Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-28 · 44 (28.10.1892) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020944--01833-3025893
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seüc 788 Oesterrrichische Wochenfthrrst Nr. 44 werden durste. Wie? 1000, sage tausend Gulden zu einem Synagogeubau spenden — in unserer Zeit? In der Zeit de ä erleuchteten Judenhasses? Diese Unthat schreit nach Rache? So werden denn von antisemitischer Seite die Ausschußmitglieder persönlich beschimpft, chr Characier verleunidet, selbst die Familie wird nicht verschont. Die Ausschußmitglieder sind „verjudet"! Wer ist heute nicht verjudet? Am 20. October erklärte Mechanikus Schneider im Wählervereine der „Vereinigten Christen" vom 14. Bezirk den Cardinal Fürst Erzbischof von Wien für „verjudet". Das komme davon, „well die Wiener Erzbischöfe von — Juden gewählt wurden." Tags darauf mußte allerdings Mechanikus Schneider Abbllte leisten, allein nicht jeder ist in der glücklichen Position des Wiener Cardinals, solche Abbitte erzwingen zu können. Eine Spende von tausend Gulden für einen Synagogenbau, das ist der kräftigste Beweis für die Verjudung des Ausschusses und gibt der „Plzenske Listy“ Anlaß, folgenden Hetzartikel vom Stapel zu lassen: „Eine schöne Feier des 50jährigen Bestandes des Bürgerlichen Brauhauses in Pilsen. Bekanntlich widmete der Ausschuß des Bürgerlichen Brauhauses ein großes gemaltes Fenster für die hiesige Stadtkirche; damit dies aber den hiesigen deutschen Juden nicht leid thue, beeilten sich die Herren und schenkten ihnen zur Feier des 50jährigen Bestandes des Brauhauses — tausend Gulden zum Synagogenbau! Unerhört! noch nie dagewesen! Und warum geschah das aus welchen Gründen? Etwa deshalb, well die hiesigen Juden die Reihen unserer Erbfeinde verstärken? Die hiesigen czechischen Bürger, welche doch bisher die Majorität in der Braugenossenschast besitzen, dürfen einem solchen Vorgehen des löblichen Ausschusies nicht stillschweigend zusehen. Hier ist es nöthig, energisch aufzutreten und den betreffenden Herren zn erklären, daß Alles seine Grenzen hat." Während derart von der einen Seite der czechische Chauvinismus in dem Juden blos die „Deutschen" sieht und haßt, schmäht der Deutschnationalismus dieselben Juden als „Fremdlinge" ohne nationales Empfinden. Die deutschnationale Publicistik hat sich natürlich die christliche Tausend Gulden- Spende für den Synagozenbau zu Pilsen nicht entgehen lassen und sie begleitet die Mittheilung mit allerlei hämischen Glosien gegen den Ausschuß. Das veranlaßt uns einige flüchtige Daten aus der Erinnemng zusammenzustellen. In Gleißen, einem entlegenen Dorfe in Preußisch- Schlesien, wird das Bild eines jüdischen Wohlthäters, eines ungetauften Juden, in der Kirche an einem Ehrenplatz bewahrt. Die Kirche wurde im Jahre 1837 von dem orthodoxen Juden Israel Moses Hennoch, erbaut, der durch Anlegung eines Alaunbergwerkes, sowie einer Seidenfabrik, die jetzt gegen 400 Arbeller beschäftigt, den Grund zu dem heutigen Wohlstände des Dorfes legte und außer der Kirche auch ein Schulhaus erbaute, sowie mehrere wohlthätige Stiftungen gründete, so daß sein Bild, obwohl er zeitlebens Israelit blieb, noch heute einen Ehrenplatz in der Kirche einnimmt. Wie oft haben seitdem wohlhabende Juden zu Kirchenbauten oder zu anderen christlich-confessionellen, kirchlichen Zwecken hohe Summen gespendet! Die katholische Gemeinde in Gersthof war lange Jahre ohne katholische Kirche und der dortige St. Leopolds-Kirchenbauverein konnte nicht einmal ein Grundstück erwerben, weil die dortigen katholischen Grundbesitzer nur zu unerschwinglich hohen Preisen den nöthigen Baugrund h.ergeben mochten. Auch beim Kirchenbau muß man verdienen, sagten die Arier. Da erwarb zufällig auch ein Jude Grundbesitz in Gersthof und erklärte sich sofort bereit, dem Kirchenbauvereine nicht blos den nöthigen