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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-04 · 45 (4.11.1892) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
45 (4.11.1892)
Date
1892-11-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 45 Orstrrreichisrhe Wochenschrift Seite 809 arbeitet und gelitten hat im Kampfe für unser vielgeliebtes Volk, für die Ideale der academischen Jugend — nein, keine gemeinsame Dankesbezeugung erhält er in Folge dieser Uneinigkeit von uns, so daß er fast, obwohl mit Unrecht glauben könnte, von uns verlassen zu sein. Es ist ein böses Zeichen, wenn sich politische Persönlichkeiten in unsere Kreise drängen — wie dies seit zwei Jahren geschieht — die sich früher in dem Rahmen der naitonalen Studentenschaft nicht zeigen durften, wenn sie nicht allgemeines Mißbehagen und allgemeine Mißstimmung Hervorrufen wollten. Glauben Sie, daß Diejenigen, die von sich I sagen, daß sie in nationalen Fragen schlau und klug sind (Ge- I lächter und Rufe: Ja, ja, Steinwender!), nicht auch dann schlau ' und klug sind, wenn sie zu uns kommen? Ich warne Sie ■ meine Herren! Solche Leute haben immer ihre Netze mit und i warten nur auf den günstigen Augenblick und auf die Gelegenheit, sie zusammenzuziehen und die academische Jugend, die sich dem politischen Getriebe ferne hielt, uns ahnungslose Siebenschläfer am nationalen Boden vor die Alternative zu stellen, entweder mit ihnen mitzuthun oder bloßgestellt zu werden." — Man sieht Herr Schönerer und seine allerengsten Cumpane stehen noch immer auf dem Standpunkte, daß das Deutschthum ihrer Partei stets mehr destillirt und concentrirt werden muß, mag auch die zurückbleibende Essenz immer geringer an Quantität werden, bis eines Tages vor lauter Destillation die ganze Schö nerer-Partei sich in die Luft verflüchtigt hat. Lomnitz, den 27. Oktober 1892. (E i n bedenkliches Z u g e st ä n d n i ß.) In der Sitzung des Wiener Gemeinderathes vom 18. d. erklärte Herr Dr. Friedjung, „daß er dem deutschen Volke zu großem Dank verpflichtet sei, dem er sein Bestes, seine Bildung u. s. w. schulde." Diese öffentliche Danksagung involvirt das Zugeständniß, daß er, der Nachkomme von Propheten und Psalmendichtern, ohne die Großmuth des deutschen Volkes, das einen Brosamen seiner ureigenen Bildung ihm! zugeworfen, baar allen Wissens wäre. Hätte Herr Dr. Fried-! jung lediglich als Wiener Gemeinderath so gesprochen, wäre j mir sicherlich der Versuch nicht in den Sinn gekommen, ihn j von seiner Dankesschuld freizusprechen. Allein er sprach als ' Jude, als Sohn eines Volkes, das schon vor vier Jahrtausenden im Besitze von geschriebenen Gesetzen war. Denn er replicirte auf die Rede eines „Bruders in Christo", der, weil der den Herrgott um fünf Kupferlinge verkaufen ließ, sich für berechtigt hält, Zugehörigkeit zum christlichen Germanenthum Aller abzusprechen, die in irgend einem Grade mit dem leiblichen Bruder Christi verwandt sind, der Christum um zwanzig Silberlinge verkauft hat. Da auch ich ein Genosse jenes Volkes bin, das in allen Sprachen literarische Denkmäler seiner Mitarbeiterschaft an der Cultur aller Zeiten und Länder zurückgelassen, fühle ich mich zu der Erklärung gedrungen, daß die Auslassung des Herrn Dr. Friedjung sehr bedenklich. Wem verdankt denn diese deutsche Mundart ihre Bedeutung? Wodurch ward sie zum gemeinsamen Verkehrsmittel aller deutschen Stämme? Durch Luthers Bibelübersetzung! Steht es aber fest, daß darin der Grund ihrer Verallgemeinerung zu suchen ist, so hat das Material dazu das Volk geliefert, dessen Nationaleigenthum die Bibel ist. Ebenso kann uns unser Antheil an ihrem weiteren Ausbau und ihrer Veredlung nicht streitig gemacht werden. Die Zahl jüdischer Mitarbeiter an der deutschen Literatur von Luther bis auf die Gegenwart ist wahrlich nicht gering. Mag immerhin die christlich-sociale Partei, deren Anführer mit deutscher Treue an Gesinnungswechsel festhält, die Journalistik als Judenpreffe verunglimpfen, ihren Einfluß auf die Verallgemeinerung der hochdeutschen Sprache wird kein Unbefangener unterschätzen. Daß die einzelnen germanischen Völkerschaften nicht gleich den flavischen Stämmen einer gemeinsamen Sprache zu gegenseitiger Verständigung entbehren, ist ein unbestreitbares Verdienst der Presse. Unbegreiflich ist es mir, daß Herr Dr. Friedjung unsere Verdienste um das Deutschthum so ganz todtschwieg. Die bestgehaßten Semiten sind es die der deuffchen Sprache eine Verbreitung über den Erdball gegeben. Wohin auch der flüchtige Fuß Judas fich gewendet, dorthin verpflanzte er auch die Sprache des großen Kirchenreformators. Wohin auch ein Sohn der trotz meineidiger Priester auf ihre Treue stolzen Germania kommen mag, in den „Hütten Sems" kann er überall Heimathsklänge vernehmen. Leben dort auch Dativ und Accusativ auf beständigem Kriegsftlße, immerhin sind es süße Laute der Muttersprache, die in entlegenster Fremde sein Ohr berühren. Und dafür sollen wir die Dankschuldigen sein?!