Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 44 (28.10.1892)
- Date
- 1892-10-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 798 Oestrrreichifche Wochenschrift Nr. 44 „Ich habe mich selten gemacht und hoffe, daß es mir bald möglich sein wird, mich dieses Erwerbszweiges ganz zu ' entschlagen. Und Sie sitzen noch fleißig?" „Ja, Tag für Tag; man muß doch leben! Wie lange noch, weiß Gott, meine Beine Nagen mich nicht recht mehr und meine Augen versagen mir fast schon den Dienst, mir den Weg in die Ateliers zu zeigen." Dann sprachen sie etwas leiser und geheimnißvoller und ich wich aus Discretton noch um einige Schritte weiter zurück, jo daß ich nichts mehr hören konnte, und als mein. Freund nach einer fttrjen Weile wieder auf mich zutrat, bemerkte ich ihm, daß dieser interessante Greis auch mir bekannt sei, nur wiffe ich nicht, wer und was er sei. „Für Sie," antwortete mir der Freund, „habe ich keine Geheimniffe, und wenn ich Ihnen bisher nicht meine ganze Armuth enthüllt habe, so entschuldigen Sie mich. Ich bin diesem Unglücklichen zum ersten Male vor drei Monaten in den Ateliers einiger unserer bekannten Maler und Bildhauer begegnet, welchen wir Beide wie noch viele unserer Glaubensgenossen aus dem Osten, Dank unserem typischen Wesen, als Modelle dienten — und zuwellen thue ich das auch noch heute. Man muß ja leben und meine Feder ernährt mich nur sehr schlecht. Und so standen oder saßen wir ihnen denn Modell, er als die verkörperte Trauer des alten Testaments, ich als der Gekreuzigte von Golgatha, nach welchen sie uns umgetauft haben. Er ist für sie nur Jeremias und ich Jesus. Das ist Alles." „Sie sagten „wie viele unserer Glaubensgenossen aus dem Osten", sind es denn wirklich viele und gerade polnische oder russische Juden, die diesen Erwerbszweig haben?" „Allerdings eine förmliche Innung. Die Künstler können zur Darstellung biblischer Figuren, sowohl des Alten wie des Neuen Testaments keine anderen Modelle gebrauchen als unsere Glaubensgenoffen und zwar nur mehr noch aus jenen Ländern, wo sich der jüdische Typus rein erhalten hat. Auf dem so der» achteten „Salzgries" wandeln die lebenden Bilder christlicher Verehrung und Anbetung. Aus der so verspotteten „polnischen Schul" steigen die Gestalten in die Rahmen der Altargemälde katholischer Gotteshäuser. Soeben hat mich dieser Greis zu einer Versammlung eingeladen, die am nächsten Samstag stattfinden wird. Ich werde Veranlassung treffen, daß Sie derselben als Gast beiwohnen können, und Sie werden da allen den Gesichtern begegnen, die Sie an den Bildern und Statuen der Kirchen des neuen Wien's finden." „Sind auch Jüdinnen die Modelle zu den Heiligenbildern der Frauen des Neuen Testaments?" „Es sind, aber doch weniger als Juden. So ist die Tochter dieses Greises, mit der er vor einem Jahre aus Galizien hierhergekommen, bei diesem Geschäfte. Sie ist in den Ateliers unter dem Namen Martha von Bethanien bekannt und mehr als einmal sind wir Beide zusammen als Modell zu dem Bilde der Fußsalbung gesessen. Es scheint, daß die Künstler in Bezug auf.die weiblichen Figuren auf den religiösen Bildern mehr der rM>erländischen Schule hinneigen, und in der That fehlt fast allen Muttergottesbildern das geschichtliche Colorit, die Jüdin wird an ihnen verleugnet." Nach einem noch weiteren Gespräche über diesen Gegenstand trennte ich mich von meinem Freunde mit dem Versprechen, der Versammlung beizuwohnen. Und ich hielt Wort. Der Samstag Nachmittag kam und ich suchte die mir bezeichnete Koscher-Restauratton in der Nähe der Haid auf. In einem Extra-Zimmer fand ich die Gesellschaft um einen langen Tisch beim Schalasch-Szudes. Es war das leib- und lebhafte Abendmahl, wie wir es auf den Heiligenbildern sehen. In der Conversation benannten sie sich mit ihren Atelier-Namen und ich hörte das ganze Register der Apostel, wie sie in der Apostelgeschichte Vorkommen. Außer den um den Tisch Sitzenden standen noch Biele gruppenweise in der Stube, die sich ebenfalls mit ihren Ateliernamen anriefen. Es war das ganze Alte und Neue Testament da beisammen und man sang zusammen Psalmen, als ob das Christenthum wieder in den Mutterschoß des Judenthums zurückgekehrt wäre. Ich unterhielt mich mit meinem Freunde und dem Greise oder beffer mtt Jesus und Jeremias, ließ mir von diesem Moses und Jesaias zeigen und von