Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 45 (4.11.1892)
- Date
- 1892-11-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 45 Oesterreichische Wochenschrift Seite 803 Er sieht nicht ein, daß eine thatkräftige, widerstandsfähige, gegen Verirrungen geschützte Sittlichkeit sich nur aus der Religion entwickeln konnte, daß die Natur dem Menschen das religiöse Bedürsniß eingepflanzt, die Religion ihm zur Roth- Wendigkeit gemacht hat, um ihn zur Sittlichkeit zu erheben. Er ignorirt die Einflüsse des Semitismus auf das Griechenthum. Ist es denn blos ein Zufall, daß die Bibel zur Offenbarung der Völker geworden? Bilden die Grimm'schen Märchen diese echten Reste der deutschen Volksmythologie, so schön sie auch sind, einen Ersatz für die biblischen Geschichten? Die Weltgeschichte ist ein Zeugniß für die Wahrheit des Monotheismus und für die Lehren der Bibel geworden. Schließlich müßte Dühring die ganze Civilisation vernichten und das Resultat wäre ein Nihilismus mit germanischem Gepräge und in germanischem Gewände. Das ist die Wirkung eines gründlichen, sich selbst verstehenden, Antisemitismus, daß er zeigt, welches Unrecht den Juden angethan wurde, in allen Jahrhunderten und in allen Ländern, daß er das Verständniß vertieft für den Monotheismus und seine unendlichen Erfolge und daß er schließlich seine eigene logische Unmöglichkeit beweist. Dühring ist der Scorpion, der selber die glühenden Kohlen zusammenträgt, um dann, wenn er keinen Ausweg mehr flndet, sich den Stachel in den Kopf zu bohren. Und wenn von Dühring die Rede ist daun heißt es nicht: „Schützt die Juden", sondern „Schützt die Kirchen, schützt das Kreuz, schützt eueren Staat und euere Institutionen". Gegenüber dem „Vereine der Anhänger Dührings" wurden die Juden als spanische Wand benützt. Vielleicht darf man nunmehr erwarten, daß man uns als Bürger und Menschen unser in den Gesetzen verbrieftes Recht zu Theil werden läßt, auch wenn ein nicht sich selbst verstehender Antisemitismus aus dem Schauplatze erscheint, auch wenn 'christlich-sociale Antisemiten, die sich mit dem Munde zum Christenthume bekennen, das Christenthum dadurch verleugnen, daß sie den Krieg führen gegen die Uroffenbarung des Monotheismus. Antisemiten-Conferen; in Kalksburg. Dr. Stöcker, der einstige Hofprediger, wanderte zwar nicht, wie Reinecke in dem berühmten Thierepos nach Rom, aber er zog doch südwärts, nach Wien. Unterwegs flog, ihn zu begrüßen, der Rabe entgegen, den wir alle kennen, Mechaniker Schneider. Stöcker verzweifelt an Berlin, er glaubte bis vor einigen Tagen wenigstens an Wien. „Sie sollend uns nachmachen", schrieb immer der alte Anton Langer, wenn er die Donaustadt patriotisch verherrlichen wollte. Sie sollen uns da draußen im Reiche den niederösterreichischen Landtag nachmachen oder den Wiener Gemeinderath. Diese glänzenden Episoden unseres öffentlichen Lebens blendeten das Auge des Dr. Stöcker; er sah in Wien das Centrum des antisemitischen Scandals und er überschätzte Wien. Es gelang Dr. Lueger für einige Tage den Mechaniker Schneider in den Schatten zu stellen und durch das Wort „infam", dem Bürgermeister in's Gesicht geschleudert, alle Antisemiten der Welt zu überflügeln. Aber durch solche gewaltsame Mittel wird dem Antisemitismus kein neues Blut eingeflößt, wird nicht einmal die Popularität des Dr. Lueger wesentlich aufgefrischt. Was will er denn noch vollbringen, um Sensation zu machen? Man fand sich bei dem Besuche des Dr. Stöcker gegenseitig enttäuscht. Der Hofprediger außer Dienst sah zu seinem Erstaunen, daß weder Lueger noch Schneider Wien repräsenüren und unsere Antisemiten erwarteten vergeblich eine trostreiche, stärkende Botschaft von Dr. Stöcker. Am Sonntag soll eine Conferenz der Antisemitenhäupter in Kalksburg stattgefunden haben. Kalksburg ist berühmt wegen seines Jesuitenconvictes und wegen seiner unter der Leitung der Jesuiten stehenden, aristokratischen Erziehungsanstalt. Unsere Antisemiten fühlen sich von Kalksburg angezogen; es widerstrebt ihren Gefühlen, nicht bewundernd zu den Einrichtungen und