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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-28 · 44 (28.10.1892) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 7U Orsterreichischr Wochenfchrist Nr. 44 Antisemitismus nicht umhin konnten, einem Juden eine Prä« miirung zuzuerkennen. Herr Pick verdient aber in anderer Richtung vollste Anerkennung, denn er hat den „biedern" Ariern des Wakdviertels so recht eindringlich demonsttirt, daß jüdische Handwerker in ihrem Gewerbe Hervorragendes zu leisten vermögen. Troppmr. (Antisemitische Excesse.) Während ver am 16. October stattgeftrndenen Theatervorstellung verbreitete sich im Zuschauerraume das Gerücht, daß im ersten Bezirke ein Brand ausgebrochen sei und die Spiritus-Raffinerie in Flammen stehe. Daraufhin entstand eine große Panique; doch erwies sich die Feuermeldung als falsch. Allmählrg kehrte das Publikum in das Theater zurück. Die Vorstellung wurde dann zu Ende geführt. Bor der Raffinerie spielte sich jedoch eine unliebsame Scene ab, welche der antisemitische Pöbel aufführte. Dieser wollte — weil der Fabriksbesitzer der Feuerwehr, für die gar kein Anlaß zum Einschreiten vorlag. den Eintritt verwehrte — die Raffinerie stürmen. Die Polizei schritt ein und trieb den Pöbel auseinander. Prag. In Ihrer Nummer vom 23. October schreibt die „Bohemia": Kain (sprich Kohn). Neulich beim Frühstück wurde meine Zeitungs-Lecture unterbrochen durch den Zwischenruf: „Jetzt kommen wir schon bald, zur Sündfluth!" — AehnlicheS hatte ich mir soeben selbst gedacht, so daß ich einen Augenblick glaubte, der Zwischenruf käme unwillkürlich aus meinem Innern heraus. Allein in Wirklichkeit war er von den Lippen meines kleinen Jungen gekommen, der mich mit diesen stolz gesprochenen Worten von den ansehnlichen Fortschritten seiner beginnenden „Bildung" benachrichtigte. „Ei ei, und wo seid Ihr denn letzt?" fragte ich. „Bei Kain und Abel," war die Antwort. — „Also erzähl' mir doch mal die Geschichte von Kain und Abel", sagt' ich ihm. — „Na weißt du Papa", sing er an. „der Kain war das Vorbild der Juden" . . . Mir fiel vor Schrecken das Kipfel in die Taffe. Wiekam der kleine Mensch, den ich in voller nattonaler und confeffioneller Vorurtheilslosigkcit heranwachsen zu lasten bestrebt bin, zu einer solchen Ansicht? — „Ja was fällt Dir denn ein?" rief ich ihm zu. Er aber entgegnet mit großer Wichtigkeit: „Ja weißt Du Papa: der Kain war auf der ganzen Erde zerstreut und hat seinen Bruder ermordet, darum ist er das Vorbild der Juden." Und wie ich nun Wetter forschte, wer dem Knaben diese Neuigkeit anverttaut hat, sagt er kaltblütig: „Im Büchel steht's!" und bringt das „Büchel" herbei. Nämlich die im k. k. Schulbücher-Verlage in Wien erschienene „Biblische Geschichte des Alten und Neuen Testaments für allgemeine Volksschulen und für Bürgerschulen" von Dr. I. Schuster. Da sttmmt denn auch die Neuigkeit, zwar nicht wörtlich, aber ungefähr. Auf Seite 7 ist der Geschichte von Kain und Abel in zwei Zeilen folgende Moral angehängt: „Abel war ein Vorbild des von seinen Brüdern, den Juden, unschuldig getödteten Jesus; Kain war ein Vorbild der über die ganze Erde zerstreuten Juden." — Zu meiner Zeit wurden uns, glaub' ich, in den Schulbüchern keine solchen Neuigkeiten mttgetheilt, wenn ich mich auch sehr wohl erinnere, daß in das alte Testament immer sinnige Beziehungen aus das neue Testament eingeflochten waren. Indessen wird die Sache wohl in Ordnung sein, da das Schuster'sche Buch, wie auf dem Titelblatt ausdrücklich bemerkt ist, mit Approbation des hochwürdlgsten Card mal-Fürsterzb isch ofs von Prag und einer Reihe anderer Kirchenfürsten erschienen ist. Oder sollte etwa die „Zerstreutheit" die das Prototyp der Juden kennzeichnen soll, auf Seite jener Herren Censoren gewesen sein, die von den erwähnten Kirchensürsten mit der Durchsicht des Buches beauftragt wurden? Dresden, 17. Ottober. (Praktischer Antisemitismus!) Der ehemalige Vorsitzende des antisemitischen Reformvereins für Görbitz und Umgegend, der Gärtnereibesitzer Claus zu Bolsnitz bei Görbitz ist vom hiesigen Landgericht wegen Wechselfälschung in 34 Fällen im Gesammtbettage von 10.000 Mark zu 3y2 Jahren Gefängnis und 4 Jahren Ehrverlust verurtheilt worden. Paris. Ich lese in der Zeitschrift „La Revue des Revues“ vom October d. I.: „In der letzten Nummer der Dresdener Wochenblätter fährt Dr. Heinrich Pudor mit der Purification Deutschlands fort. Gestützt auf authentische Documente ist er zur Schlußfolgerung gelangt, daß Schiller romanischer Abstammung und daß Lessing ein slavischer Jude war. (Prob pudor!) wird wirklich Deutschland bald nichts mehr verbleiben als Herr Doctor Pudor, Fürst Bismarck und vielleicht auch noch ii^üpp, es wäre denn, daß man diesen Namen von dem polnischen