jenem mir den auf dem Wege nach Damaskus Bekehrten vorstellen. Es war wirklich eine intereffante Häßlichkett, von Geist und Energie. Und auch den Judas mußte er mir Hervorrufen. Ich fand nichts besonders charakteristisch an ihm, als den rothen Bart und einen finsteren Blick, wie er bei Juden selten anzutreffen ist. Lange konnte; Äh diese Gesellschaft nicht vergeffen. Es vergingen fast zwei Jahre. Ich besuchte an einem Jahrzeittage wieder die Synagoge in der Schiffgaffe und traf wieder meinen seltsamen Greis als Bettler auf seinem Standplätze an den Stufen des Portals zum Gotteshause. „Aber, Jeremias, wie kommen Sie wieder hieher?', fragte ich erstaunt? „Lassen Sie mich gehen mit diesem Namen!" antwortete er ärgerlich, „ich habe die Ateliers und die Künstler satt, ich will nichts mehr von ihnen wissen." „Warum denn auf einmal?" „Warum? Weil sie mir meine Tochter, mein einziges Kind verführt haben. Aus der Martha oder Maria, als die sie anfangs saß, haben sie sie dann als Modell zu einer Grazie oder Nymphe gemacht. Das kann kein jüdischer Vater zugeben. Ich stürmte mit gezücktem Messer in das Atelier, hätte mich vielleicht an meiner Tochter vergriffen, wenn sie nicht mit ihren Kleidern in der Hand geflüchtet wäre, aber ich zerschnitt in meiner Aufregung die Leinwand, auf der ihr naktes Bild schon fast vollendet stand. Es kam zwischen mir und dem Maler zu einer heftigen Auseinandersetzung, und ich bettete seitdem nicht mehr die Schwelle eines Ateliers. Lieber betteln. Meine Tochter ist reuig in meine Arme zurückgekehrt, sitzt nun Tag und Nacht bei der Nadel, wenn sie damit auch kaum das Leben fristen kann. Ich gab diesmal dem Greis mehr als meine Umstände erlaubten. Bald darauf erfuhr ich, daß mein Freund, der jetzt ein kleines fixes Einkommen hatte, fleißig das Haus dieses Greises besuche. Bei dem Charakter meines Freundes wußte ich, daß er nur ernste Absichten haben könne und ich fand eines Tages in der Form einer Verlobungskarte meine gute Meinung von ihm bestätigt. Der Karte war das Bild beigelegt, wie Maria von Bethanien Jesus die Füße salbt. Literatur. „Der alte Grenadier" und „Die fidelen Alten" zwei Erzählungen von S. Kohn, Verfasser des „Gabriel." Es ist ein erfreuliches Zeichen der Zeit, wenn in der Hochfluth neuer literarischer Erscheinungen bisweilen ein Buch auftaucht, welches über ein müßiges Stündchen angenehm hinwegtäuscht. Der Erzähler — aus früheren Werken wohlbekannt, und werth geworden, ein Vorstreiter im Kampf gegen Aberwitz und Beschränktheit, steht diesmal wohl nicht immer auf der früher erreichten Höhe — mit welcher Liebe und intimer Detailkenntniß er auch sein Thema behandle. — Ein ergreifendes Bild entwirft er in seiner mäßig spannenden Werse von der Noth eines alten Judenehepärchens; blutarme Leute aber in Ehren ergraut. Sehr lebenswahr ist die alte Dina gezeichnet, immer muthig, thatkräftig und voll gescheidter Einfälle, wenn ihr Mann in düstere Hoffnungslosigkeit zu versinken droht. Ihre mit Klugheit gepaarte Herzensgüte krönt endlich der ersehnte Erfolg. Allerdings wirkt die Art, wie der Verfasser die Noth der alten Leute durch mannigfältige Zufälle enden läßt, ein wenig befremdend und verleiht der sonst sehr liebenswürdigen Geschichte ein Odium des Beabsichtigten und Gemachten. So das Finden der Brieftasche — ein etwas verblaßtes und verbrauchtes Motiv, das leicht durch ein glücklicheres zu ersetzen gewesenwäre, so die Verwechslung der Worte.Kutscher' mit,Kutschern' Das sind doch zu willkürliche Zufälle, um als treibende Motive einer übrigens noch so gediegenen Novelle verwendet zu werden. Die glückliche Wendung der Dinge könnte ein Schriftsteller vom Range S. Kohn's doch mehr aus den Characteren heraus entwickeln. In der zweiten Erzählung „Die sidelen Alten" erregt das Schicksal eines jungen Doctors lebhaftes Interesse; er geräth durch einen unglücklichen Zufall in den Verdacht, eine Münze entwendet zu haben. Da seine Unschuld schwer erweisbar erscheint, läuft der Mann Gefahr, in's Criminal gesteckt zu werden gerade zur Zeit, wo sich ihm Aussicht auf eine Stelle als Rabbiner eröffnet. Rechtzeitig klärt sich seine Unschuld auf, er dergibt seinen Feinden und macht durch eine großartige Predigt — in der Praxis geht has wohl etwas weniger rasch — aus einem hartgesottenen Antisemiten, dem Haupturheber seines Un-