Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 45 (4.11.1892)
- Date
- 1892-11-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 45 Oesterreichifchr Wochenschrift 3eit: 811 er huldigte auf religiösem Gebiete einem gemäßigten Fortschritte. Seine Pflichttreue und Characterfestigkeit blieben ihm bis zum letzten Athemzug. Zweimal wurden von Sr. Majestät dem verstorbenen König sein Wirken und seine Verdienste durch hohe Orden gewürdigt. Er kannte die Familien des ganzen Landes und stand jedem mit Rath und That bei. Noch sprachen und legten Kränze nieder, Rabbiner Herz von Göppingen namens der Rabbiner des Landes, Priv. Goldschmidt. Borstand der Wilhelmspflege Eßlingen, namens dieser, Fabrikant Eßlinger hier namens der hiesigen israelitischen Wohlthätigkeitsvereine, Lehrer Stern namens der israelitischen Lehrer des Landes. Die sehr umfangreiche Feier schloß mit dem vom Chor gesungenen und einem Posaunendoppelquartett der Prem'schen Capelle begleiteten Choräle „Seele, was betrübst du dich!" Pose». 27. October. Dr. Papilsky von hier, eine mit den russisch-jüdischen Verhältnissen genau vertraute Persönlichkeit, conserirte mit Baron Hirsch auf seinem Schloß Eichhorn bei Brünn in Betreff der jüdischen Colonisation in Argentinien. Baron Hirsch entwickelte seinen neuesten Plan, nach welchem zunächst nur russisch-jüdische Landwirthe in Gruppen von je fünfzig Mann, unter Führung von durch Baron Hirsch erwählten Delegirten, nach Argentinien befördert werden sollen. Die allgemeine Leitung der Colonisation in Argentinien verbleibt bei dem Obersten Goldschmidt aus London. Sollte das Colonisationswerk in Argentinien in größerem Maße sehlschlagen, dann will Baron Hirsch dasselbe nach Nordamerika verpflanzen. Berlin. Die Antisemiten versenden gegenwärtig zusammen mit einigen Flugblättern folgendes Circular: „Berlin, 23. October 1892. Liebe Gesinnungsfreunde! Die Unterzeichnete Geschäftsstelle übersendet anliegend die angekündigten 3 Flugblätter, das „Rüstzeug des Deutschen im Kampfe gegen Juda", mit der dringenden Bitte, umgehend die Bestellungen darauf zu machen, ehe es Judas Macht gelingt, aus irgend welchen Gründen die Blätter zu unterdrücken! — Unser muthiger wackerer Kämpfer, Rector Ahlwardt, ist aus der Eroberung (!) seines (!) Reichstagswahlkreises Friedeberg - Arnswalde, wo er bisher die großartigsten Erfolge hatte, jäh herausgerissen worden und hat unerwartet schnell seine Strafabbüßung antreten müssen. Genossen! Richtet alle von Bereinswegen ein Gnadengesuch an Se. Majestät den Kaiser, wir in Berlin haben es bereits gethan! Aber umgehend! — H eil! Pohl Neuenburgerstraße 20 I. Bukarest. (Zur Judenverfolgung in Rumänien.) Der rumänische Ministerpräsident hat laut Mittheilung eines Bukarester Blattes die beschwerdeführenden Juden, welche trotz -es Umstandes, daß sie dem Verbände der rumänischen Armee angehören, von ihren Dörfern als „Fremde" verjagt wurden, barsch zurückgewiesen und ihnen erklärt, „es bleibe dabei". Die Petenten haben in Folge dessen der Regierung im Wege des' Gerichtsvollziehers eine Sommation des Inhalts zugehen lassen, ihre ungesetzliche Austreibung aus ihre» Wohnorten zu sistiren und sich überdies entschlossen, den Proceßweg zu betreten, damit die Landesjustiz über die Acte der Regierung ihr Votum abgebe. Gleichzeitig wurde an König Carol ein Telegramm abgesendet, in welchem der oberste Kriegsherr gebeten wird, die Soldaten mosaischer Confession gegen gesetzwidrige Vorgehen der Behörden zu schützen. Paris. (Drumond's Nöthen.) Man schreibt uns aus Paris; Man fährt fort, gegen die antisemitische Beutelschneiderei nnd Ehrabschneiderei die besten Mittel der Abwehr zu gebrauchen. Der Director des Antisemitischen Blattes, Herr Drumont, hat noch die 100.000 Francs Kosten und Jnsertionsgebühren aus dem Processe Burdeau zu bezahlen, sobald der Caffationshof das Urtheil bestätigt haben wird, was unzweifelhaft ist. Schon macht ihm der Großrabbiner von Besoul, den die „Libre Parole“ beschuldigte, daß er anläßlich der Manöver zwei Soldaten, die bei ihm hätten einqnartirt werden sollen, nicht aufnahm, einen ähnlichen Diffamationsproceß. Er verlangte 20.000 Frcs. Schadenersatz und auf Kosten des Beklagten die Veröffentlichung des Urtheils in 32 Zeitungen. Drumont ist seiner Verurtheilung so sicher, daß er bereits katzenjämmerlich für mildernde Umstände zu seinen Gunsten plaidirt und das israelitische Central-Consistorium in Paris, dessen Präsident Baron Rothschild ist, beschuldigt, den Großrabbiner von Besoul gegen ihn aufgehetzt und ihm die Diffamationsklage