Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 45 (4.11.1892)
- Date
- 1892-11-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 802 Oesterreichifche Wochenschrift Nr. 45 lausen und Alles wieder grünt und blüht, dann rühmt man die wohlthätige Natur, welche mit Meisterhand Alles wieder in Ordnung bringt. Hinsichtlich des Antisemitismus haben wir alle Ursache, die wohlthätige Natur zu preisen. Heute ist das öffentliche Urtheil darüber festgestellt, wie es von Anfang her d?r Wahrheit entsprach, daß die internationale Bruderschaft des Antisemitismus nichts anderes bedeutet als einen Haufen von Betrügern und Betrogenen, von Heuchlern, Dummköpfen, Phantasten und an der Spitze Egoisten, welche mit brutaler Rücksichtslosigkeit über die Gebote der Ehre und Sittlichkeit sich hinwegsetzen. Heute ist der Antisemitismus brauchbar, damit einzelne Streber in die Höhe kommen können, er eignet sich gut, um Störungen in den öffentlichen Versammlungen hervorzubringen. Ein Einschreiten ist nothwendig, aber hauptsächlich aus ganz anderen Motiven als nur „wegen der Juden." Der Antisemitismus hat das Mögliche gethan, um der Welt eine genaue Kenntniß von seinem innersten Selbst zu verschaffen. Die abschreckende Aeußerlichkeit wird überboten durch die häßliche Innerlichkeit. Man wendet sich ab von diesem scheußlichen Bilde. Es sind ganz andere Dinge im Spiel als nur die Gleichberechtigung der Juden, der Schutz ihres bürgerlichen und menschlichen Daseins. Dühring aber wurde, soweit es sich eben um den Verein handelt, verboten, wegen der Juden. Unter den Schriften Dührings zählt das Buch: „Der Ersatz der Religion durch Vollkommeneres und die Ausscheidung alles Judenthumes durch den modernen Bölkerg ist" — zu den merkwürdigsten. Von ihm stammt das bezeichnende Wort: „Ein Christ, wenn er sich selbst versteht, kann kein ernsthafter, vollständiger Antisemit sein." Dühring sagt sogar vom Lhristenthume: „Es dürfte in den Juden noch die letzten Verfechter finden, wenn es sie überall sonst verloren haben wird." Umso eindringlicher verlangt er, „daß das Germanische sie vom Christenthume scheide; nur so kann der moderne Völkergeist seinen Beruf erfüllen. Er muß mit allen Judenüberlieferungen brechen, wenn er sich in seinem edlen Wesen ausleben will." — Die Beurtheilung. welche das Christenthum, „die zweite jenseitige Gestalt des Hebraismus" in den Schriften Eugen Dührings erfährt, läßt sich den bösartigsten Auslastungen antisemitffcher Schriftsteller in Bezug auf die Juden an die Seite stellen. Das Vereins-Verbot aber wurde motivirt—„wegen der Juden". Das Verbot hätte auch lauten können, wegen der aufreizenden Angriffe in den Schriften Dührings auf Christenthum und Judenihum. Allein das wäre an Gleichberechtigung zu viel gewesen. Bei der Verhandlung vor dem Reichsgerichte, an dessen Entscheidung die Gründer des Vereins appellirten, mußte der Regierungsvertreter schon etwas näher auf den religionsfeindlichen Inhalt der Dühring'schen Schriften eingehen. In der Entscheidung des Reichsgerichtes heißt es aber ausdrücklich, daß die aus den Werken Dührings verlesenen Stellen, einerseits unverhohlene Feindseligkeit gegen das Judenthum und die Absicht, sie dem Leser einzuflößen, bekunden, andererseits gehässigeAngrisse gegen das Christenthum enthalten." Die Entscheidung des Ministeriums wurde vom Reichsgerichte als verfaffungsmäßig anerkannt, aber nicht nur wegen — der Juden. Wenn das Ministerium es trotz dessen für angemessen hielt, in seiner Entscheidung die Juden zu betonen, so wollte es vielleicht damit die practisch mögliche Wirksamkeit des Vereins deutlicher markiren oder es wollte den Juden eine Liebenswürdigkeit erweisen. Wir aber wollen die Ehre, die uns damit angethan wurde, nicht überschätzen, und das Bewrlßtsein, bei dem Verbot des Dühring-Vereins als spanische Wand gedient zu haben, kann unser Selbstgefühl nicht wesentlich steigern. Mit den Schriften Dühnngs hat es eben eine eigene Bewandtniß. Im alten ungarischen Landtag herrschte eine eigenthümliche Praxis. Man nahm, um einen Antrag zu Fall zu bringen, dem Scheine nach Partei für denselben, steigerte aber die Forderungen