- Dr. Simon Wolffsohn, Rabbiner. Czernowitz. (Antisemitisches aus Schulkreisen). Schon seit etwa 12 Jahren besteht hier ein Verein, der „Verein oer Lehrer und Lehrerinnen in Czernowitz". Diesem gehören auch sämmtliche Lehrer der hierortigen deutsch-israelitischen Volksschule, wie auch die an den communalen Volksschulen wirkenden Lehrpersonen jüdischer Confession als Mitglieder an, und lvill es der Zufall, daß drei dieser Confession angehörenden Lehrer im Verelns-Ausschusse Sitz haben. Es sollte nun eine Vollversammlung dieses Vereines "stattfinden nnd da verständigte hievon der Vereinsobmann auch den provisorischen Schulleiter Herrn Nikolaus Tarasiewicz. Dieser las die Unterschriften am Circulare durch und da er auf demselben auch mehrere Unterschriften der israelitischen Lehrer fand, meinte er, hier sind ja eine Menge Juden unterschrieben, in einem „Jud e n v e re in" thue ich nicht mit; der Vereinsobmann, sagte er, sei ein Judenknecht. In der nun staltgehabten Vereinsversan.mlnng bestätigte der Vereinsobmann, übrr Interpellation, diese liaurige Thatsache, worauf dann ein Mitglied der Versammlung für den Ausschluß des Schulleiters Tarasiewicz aus dem Vereinsverband plaidirte, und wofern diesem Anträge nicht entsprochen werden sollte, sämmtliche der jüdischen Confession angehörigen Lehrpersonen aus dem Verein austreten tverden, da diese nicht gewillt sind, einem Vereine anzugehören, der solche Männer wie Schulleiter Tarasiewicz in seiner Mitte hat. Der Obmann gab nunmehr der Versammlung bekannt, daß Schulleiter Tarasiewicz kein Mitglied des Vereines mehr sei, da er schon früher seinen Austritt aus demselben angemeldet hat. Die Versammlung nahm dies mit Vergnügen zur Kenntniß und drückte ihre Mißbilligung über diesen Lehrer aus. In. der am 25. October ftattgefundenen Gemeinderathsitzung interpellirte Gemeinderathsmitglied, Herr Dr. Straucher den Bürgermeister und drückte sein Bedauern darüber aus, daß die Commune Czernowitz einen Lehrer mit solchen Gesinnungen zum Schulleiter bestellt hat. Ter Bürgermeister versprach gegen den Schulleiter eine strenge Untersuchung einzuleiten. Prag (Der verlorene Haufe.) Die Prager „Bohemia" widmete der Antisemiterei eine Betrachtung, welcher wir folgendes entnehmen: Der (antisemitische) Desperado von heute ist ehemals ein sehr netter Mensch gewesen. Sogar ein vortrefflicher Mensch, wenn Sie wollen. Dem Deuffchthum — wohlgemerkt: dem fteisinnigen, fortschrittlichen Deutschthum war er mit Leib und Seel' ergeben. Seine Ideale - hießen Schiller und Lesfing und seine Busenfreunde hießen merkwürdigerweise — Kohn und j Jeiteles. Merkwürdigerweise sagen wir, denn heute genügt der | Anblick einer Firmatafel mit ähnlichem Namen, sein Blut in Wallung zu versetzen, seine klugen hervorquellen zu laffen. Damals aber hatte er sogar eine Schwäche für die Juden. Jahrelang saß er mit ihnen allabendlich in dickster Freundschaft j beisammen; bei „Landesvater" nnd Bruderkuß fiel's ihm gar i nicht ein, zwischen Genossen jüdischer und „arischer" Herknnft | zu unterscheiden. Orest kann seinen Pylades, Castor seinen Pollux nicht inniger geliebt haben als er seinen Jeiteles. Wenn der Eine von Beiden kein Geld hatte, lieh er sich's vom Anderen aus, und gewöhnlich war im Sinne eines bekannten Scherzwortes — Jeiteles der Andere. Und auch dies gehört mit zum Typischen der Erscheinung, daß der Desperado von heute schon damals eine lebhafte Steigung für eine politische Laufbahn zeigte und daß seine Ansprüche in dieser Hinsicht fich auf starke Anlagen gründen konnten, namentlich auf ein ansehnliches Talent für's Agitatorische. Diesem und Jenem im „Haufen der Verlorenen" blicken wir heute mit einem aufrichtigen Bedauern nach, das nicht - allein ihm gilt, sondern auch der Sache, welcher er ohne be-! sondere Opfer und Mnste als sehr werthvolle Kraft hätte ' erhalten werden können. Es ist ziemlich lang her, aber wir erinnern uns noch recht gut eines Gesprächs mit einem ausge- ' zeichneten Parteigenoffen. Vom nothwendigen Nachschub war die j Rede, und unser geehrter Freund sagte lächelnd: „Das war immer so. Immer wurde geklagt, es sei kein Nachwuchs in Sicht, ' und wenn man ihn brauchte, war er doch immer da. Der Nachwuchs wächst von selbst!" Bei Gott, er wächst! Ob es aber ' wirklich gut war, ihn so wild wachsen zu laffen, wie er zu : ansehnlichem Theil bereits gewachsen ist — das ist die Frage! Protzenthum — Protectionswirthschaft — Cliquewesen — diese

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