Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-04 · 45 (4.11.1892) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
45 (4.11.1892)
Date
1892-11-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020945--01850-3025911
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 804 Orsterreichifihe Wochenschrift Nr. 45 Prediger. Und erst die Distanzreiter und erst ihre Pferde; da standm die Leute halbe Tage lang geduldig auf der Straße, um die Osficiere in den schönen Uniformen zu sehen und die Polizei mußte energisch eingreifen, um die Passage frei zu machen. Bei Dr. Stöcker fand nicht die geringste, den Ehrgeiz schmeichelnde Ansammlung statt; es wurde ihm nicht einmal ein Empfang zu theil, wie dem Fürsten Bismarck. Und doch ist es nur Dr. Stöcker, der die sociale Frage zur vollen Zufriedenheit der oberen Gesellschaftsklassen arischen Ursprungs im Handumdrehen zu lösen versteht. Stöcker glaubte, ein antisemitisches Wien zu finden. Dr. Stöcker saß neben Schneider, und der Wind fegtedurch die leeren Straßen. „Wo sind die Antisemiten, wo ist das Volk?" ftagte Dr. Stöcker, und Schneider antwortete: „Hätte man Polizeimannschast in gehöriger Masse aufgeboten, dann wäre auch Volk gekommen. Aus Gehässigkeit gegen uns hat man auf alle Vorsichtsmaßregeln verzichtet. Ich werde gegen diese Mißachtung unserer Persönlichkett eine Interpellation einbringen." „Nicht einmal Juden sind gekommen" bemerkte Dr. Stöcker. „Dafür ist gesorgt, erwiderte^ Schneider, „es sind Einige zur Baronin Langenau geladen." Von diesen Dingen hätte Dr. Stöcker sprechen, die ehedem germanischen Characterbilder seines Jchs uud seines -zweiten Jchs des Mechanikers Schneider hätte er stereoskopisch zur Anschauung bringen müsien. Ja, es geschehen noch Wunder in unser» Tagen. Was fehlte dem Dr. Stöcker zur höchsten Vollkommenheit? der Schneider, und was fehlte dem Schneider? der Stöcker. Ja, es geschehen noch Wunder in unfern Tagen; denn daß von diesen Beiden Einer sich nicht des Andern schämt, das hätten wir doch nicht für möglich gehalten. Stöcker selber scheint empfunden zu haben, daß der Umgang mit Schneider sein Ansehen nicht sonderlich heben könne. Am Montag beim „Wilden Mann" in Währing, bei dem von den Antisemitenführern veranstalteten Abschiedsbankett sah sich Stöcker veranlaßt, diesen heiklen Punkt zu berühren. Er zog sich aus der Asfaire weniger humoristisch und um ein Bedeutendes cynischer zurück, als ein Falstaff es in einem ähnlichen Falle gethan hätte. Den Wiener Anttsemiten wurde da ein merkwürdiges Compliment gemacht. Sie erfuhren aus dem Munde Stöckers, daß die Wiener Antisemtten in Berlin einen schlechten Ruf haben, wohlgemerkt, nicht eben nur bei Juden und Judengenossen, sondern bei Leuten, die mtt Stöcker verkehren, die seinen Vorträgen beiwohnen und die seinen Ruf nicht noch weiter heruntergebracht sehen möchten. Indem Stöcker erklärte, daß auch er einen schlechten Ruf habe, ist nur die Gleichartigkeit der ganzen säubern Gesellschaft constattrt. So wahr sind die Antisemiten noch selten gegen sich selber gewesen. Und wenn Stöcker auch hinzufügte: „Wer in dieser elenden Preffe keinen schlechten Ruf hat, der ist ein schlechter Kerl", so ist das eben eine Vertheidigung, wie auch der schlechteste Kerl sie versuchen kann. Eine solche Vertheidigungsmethode läßt tief in's Leere blicken und nicht einmal die Festversammlung beim „Wilden Mann" dürfte von einer solchen Selbstpreisgebung besonders entzückt gewesen sein. Vielleicht fühlte sich die Versammlung an das schöne Berliner Lied erinnert: „Auf einem Omnibus saß ein Mechanicus", dessen hier nicht wiederzugebender Schlußvers aus dem Munde Schneiders sich ganz gut ausgenommen hätte. Im Uebrigm wurde in Reden und Trinksprüchen heftig auf die Juden losgezogen. Stöcker war in seinem Element, er war ein ganz Anderer als in den Salons der Baronin Langenau. Auch hier erzählte er Geschichten. Die Geschichte von einem L inwandhändler, der, weil er sich zum Stöcker'schen Antisemitismus bekannte, seiner jüdischen Kunden verlustig wurde. Das bezeichnete Stöcker als Unterdrückung der fteien Ueberzeugung. Man klatschte