Krup ableiten wollte". I „Little Folks Magazine“ (September) versichert uns, daß j in Travancor (einem Staate in Nordindien) eine Rasse weißer Juden lebe, so genannt wegen der vollständigen Weiße ihrer Haut und ihrer Haare. Sie waren einstmals sehr zahlreich; gegenwärtig aber sind sie auf eine Anzahl von nur 200 Seelen zurückgegangen. Sie bewohnen für sich allein einen Stadttheil im Städtchen Cochin, an der Küste von Malabar'" Petersburg. Schon einmal, im Jahre 1882, haben sich die Moskauer Kaufleute zusammengethan, um zu Gunsten der bedrohten Juden eine Petition einzureichen. Damals, als auf Befehl Jgnatieffs die Juden in Südrußland verfolgt wurden, als Moskau in Bezug auf Handel und Industrie durch Austteibung der Juden gleiche Gefahr drohte, wie heute, traten 50 der größten Industriellen zusammen und beschwerten sich beim Finanzminister Bunge, indem sie nachwiesen, daß die Juden die Blüte der Moskauer Industrie herbeigeführt, also nicht leichtsinnig geopfert werden könnten. Diese Petition wurde von Herrn Katkoff in der Moskauer „Gazette" mit einer Vorrede voll Tadels und Verurtheilung der grausamen Judenverfolgung abgedruckt, was den Fall Jgnatieffs zur Folge hatte. Der Zeitraum von 1882—1892 bedeutet in anderen Ländern einen großen Schritt vorwärts, aber in Rußland bedeutet diese Zeitepoche in Bezug auf Aufklärung und Humanität einen großen Schritt rückwärts. Die Verfolgungen der Juden in Rußland sind so grausamer Art, die Verluste der Moskauer Kaufleute so immens, daß wieder 50 Großkaufleute, Herr Schukin, Direktor des Danilogski'schen Etablissements, an der Spitze, es gewagt haben, eine Petition zu Gunsten der Juden zu überreichen. — Diese Herren repräsentiren zusammen ein Capital von über 15 Millionen Pfund Sterling und sind mit einigen Ausnahmen dieselben, welche die Petition von 1882 unterzeichnet hatten. Zwei Ausnahmen müssen besonders hervorgehoben werden. Es sind dies die Herren Protopopoff und Alexeieff, welche es diesmal „als mit ihrem Amte nicht vereinbar" ablehnten, gleichfalls zu unterzeichnen. Herr Protopopoff ist Präsident und officieller Vertteter der Moskauer Kaufmannschaft Herr Alexeieff Bürgermeister dieser Stadt. Es dürfte also etwas schwer fallen, eine Begründung dafür zu finden, warum genannte Herren „kraft ihres Amtes" verhindert sein sollten, sich der Moskauer Kaufmannschaft anzuschließen, wo sie doch vielmehr gerade vermöge ihres Amtes dazu berufen erscheinen. Die Petition lautet in deutscher Uebersetzung wie folgt. „Seiner kaiserlichen Hoheit, dem Großherzog Sergius Alexandrovisch, General-Gouverneur von Moskau. Die Liebe und Sorgfalt, mit welcher die kaiserliche Regierung über die Interessen ihrer Untcrthanen wacht, ermuthigt uns, die Unterzeichneten, die Aufmerksamkeit Ihrer kaiserlichen Hoheit auf einen Umstand zu lenken, mit welchem die Wohlfahrt so mancher russischer Bürger enge verknüpft ist: Ein Zweig russischer Industrie, welchen Regierung und Privatpersonen mit so viel Mühe und Anstrengung eingeführt haben, sieht einem gänzlichen Untergange entgegen, wenn nicht sofort energische Maßregeln ergriffen werden, um dagegen zu arbeiten. Die Kaufleute von Moskau und Jvanovo-Voznezeusk können nicht anders, als Zeugniß oblegen von dem allgemeinen Stillstand des Fabriks-Handels daselbst, welcher hauptsächlich durch das Ausbleiben jüdischer Käufer verursacht wurde. In früheren Jahren kauften Juden jährlich allein Moskauer Erzeugnisse im Werthe von mehr als 100 Millionen Rubel und veräußerten die Waren. Dank ihrer ausgebreiteten geschäftlichen Thätigkeit an die Bewohner der südlichen und westlichen Provinzen, wo sie unsere gefährlichsten Concurrenten aus dem Felde schlugen. Infolge ihrer Ausweisung nun, wie auch der Schwierigkeiten, welche man dem längeren oder kürzeren Aufenthalt der Juden in Moskau in den Weg legt, müssen dieselben sich von allen Geschäften fern halten, was einen Verfall der russischen Industrie^ zur Folge hat. Wir Unterzeichneten bettachten uns durchaus nicht als competent, diese Frage zu lösen oder gar ein Urtheil über die Handlungsweise der Regierung abzugeben, wir glauben nur, daß es bei einer besseren, freundlicheren Auslegung der Gesetze sehr gut möglich sein wird, diese mit den Interefsen des Handels und der Industrie in Einklang zu bringen. Die Gesetze die jetzt in Kraft sind, lassen das Recht jüdischer Kaufleute erster Gilde in Moskau zu wohnen, unangetastet; ein gleiches Gesetz gestattet jüdischen Kaufleuten erster und zweiter- Gilde behufs Einkaufes von Waren in die Hauptstädte de Reiches zu kommen. Ferner besteht noch das Gesetz, das den Beamten dieser Juden zu demselben Zwecke nach Moskau zu kommen erlaubt. Diese Gesetze sind äußerst nützlich und wichtig

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