Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 44 (28.10.1892)
- Date
- 1892-10-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 790 Oesterrrichische Wochrnfchrifi Nr. 44 sehen wähnte, in Wahrheit war und ist . . . So lange sich die wahre Farbe Bismarck's hinter dem Glanze seiner Aemter, seine wirkliche geistige Beschaffenheit hinter die Fähigkeiten und Tugenden seiner Umgebung, sein wahrer Character und seine wirkliche Gesinnung hinter der Maske einer hochherzigen Vaterlandsliebe zu verbergen vermocht; mit seinen Aemtem fielen die Coulissin und seine wahre Gestalt kam zum Vorschein . . . Selbst in der stets geführten äußeren Draperie dieser Gestalt zeigte sich deren Comodie. Bismarck der gar keine Activ- Legitimation zum Militär beint, der die Gefahren des Krieges stets nur aus diplomatischer Ferne gesehen, der, wenn er den Donner der Kanonen hörte, deren Pulver nicht roch, liebte es. gleich einen Boulanger im martialischen Costüme sich dem Publicum zu präsentiren, -erscheint in Helm und Panzer eines tapferen Cavallerie-Generals. Der Costümhelm scheint besonders ein Lieblingsstück dero martialischer Draperie zu sein. Allein so ganz unnütz ist der Rang eines Cavallerie- Generals eitlem Bismarck doch nicht g wesen, und mancher, der civiliter einen Ehrenhandel mit demselben auszufechten Veranlassung nehmen mußte, hat dann zu seiner Ueberraschung erfahren müssen, daß dem Generale Bismarck als Militär nicht civiliter in Ehrensachen beizukommen sei, da derselbe in dieser Beziehung vor ein Kriegsgericht gehöre; indes sich auf dem Wege der Militär-Gerichtsbarkeit wiederum ein zur Satisfaction activer General Bismarck nicht finden ließ." XLVL „Bismarck wurde seit. Die Zeitungen verkündeten allwöchentlich in Pfunden ausgedrückt den enormen Leibesumfang Sr. Durchlaucht. Was er vom Cassius zu wenig, hatte er vom Fallstaff zu viel. Das Fett ist gleichsam das Zeugtliß, das die Natur der Unfähigkeit ausstellt. Thcüsächlich findet sich unter allen wirkich großen Geistern keiner, der jenes Zeugniß der Natur äußerlich an sich getragen hätte. Ein Aesculap ex. machina mußte kommen -- und Herr Schwenniger erschien. „Die Rettung eines so theuren, geheiligten Lebens" erforderte entschieden die höchste Dankbarkeit des einigermaßen entfetteten. Der Fürst war wahrscheinlich gerade nicht bei Casse. Die Belohnung Schwennigers bestand darin, daß man ihn auf einen Professorenstuhl der Berliner Universität setzte — gegen alles Sträuben der Professorenschast. XLVII. „ . . Wir Deutschen fürchten Gott und sonst niemand in der Welt! und der es verkündete, war stets begleitet von bissigen Kötern und einem ganzen Heer geheimer Criminalbeamten, berufen den tapfern Reichskanzler zu beschützen. XLVIH. „Die elementaren Begeisterungsausbrüche für „den größten deutschen Staatsmann nehmen noch immer kein Ende. Ist die HundenMur in dem Character des Deutschen so vorwiegend entwickelt? Ist sie erst durch den unheilsvollen Einfluß des Bismarck'schen „Regimes" so in den Vordergrund getreten? Oder ist es eine geradezu klägliche in der Weltgeschichte einzig dastehende Unfähigkeit vor Augen liegendes zu sehen und. das einfachste zu begreifen . . . „Der sterbende Löwe, dem der Eiel einen Fußtritt gibt." Als wäre dieser Sterbende je ein Löwe gewesen. Ein selten unedler Character ist er gewesen, wie