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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-28 · 44 (28.10.1892) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 44 Orsterreichischr Wochenschrift Seite 7?>7 62jährigen, kranken Jehuda Leb Gordon, wie er gestorben, hat man zu Grabe getragen, den in seinen Werken lebenden, jugendfrischen Jehuda Leb Gordon, wollen wir ehrfurchtsvoll und innig in unsere Herzen schließen. Hochachtung und Verehrung einem Andenken!" Brünn. Der Bürgermeister in Damborzitz, Herr Salomo Wiesner feierte vorige Woche mit seiner Gattin Marie das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Aus diesem Anlasse wurden dem bei der Bevölkerung von Damborzitz und dessen Umgebung in allgemeiner Achtung stehenden Ehepaare unterschiedliche Ovationen gebracht. Brünn. (T e st a m e n t einer Wo hlthäterin) Die jüngst im hohen Alter hier verstorbenen Großindustriellen-Witwe, Frau Pauline Strakosch, hat eine große Zahl Legate zu Humanitären und Cultuszwecken für Brünn er- und Vereine ihrer Heimatsgemeinde Butschowitz in Mähren, testirt. Die Verstorbene, welche sich schon bei Lebzeiten durch Wohlhätigkeitssinn auszeichnete, hat sich durch diese letzwillige Verfügung ein gutes Andenken gesichert, das noch in späten Tagen Zeugniß von dem Edelsinne dieser gottesfürchtigen Frau geben wird. — Troppau. In einer außerordentlichen Generalversammlung der Troppauer iirael. Cultusgemeinde wurde der Bau einer vierclassigen Volksschule auf dem ehemals Herz!schen Fabriks-Grundstücke definitiv beschlossen. Stuttgart, 19, October. Gestern Abend 9 Uhr verstarb ohne Todeskampf Herr Kirchenrath Dr. Moses Wassermann, Rabbiner der hiesigen israelitischen Gemeinde, hochbetagt, im 83. Lebensjahre. Der Verstorbene, der allgemein in hoher Achtung stand, hat sich auch literarisch bekannt gemacht, nicht bloß durch wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiete der mosaischen Theologie, sondern auch belletristisch durch einen Roman: Juda Touro, ein Gentleman semitischer Abstammung. Weimar. Bei Ueberreichung der Glückwunschadresse der Israeliten durch den Landes-Rabbiner betonte der Großherzog, daß alle Landeskinder seinem Herzen gleich nahe stehen. Berlin, 10. Oktober, Herrn Sanitätsrath Dr. S. Neumann ist der Rothe Adlerorden lll. Classe verliehen tvorden. Berlin, 10: Oktober, lieber die Mischehen und das Religionsbekenntniß der Kinder aus diesen Ehen enthält die „Etat, Corr." auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung von 1890 eine Zusammenstellung, der wir Folgendes entnehmen: Es wurden in Preußen 263 680 Mischehen gezählt, darunter 187.626 oder 71,16 pCt. mit Kindern unter 16 Jahren, die sich noch im Haushalte der Eltern befanden. Was die Mischehen zwischen Christen und Juden anbelangt, deren 2638, darunter 1646 .mit Kindern unter 16 Jahren gezählt wurden, so wurden von den 3216 Kindern aus Ehen zwischen Evangelischen und Juden 2368 oder 76,8 PCt evangelisch und 727 oder 22,6 pCt. jüdisch erzogen; von den 588 aus Ehen zwischen Katholiken und Juden 331 oder 56,3 pCt. katholisch und 196 oder 33,3 pCt. jüdisch; der Rest von 10,1 PCt. in anderen Bekenntnissen. Königsberg i. Pr., 10. October. Der ordentliche Professor in der medicmischen Facultät der hiesigen Universität Herr Dr. M. Jafse ist zum Geheimen Medicinalrath ernannt worden. Prof. Jafse gehört dem Vorstande der hiesigen jüdischen Gemeinde an. Paris. Am Rüsttage des Versöhnungstages verstarb zu Sevres Michel Erlanger im 64. Lebensjahre. Der Verstorbene war Mitglied der Alliance isr. univ, und Mitglied des Central- Comite, sowie des Consistoriums, er war mit sehr reichem — auch hebräischem — Wissen ausgestattet und es gab keine humanitäre und wissenschaftliche Vereinigung, die der mit einem zum Wohlthun geneigten Herzen Ausgestattete nicht reichlich unterstützt und gefördert hätte. An seiner Bahre — die Beerdigung fand am 3. October hier auf dem Pere Lachaise statt — sprachen die Grandrabbins von Frankreich und Paris, Gustav v. Rothschild (Namens des Consistoriums). Dalsace (Namens der jüdischen Wohlthätigkeits-Anstalten), Leven (Namens der Alliance) ergreifende Worte der Anerkennung, Dankbarkeit und des liefen Schmerzes ob des großen Verlustes, den nicht nur das französische, sondern das Gesammte Judenthum erlitten. Ruffland. Bedauerliche Excesie sind, Warschauer Blättern zufolge, in der 6000 Einwohner zählenden Stadt Ostrow zwischen Juden und Christen