Beifall. Wenn aber die Antisemiten Tag für Tag die Parole ausgeben: „Kauft'nur bei Christen", so ist das ganz in der Ordnung. Stöcker will den Juden jede Möglichkeit einer Existenz entzogen scheu und er beklagt sich, daß es Juden gibt, welche geschäftliche Beziehungen mit seinen Anhängern zu vermeiden suchen. Cr erzählte auch eine blutige Geschichte von einem jüdischen Wucherer. In Wien haben wir einen ähnlichen Racheact erlebt, wie ihn der Bauer in Hessen verübte. Das Opfer der Rache aber war kein Jude, sondern ••in frommer Katholik; ein Finanzbaron, der mit der ultramontanen Geistlichkeit im intimsten Verkehre stand. Es gibt eben überall Bedrücker und Bedrückte. Von den Reden sei nur noch die des Dr. Geßmann erwähnt, der das Loyalitäts- Moment streifte. Ueber dieses Capitel sollten die Antisemiten Stillschweigen beobachten: darüber ist das entscheidende Wort von erhabenster Stelle gesprochen und die Antisemiten haben bewiesen, daß loyale Worte aus ihrem Munde nur der Ausdruck einer niedrigen Heuchelei sind. Ja, es geschehen Wunder. Während der Anwesenheit Stöckers tönt das Kaiserwort aus Wittenberg zu uns herüber: ..Wir Evangelische bedrohen Niemand um seines Glaubens willen". Was sagt der ehemalige Hofprediger zu dieser Hofpredigt, zu diesem Trinkspruche bei dem Weine aus dem Pokale Luthers? Der Hofprediger ist verurtheilt durch seinen Kaiser, wie Schneider und die Wiener Antisemiten verurtheilt sind, als die Urheber der Scandale im Landtage. Stöcker schöpft Trost aus den Gesprächen mit der Baronin Langenau, Schneider aus den Gesprächen mit dem Prinzen Liechtenstein. Der Letztere aber vermittelt die Verbindung nach Kalksburg. Geduld ist eine erste Pflicht in der Gesellschaft Jesu. Dr. Stöcker mag sich in Geduld fassen, mag nach Berlin zurückkehren und dort abwarten, ob die Vermittlung des Prinzep Liechtenstein einen Erfolg hat oder nicht. _ I Dr. Gerson Wolf I geboren am f6. Juli {825, gestorben 29. October {8^2. I Einem Leben voll rastloser Arbeit, voll Plagen und Entsagung, voll werkthätiger Menschenliebe rrnd Barmherzigkeit hat der grausame Tod ein rasches Ende bereitet. In den ersten Decennien dieses Jahrhunderts war es für einen nach allgemeiner Bildung strebenden Jüngling jüdischer Confession nicht leicht, zu den Bildungsquellen zu gelangen; sie waren für ihn unzugänglich, da man den Weg zur Bildungsstätte mit unzähligen Gesetzesparagraphen verbarricadirte. Wem die Luft im engen Ghetto zu schwül geworden und das Bedürfniß empfand, in frischer, freier Luft nach Herzenslust zu athmen, der mußte sich bald üb'.rzeugen, daß den Juden auch außerhalb der Judengassc Luft und Licht nur kärglich zugemessen werde. Unter solchen Verhältnissen kam G. Wolf nach Wierr. Hier hatte er mit den verschiedensten Widerwärtigkeiten zu kämpfen, Mühsal aller Art zu ertragen und die einzige Freiheit, die er hatte, war, nach Belieben — hungern zu können. Nach vielen harten Entbehrungen fand er Eingang in die besseren Kreise und konnte sich als politischer Schriftsteller und als Privatlehrer mühsam das tägliche Brod verdienen. Doch bald sollte ihm auch diese armselige Existenz verkümmert werden. Das absolute Regime fand keinen Gefallen an den Männern der freiheitlichen Richtung und Wolf zählte zu den enragirtesten Verfechtern der Freiheit, wenn er auch nicht mit dem Schwerte gefochten und keine Barricaden gebaut hat. Geschäftige Denuncianten lenkten die Aufmerksamkeit Weldens auf den jungen politischen Schriftsteller und eine Hausdurchsuchung ergab, daß er sich auch mit verbotener Leclüre beschäftige und das Kriegsgericht übernahm die Aufgabe, den jungen Mann von seinen freiheitlichen Schnitten ein für allemal gründlich zu curiren: G. Wolf wanderte nach Stein. In der Strafanstalt lernte er die traurige Lage der Sträflinge kennen, welche ohne jede geistige Nahrung und ohne die Tröstungen der Religion hinter Schloß und Riegel ihre Tage verlebten. Als er die Freiheit erlangte, ging er durch zrvei Decennien an den hohen Feiertagen nach Stein, um den Sträflingen das Wort Gottes zu verkünden und ihnen die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.