Grundsätzen der Gesellschaft Jesu empor zu schauen. Aber Dr. Stöcker kam mit vielem Selbstgefühle nach Wien; er glaubt noch immer, alle Weisheit Roms erfaßt und überboten zu haben. In Kalksburg überkam ihn das Gefühl der Beschämung. Dr. Stöcker hatte eine Vision. Die Geschichte der Gesellschaft Jesu, die Thätigkeit dieses, die Welt umspannenden Ordens, der sich aus so verschiedenen Elementen zusammensetzt, mit seinen mannigfachen Elementen rollte sich vor seinem Auge ab, wie ein Wandelbild, er sah eine riesengroße Gestalt und richtete an sie dieselben Worte wie Faust an den Erdgeist, und erhielt dieselbe Antwort: „Du gleichst dem Geist, den Du begreifst, nicht mir." Als dann die Antisemiten gegenseitig ihre Gedanken austauschten, geriethen sie einigermaßen in Verlegenheit. Sie kamen sich vor, wie eine Gesellschaft, bei welcher, wenn die Zeche bezahlt werden soll, Keiner einen Heller in der Tasche hat. Wieder wartete Wien auf Berlin und Berlin auf Wien; es kam aber von keiner Seite ein Lichtstrahl. Die Kleinen in der Gesellschaft blickten erstaunt auf die Großen der Conferenz; sie fühlten sich verblüfft durch die Gedankenarmnth der Führer, namentlich durch die Gedankenarmuth des gefeierten Gastes aus Berlin. Das Resultat der Conferenz bestand darin, daß einzelne Hauptleute zweiten und dritten Ranges in der Stille den Vorsatz faßten, bei der ersten besten Gelegenheit den Generalen den Standpunkt klar zu machen, damit eine lästige Selbstüberhebung ein Ende finde. Die Autorität einiger Führer hat eine nicht unwesentliche Erschütterung erlitten. Das ist das Geheimniß von Kalksburg -. Dr. Stöcker hielt ferner Vorträge in den Salons der Baronin Langenau. Die Einladungen dazu waren schon drei Tage früher ergangen. Das ist echt semitische Tradition. Die alten Propheten erfreuten sich der Verehrung frommer Frauen und sie wußten genau so wie Dr. Stöcker, wo sie einkehren sollten. Die alten Propheten thaten bei solchen Gelegenheiten Wunder und man kennt die Geschichte von der Witwe mit dem unerschöpflichen Oelkrug. Jetzt geschehen auch Wunder, wie Dr. Stöcker sagt, aber mehr aus natürlichem Weg. Unerschöpflich ist nur die Beredsamkeit des Dr. Stöcker und sein Wort dringt wie Oel in die Herzen der Mütter und Pietisten, wie Oel mit einem ranzigen Beigeschmack. In seinen Predigten oder Vorträgen erzählte Stöcker manches aus seinen Erlebnissen und wie bei seinen Conferenzen in Berlin Fürsten und Arbeiter auf einer Bank sitzen. Die Arbeiter seien da immer sehr herablassend gegen die Fürsten und dulden es, daß die Fürsten ihnen die Hand reichen. Die höchsten Aristokraten seien entzückt von dem Wohlwollen der Arbeiter und erklären sich zu jedem Opfer zum Zwecke der Lösung der socialen Frage bereit, wenn es auf Kosten der Juden gebracht würde. Das sind die Wunder, welche Dr. Stöcker vollbringt. Nach ernsten Ueberzeugungen, nach einer wahrheitsvollen Darstellung der Thatsachen forscht man vergeblich in seinen Reden; da fließt Alles weich und verschwommen durcheinander und die sociale Frage war aber dem Dr. Stöcker nur ein Werkzeug um sich selber zur Geltung zu bringen. So wie Dr. Stöcker reist, so reisten auch die alten jüdischen Prediger in Polen, hielten Vorträge, hatten ihre Gleichnisse und Geschichten, waren ungemein witzig; aber Hofprediger sind sie allerdings nie geworden. Jetzt reist ein Hofprediger wie ein polnischer Maggid, und Schneider, der das Judenthum so gründlich studirt, lernt jetzt auch diese Specialität kennen,* allerdings nur als Imitation. Und doch wäre es dem Dr. Stöcker möglich gewesen, sehr anregend zu sprechen, wenn er seine eigene Persönlichkeit und die des Mechanikers Schneider zum Gegenstände der Schilderung gemacht hätte. So hat man denn diese beiden Repräsentanten antisemitischer Sittlichkeit, antisemitischen Wahrheitssinnes und antisemitischen Ehrgefühls neben einander wandeln gesehen. Zwei solche Männer in Wien und kein antisemitischer Trommelwirbel lockt das Volk auf die Sttaßen. Wie drängte man sich doch, Mascagni zu sehen, und der ist doch weder Antisemit noch Hof-