Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 44 (28.10.1892)
- Date
- 1892-10-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 44 Orfierreichifche Wochenschrift Seite 791 jedes Herz und jeder Kopf, die ganze Kraft der Intelligenz zur Abwehr der Gefahren sich einsetzen, der in den vielhundertjährigen Leiden bewährte Heldenmuth sich erneuern. Ist es ein Wunder, daß die gehässigsten Vorurtheile gegen Juden auch in jenen Kreisen sich erhalten, in denen eine aufgeklärte religiöse Anschauung heimisch ist, wenn die Juden selber gegen die Lehren des Judenthums, die Quellen derselben eine empörende Geringschätzung an den Tag legen, eine haarsträubende Unkenntniß der Geschichte und Verdienste der Väter um die menschheitliche Cultur, ihre Leistungen und Schöpfungen auf allen Gebieten der Wissenschaft. Die von Herrn v. Guttmann geplante Conferenz der europäischen Großgemeinden lvird schwerlich zusammentreten; in seinem Idealismus und Thatendrang übersieht der Gemeindepräses alle jene Bedenken und Hindernisse, welche seinem von den hochherzigsten Intentionen getragenen Plane entgegen stehen. Allein Eins wünschen wir sehnlichst: Aus dem Conferenz-Vorschlag des hochherzigen Präsidenten der Wiener Cultusgemeinde möge der Oesterreichischisraelitische Gemeindebuud sich herausbilden. Wenn das geistige Elend und die religiöse Verkümmerung des großstädtischen Judenthums einer Steigerung fähig wäre, so haben die jüdischen Gemeinden in der Provinz auch dieses Maß übertroffen. Die Zerrüttung der religiösen Zustände, die eingeriffene religiöse Anarchie ist geradezu eine haarsträubende und scheint allen Denen unglaublich, welchen die Gelegenheit gefehlt hat, jahrelang die Verhältnisse genau und ernst zu beobachten. Wir reden nicht davon, daß jede einzelne Gemeinde sich einen eigenen Gottesdienst nach Willkür und Belieben organisirt, ohne auf die Uebereinstimmung mit der Gesammtheit die geringste Rücksicht zu nehmen, — „der Anzahl deiner Städte gleicht die Zahl Deiner Götter, Israel", klagte schon der alte Prophet. Wie und nach welchem Plane soll der Religion s- Unterricht ertheilt werden? Was gehört zum Wesen der israelitischen Religionslehrer? Wer ist als Religionslehrer qualificirt? Ueber alles das entscheidet ein Vorsteher, welcher von all' diesen Dingen vermöge seines Berufes nur geringe Kenntniß besitzt und nach einem Triennium neu gewählt werden muß. Mit jedem Triennium kommt ein neuer Vorsteher, mit ihm ein neuer Lehrplan, neue Wünsche und Lehr-Jnstructionen, eine neue — Religion. Jede einzelne Gemeinde steht isolirt, ohne die geringste Fühlung mit den übrigen Gemeinden zu unterhalten. Die Regierung hat uns die Consistorial-Behörde verweigert, schaffen wir selber wenigstens ein äußerliches Vereinsband, welches alle Gemeinden der österr. Monarchie umschlingt, Gemeinden und Vorstände sollen ein gemeinsames Organ haben, einen Mittelpunkt gemeinsamer Beratschlagung, wie es der deutsch-israelitische Gemeindebund für die Gemeinden Deutschlands geworden. Von der bewährten Energie und Opserfreudigkeit des Herrn v. Guttmann erhoffen wir, daß er das begonnene Unternehmen zu Ende führt durch alle Klippen und Hindernisse — ein Unternehmen, welches allein schon seinem Namen in der Geschichte der österreichischen Gemeinden ein glänzendes Blatt sichern wird. Remimseenzen an das deutsche Wartburgfest. Ein Gedenkblatt zum 18. October 1892. Kaum waren die Festlichkeiten der goldenen Hochzeitsfeier des großherzoglichen Paares von Sachsen-Weimar verrauscht; noch schmückten in der berühmten Göthestadt an der Ilm Flaggenmasten und bewimpelte Ehrenpforten, welche Loyalität und dynastischer Sinn dem jubilirenden Herrscherpaare errichtet, Plätze und Straßen, als ein neuer Ehrentag für das schöne Thüringen anbrach, — ein Festtag für Jena, Eisenach und die von lüftiger Bergesspitze weithin in die Lande lugenden Wartburg. Am 18. October sind es nämlich fünfundsiebzig Jahre gewesen, daß auf der letztgenannten ehrwürdigen Landgrafenveste, wo Wolfram von Eschenbach im sagenhaften Sängerwettstreite Heinrich von Ofterdingen bekämpfte und drei Jahrhunderte später Martin Luther seiner Bibelübersetzung oblag, die deutsche Studentenschaft sich ein Massenstelldichein gab, um eine allgemeine deutsche Burschenschaft aus ihrer Mitte zu gründen und zugleich die siegreiche Völkerschlacht bei Leipzig zu feiern. Schon am 16. und 17. des Weinmonates eintausend achthundert und siebzehn pilgerte Alt und Jung aus dem