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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-28 · 44 (28.10.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44 Orfterreichifche Wochenschrift Seite 787 „Obzwar nun solche Bekenntnisse jedem Einsichtsvolle» gegenüber, zumal vor Gott ganz bedeutungslos sind, so könnten sie doch unser Andenken und unser Heiligthum vor der Welt schädigen. Darum lege ich jetzt, so lange noch Seele, Geist und Leben in mir kräftig sind mein endgiltiges Bekenntniß ab, daß ich mit Leib und Seele meinem Gotte ergeben bin. Alles, was vielleicht von mir dem entgegen verlauten möge an Aeuyerungen od.'r gar H a n d l u n g e n, das erkläre ich jetzt bei vollem Sinne und Bewußtsein als Ausfluß des getrübten, unzurechnungsfähigen Geistes und erstorbener LebttiÄrast." Woher nur diese genaue Uebereinstimmung Renan's mit dem Haber Jabok kommen mag? Renan war Hebräer, Kenner der jüdischen Literatur und wohl auch Liturgie. Er könnte demnach sehr wahrscheinlich seine Vorsicht dem Naber Jabok abgelernt haben. Indessen dürfte hier jedoch ein ganz anderer Zusammenhang von historischer Bedeutung geahnt' werden. Renan war es wohl bekannt, wie oft schon ein ganzes, kirchenfeindliches Leben in letzter Sterbensstunde und durch welche Mittel corrigirt wurde. Das fürchtete er und dagegen suchte er sich zu sichern. Im Mittelalter hat man sich viel darum bemüht, namentlich hervorragende Juden im Guten oder Bösen für die Taufe zu gewinnen. Man hat sie zum Kirchenbesuch gezwungen, hat Kinder den Eltern gestohlen, und wenn es dem einen oder andern Vertreter der weltbeherrschenden Religion genehm war, ein Sterbelager als Bekehrungsstätte zu benützen, so wäre die Zurückweisung weder der bestürzten anwesenden Chewra Kadischa, noch den Familienangehörigen möglich gewesen. Da mochte Mancher vor Furcht und Angst erzittert sein, daß plötzlich die Gemeinde durch die Nachricht entsetzt werden könnte, N. N. hat vor seinem Tode die Taufe angenommen. Renan und die Juden haben in Furcht vor demselben Mißbrauche die gleiche Versicherungsformel angewendet. Und das erklärt sofort noch eine andere Erscheinung. Renan wird im Pantheon beigesetzt, Paris beweinte ihn als seinen Todten, die übrige Welt trauerte mit. Renan war ein Gelehrter, ein Forscher, sein Styl war vorzüglich, sein Wesen sanft, edel, milde', durchweht von Poesie. Aber Viele waren ihm schon in Allem dem gleich und ebenbürtig. Renan hat jedoch „Das Leben Jesu" geschrieben; das macht es zumeist aus. Nun ist aber dieses Buch ein durchaus kirchenfeindliches, glaubenzersetzendes. Mag es nun tausendmal zutreffend und wahr sein; wer will sich doch vermessen, zwischen Renan und einem weltbesiegenden Glauben mit allen gewaltigen Geistern, die ihm anhängen, zu entscheiden? Zumal noch weiter geglaubt, der noch weiter als Gott angerufen wird, den Renan zum Menschen verklärt hat? Warum blicken überdies auch wir Juden mit solcher Verehrung und Bewunderung zu Renan empor, da ja auch wir mit glühender Begeisterung für eine positive Religion und für einen Glauben einstehen und doch füh'en müssen, daß heutzutage die Interessen der verschiedenen Religionen ebenso wie die der verschiedenen Völker und Nationen miteinander verknüpft sind? Unser Naber Jabok gibt die Antwort: Das große Menschenweh und der ganze Herzensjammer gibt sich da kund, daß ein solcher finsterer Geist die Welt beherrscht, welcher nach Bewußtsein nnd gewissenlosen Bekenntnissen hascht, um mit deren Massen das freie Walten des Menschengeistes zu erdrücken; welcher den sterbenden Menschen, den zerrütteten Geist, das pulslose Herz umschleicht, um das Bekenntnis zu entlocken, das dem ganzen Leben ftemd war, welcher dem Beamten, der krankhaft nach Förderung ausschaut, zuflüstert: lege das Bekenntniß ab, von dem Dein Herz nichts fühlt; welcher dem von Ehrgeiz Durchwühlten mit Erschließung der Ruhmespforten schmeichelt, wenn er das Siegel der heiligen Wahrheit durch das Ablegen eines nie empfundenen Bekenntnisses zerbrechen wolle; welcher von dem Liebesberauschten, der seiner Sinne nicht mehr mächtig ist, das falsche Bekenntniß fordert; welcher dem, der seinen Beruf, seine