Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 45 (4.11.1892)
- Date
- 1892-11-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Oesterreichischr Wochenschrift Seite 805 Nr. 45 Tröstungen der Religion in seinen schlichten und doch zu Herzen gehenden Reden zu Theil werden zu lassen. Selten hat er von jener Zeit gesprochen, aber wenn einmal die Erinnerung an diese trüben Tage wachgerufen wurde, dann wurde er immer nachdenklich und brach das Gespräch bald ab. Der junge Sträfling wurde bald in den vornehmsten literarischen Kreisen ein gern gesehener Gast, und manche Männer, die rr in jenen Tagen kennen gelernt, gehörten bis zu seinem Lebensende zu seinen intimsten Freunden. Schon im Anfänge seiner literarischen Thätigkeit erkannte er die Wichtigkeit der Schule, daß dort der Hebel angelegt werden muß, um auf politischem Gebiete Wandel zu schaffen. . Durch seine 1851 erschienene Schrift. „Ueber das Volksschulwesen" erregte er die Aufmerksamkeit der Schulmänner und er wurde seither bei allen wichtigen Berathungen, die auf das Schulwesen Bezug hatten, um seine Meinung gefragt, die nicht selten ausschlaggebend war. Seiner Herzensneigung folgend, wandte er sich nun ganz dem Unterrichte zu und er blieb seiner Neigung bis zu seinem Lebensende treu, und noch Donnerstag, am 27. Oktober, um 4 Uhr Nachmittags, war er in der Religionsschule, um Unterricht zu ertheilen, als er plötzlich unwohl wurde und den begonnenen Unterricht unterbrechen mußte. Vierzig Jahre stand er fest und unerschütterlich auf seinem Posten als Religionslehrer der Wiener israelitischen Cultusgemeinde und bot den mannigfachen Strömungen Trotz, die sich oft in stürmischer Weise geltend machten. Wenn man weiß, daß gerade der Religionsunterricht oft der Gegenstand der heftigsten Angriffe bildet, ja sogar bei den Wahlbesprechungen gerne als Angrisfsobject gewählt wird, da man sich auf diesem Gebiete leicht bei den Parteien populär machen kann; wenn man ferner bedenkt, daß die verschiedenen Parteischattirungen ihre separaten Wünsche haben und ihren Einfluß um jeden Preis geltend machen wollen, dann muß man den Math und die Characterfestigkeit des Dahingeschiedenen wohl bewundern, denn das muß ihm Freund und Feind zugestehen: Dr. Gerson Wolf ist sich als Religionslehrer zn allen Zeiten gleich geblieben, er hat immer das gleiche Ziel. im Auge behalten und hat es immer verstanden, seine zahlreichen Schüler und Schülerinnen für das Wort Gottes empfänglich zu machen, für die hehren und erhabenen Lehren unserer heiligen Religion zu erwärmen und zu begeistern. Dabei war er immer milde und nachsichtig in der Beurtheilung der Leistlingen, und jeder Schüler, der ein ehrliches Streben bekundete, konnte darauf rechnen, selbst wenn er sich bei den Prüfuilgen nicht immer vollkommen sattelfest zeigte, daß er durch die Religionsnote am Aufsteigen in die höhere Classe nicht behindert werde. Deswegen bewahren ihm alle seine Schüler, selbst wenn manche von ihnen hohe Stellungen einnehmen, ein reines Andenken, sie suchten gerne ihren alten Lehrer auf und holten oft in schwierigen Fällen seinen Rath ein. Das machte ihm dann aufrichtige Freude, „denn, meinte er, ich habe doch nicht vergebens gearbeitet". Es kam sogar vor, daß sich mancher seiner Schüler, die nach Amerika auswanderten, sich seiner erinnerten und ihm für das Wohlwollen, das er ihnen entgegengebracht, aus weiter Ferne dankten. Trotz seiner anstrengenden und aufreibenden Lehrthätigkeit hatte er noch Muße, eine ergiebige und umfangreiche schriftstellerische Thätigkeit zu entfalten. Abgesehen davon, daß er Eorrcspondent mehrerer ausländischer Journale war und auch für manche Wiener Blätter arbeitete, hat er sich hauptsächlich die historischen Forschungen zu seinem Specialgebiete gewählt und seine diesbezüglichen Werke sind für die künftigen Geschichtsforscher unentbehrlich. Seine archivalischen Studien haben eip' reichhaltiges Material für die österreichische Geschichte zu Tage gefördert, und sind namentlich für die