Eisenacher Oberlande schaarenweise zur majestätischen Wartburg empor, um deren Gemäuer zum Empfange der für den 18. angesagten Studenten mit Blumengewinden und Tannenreisig zu schmücken, und der hochsinnige Großherzog Karl August ließ im Saale der Diernitz, dem sogenannten Tracte der Prinzen, sowie in den großen Höfen der Burg nicht nur lange Reihen von Tischen und Bänken aufstellen, sondern auch einen genügenden Vorrath von Speisen und Getränken aufspeichern, damit es der studirenden Jugend an der nöthigen Stärkung und Erquickung nicht fehle. Am 18. Früh, als sich kaum noch die Sonne aus ihrem Bette erhoben hatte, kamen sie bereits an — die riesigen Musensöhne, in langem unübersehbarem Zuge. Die Jenenser marschirten mit ihren Profefforen Fries, Oken, Kiefer und Schweizer an der Spitze desselben; ihnen folgten die Hörer von elf anoeren Hochschulen Deutschlands. Gras Keller aus Stedten ttug eine prächtige Fahne voran, ein Geschenk der Frauen und Jungftauen Jena's, und Professor Scheidler aus Gotha ein vom Leder gezogenes, in der Sonne blinkendes Burschenschwert. Mit tausendstimmigen Jubelrufen wurden die Anlangenden von dem sie erwartenden Volke begrüßt, das den ganzen Schloßberg besetzt hielt, und das Hüte- und Tücherschwenken währte so lange, bis die Letzten des Zuges in den geräumigen Hallen der Wartburg Einlaß gefunden hatten. Dort nahmen nunmehr die verschiedenen Reden über die Gründung der allgemeinen deutschen Burschenschaft ihren Anfang. Rhetorische Meisterstücke von zündender Wirkung waren es, die einander hier folgten. Sie predigten glühende Vaterlandsliebe und Hochhaltung alles Schönen, Edlen und Guten; von Rassenhaß und Rassenverfolgung, welcheheutzutagedieLieblingsthemata burschenschaftlicher Hetzredner sind, war hingegen mit keinem Worte die Sprache, denn die antisemitische Pest hatte die jugendlichen Herzen von damals noch nicht vergiftet. Als es Abend geworden war und die Kuppen des Thüringerwaldes mit Gold und Purpur sich schmückten, zündete man aus dem Wartenberge unfern der Wartburg ein großes Siegesseuer zur Erinnerung an die Leipziger Niederlage des corsischen Emporkömmlings an und feierte in weihevollen Gesängen die Befteiung der gesammten deutschen Natton vom verhaßten sranzösischen Joche. Den Abschluß des würdig begangenen Tages bildete ein eigenthümliches Autodafe, indem man achtundzwanzig mit der allgemeinen Volksstimmung nicht in Einklang zu bringende Schriften in die prasselnden Flammen warf und die Verfasser derselben (Dabelow, Kamptz, Haller, Kotzebue, Cölln, Ascher, Schmalz, Zachariä und Reinhard) als gefährliche Feinde des Deutschthums und des deutschen Volkes erklärte, — eine That, welche eine erbitterte Federsehde mit den aus diese Weise Verfehmten nach sich zog. Am 19. in den Vormittagsstunden machte sich bereits der größte Theil der Festgäste aus den Heimweg; nur zwanzig Jenenser verblieben noch auf der Wartburg und veranstalteten in den Abendstunden eine Nachfeier-Kneipe in der wohnlichen Lutherstube. Am 20. aber, mit dem Morgengrauen, schieden auch diese, und heilige Stille herrschte von nun an wieder in der alten Zwingherrenveste. Eine lustige Episode aus jenen burschenherrlichen Tagen, die mir vor zweiundzwanzig Semestern, als ich selber noch das dreifarbige Burschenband trug, einige Epigonen der alten Wartburgbrüder erzählten, sei ihrer Ergötzlichkeit halber an dieser Stelle berichtet. Unfern von Eisenach, "an den weidenumsriedeten Gestaden der Hörsel, lag zu jener Zeit eine einsame Mühle, auf welcher ein gewisser Hans Uhling schlecht und recht das ehrsame Müllergewerbe betrieb. Hans Uhling hatte in feiner Jugend vier Semester hindurch an der alma mater Jenensis die Rechtswissenschaften gehört; ehe er aber seine Studien zu vollenden vermochte, starb ein entfernter Verwandter und vermachte ibm unerwarteter Weise jene vorhin erwähnte Mühle — ein Er-, eigniß, welches unfern practischen Hans Uhling bewog, auf den" Doctorhut zu verzichten und ein simpler Müller zu werden. Er heirathete ein braves Mädchen aus der Umgegend daß ihm ein Töchterchen schenkte, welches er Fredegunde benamste; widmete sich vom frühesten Morgen an, bis Abends das Besperglöcklein ertönte, pflichtgetreu seinem Berufe; zur Nachtzeit aber verschlang der verbummelte Studio alle damals! wie Pilze aus dem Boden schießenden informatorischen Schriften, I insbesondere die von Oken herausgegebene „Isis", und griff; auch selber mitunter kampfeslüstern zur Feder, um theilzunehmen