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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-28 · 44 (28.10.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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SSSSiäl Seite 792 Orsterrrichifche Wochenschrift Nr. 44 an dem zu jener Zeit mit größter Erbitterung geführten literarischen Kriege gegen alle Hemmnisse nationaler Einheit und Größe. Das Zustandekommen des vielverheißenden Wartburgfestes begrüßte Uhling selbstverständlich mit innigster Freude, fehlte weder bei den begeisterten Freiheitsreden im Saale der Diernitz, noch bei der Feuercensur auf dem Gipfel des Wartenberges und besuchte zuguterletzt auch die am 19. October in der Lutherstube veranstaltete Nachfeier-Kneipe der zurückgebliebenen zwanzig Jenenser, bei welcher der studentenfreundliche Müller das Opfer eines drolligen Burschenulks wurde. Da nämlich zwischen der lieblichen Fredegunde und einem der jungen Herren von Jena ein zartes Liebesverhältniß bestand, das der Billigung des gestrengen Vaters bedurfte, so hatten einige bemooste Häupter den losen Plan ausgeheckt, das junge Mädchen am 19. auf die Wartburg zu schaffen und dort in kleidsamer, schmucker Burschentracht in jenem Augenblicke in die Corona zu schmuggeln, wo Papa Uhling im Zustande höchster Begeisterung und Bierseligkeit nicht mehr das Herz haben würde, allseitigem Bitten mit einem rauhen „Nein" zu begegnen. Ein solcher Moment kam sehr bald. Bon dem Senior aufgefordert, eine politische Rede zu halten, ließ sich Uhling nicht lange bitten; eine donnernde Beifallssalve lohnte seinen schwungvollenSpeech; jeder sprang auf, um ihn ungestüm zu umarmen; zwanzig Bursche küßten ihn hinter einander auf die bärtigen Lippen; und zum einundzwanzigsten Male hielt er — höchlichst verblüfft — sein eigenes Töchterchen in den Armen, über dessen Anwesenheit er fteilich nicht lange im Unklaren blieb. Den Aufgebrachten zu spielen, hätte ihm wenig gefluchtet; bat ja doch die ganze Burschenschaft für Fredegunde und ihren Erwählten. Uhling bequemte sich also, gute Miene zum bösen Spiele zu machen, und ertheilte Beiden den Segen, worauf noch am selben Abende in der holzgetäfelten Lutherstube die Verlobung des jungen Pärchens vor sich ging. Bemerkenswerth an dieser Begebenheit ist, daß Uhlings Eidam ein rechtgläubiger Jude war und zu den erklärten Lieblingen der ganzen Burschenschaft zählte, woraus unwiderleglich erhellt, daß christliche und jüdische Universitätshörer jener Zeit, der Sturm- und Drangperiode Jungdeutschlands, fest ünd treu zu einanderhielten, wie es würdigen Söhnen der gemeinsamen Mutter Minerva geziemt. Zur Ehre der heutigen academischen Jugend von Jena sei im Uebrigen constattrt, daß sich dieselbe immer noch unentwegt um das leuchtende Banner des Freisinnes schaart und in dichtgeschlossener Phalanx mitkämpft in der großen Culturcampagne gegen die Horden der Finsterlinge, auf das kräftigste hierin unterstützt von ihren Professoren und Lehrern, ausgezeichneten illustren Männern, die unserem Nothnagel gleichen, diesem edlen, hingebungsvollen Schätzer der Menschheit. Ein Enkel Hans Uhling's ist heute noch seßhaft auf dem durch verschiedene Zubauten inzwischen bedeutend vergrößerten Mühlengehöste an der fischreiche» Hörsel und dürste Augen- und Ohrenzeuge jener solennen Feier gewesen sein, welche Abgesandte sämmtlicher Burschenschaften aus Jena am 18. October auf der stolzen Wartburg begingen. Camillo Morgan. Das Schulgebet und die jüdischen Kinder. Wien, 22. Octvber 1892. Wir Juden haben niemals gegen die Dogmen der Kirche nach außen gekämpft, außer wir wurden gewaltsam auf den Kampfplatz gezerrt, wie im Mittelatter zu den öffentlichen Disputationen zwischen Bischöfen und Rabbinen, und auch da haben wir uns mit aller möglichen Zurückhaltung nur auf die Vertheidigung beschrankt. Wozu auch ein Angriff? Wir wollen ja keine Proselyten machen. „Alle Nationen mögen wandeln, Jeder im Namen seines Gottes; wir wollen wandeln im Namen des Herrn, unseres Gottes immer und ewig", hat der Prophet zur Richtschnur unseres Verhaltens zu anderen Religionen gemacht. Es verletzt auch kein fremder Gottesdienst unsere religiösen Gefühle, umsoweniger aber ein christlicher, der