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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-04 · 45 (4.11.1892) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
45 (4.11.1892)
Date
1892-11-04
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seile 816 Orsterrichische Wochrnschrist 9ti. 45 Auszeichnung und ist um so bemerkensweither in einem Bezirke, wo schon seit Jahren einer der eifrigsten Antisemitenführer, Szalay, zum Reichsrathsabgeordneten gewählt wurde. Berlin, 23. October. Am 22. d M. beging Herr Commercienrath Salomon Lachmann seinen 70. Geburtstag, und in freudiger Antheilnahme wetteiferten weiteste Kreise in den Kundgebungen von Verehrung und Dankbarkeit für den verdienstvollen Jubilar, deffen Name weit über das Weichbild unserer Stadt hinaus einen guten Klang hat. Von früher Vormittags- bis in späte Nachmittagsstunde lösten einander die Deputationen wohlthätiger und gemeinnütziger Institutionen ab. Als erste erschien eine Abordnung des Vorstandes des Zoologischen Gartens, bestehend aus den Herren Major Dunk er, welcher tief ergriffen die Glückwünsche des Vorstandes, dem der Jubilar angehört, überbrachte. Geh. Hofrath Bo rck. Justizrath Dü'rcksen uud Direktor Heck. Daran reihte sich die Vertretung der Synagoge an der Potsdamerbrücke, als deren Sprecher die Herren Rabbiner Dr. Salomon Cohn und Jacob Bamberger in überaus herzlichen Ansprachen die Verdienste feierten, welche Herr Geheimrath Lachmann durch die Begründung und hochherzige, unermüdliche Förderung jenes Gotteshauses um die Erhaltung und Kräftigung jüdischen Lebens in Berlin sich erworben hat. Hierauf folgten Deputationen der Magine Reim (die Herren Mor. Mannheimer, Sanitätsrath Blumenthal, Hermann Landsberger, Beruh. Croner, Syndikus Dr. Minden, R. Demuth und Ruß), des jüdischen Studien-Beförderungs- Vereines (Dr. Kirstein und Sanitätsrath Blum enthal), der Zunz-Stistnng (Sanitätsr. Dr. Reumann und Dr. Felix Lieb ermann), des Berliner Comites für die russischen Juden (Sanitätsr. Dr. Neumann und Professor Dr. C. Bernstein), des Hilfs-Vereins für jüdische Stndirende (Geheimrath Dr. Abraham, Geheimr. Dr. Cron >r und Dr. Felix Liebermann) :c. rc. Neben diesen officiellen Vertretungen, deren Sprecher Worte aufrichtiger Dankbarkeit an den edlen Wohlthäter richteten, erschien Alles, was Berlin an jüdischen Notabilitäten zählt, um dem allverehrten Greise ihre Glückwünsche darzubringen. So bemerkten wir Herrn Rabbiner Dr. Hildesheimer, die Vorsteher der jüdischen Gemeinde Herren Justizrath Meyer und Julius Jacobi, Direktor Dr. Sreliitz, Rabbiner Dr. Rosenzweig. Der Gefeierte hat den Jubeltag, deffen festliche Begehung er mit der ihn auszeichnenden anspruchslosen Bescheidenheit abgelehnt hatte, durch Werke großherziger Wohlthätigkeit verewigt, indem er folgende Anstalten und Vereine mit Stiftungen und Spenden in Höhe von über 100.000 Mark bedachte; die Alter-Bersorgungs-Anstalt, das Krankenhaus und die Armen-Commission der jüdischen Gemeinde? die Armen-Commission der Stadt Berlin, das Anerbach'sche Waisenhaus, Magine Reim, den Frauen-Verein von 1833 (durch Verstärkung der Götz-Sara Calmus-Stistung). das Rabbiner- Seminar firr das orth. Judenthum, den Brüder-Verein, das Asyl für Obdachlose, die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, die Zunz-Stiftung, die Albert Guttmann-Stiftung, den jüdischen Studien-Beförderungs-Verein, den Hachnassath- Kallah-Berein, den Zoologischen Garten (zur Gründung eines Pensionsfondes für die Beamten). Aus dem Grotzherzogthum Hessen, 21. October. Der Antisemitismus scheint in der Provinz Starkenburg doch allmählig auf Widerstand zu stoßen. So sollte in Lemgee eine Antisemitenversammlung stattfinden. Ein Saal war mit großer Mühe zur Verfügung gestellt, aber es fehlte, trotzdem das Städtchen 5000 Einwohner zählt, an Zuhörern, weshalb der Antisemiten-Apostel R e u t h e r, ohne ein Wort zu reden, abziehen mußte. Bei der landwirthschaftlichen Ausstellung in Reinbach erhob sich während der Mahlzeit ein Herr, um einen etwas nach Antiseniitismus riechenden Toast auszubringen. Sofort erklärten zwei Landwirthe in ihrem Triukspruch, daß in landwirthschaftlichen Vereinen die Religion nicht in Betracht komme, und daß man gegen das Hereintragen von Antisemitismus in die Vereine Verwahrung einlegen müsse. Der lebhafte Beifall, der diesen beiden Rednern gezollt wurde, bewies, daß die große Mehrzahl der Anwesenden denselben Grundsätzeir huldigt. Alsheim (Kreis Worms), 20. October. Hier