und zog die letzten Consequenzen. Genau dieselben Dienste leistet Dühring im Kampfe, selbstverständlich ohne es zu wollen und ganz entgegengesetzt seinen Bestrebungen. Auf dem Felde historisch-kritischer Untersuchungen fehlt es eben niemals an Ueberraschungen. Vor einigen Wochen starb Ernst Renan; er hat, wie kein Anderer, den tiefen historischen Zusammenhang zwischen Christenthum und Judenthum anerkannt. Die Organisation der monotheistischen Religionen, ihr innerer Entwicklungsproceß wurde auch von dem Meister begriffen, der die Metamorphose der Pflanzen und Darwin vorahnend die Metamorphose der Thiere geschrieben hat. Dieselbe Erkenntniß findet Schiller. Renan hatte indessen ein reiches wissenschaftliches Material zur Verfügung, wie Goeth' und Schiller es nicht besaßen. Dühring ist hinsichtlich des innigen Zusammenhanges zwischen Christenthum und Judenthum genau derselben Ueberzeugung wie Renan. Beide wandeln gleichsam dieselbe Straße und kamen zu ganz entgegengesetzten Zielen. Renan sieht in Jesaias, 700 Jahre vor Christus, den Urheber der christlichen Idee und ist aus diesem Grunde erfüllt von der hohen Bedeutung des Judenthums. Dühring, der ist ein Feind des Christenthums, weil er sonst die Juden nicht gründlich hassen könnte. Die historische Grundwahrheit aber findet sich bei Renan und Dühring genau in derselben Gestalt wieder und ein zweifelloseres Zeugniß für die bestimmende Thatsache kann sicher nicht aufgefanden werden. Die Wiener Antisemiten stehen nicht in Verdacht, in ihrem Denken und, Urtheile sich einer großen Klarheit zu befleißigen. Auf einen Widerspruch mehr oder weniger kommt es ihnen nicht an und die Führer wissen, was sie ihren Getreuen zunmthen können. Die strengste kirchliche Tradition mit dem unbedingten Bibelglauben und daneben die Dühring'sche Doctrin in den Köpfen der Wiener Antisemiten — lassen sich auch diese Dinge vereinigen? Auf Grund seines Judenhasses empfängt eben Dühring aus den Händen der christlich-socialen Antisemiten den Freibrief, auch das Christenthum feindlich zu behandeln. Und gewiß ist es, was die practische Wirkung betrifft, die von den Schriften Dührings ausgehen mag, leichter, den Aberglauben und den Fanatismus des Mittelalters zu erwecken, als die Säulen der wohlgefestiqten religiösen Institutionen zu erschüttern. Dühnng stirbt mit den Philistern; das heißt, während er von einer Vervollkommnung der Religion gegenüber den biblischen Lehren träumt, wird er zum Werkzeug lind Sclaven der finstersten Bestrebungen und die bemitleidenswerthe Rolle, welche „Faust" in der „Walpurgisnacht" spielt, mag ihm als das Bild seiner eigenen Mission mitten im reactionären Treiben erscheinen. Allein ganz umgehen läßt es sich denn doch nicht, daß Dühring von dem engen Zusammenhänge des Christenthums mit dem Judenthum völlig durchdrungen ist. Das Wort Dührings: „ Der Christ, wenn er sich selbst versteht, kann kein ernsthafter Antisemit sein", ist doch 'vernichtend, ist ein wahres Verdammungsurtheil für Diejenigen, welche christlich-social vom mittelalterlichen Standpunkte aus die Gräuelscenen des Mittelalters erneuern möchten. Für Dühring und seine Anhänger ist es gleichgiltig, ob der Papst oder Luther das Christenthum vertreten, katholische Klöster und protestantische Pfarrhäuser, die Dogmen des vatikanischen Concils und die Thesen von Wittenberg, Jgnazius Loyola und Calvin — Alles und Alle werden in derselben heftigen und schonungslosen Weise attaquirt, welche dem Wesen Dührings entspricht. Ginge es nach dem Wunsche Dührings, er würde erst den Tempel in Jerusalem und gleich darauf den Sanct Petersdom in Rom in Brand stecken. Ueber dieses fatale Entweder — Oder kommt man nicht hinaus. Ein Kreuzzug gegen die Juden hat seine Schwierigkeiten, nachdem Dühring das Kreuz verbietet und die Bilder der Heiligen. Eine Parallele zwischen Renan und Dühring fällt für Dühring traurig genug aus. Dühring will gescheidter sein als der Weltgeist. Die Geschichte von Jahrtausenden ist ihm ein verhängnißvoller Jrrthum. Er sieht sich gezwungen, die größten Dichter und Denker zu bekämpfen, weil sie nicht frei sind von biblischen Reminiscenzen.