so viel Aehnlichkeit und so viele Berührungspunkte mit dem jüdischen Cultus hat. Wir hatten daher auch niemals irgend welche^ religiöse Bedenken gegen die Beschickung christlich-confessioneller Schulen, wie wir es in Wien thatsächlich mit den Concordats-Schulen gehalten haben, wo die von strengst-katholischen Charatter, wie z. B. die Schule im Heiligenkreuzerhof, von jüdischen Kindern massenhaft besucht wurden. Und es ist uns auch ganz gleichgilttg, wenn die katholischen Kinder jetzt in der Neuschule am Schluffe des allgemeinen Schulgebetes das Kreuzeszeichen machen und das sogenannte apostolische Bekenntniß laut hersagen, worüber jüngst so viel Staub aufgewirbelt wurde, als wollte in Wien derselbe Kamps ausbrechen, wie in Berlin über den gleichen Gegenstand mit dem Professor Harnack. Allein, nachdem die Wiener Schulen heute Simultanschnlen sind, darf es den jüdischen Kindern ebenfalls nicht verwehrt werden, am Schluffe des allgemeinen Schulgebetes die Formel ihres Glaubensbekenntnisses laut zu sagen, so daß, während die katholischen Kinder ihr: „Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen", die jüdischen Kinder ebenso laut und vernehmlich; „Im Namen Gottes, des Einzig-Einigen, Amen" sprechen. Und an die Einführung dieser Reform für die jüdischen Schulkinder sollte der Cultusvorstand als jüdische Religionsbehörde ernstlich schreiten. (kä wäre dies keine Nachahmung einer christlichen Form, sondern entspräche nur dem alten „Leschem Jichud“, welches jeder Ausübung eines Gebotes vorausging; und ist nicht das Lernen das oberste aller jüdischen Gebote? Die jüdischen Kinder würden dadurch auch in ihrer Religion gekräftigt und in ihrer Mission gehoben, Träger des reinen Monotheismus zu sein. Die Dissonanz, die dadurch in der Schule enfftünde, daß die katholischen und die jüdischen Kinder zu gleicher Zeit verschiedene Formen laut sagen, würde wahrlich durch den Gewinn ausgewogen, daß sich dadurch die Kinder der verschiedenen Confessionen mehr an gegenseitige Toleranz gewöhnten, als wenn die jüdischen Kinder stumm da sitzen, während die katholischen Kinder ihr Bekenntniß sagen, bei welchem unterschiedlichen Verhalten diese ein gewisser Dünkel überkömmt, als hätten nur sie einen Gott, die jüdischen Kinder aber nicht, wie es ihnen vielleicht ihre Katecheten in der Religionsstunde noch ausdrücklich verkünden. Wenn es den Clericalen, mit ihrem Lärm wegen der vom Bezirksschulrathe gewollten Auflassung des lauten Aufsagens des apostolischen Glaubensbekenntnisses am Schluffe des allgemeinen Schulgebetes wirklich nur darum zu thun war, die katholischen Kinder nicht in der Religion schwächen zu lassen, so werden sie keinen Anstoß daran nehmen, wenn auch die jüdische Religionsbehörde ihrerseits dieselbe Vorsorge trifft und die jüdischen Kinder ihr Bekenntniß sagen läßt. Ein Familienvater. Historische Parallele. Es ist von Interesse zu beobachten, wie der menschliche Machttnstinct sich immer der gleichen Mittel bedient, um eine Minorität zu unterdrücken, abzusondern und verächtlich zu machen. Eigenthümliche Parallelen kommen hierbei zu Stande. Die Juden Frankreichs, die erst zur Zeit der ftanzösischen Revolution Bürgerrechte erhielten, waren im Mittelalter von der übrigen Gesellschaft ausgestoßen und als Ketzer verdammt. Sie mußten ein gelbes Stückchen Tuch an ihren Kleidern befestigen, um Jedermann als Jude kenntlich zu sein, und das Wort „hündische Juden" war das beliebteste Schlag- und Schimpfwort, vor dem sie sich kaum retten konnten, selbst wenn sie sich in ihre Ghettos flüchteten, die Nachts mit Ketten von den übrigen Stadttheilen abgesperrt wurden. Eine frappante Parallele dazu bietet die Geschichte der Nachkommen der Westgothen. Punkt für Punkt decken sich fast ihre Schicksale. Dr. Gsell-Fels berichtet in seinem „Südflankreich" (2. Auflage Lpz. 1880. S. 623) über die Kirche von Luz und üoer die sogenannte Cagots folgendes: „ . Auch sieht man wie an manchen Baskenkirchen, eine jetzt erneuerte, niedrige Thür am südlichen Ende, durch welchen die Cagots eintteten, wo ihnen hinter einem nur für sie bestimmten Weihkessel von der Gemeinde abgeschiedene Sitze eingeräumt waren.

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