Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 45 (4.11.1892)
- Date
- 1892-11-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 808 _ Orsterreichische WorlMschrist Nr. 45 kommenen Juden. Der Friedhof, wie gesagt, mitten im Park, macht einen fremdartigen, fast wehmüthigen Eindruck. Ich kenne nur Aehnliches etwas in Paris,'wo inmitten des berühmten Pere Lachalse, durch eine Hecke dem Unkundigen versteckt, um eine kleine Moschee ein türkischer Friedhof mit dem nach Mekka orientirten Gräbern liegt, auf dem unter Andern die Königin von Qude Indien) und ihr Sohn schlummern. Außerdem war Dyhernfurth lange der geistige Mittelpunkt der schlesischen Juden. Unter den hiesigen Rabbinern und Lehrern waren viele weltberühmte jüdische Gelehrte. Auch existirte am Orte eine große hebräische Druckerei, deren Drucke noch heute geschätzt werden; es spielte in dieser Beziehung eine ähnliche Rolle wie in Süddeutschland Schwabach. In der Synagoge find noch eine ganze Zahl alter Druckplatten aufbewahrt. Wie«, 31. October. (Studenten-Krankenverein.) Durch Zufall gelangt der eben erschienene 31. Jahresbericht des Vereines zur Pflege kranker Studierender in Wien in unsere Hände und erregt unsere besondere Aufmerksamkeit. Mit Interesse blättern wir in demselben, da wir uns des langen Bestandes dieses überaus nützlichen Vereines und' seines Gedeihens in früheren Jahren freuten. Anders das Bild, das in diesen! Jahre vor uns entrollt wird. In den ersten Zeilen schon liest man Worte wie „Mißton, Vorwurf, Vorspiegeln" rc. Das veranlaßt uns zu genauerem Studium. Da sehen wir, daß die Einleitung einen polemischen Ton ganz merkwürdiger Art anschlägt, wie es scheint, wegen nicht ganz günstigen Standes der Finanzen. Der vorjährige Caffabericht wird da ganz unbarmherzig kritisirt. Oder soll diese Kritik die frühere Bereinsleitung treffen? Mangelt etwa dieHarmonie in der Verwaltung? Eben dämm interessirt uns die Vereinsleitung pro 1891/92. Dieselbe besteht aus 8 Professoren und 24 Studenten als Comite-Mitgliedern. Unter den Ersteren finden wir den antisemitischen Prof. Schlesinger. Wir finden da zufällig, daß das Studenten-Comite, d. i. das der Functionäre judenrein ist. Da die von den resp. Facultäten gewählten Ausschußmitglieder (Juristen und Mediciner) ausschließlich Juden sind, so besteht das Comite blos aus Philosophen, Technikern, einem Pharmacent und einem evang. Theologen. Man denke sich einen Studenten-Krankenverein, der keinen einzigen Mediciner als Functionär im Ausschuß duldet. Ja, noch mehr, im Spitals-Curatorium sitzen Philosophen, Juristen, und Techniker, aber beileibe keine Mediciner! Warum? Nun, weil im Ausschuß wohl einige Mediciner sind, die aber Juden sind. Dagegen sind die Juden zahlreich vertreten als Stifter, Gründer, unterstützende Mitglieder und besonders als unentgeltlich wirkende Bereinsärzte. Sollte wirklich die Heilslehre von Zwettl auch auf dem neutralen Gebiete der Krankenpflege schon Wurzel gefaßt haben? Was würde da der Gründer des Vereines, der geniale Oppolzer sagen, der nie einen Unterschied der Nation oder Confession gemacht hat! Oder hat der damalige Vereins - Vorstand die Ansichten seines Herrn Lehrers ganz vergessen und huldigt modernen Theorien? Armer kranker Studenten-Kranken-Verein! Wie«. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Mein Weg führte mich jüngst durch die Teinfaltstraße, wo sich jene antisemitische Buchhandluiw befindet, die sich nicht nur mit dem Vertriebe literarischer Producte befaßt, sondern die auch — wie dies die letzte Reichsrathswahl bewies — als Agitationslokale für durchgefallene Reichsrathskandidaten benützt wird. Ich mochte aber meinen Augen kaum trauen, als ich im Schaufenster über den das Judenthum schmähenden Schriften und Carricaturen auch eine Abonnements-Einladung zu den classischen Volksconcerten des Herrn — —Duesberg bemerkte. Die Concerte Duesberg's waren im Vorjahre von einem starcken Percentsatze jüdischen Publikums besucht aber man kann doch denselben nicht zumuthen, sich die Billets hiefür in diesem, vom Antisemitismus verseuchten Buchladen zu kaufen! Wie, wenn irgend ein ahnungsloser Musikliebhaber just am Wahltage, wo ein Hin- und Hergehen antisemitischer Agitatoren stattfand, in dieser Buchhandlung mitten in diese Menfeindliche Hetzerbande hineingerathen wäre und ein solches Abonnement für die Concerte verlangt hätte. Einen solchen jüdischen Abonnenten hätte ein höchst unangenehmer Willkomm erwartet! Sollte Herrn Du es b erg wirklich die judenfeindliche Gesinnung der beiden Chefs