si7 einem der hinter den Häusern gelegenen Gärten ein. Etwas unbeholfen setzt er über den Zaun und immer noch Gebete murmelnd, um gegen neuerliche Stürme der Gefühle gewappnet zu sein, schritt er zwischen einigen schlecht gepflegten Gemüse- und Blumenbeeten dem im Hintergründe derselben offen liegenden Hofe eines Geschäftshauses zu, in welchem Kisten und Fässer zerstreut umher lagen. Er befand sich auf dem gebeiligten Boden seiner Kindheit, den er seit fünf Jahren nickt betreten. Eine schlanke, zarte, fast noch kindliche Frauengcstalt trat ihm, ans einem Seitengebäude kommend, entgegen. Erschreckt vom Erscheinen eines fremden Mannes, wollte sie in's Haus zurücklaufen. „Anna" rief er. Sie wandte sich rasch um. „Salo, Du bist's!" schrie sie jauchzend und sprang auf ihn zu. Er machte einen Schritt zurück, um ihrer Umarmung auszuweichen. „Ist Onkel Lazar zu Hause?" fragte er mit niedergeschlagenen Augen. „Ich habe keinen Onkel mehr", sagte sie, von seiner Kälte eingcschüchtert, „aber Lazar ist. zu Hanse und wird sich sehr, sehr freuen, daß Du da bist". „Wie verstehe ich Dich, Anna?" „Das wird er Dir selbst sagen, da kommt er." Unter die Hansthür, die in den Hof führte, trat in diesem Augenblicke die hohe stattliche Gestalt des Hausherrn. Er hatte durch's offene Fenster die Stimme Anna's vernommen, und tvnnderte sich schier über den wildfremden Mann, der so mir nichts, dir nichts in den Garter gekommen war, wie hineingeschneit und trat mit strenger Miene hinaus, um zu sehen, wer der Eindringling sei. Aber da kam dieser selbst daher, gerade auf's Haus zugeschritten und jetzt erkannte er dm Fremden. Er lief dem Kommenden entgegen. „Scholem Eilechem, mein Bachor", rief er und zog ihn ohne weitere Umstände in seine Arme, und tvieder lvslassend und ihn bewundernd vom Scheitel bis zur Zehe betrachtend, sagte er mit tief ernstem Gesicht: Nun, was sagst Du dazu?" „Wozu denn, Onkel?" „Weißt Du's noch nicht, nun, so muß ich Dir's sagen, daß Anna mein Weib geworden, und ich sag's Dir auch nachher, wie es gekommen, in welcher traurigen Zeit sie es geworden ist." Damit traten die Beiden m's Hans. Anna war erröthet schon voraus gelaufen. In der guten Stube warf sich Onkel Lazar in einen Lehnstuhl; Salo ließ sich automatisch auf einen zweiten nieder. Sie waren allein, denn die junge Hausfrau waltete geschäftig in Küche und Keller, um für den lieben Gast Speise und Trank zu bereiten. * „Und jetzt, mein Salo," Hub Onkel Lazar an, „laß Dir erzählen, wie's gekommen, daß Anna mein Weib geworden ist. Dich hat's befremdet, das sah ich Dir an, als ich's Dir sagte. Dein Angesicht ist noch das alte geblieben, der Spiegel Deiner Gedanken und Gefühle. Verzeih' mir, wenn ich etwas langstielig werde, ich muß weit ausholen. damit Du meinen Schritt begreifst. Vor ungefähr achtzehn Jahren war ein großes Sterben in unserer Gemeinde. Es wurden viele Kinder verwaist, als reicher lediger Mann fühlte ich die Pflicht, wenigstens zwei dieser Unglücklichen zu mir zu nehmen. Die Wahl fiel auf Dich und Anna. Du warst sechs und Anna vier Jahre alt. Beide tvaret ihr Kinder armer, aber frommer Eltern. Anna's Vater war einer meiner Bediensteten in meinem Geschäfte und Dein Vater einer meiner Jugendfreunde. In eurer Erziehung und in der Liebe zn Euch vergaß ich ganz, daß ich allein in der Welt geblieben, daß ich älter wurde von Jahr zu Jahr. Meine schönsten Stunden waren die, wenn ich euch Beide so fröhlich beisammen sah. Ihr gewöhntet euch, mich Onkel zu nennen, obwohl ihr mir ganz fremd wäret und ich fühlte, wenn ihr mich so anriefet, dieselbe Wonne, wie ein Vater, wenn er von seinen Kindern angerufen wird. Ich dankte Gott im Stillen, daß er euch mir geschenkt, und willst Du wissen, Salo, was ich manchmal noch mehr dachte — nun, werde nur nicht roth, damit ist's ja vorbei, dann dacht ich mir, das würde einst ein hübsches Paar werden, Du und sie! Ich freute mich, daß ihr euch als Kinder so liebtet und sah' mit Wonne, daß diese Liebe, wenn auch unbewußt, in die süße höhere Liebe überging, daß Anna immer die Tage zählte, wenn Du zu den Feiertagen von der Jeschiwah, wohin ich Dich nach deiner Bar-Mizwah sandte, nach Hause kommen solltest, und wieder tagelang