Baugrund, sondern auch den zum Pfarrhaus im Werche von 7600 Gulden unentgeltlich zu überlassen. Der verstorbene Bürgermeister von Ottakring, Herr K u f f n e r, spendete Tausende für katholische Kirchenzwecke und erbot sich, falls in Ottakring eine neue Kirche gebaut werden sollte, eine größere Summe zur Verfügung zu stellen. Bekannt ist, daß ein Erbe und Verwandter Kuffner's eine größere Summe zur Erweiterung der Calvaricnkirche in Hernals gespendet hat, Herr Baron Alex. Popper ist Patronatsherr verschiedener Kirchen in Ungarn und ein Geistlicher erklärte, daß er nichts lebhafter wünschen möchte, als daß alle Patronatskirchen solche!jochherzige und munificente Patrone hätten, als es Baron Popper ist. In einer dieser Patronatskirchen sei ein prachtvoller Herz Jesu Altar, in zwei anderen ' künstlerisch vollendete Marien-Hochaltäre errichtet worden, und zwar ganz auf Kosten der Patronatsherrschaft, die zwar zur Erhaltung der Kirchen- und Pfarrgebäude, nicht aber zu einer derartigen Decoratiyn, Ausstattung und Ausschmückung der Gotteshäuser verpflichtet sei. Es habe nur des Hinweises auf den Mangel solcher Altäre von Seite des Pfarrers bedurft, um die Patronatsherrschaft zu bewegen, die gerade nicht geringe Summe dem Pfarramte bereitwilligst zur Verfügung zu stellen. Wir kennen einen arischen Gutsbesitzer in der St. Pöltener Diöcese — unsere Leser kennen ihn wohl auch — der im Gegensätze zu dem Juden Baron Popper, seinen Patronatspfarrer derartig chicanirte, bis dieser der Mißhandlung überdrüssig — man beschuldigte ihn sogar des Diebstahles — seinem Leben durch Selbstmord ein Ende machte. Das neueSpital der P. P. barmherzigen Brüder wurde zum großen Theile mit jüdischem Gelde erbaut. Es existirt keine christliche humanitäre Anstalt, welcher aus Judenkreisen nicht bedeutende Spenden zufließen; nie wird ein diesbezügliches Gesuch seitens des Clerus von reichen Juden abschlägig beantwortet. Sollen wir daran erinnern, daß z. B. die Herren von G u t m a n n fl. 150.000 für die Poliklinik, Bar o n Königswarterfl. 100.000 für d i e W ä r m e st u b e n, Baron Rothschild fl. 100.000 für das Barmherzig ensp ital rc. spendeten. Im Palais Auersperg fand am 6. April 1890 ein Concert, arrangirt von den adeligen Damen Wien's zum wohltätigen Zwccke, u. zw. Erbauung eines Nonnenklosters statt. Das Programm bestritten zwei Künstler: Signora Alice Bar bi, eine Arierin und Hospianist Alfred Grünfeld, ein Semit. Frl. Bar bi verlangte und erhiett für ihre Mitwirkung fl. 1000 — während Alfred Grünfeld von Vornherein auf jedes Honorar verzichtete. Dafür ist die semitische Rasse inferior, hat sich zur Höhe der abendländischen Civilisation nicht aufgeschwungen. Es kommt dazu noch ein Anderes. Der Ausschuß konnte und durfte gar nicht anders handeln, als, nachdem er 8000 fl. der katholischen Kirche gestiftet, mindestens 1000 der Synagoge zuzuwenden. Denn bei 214 Brauberechtigten sind 25 Juden. Wenn der Ausschuß von dem gemeinsamen Gut, das Allen gehört, sür katholische Zwecke 8000 fl. verwendet, so mußte er die Synagoge mit einem entsprechenden Betrag dotiren. Ein anderes Vorgehen wär'wohl antisemitisch, aber jedenfals auch unehrlich! Warum sollen die Juden für katholische Kirchen zahlen helfen, wenn man der Synagoge die geringste Gabe verweigert? Die Feier des 50jährigen Bestandes der Bürgerlichen Brauerei in Pilsen, war ein großartiger moralischer Triumph, ein glänzendes Resultat der unermüdlichen bürgerlichen Thäligkeit. Dieses Fest ist glücklich bewahrt worden von den Flecken eines häßlichen Vorganges, der in der gesitteten Gesellschaft Befremden erregt hätte. Pater Eichhorn, der verflossene Abgeordnete für Zwettl, predigte, es sei keine Sünde, die Juden zu bestehlen. Es scheint, daß diese Worte in antisemitischen Kreisen aller Kronländer gleichmäßig Verbreitung und Anerkennung gefunden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.