vorgekommen. Eine antisemitische Menge machte den Juden den Borwurf, daß sie den sanitätspolizeilichen Anordnungen zum Schutze gegen die Cholera hartnäckigen Widerstand leisteten und außerdem die Trinkwasserbrunnen verpesteten. Es kam zu gewalthätigen Auftritten, bei denen jedoch die in der Ueberzahl befindlichen Juden die Oberhand behaupteten. Es gelang der Polizei endlich, die Ruhe wieder herzustellen. Petersburg. Als Beispiel russischer Polizeiwillkür diene Folgendes: Ein jüdischer Lehrer wurde ans der Hauptstadt ansgewiesen. Da er aber in dem Ansiedelungsgebiete, wo Ueberfluß an Lehrern ist, keine Stelle finden konnte, kehrte er heimlich nach hier zurück. Er wurde von der Geheimpolizei entdeckt und durch Kreuz- und Querfragen zur Nennung der Personen gezwungen, welche ihm, der ohne Paß war, aus Erbarmen Obdach gegeben hatten. Aus Dankbarkeit gegen seine Wohlthäter, wollte er diese nicht verrathen. Er wurde nun so grausam an den Ohren gerissen, daß er besinnungslos zu Boden stürzte. In dem Glauben, daß er fimulire, hieb die Polizei mit Stöcken auf ihn, um ihn zum Aufstehen zu zwingen, bis der Arme wahnsinnig wurde, und in eine Irren-Anstalt gebracht werden mußte. — Washington, 11. Oktober, Der Gesandte der Bereinigten Staaten in der Dürkei, Herr Hirsch, hat seine Entlassung eingereicht. Feuilleton. Alle Heiligen. Bor den breiten Stufen, die zum Portale der Synagoge in der Schiffgasse führen, stand er Tag für Tag, wenn das Publikum den Morgengottesdienst verließ. Er sprach Niemanden um eine Gabe an; aber in seinem Gesichte lag so viel Jammer ausgeprägt, daß nur Wenige vor ihm vorübergingen, ohne ihm mindestens ein Kreuzerstück in die knochige zitternde Hand zu stecken. Ich war damals im Trauerjahr um einen theuren Todten und besuchte täglich dieses, in der Nähe meiner Wohnung gelegene Gotteshaus zum Kaddisch. Als ich das erste Mal ihn gewahrte, blieb ich, von diesem Gesichte eigenthümlich ergriffen, vor ihm stehen, suchte in den Taschen meiner Weste, die leider gewöhnlich leer waren und fand glücklicher Weise einen Kreuzer, den ich ihm reichte. Nun sah ich mich aber immer vor, kargte mir den Kreuzer ab, um ihn diesem Armen zu geben, denn wer immer ein Leid im Herzen trug, wurde von dieser Jammergestalt angezogen. Ein durch die Jahre arg mitgenommenes und verrunzeltes Geficht, eine breite Stirne und zwei große Augen, von welchen eines schon erloschen war, und ein wahrer Apostelbart, der ihm bis auf die Brust herabfiel, weiß wie ein Lilienbouquet, waren nur äußere Zeichen eines kummervollen Lebens; aber es zeigte sich in diesem Gesichte die Majestät des Schmerzes selbst, die in dem Beschauer jede wehmüthige Empfindung wach rief, nicht der persönliche Schmerz, wie er an Laocoon oder Prometheus zum Ausdrucke kam, sondern der Weltschmerz, wie ihn Marius aus dem Schutt Carthago's oder Jeremias auf den Trümmern Jerusalems empfand, der Schmerz, wie er nur noch aus dem Gesichte eines frommen Juden liegt, der um Zion trauert. Nach einigen Wochen verschwand plötzlich dieser Arme von seinem Standplatz. Er ging mir und gewiß auch vielen anderen Besuchern dieses Gotteshauses wirklich ab, denn ich war schon gewöhnt, ihn als zum Gottesdienste gehörend zu betrachten. Ich vermochte trotz meiner Neugierde nichts über die Ursache seines Ausbleibens zu erfahren, bis mich nach längerer Zeit der Zufall darüber aufklärte. Ich ging nämlich einmal mit einem Freunde plaudernd» in einer der damals noch wenig gepflegten Partien des Praters spazieren. Es war ein junger Schriftsteller, der ein sehr bedeutendes Talent war, aber nichts auf der Welt besaß, als ein schönes orientalisches Gesicht, was ihm gerade in seinem Fortkommen hinderlich war. Plötzlich Höfte er zu sprechen aus, flog mit einem mächtigen Sprunge auf die andere Seite der Allee, in der wir hinschritten, und warf sich in die Arme eines Greises, der unter einem der schattigen Bäume beschaulich saß. „Wie, Siefind es in derThat, meinehrwürdigerJeremias?" „Ja, ich bin es, mein theurer Jesus." Und nach diesem doppelten Freudenruse umarmten und küßten sie sich wiederholt. Ich erkannte in dem Greise, der jetzt bessere Kleidung trug, meinen Bettler von der Synagoge in der Schiffgasse. Ich blieb aus Zartgefühl etwas in der Ferne stehen, aber es entging mir kein Wort ihres Dialoges. „Bist Du krank gewesen, mein Junge? Man sieht Dich ja nicht mehr unter uns."

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