Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 45 (4.11.1892)
- Date
- 1892-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ur. 45 Wie». 4 Navemher l8S2. lX. Hahrgaug Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. Eigrnthümer: Reichsraths-Avgeordneler vr. K. k. Pofitziarraffenamr Tlrsrinsvrrkrtzr Nr. 810.976. ArLsrtton u. Administration: Wien I. Aothentyurmpratze 38. «r«n aooinnri ver allrn Postsnststtr« drs In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig » fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die <mal gespaltete Petttzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Die spanische Wand. — Antisemiten-Conserenz in Kalksburg. — Dr. Gerson Wolf. — Synagogenchor-Orgel. — Caveant consules. — „Aruch Completmn“. — Lesefrüchte. — Correspondenzen: Wien, Lomnitz, Czernowitz,Horazdowitz, Darmstadt, Stuttgart, Posen, Berlin, Bukarest, Paris, Alexandrien, Baltimore, Chicago, Buenos-Ayres, Johannisburg. — Vermischtes: Wien, Brünn, Brüx, Kohl-Janowitz, Ung.-Brod, Nikolsburg, Buczacz, Horn, Karlsbad, Prag, Wottitz, Nagy-Kanisza, Budapest, Pest, Csurgo, Berlin, Aus dem Großherzogthum Hessen, Dresden, Halle, London, Petersburg, Odessa. — Feuilleton: Ascetik nild Liebe. —Wochenkalender. —Inserate. Die Redaction und Administration der „Oesterreichischen Wochenschrift“ befindet sich Wss- Wien, I., Franz Josefe-Quai 3.-WU Telephon Nr. 6535. Die spanische Wand. Zigeuner üben das Handwerk der Schatzgräber, mit einer Wünschelruthe bewaffnet zeigen sie dem trunkenen Auge Desjenigen, den sie beglücken wollen, die in der Erde vergrabenen Truhen, gefüllt mit Gold- und Silbermünzen; Zigeunerinnen lesen in der Hand oder aus den Karten den ganzen Lebenslauf der Zukunft und theilen dieses Wissen freigebig mit: — man weiß jedoch, welchen Ausgang diese Geschäfte nehmen und wie sie vom Strafrichter beurtheilt werden. Das ist ein Tausch von gutem Geld gegen hohle Versprechungen, gegen nichtige Orakel. Die von Wohlwollen für ihre Mitbürger in Wien und den Kronländern erfüllten Gründer eines „Vereins der Angehörigen Dühring's" sind bei der Verworrenheit ihrer Ideen und vermöge der Beschränktheit ihres geistigen Schaums selbstverständlich nicht einer zielbewußten absichtlichen Gesetzwidrigkeit anzuklagen wie Schatzgräber und Wahrsagerinnen. Was jedoch das Thatsächliche betrifft, so hatte diese gescheiterte Vereinsgründung einen ungeheuerlichen Character. Die Gründung des Vereines verfolgte nur den Zweck, einen Austausch herbeizuführen des edlen Goldes religiöser Empfindung und heiliger Tradition gegen einen verstärkten, von semitischen Bacillen gereinigten Antisemitismus. Das Programm des Vereins Hatte zum Inhalte: „Verkauft uns alle Liebe, alle Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit, die Eurer Religion entstammen und nehmt in 4 Tausch dafür den Antisemitismus." Die Buden warm aufgeschlagen; Dühring sollte der Patriarch, seine Schriften sollten die Bibel des neuen Glaubens werden. Der Verein wurde nicht gestattet. Wir Juden sind sonst ein dankbares Volk, dankbar gegm jedes Wort, das Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu unfern Gunsten im Laufe der Jahrhunderte gesprochen haben. Kann über die Gründe, die bei dem Verbote des Vereines obwal- " teten ein Zweifel bestehen? Es heißt ja ausdrücklich in der Entscheidung des Ministeriums des Innern, vom 37. Juli d.-.J.,^daß unter den Werken Dührings sich auch solche befinden;. deren „aufreizender Inhalt wider die Juden" die Bestimmungen des Strafgesetzes verletzt. Uns also wird der Schutz des Staates zuTheil und nur der Juden wegen wird es den Anhängern Dühring's.unmöglich gemacht, durch Lesungen, Vorträge, Diskussionen, durch Anlegung einer Bücherei; wohl auch durch sonstige Popularisirung der Schriften Dühring's vereinsmäßig zu wirken. Dennoch wehte uns nicht jene Kegeisterrmg an, welche mit einer freudigen Ueberraschung sich natürlich verbindet. Auch fühlen wir uns frei von der stolzen Hoffnung, daß die Entscheidung des Ministeriums einen Wendepunkt in der Auffassung des staatsgrundgesetzlichen Princips der Gleichberechtigung gegenüber den Juden, wie drücken wir uns doch jüdisch blumenreich aus, die Morgenröthe jenes Tages bezeichnen werde, wo die Sonne der Gerechtigkeit vom Mittelpunkte der Staatsverwaltung aus ihre wohlthätigen Strahlen und ihre zieltreffenden Pfeile für Alle in gleicher Fülle in Bereitschaft hält, gleichviel welcher Confession sie angehören. Man mißverstehe uns nicht; so lange die Ueberwachung des Vereinswesens eine Obliegenheit der Staatsverwaltung bildet, so lange liegt es auch im Rechte und in der Pflicht des Staates, einen Verein zu verbieten, wie die Anhänger Dühring's ihn biü>en wollten. Vom Standpunkte der allgemeinen Interessen aus kann es auch als wohlthätig anerkannt werden, wenn Vereine von ausgesprochener Religionsfeindlichkeit nicht geduldet werden. Der Antisemitismus ist der Bürgerkrieg; der Dühring'sche Antisemitismus ist der Bürgerkrieg verbunden mit dem Kriege gegm die Religion. Dühring zielt höher; er kämpft auch gegen den Gott der Juden, gegen den semitischen Monotheismus. In der Entscheidung der Regierung ist es nur die Motivirung, welche in unserer Erinnerung plötzlich ganze Reden aufflattern läßt, Flugblätter, Zeitungsartikel, welche uns Bilder vorführten von Vereinsversammlungen, von Sitzungen gewisser Genoffenschasten, Wanderhetzpredigten, wo Jahre hindurch ein Einschreiten vermißt wurde mit der Motivirung: „wegen der Juden." Es wurden uns doch die schönsten Dinge versprochen: Galgm, Scheiterhaufen, Ersäufen in der Donau oder im Schwarzen Meer, schonungslose Plünderung durch das empörte Volk, Hinausjagen über die Grenze, eine Fluth von Ver leumdungen und Beschimpfungen hat sich wider uns ergoffen und wir, w i r hatten mitten im Toben der Leidenschaften den Trost, daß wir zu einer lästigen Beschränkung der Rede-, der Vereins- und Preßfreiheit nicht den Anlaß gaben, daß eine solche Beschränkung nicht erfolgte mit der Motivimng:— „wegen der Juden." Es hat Alles zwei Seiten; wenn Dämme aufgerichtet werden gegen das verheerende Element, dann lobt mau die Vorsicht und die Wissenschaft der Jngenieme. Wenn aber der Waldbrand von selber in sich erstickt, wenn die Fluthm von selber ver-