die Geschichte deren nur wenige aufweist. Zwanzig Jahre hat er das Wohl des Vaterlandes seiner Eigensucht geopfert. Mit der größten Rücksichtslosigkeit hat er während dieser Zeit alles anders denkende unterdrückt. Und nun sollte gerade er allein unantastbar sein? Man könnte aus diesem wie aus vielen anderen Gründen an dem deutschen Volke förmlich verzweifeln. Aber vielleicht rückt doch die Zeit heran, wo endlich der Bismarck'sche Bann gebrochen wird, dann erst kann cs mit Deutschland besser werden. Wol gibt es der „Schwärmer" noch viele, die dem „alten Zuge" folgend, dem erborgten Glanze in der Arena zujubeln. Das ist einmal Manier des Pöbels. Dies zu beobachten wird ja noch oft eine Gelegenheit gemacht. So zum Beispiel bei dm unlängst geschickt inscenirten „Bolksovationen" gelegentlich der Reisen Bismarck's Dem ruhigen Beachter der Scenen zeigte sich indeß an der Qualität der Gesellen, welche dem „größten Deutschen" ihre Ovationen darbrachten, nur zu deutlich, welcher Qualität diese Leute sind. XLIX. „ . . . Einer eingehenden Geschichtsforschung und Geschichtsbeschreibung muß es Vorbehalten bleiben, den dunkeln Schleier zu lüften über den ganzen Hintergrund jener düsteren Zusammenhänge, zu denen der „Proceß Geffken" und der Tod des edlen Königs Ludwig von Bayern das Nachspiel bilden.^ „Im December 1891 äußerte der ehemalige Reichskanzler gegen eine Deputation von Bürgern der Stadt Siegen: „Wenn das, was ich in vielen I hren mit der Kelle mühsam zusammengetragen habe, zusammenzustürzen droht, so werde ich zur Stelle sein!" Welch' ein Heldenmuth, welch' eine selbstlose Aufopferung! Wartet vielleicht der alte „Diplomat" darauf, daß im Lande wieder alles darunter und drüber gehe, Deutschlands Krieger dann auf's neue Blut und Leben opfern zu gewaltigen Siegen und der Diplomatie die Kastanien aus dem Feuer holen und im Glanze jenes Feuers jener vergoldete Heros sich abermals hinstcllen kann, die bluterrungene Beute als sein Eigenthum prahlerisch auszuschreien und sich zuzutheilen 7 . . v Der 20. März 1890 kann für alle Zeiten ein Gedenktag freudiger Art für Deutschland sein. An diesem Tage verabschiedete der deutsche Kaiser den Reichskanzler Fürsten Bismarck aus dem öffentlichen Dienste. Was Bisniarck der deutschen Nation gewesen, wird, je mehr die Zeit ihn von uns trennen und eine nüchterne, ehrliche Betrachtung wieder Raum gewinnt, dem Volke immer klarer werden. Vor seiner hohlen Schc-ngröße sank wahre G öße von Character und Geist, die allein wahren Werth zu verleihen, nur ein Volk allein glücklich und beständig zu machen vermögen, in den Staub. Nahezu dreißig Jahre hat Deutschland die von Bismarck ausstrahlende Hohlheit und Täuschung ertragen müssen. Nichts von Allem dem, das uns diese Zeit des wenigen, was in den Innern Einrichtungen zweckmäßig und dauerverheißend erscheint, ist auf diesen Mann zurückzuführen. . . Ohne das Auge auf das große Ganze zu werfen, richtete sich sein beschränkter Blick nur aus das selbstische Bedürfniß. Mit solchem Beispie und solcher Lehre einen Egoismus erzeugend, dessen schnöder Götzendienst alle idealen und geistigen Güter der Nation zu vernichten droht. Ern österr. israel. Gemrindebund. „Wie gebieten wir Einhalt dem rapiden Verfall des reit* giösen Geistes im Judenthum?" Diesem großen Problem hat der gegenwärtige Präses der