wurde Herr Isidor David zum Gemeinderath gewählt, dessen Name auf beiden Wahlzetteln figurirte. Auch in dem benachbarten Gimbsheim wurde ein Glaubensgenosse in den Gemeinderath gewählt. Dresden, 16. October. Wegen Wechselfälschung in 34 Fällen hatte sich der unlängst verhaftete ehemalige Vorsitzende des antisemitischen deutschen Reformvereins für Görbitz und Umgegend, der Gärtnereibesitzer Clauß aus Wölfnitz bei Gorbitz, vor dem hiesigen Landgerichte zu verantworten. Clauß, der stark verschuldet war, hatte Wechsel in Höhe von etwa 19.000 Mk. gefälscht. Das Gericht erkannte gegen ihn auf 3 Jahre 6 Monate Gefängniß und 4 Jahre Ehrverlust. Die Verurtheilung erregt um so mehr Aufsehen, als Clauß einer der treuesten Schildknappen des Reichstagsabgevrdneten Zimmermann war und bei seinen Ausfällen gegen die „moralische Verderbtheit" des Judenthums den Mund ganz besonders voll zu nehmen pflegte. (So enden sie alle!) Halle. Die Antisemiten unter sich. Aus Halle a. d. S. lvird uns geschrieben: Der Antisemiten-Häuptling, Buchdruckereibesitzer Schröder, hat zwei seiner Parteigenossen gerichtlich belangen lassen. Dieselben hatten das Gerücht verbreitet, Schröder sei aus dem antisemitischen Verein ausgeschlossen worden, weil er Gelder des antisemitischen Bereins unterschlagen habe. Die Verhandlung vor dem Schöffengericht ergab aber, daß der ehrenrührige Vorgang unbegründet sei und endete mit der Verurtheilung der Beklagten zu 300 resp. 100 M. Geldstrafe. Aus der Verhandlung ging aber hervor, daß die Ausschließung des Klägers Schröder erfolgt ist, weil derselbe in Localen zweiten und dritten Ranges verkehrt hat, in denen ein Antisemit nicht verkehren durfte. (!!) London. Oberrabbiner Dr. Adler wurde officiell zur Theiluahme an dem Leichenbegängnisse des Dichters Tennyson eingeladen, mußte dieselbe aber als Cohen ablehnen. Er beauftragte jedoch Rev. S. Singer mit seiner Vertretung, welcher deui Verstorbenen das letzte Geleite gab. Petersburg. Der bekannte Großindustrielle Z.J. Brodsky weilt gegenwärtig in Paris. Sein Aufenthalt daselbst bezweckt Unterhandlungen behufs Abschlusses eines Handelsvertrages zwischen Frankreich und Rußland. — Der verstorbene Gouverneur von Petersburg, General Greßer, erließ an alle Juden den Auftrag, den vollen Bor- und Zunamen über ihren Gewölben und Waarenlagern ersichtlich zu machen. Sein Nachfolger, General Wahl, beabsichtigt diese Verfügung zu widerrufen. — Der Unterrichtsminister hat fremden Juden, derer Söhne höhere Schulen besuchen, den Aufenthalt in Rußland verboten. Bisher war solchen Juden während der Studienzeit ihren Söhnen der Aufenthalt in Rußland gestattet, selbst wenn die Schule außerhalb des sogenannten Judengebietes sich befand. Odessa. Bei dem Festmahl welches zur Feier des einjährigen'Bestandes der Ackerbaucolonien für jüdische Kinder gegeben wurde, bemerkte der Director der kais. Domänen in Cherson und Beßarabien in Beantwortung eines auf ihm ausgebrachten Toastes, daß er als einer der Begleiter des Domänenministers Ostrowski gelegentlich des Besuches der jüdischen Ackerbaucolonien die Mittheilung machen könne, daß das Ergebniß dieses Besuches für die Juden sich günstig gestalten werde. Feuilleton. Asretik und Liebe. Von der Eisenbahnstation G . . . nach dem eine Viertelstunde davon entfernt gelegenen Städtchen desselben Namens führt außer der Fahrstraße ein Fußpfad durch ein Wäldchen. Aus diesem Wege schritt gegen Abend ein mit dem letzten Zug angekommener junger Mann einsam dahin. Er trug einen schwarzen Anzug mit Cylinder und in der Hand eine volle Reisetasche. Die durch die Bäume glitzernden schrägen Sonnenstrahlen beleuchteten ein schönes, blasses Gesicht, das von Ascetik zeugte. Einmal blieb er auf seinem Wege eine Weile stehen, wendete sein Angesicht nach Osten und verrichtete das Abendgebet, dann ging er wieder schneller, Psalmen singend, deren Worte sich in dem schwarzen Flaume, der Wangen und Kinn bedeckte, verloren. Am Saume des Wäldchens angelangt und die Häuser vor sich erblickend schien er von Rührung übermannt worden zu fein, denn er lehnte sich an einen Baum, seine Brust wogte, über sein ernstes Antlitz flog ein wonniges Lächeln und helle Tropfen fielen aus den halbverschleierten Augen über die hohlen Wangen. Aber als ob er sich mit dieser menschlichen Empfindung bei einer Sünde ertappt hätte, begann er wieder von Neuem Gebete zu lispeln und bog dabei schnell einen weniger betretenen Pfad zu

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