Zeitgeschichte der Kaiserin Maria Theresia und des Kaisers Josef von größter Wichtigkeit. In allen Ministerien standen ihm die Archive offen, selbst im kaiserlichen Hause, weil man ihm überall unbedingtes Vertrauen schenkte und auf seinen Patriotismus sicher bauen konnte. Er war nicht im Stande, das ganze Material zu verarbeiten und in seinem reichhaltigen literarischen Nachlasse liegen noch ganze Schätze für den künftigen Historiker. In den letzten Jahren war er, in der Vorahnung seines baldigen Todes, bestrebt, das verschiedenartige Material zu sichten und zu ordnen und selbst die ausgebreitete Eorrespondenz wollte, er noch in den letzten Tagen einer Musterung unterziehen, doch konnte er die schwierige Arbeit wegen der Fülle des Vorhandenen nicht bewältigen. Im Jahre 1884 wurde Dr. G. Wolf zum Jnspector für den isr. Religionsunterricht an den Volks-, Bürger- und Mittelschulen ermannt. In dieser seiner elenso schwierigen als wichtigen Stellring hat er stets die Interessen und das Ansehen der Lehrer gewahrt, überall geholfen, wo er helfen konnte, erzeigte sich nie als Vorgesetzter, sondern immer nur als väterlicher Freund und Berather. Selbst wenn er zu tadeln hatte, und das kam ihur immer sehr schwer an, suchte er durch anerkennende Worte für die guten weiten des Lehrers die bittere Pille zu versüßen. Ueberhaupt war er im Stande, bei jedem Lehrer gute Eigenschaften zu finden und diese immer mehr zu berücksichtigen, als die Fehler, selbst wenn diese sehr hervorstechend waren. Nur Mangel an Pflichttreue konnte ihn zum herbsten Tadel veranlassen. Er, der seines Amtes voll Hingebung und Aufopferung waltete, konnte es nicht sehen, wenn marr lässig in der Pflichterfüllung war, oder gar die Pflichten verletzte. Still und bescheiden ging er seine Wege, jede Art von Aufdringlichkeit war ihnr verhaßt. Als anläßlich seines Jubiläunrs in den jüngsten Tagen so zahlreiche Zuschriften von Nah und Fern an ihm gelangten, wollten ihn die Kinder veranlassen, in den Zeitungen einen allgemeinen Dank zu veröffentlichen, damit er der Mühe übcrhoben sei, diese zahlreichen Zuschriften persönlich zu beantworten. Doch er lehnte dieß ab, da er nicht wünschte, daß sich die Zeitungen gar so viel mit ihm beschäftigten. So still und bescheiden übte er auch Wohlrhätigkeit auf den verschiedensten Gebieten. Weil er selbst als Student viel Roth und Elend erfahren, gründete er den Studenten-Unterstützungs-Verein, dem viele Männer, die heute in hervorragender Stellung sind, ihre Existenz verdanken, denn von diesem Vereine erhielten sie die Mittel, um ihre Prüfungen machen zu können und oft mich, um das Leben fristen zu können. Er versäumte nie eine Sitzung bei den zahlreichen Wohlthätigkeits-Vereinen, zu deren Ausschußmitgliedern er zählte. Konnte er diesen Vereinen irgendwie nützlich sein, so scheute er keinen Weg und keine Mühe, um ihre Einkünfte zu vermehren. Dr. G. Wolf war ein guter Mensch, frei von Egoismus, rmeigennützig, ein makelloser Charakter, oder wie ihn der Präsident des Journalisten- und Schriftstellervereines Prof. Warhaneck in seiner meisterhaften Leichenrede genannt : vir bonus, honestus et integer. Das Judenthum hat einen schmerzlichen Verlust erlitten, Dr. G. Wolf gehörte zu seinen würdigsten und zu seinen tteuesten Söhnen. Dr. K. Synagogenchor-Vrgel. Von Obercantor I. Singer in Wien. Die Fest- und Fasttage der Israeliten, haben, im Gegensätze zu den Festen anderer Glaubensbekenntnisse, zumeist keinen religiösen, sondern rein historischen Untergrund; selbst die beiden Fasttage Esther und Gedaljah, obzwar nach Personen benannt, dienen keineswegs als Erinnerungstage an dieselben, sondern ausschließlich zur Erinnerung an ein gewiffes historisches Ereigniß. Sukkoth — ein cultur-historisch bemerkenswerther Zeitpunkt der jüdischen Wüstenwanderung; Peffach — eine Befreiungsepoche vom Sclavenjoche; Schewuoth— als Mittheilungsmoment eines bis nun noch von keinem Staatsgesetze überbotenen oder gar verworfenen Weltgesetzes, der zehn Gebote rc.