Heimat, seine Umgebung wie sein Leben liebt, droht: Lege das Bekenntniß ab, oder wandere! Ob dieses Weh s, dieser entstellten Menschenwürde, dieses geschändeten Glaubens, dieser zerrissenen Gewissen, dieser hohnlachenden Lüge fühlt sich der Mensch wie befreit, so oft ein Schlag erdröhnt, der die Schärfe dieses Schwertes stumpf und schartig macht. Renan ist todt! Ein neuer Jesuitengeneral hebt sich aus dem Dunkel einer geheimnißvollen Wahl, getragen von dunklen Gerüchten, empor. Warum durchfröstelt es dabei kalt und beängstigend das Gebein? Was hat der neue Ordensführer, der über eine Weltmacht, und wie es heißt, sogar über den Papst verfügt, im Sinne? Was hat er auf seine Fahne geschrieben? Was plant er über die Menschheit? Will er für Glauben und Treue, für Religion und Frömmigkeit einstehen, die Herzen durch edle, milde, belehrende Worte erobern, durch tausende Sendboten der Wahrheit das zerrissene Band zwischen Menschen und Gott Herstellen? O so mögen wir ihn ja freudigst und teilnahmsvoll begrüßen! Sinnt er aber Gewissensdrang, Geistesnacht, Unterjochung der Staaten, Bruderhaß, Seelenknechtung und gewifsen- .lose Bekenntnisse; will er durch geheime, heimtückische Unterstützung die Antisemiten als Mauerbrecher der gesellschaftlichen Ordnung benützen, will er die Milde des Jahrhunderts bannen, mittelalterliche Verfolgung heraufbeschwören, um über den Ruinen der menschlichen Gesittung das Grinsen seines Sieges vernehmen zu lassen, so müssen wir eben den todten Renan wie einst den todten Cid gegen solchen Feind auf's Roß erheben. Der Jesuitengeneral mag sich sagen, ich hole ein gutes Schwert hervor, das sich schon in der Gegenreformation trefflich bewährt hat. Doch gemach! mit jenem Siege steht es ganz und gar nicht so herrlich; denn es kamen ja doch nach: die Encyclopädisten, Voltaire, Strauß, Renan, das 18. Jahrhundert, Glaubenshaß, Religionsverachtung, Materialismus, Socialismus, u. s. w. Noch ein solcher Sieg und wer weiß, was für ein Renan dann noch nachkommt. Doch die Furcht dürfte uns ein leeres Gespenst sein. Der neue Jesuitengeneral mag vielleicht als Geistbefreier, ein Renan in anderer edlerer Gestalt erschienen sein, der Friede, Milde, Bölkerversöhnung und Herzensreligion in seinem Lager führt. Es winkt ihm gute Arbeit! Am Antisemitismus könnte er den ersten Posaunenruf seiner neuen Weltbotschafr vernehmen lassen. Dr. M. L. Stern, Triesch. Die antisemitische Hetze gegen das „bürgert. Brauhaus in Pilsen". , Das bürgerl. Brauhaus in Pilsen feierte am 5. October ' das 50jährige Jubiläum seines Bestandes. Fünfzig Jahre sind verstrichen, seil in Pilsen einige ehrsame Bürger ihren kurze Zeit vorher gefaßten Plan zur Gründung einer Brauerei verwirklicht sahen. Am 5. October 1843 war der Geburtstag des damals in primitivster Art eingerichteten bürgerl. Brauhauses in Pilsen. Ein bescheidenes Unternehmen, von dürftiger Aeußerlichkeit präsentirte sich damals das Etablissement, welches heute zu den größten seiner Art auf dem ganzen Continent zählt. Das Getränk hat alle nationalen Schranken und politischen Grenzen durchbrochen und überwunden, hat sich in allen Ländern Sympathien erobert, ist in allen Zonen heimisch geworden, und genießt eine europäische und außereuropäische Popularität, welche durch die Auszeichnungen, die es auf den verschiedensten Special-, Landes- und Weltausstellungen erlangte, kaum gesteigert werden konnte. Was dieses Unternehmen so groß gemacht und zu seiner Welt höhe erhoben hat, das war der unentwegt fortschrittliche S in n, der offene Blick, die mannes muthige Intelligenz der Leitung, der jedes geschäftliche und jedes andere Borurtheil fremd geblieben. In solchem Geiste wurde auch das Jubiläumsfeft begangen. Unter den zahlreichen Humanitätsacten und Spenden, mit welchen der Ausschluß diesen schönen Erinnerungstag verherrlichte, finden sich neben 8000 fl. für ein Fenster in. der katholischen Kirche, 500 fl. für die protestantische Gemeinde, auch 1000 fl. für den hiesigen Synagogenbau. In den Augen der Antisemistlinge war das selbstredend eine ruchlose That, welche nicht ohne Sühne hingenommen

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