anbefohlen zu haben. Der Bischof von Digne hat die antisemitischen Zeitungen „L’Antorite“ nnd .Libre Parole“ „als die gefährlichsten Feinde der Kirche" verboten. Dieses Verbot, das die päpstliche Bestätigung erhalten, wird von dem „Moniteur de Rome“, dem officiellen Organe Leo XIII.. mit den Worten begründet: „Hier ist ein Act der Energie, welcher wir unfern Beifall zollen, besonders, was die „Autorite“ und „Libre Parole“ betrifft, deren Einfluß höchst beklagenswerth und verderblich ist." — Paulde Cassagnac und Drumont baben diese derbe Lection ruhig hingenommen. Alexandrien. Sieben Jahre werden im kommenden Winter verflossen sein, seitdem die Hauptstadt des Sudans, Chartum am Nile, in die Hände des Mahdi gefallen ist, und noch immer befinden sich einige Juden, die damals bei der Erroberung dieser Stadt in die Gewalt des genannten neuen mohamedanischen Religionsstifters gerathen sind, in dessen Gefangenschaft und hoffen vergeblich aus ihre Befreiung. Unter diesen gefangenen Juden, ist auch ein Oesterreicher, Namens Neufeld, der schon oft die Vermittlung des hiefigen, österreichischungarischen General-Consuls behufs Erlangung seiner Freiheit angerufen hat, leider aber bisher vergebens, da der Mahdi (jetzt Khalif Abdallahi) sich wenig um die Gesuche und Ermahnungen der europäischen Mächte kümmert. Unter dem Schutze Oesterreichs hat sich soeben in Port- Said am Suezkanale eine deutsch-italienische jüdische Gemeinde constituirt, die nun baldigst auch an die Errichtung eines Gotteshauses daselbst gehen wird. Baltimore, im October. Der in deutschen und jüdischen Kreisen New-Iork's wohlbekannte M. Ellinger hat eine Einsendung an die „Staatszeitung" gerichtet, in welcher er seine Glaubensgenoffen davor warnt, Judenthum und Politik zu verquicken. New-Aork habe ein bedeutendes jüdisches Votum, und die Versuchung liege für kleinliche Politiker nahe, mit demselben Schacher zu treiben. Aber die große Mehrheit der Juden sei doch zu verständig, um aus diesen Leim zu gehen; fie hätten meist selbstständige, politische Anfichten und Ueberzeugungen und folgten keiner politischen Fahne, weil etwa ein Glaubensgenosse der Träger derselben. Alle Diejenigen, welche vorgeben, das jüdische Votum in der Tasche zu haben, seien eitel Schwindler und Betrüger, welche mit den heiligsten Interessen der Bürger jüdischen Glaubens Schacher treiben. Herr Ellinger verweist dann darauf, daß derartige Speculationen in der Vergangenheit meistens fehl schlugen, wie fie fehlzuschlagen verdienten, und er schließt mit den eindringlichen Worten: „Ich möchte meinen Glaubensgenossen zurusen: „Hüten wir uns, im öffentlichen Leben etwas Anderes sein zu wollen, als amerikanische Bürger; seien wir Juden in unserem Familienleben, in unseren Synagogen und Tempeln, aber lassen wir in unserer bürgerlichen und politischen Thätigkeit den Juden aus dem Spiele. Seien wir Demokraten oder Republikaner, und vor Allem erlauben wir den politischen „Smartmeyers" nicht, den Juden in uns zum Aushängeschild oder Köder zu benützen." — Die „Stsztg." commentirt diese Einsendung editoriell. Sie warnt die Juden vor der Gefahr, durch eine Sonderorganisation das Antisemitenthum herauszusordern, welches in letzterer Zeit durch den massenhaften Zuzug russischer Juden besonders groß sei. Es sei jetzt doppelte Pflicht der intelligenten Juden in ihrer politischen Thätigkeit den Juden nicht berauszukehren. Dieses werde auch von einer ganzen Anzahl musterhaft verstanden; denn eine erhebliche Anzahl von Juden spiele in der Politik eine bedeutende Rolle, doch wenn man der Sache aus den Grund gehe, so seien Dieses meist Solche, welche sich sorgfältig hüteten, dort als Juden aufzutreten und ihre Stammesgenoffen in der Politik für sich auszunützen. Chicago. Herr Philipp Stein wurde zum Richter beim Obersten Gerichtshof ernannt. — Die Ernennung des Rabbi Hirsch zum Professor für Talmud an der hiesigen Universität hat großes Aussehen erregt. Es ist dies auch ein bemerkenswerther Fall, umsomehr yervorhebenswerth, als europäische Universitäten sich scheuen, jüdische Professoren anzustellen in den Gegenständen, die das theologische Fach auch nur streifen. Die Universität in Chicago hat mit dieser Ernennung einen Act der Dankbarkeit gegen die Juden daselbst erfüllt, welche sich mit der größten Aufopferung an der Errichtung der Universität betheiligten. Der neu ernannte Professor soll jede Bezahlung für seine Lehrthätigkeit ausgeschlagen haben. Buenos-Ayres. Oberst Goldsmid hat die jüdischen Colonien in Entre-Rios inspicirt. Herr Wollmann, der große