dieser Buchhandlung bekannt gewesen sein? Wien. (Ein antisemitischer Omnibusconducteur.) Manche Conducteure des Stellfuhrinhabers W. in Grinzing variiren einen bekannten Satz in nachstehender Weise: „Wir können keinen Juden leiden, aber seine Trinkgelder nehmen wir." Insbesondere der Conducteur Josef D. ist ein leuchtendes Beispiel hiefür und auf der Fahrt von Grinzing nach Wien sucht und findet er eine Gelegenheit, seinen Haß gegen die Juden die Zügel schießen zu lassen, während die Rößlein recht langsam einherttotten. Jüngst verspeiste er auf dieser Fahrt in Gesellschaft eines gleich heißhungrigen Gesinnungsgenoffen einige Juden: es saß noch ein zweiter Passagier im Coupe, der sich aber um das gehässige Geschimpfe der beiden Kumpane nicht kümmerte. Bei Ankunft in Wien richtete der Letztgenannte in höflichem Tone eine Frage an den Conducteur, die dieser anfänglich gar nicht und bei Wiederholung derselben mit den im barschen Tone gesprochenen Worten erwiderte- „I bin not dazu da, um den Juden Auskunft zu ertheilen." Der betreffende Herr ließ sofort durch einen Wachmann das Nationale des Conducteurs feststellen und erstattete sodann gegen Letzteren die Anzeige beim Lohnwagenamte. Es ist zu erwarten, daß dieser Conducteur über den Umgang mit Fahrgästen eines Besseren belehrt wird. Wien. Rudolf v. IHering, der jüngst verstorbene Rechtslehrer hat unter dem 19. Januar 1880 an Professor Dr. M. Lazarus in Berlin ein bisher nicht veröffentlichtes Schreiben gerichtet, das sich auf den Vortrag „Was heißt national?" bezieht. Es heißt in demselben : „Ich kann nicht unterlassen, Ihnen für die Uebersendung Ihrer neuesten kleinen Schrift meinen verbindlichsten Dank auszusprechen, wäre es auch nur, um Ihnen mitzutheilen, daß ich in der practischen Frage, den Ihre Untersuchung über den Begriff der Nationalität gibt, ganz auf Ihrer Seite stehe. Es ist zu begreifen, daß der Pöbel sich leicht gegen die Juden aufhetzen läßt; daß aber auch Leute, die den gebildeteren Kreisen angehören, an dieser Gemeinheit sich bethe.ligen, ist schwer zu begreifen und gereicht unserer Nation nicht zur Ehre. Ich werde Gelegenheit haben, in einer neuen Schrift eine Lanze für das Judenthum zu brechen, und ich hoffe, Ihre Glaubensgenossen werden mit mir zufrieden sein, ich bettachte dies als einen Act historischer Gerechtigkeit." Wien, 31. October. (Von den allerdeutschesten). Die letzte Nummer des Leibblattes Herrn Schönerer's bietet wieder eine amüsante und lehrreiche Leclüre. Herr Schönerer hadert noch immer mit aller Welt, nicht nur mit den Juden und mit den Liberalen, sondern sogar mit den besten Siebenachtel-Deutschnationalen. Selbst die Reichenberger sind ihm noch nicht genug Vollblut, weil es dort nie zu einer „offenen Stellungnahme" in der Judenfrage kam. Von Interesse ist auch der Bericht über den am 18. d. M. abgehaltenen Festcommers der Deutschnationalen zur Erinnerung an die Schlacht bei Leipzig. Leider ist gerade die Rede Schönerer's nur im Auszug mitgetheilt, doch wird uns in seinem Leiborgan mit gewohnter Bescheidenheit, erzählt daß seine Ausführungen „trefflich" waren. Im Uebrigen erfahren wir nur zwei bemerkenswerthe Einzelnheiten seiner Rede: Erstens, daß der Millionär Schönerer mit Bedauern den Zug der Zeiten in den Worten characterisirte: „Am Golde hängt, nach Golde drängt doch Alles", und zweitens, daß er von dem antisemitischen „Hochstaplerblatte" sprach. Ein studentischer Redner führte beim Commerse bittere Klage über die Uneinigkeit der deutschen Studentenschaft, deren „nationale Arbeit" dadurch lahmgelegt sei. Aus dieser Uneinigkeit, die namentlich auf dem feindseligen Gegensatz zwischen schlagenden und nicht schlagenden Vereinen zu beruhen scheint, gehe wie der Redner meinte, die absolute Unmöglichkeit hervor, nach außen hin die Stärke der nationalen Studentenschaft zu zeigen die absolute Unmöglichkeit große nationale Demonstrationen in Scene zu setzen, wie sie wohl öfter nothwendig gewesen wären. „Deßhalb" sagte der Redner, „kein einstimmiges Pereat für gewisse medicinische Größen (stürmische Rufe der zu Hunderten versammelten Studenten: Pereat Nothnagel!), kein schallendes Gelächter auf die Worte des Kämpfers für französische Menschenrechte Anno 1789 (Rufe: Pfui Kronawetter!); deßhalb keine mächtige studentische Ovation für den Greis aus dem Sachsenwalde, den Schaffer deutschen Volksbewußtseins, als er in Wien weilte; endlich deßhalb kein aufmunterndes Zujubeln unserem besten Manne in der Ostmark (Officieller Titel Schönerer's. Anm. d. Red.), der so viel ge-