verstimmt war, bei Deiner Abreise, und als Du vor fünf Jahren das letztemal zu Hause wärest, sogar traurig war, weil Du es als Bachur nicht mehr schicklich fandest, sie zu küssen." In diesem Moment trat Anna ein; sie holte einen Schlüffel, der an der Wand hing, und zu Salo's Zimmer gehörte, in welchem der Bücherkasten stand und wie ein Heilig thum betrachtet wurde, das auch während der jahrelang»'» Fremde des jungen Mannes für ihn separirt blieb. Der Onkel hielt in seiner Erzählung inne, bis Anna wieder die Stube ver ließ. Dann fuhr er fort: „Mit Deinem vollendeten vierundzwanzigsten Lebensjahr, das diese Tage fällt, plante ich eure Verlobung. Da wurde ich vor einem halben Jahre krank, schwer krank, der Arzt gab jede Hoffnung auf eine Wiedergenesung ans; ich war aus den Tod gefaßt, nur eines ängstigte mich und wollte mich nicht ruhig sterben lassen, daß meine Anverwandten mein Testament, worin ich Euch als Erben einsetzte, ansechten könnten. Aus Anrathen des Rabbiners wurde mir aus dem Sterbebette Anna als Gattin angetraut, und in den Ehepacten meine Frau als Universa>rbin eingesetzt. Es war eine traurige Ceremonie! Aber Gott wollte, daß von dieser Stunde an eine Befferung in meinem Zustande eintrat und bei der sorgsamen Pflege, die mir Anna angedeihen ließ, machte meine Genesung rasche Fortschritte, so daß die, die ich Dir zngedacht, jetzt an mich gekettet ist." Salo hörte von der ganzen Geschichte nichts, als den Schluß, die Verbindung zweier so verschiedener Wesen, die er beide gleich liebte, deren Ruhe er nicht stören dürfe, wenn sie auch sein ganzes Lebensglück zerstört. Er wußte nicht, was er auf die Erzählung oes Onkels sagen sollte, er hätte auch nicht's sagen gekonnt, selbst wenn er's gewußt hätte, denn was er erfahren, lähmte seine Zunge. Das unheimliche Schweigen währte zum Glück nicht lange. Anna trat ein und deckte mit sorgsamer Hast den Tisch. „Ich werde nicht essen." sagte Salo, „ich bin müde und möchte gern zur Ruhe gehen." „Nun, ich will Dich nicht zwingen. Schlaf' Dich aus, mein Junge, nach so l .nger Fremde ist die erste Nacht in der Heimat eine Wohlthat. Deine Stube ist noch die alte wie früher, die wirst Du wohl noch wiedererkennen." Onkel Lazar nahm ein Licht und ging ihm voraus. Salo sah zu Anna hinüber und sagte ihr: „Gute Nacht!" In seinem Zimmer allein bemächtigten sich seiner alle Jugenderinnerungen und in jeder tauchte ihm das Bild Anna's hervor. Je mehr er es zu verscheuchen suchte, desto süßer lockte es ihn. Er verrichtete das Nachtgebet, konnte aber nicht die Andacht finden, zwischen ihm und Gott stand i h r Bild. Nach dem Gebete nahm er einen Folianten aus dem Bücherkasten, saß bis Mitternacht über, die Gemorah, ohne über eine Zeile hinwegzukommen, denn sie nahm all' sein Denken ein. Auch die mitternächtlichen Trauerlieder, die er sonst nur in Schmerz ausgelöst sang, waren heute nicht im Stande ihn zu rühren, ihr Bild verdrängte die Vorstellung der Leiden des Galnth. Ermattet stand ei von dem Boden aus und warf sich angekkeidet auf das Sofa hin. Er schlief ein, aber im Traum war er wieder bei Anna. So tvaren einige Tage vergangen. Mit der Ausrede, er sei unpäßlich, besuchte er nicht die Synagoge, selbst nicht an dem inzwischen gewesenen Sabbath, er empfing auch keine Besuche. Er brachte den ganzen Tag auf seinem Zimmer mit Beten und Lernen zu. Nur einige Mal war er mit dem Onkel und Anna bei .Tische zusammen, aber er aß fast gar nichts und sprach nur wenig In den paar Tagen seines Daheimseins war er noch bleicher geworden, als er schon bei seiner Ankunft war. Seine Stimmung theilte sich auch dem Onkel und Anna mit. Einmal war Salo den ganzen Tag nicht sichtbar. Anna war bewrgt um ihn. Sie war bis jetzt mit ihm noch nie allein und doch entschloß sie sich, auf sein Zimmer zu gehen und nachzusehen. Sie fand ihn auf dem Sofa hingestreckt, wie im Schlummer und wollte umkehren. „Fürchtest Du Dich vor mir, Anna?" „Ich dachte Dn wolltest schlafen" stotterte sie, „und will Dich nicht stören." „Närrin," sagte er trübe lächelnd, „die Nacht ist lang genug, wenn man nicht schläft!" Fast willenlos zog er sie zu dem Sofa. Ec fühlte, daß ihre Hand zitterte. „Ist Dir nicht wohl, Anna?" fragte er.