Wiener israelitischen Cultusgemeinde seine ernste Sorge zugewendet und stand nicht an, die europäischen Großgemeinden zu einer Berathung einzuladen, wie die vernachlässigten idealen Kräfte von Gotteshaus und Gottesdienst, welche unfern Vätern in trüben Zeiten ein unerschöpflicher Lebensborn gewesen, zur erneuerten Werthschätzung und Geltung zu bringen. Wie machen wir den religiösen Gedanken , welcher für die Menschheit das ist, was für das Pflanzenreich der Saft, für das Thierreich das Blut, was für die Natur die Wärme und die Electricität, d. h. die nothwendige Voraussetzung des Lebens, der Bewegung und der Fruchtbarkeit — auch in unserer Mitte wieder lebendig? Oder ist Israel in der That der Nachtwandler, der geschlossenen Auges, im träumerischen Schlafe umfangen, die gefahrvollsten Firste des Daches, die steilsten Zinnen sicher gegangen, wachend aber und sehend in den jähen Abgrund stürzt? In der mittelalterlichen Kerkerluft hat Israel gedeihen, seine geistige Elasticität, seine religiöse Ueberzeugungstreue, den unentwegten Idealismus, den stets bewunderten Opfermuth zum Erstaunen seiner Hasser und Verächter entfalten können — soll das strahlende Sonnenlicht der Freiheit ihni Zersetzung und Auflösung bringen? Eine zweitausendjährige Knechtschaft hatte es trotzig überdauert, einem halben Jahrhundert der Gleichberechtigung soll es rühmlos erliegen? Armes Judenthum! Fast die Hälfte der Menschheit jauchzt und klagt in den Liedern deines königlichen Sängers, verseufzt den Schmerz in deinen herrlichen Psalmen, findet den Widerhall jeden Kummers in den ergreifenden Reden deiner Propheten — nur deine eigenen Söhne sehen wir oft dich verachten, und diese Selbstverachtung, welche jeder Wange die Röthe der Scham erzwingen muß, ist den Feinden Ansporn, den Geist des Judenthums zu erniedrigen. Der Culturkampf hat den deutschen Katholiken eine Stärkung und Kräftigung des religiösen Sinnes gebracht, welcher hingereicht hat/dem anstürmenden feindlichen Protestantismus siegreichen Widerstand zu leisten. Unsere Lage ist viel gefährdeter; allein, was schauen wir in unserer Mitte? Eine Erschlaffung des religiösen Geistes und Sinnes in allen Kreisen des Judenthums. Beinahe der letzte Faden zwischen der Gegenwart und Vergangenheit scheint zerrissen. Blicken wir in die Herzen, blicken wir in das Familienleben; überall eine geistige Oede. Nur Das, was einen greif- und zählbaren Erfolg hat, einen sichtbaren materiellen Gewinn bringt, vermag das Herz zu erregen und den Sinn zu wecken. Bon Außen der haßgerüstete, wuthentbrannte Anprall des Antisemitismus in allen Ländern, im Innern zersetzt vom religiösen Nihilismus, zerfressen von den materiellen Strebungen, die alles Sinnen und Trachten des Volkes gefangen genommen und die alten* idealen Regungen in seiner Brust erstickt Häven, steht Israel — wie die Feinde jubelnd verkünden — bereits am Anfänge vom Ende; es lebt nicht mehr, sondern fristet sich kümmerlich fort — noch eine kurze Weile. Losgelöst von den erhebenden Traditionen der Vergangenheit, sind die Juden der Gegenwart keine Glaubens-, sondern eine Leidensgenossenschaft; geistesleere, bekenntnißlose Splitter einer alten, nntergegangenen Rasse; sie sind keine Juden mehr, sondern nur noch Semiten! — In dem Kampfe, der uns aufgedrungen worden, müßte jeder Nerv und jeder Gedanke,