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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-28 · 44 (28.10.1892) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 786 Orfierreichifche Wochenschrift Nr. 44 unterschlägt seinen Lesern auch die feierliche Enunciation der österr. Kirchenfürsten, nur um die Fiction von „der Berjudung des österreichischen Episcopats" aufrecht zu erhalten. Diese hartnäckige Frechheit hat offenbar eine politische! Tendenz. Man fürchtet, es könnte den Kirchensürsten beisallen,! bei kommender Gelegenheit, vor der Wiederwahl eines Schneider und Lueger zu warnen und man beeilt sich zu zeigen, daß man für einen solchen Moment mit Waffen gerüstet ist, deren gute Dienste sich längst erprobt haben. Das Geschrei über das „stumme Kreuzzeichen" soll die Bevölkerung über den Antheil hinweglügen, den antisemitische Ortsschulräthe an diesem Beschluß genommen haben. In der That, der schulräthliche Beschluß über das Krenzzeichen ist ausschließlich ein rein arisches Werk, an welchem die antisemitische Partei vornehmlich mitgewirkt hat. An der betreffenden Rechtssection des. Bezirksschulrathes, in welcher der ominöse Beschluß gefaßt worden, sitzen nachstehende Mitglieder: I. Fachsection für Organisations-, Personal- und Rechtsangelegenheiten. (§ 3 der Geschäftsordnung.) Obmann: Dr. Daum Adolf- Obmann-Stellvertreter: Dr. Reisch Theodor; Schriftführer: Katschinka Anton. Schriftführer-Stellvertreter: Schnitt Mathias; a) Referent für administrative Schulangelegenheiten: Preyer Moriz; b) K. k. Bezirks-Schulinspectoren : Hinterwaldner Joh. M.; Homolatsch Franz; Mayer Laurenz: Dr. Stejskal Karl; Dr. Suchomel Vincenz; o) Durch die Lehrerconferenz gewählte Mitglieder aus dem Stande der Bürger- und Volksschullehrer: Katschinka Anton; Rosenkranz Karl; Stift August; d) Mitglieder aus dem Stande der Mittelschuldirectoren: Dr. Alth Titus, Ritter von; Halmschlag Johann; e) Von der Gemeindevertretung gewählte Mitglieder: Dr, Daum Adolf, Dorfleuthner Leopold; Gschwandner Johann; Holly Leopold; Dr. Klotzberg Emerich; Dr. Reisch Theodor: Dr. Schindler Robert; Schnitt Mathias; Dr. Uhl Eduard; Wägner Heinrich; Zagorski Anton; Dr. Zimmermann Karl. Also in dieser Section sitzt nicht ein e inz i g e r Jude; weder Herr S. Beer, auf welchen die Antisemiten so bös zu sprechen sind, noch sonst irgend ein Jude ist Mitglied dieser Körperschaft. Im Bezirksausschuß, der aus 50 Mitgliedern besteht, sitzen 3 Juden, der k. und k. Baurath Stiaßny, Gemeinderath Friedjung und Kammerrath und Bezirksausschuß S. Beer. In seiner jetzigen Zusammensetzung besteht er erst seit dem 21. September 1891, der bezirksschulräthliche Beschluß aber ist älter, er wurde im 29. April 1891 gefaßt, was den Lügenbold Bergani nicht abhält, den gegenwärtigen Bezirksschulrath als den Urheber zu denunciren. Mehr noch! Angeregt wurde dieser Beschluß und hervorgerufen durch die Beschwerde eines Ministerialsecretärs im Cultusministerium Dr. Johann Sontag, evangelischer Confession, dessen Kind die Mädchenschule 111. Bezirk, Salmgaffe besucht. Der Ortsschulrath Landstraße, welchem die betreffende Schule gehört und von dem die Anregung zu der bezirksschulräthlichen Verfügung ausging, war aus Mitgliedern der antisemitischen Partei zusammengesetzt und es spielten in demselben Dr. Brzobohaty, derzeit Dr. Lueger's Compagnou, und P. S chnabl eine hervorragende Rolle. Und der Bezirksschulrath hat seinen bezüglichen Beschluß nahezu mit Stimmeneinhelligkeit, mit allen gegen die eine Stimme des Magistratsrathes Preyer gefaßt. — Also dieser Beschluß kam nicht blos ohne jede Anregung und Theilnahme von Juden zustande, er war auch ein ureigenes Erzeugnis der antisemitischen Partei. Am 20. October d. I. betonte das „Vaterland", daß „die erste Anregung zur Einführung des lautlosen Kreuzzeichens von einem Protestanten ausgegangen sei." „Wir konnten aus dem Protestanten, wie es das „Deutsche Volksblatt" gerne hätte, doch unmöglich einen Juden machen. Das widerspräche erstens völlig der Wahrheit u. s. w." Am Abend desselben Tages fand jene Versammlung statt, in welcher Herr Schneider erklärte, es kann in Wien nicht beffer gehen, weil die Erzbischöfe von Juden gewählt werden und das „Deutsche Volksblatt" wiederholte seine Insolenz gegen den österreichischen Episcopat, daß er seine Pflicht versäume und nicht auf der Höhe seiner Aufgabe stehe und ließ durchblicken, daß er im Sinne der Juden arbeite. Bis heute zum 25. October hat Herr Bergani das Schreiben der österr. Kirchenfürsten nicht publicirt, dafür aber einen Artikel von Alois Liechtenstein. Das will andeuten, daß Alois Prinz Liechtenstein in dem Verhalten des Herrn Bergani gegen den Wiener Fürsterzbiscyof nichts zu tadeln findet. Er billigt dieses Verfahren als Cavalier und katholischer Christ. Diese Thatsache wollen wir im Gedächtnis behalten. Die österreichischen Kirchenfürsten haben dem Cardinal Fürsterzbischof Gruscha condolirt. Noch einem Anderen ist bei dieser Gelegenheit zu condoliren. Es bereitet sich etwas vor. Die Bischöfe sollen gezwungen werden. vor dem Lügenbold Bergani zu capituliren, wenn nicht, so wird die antisemitische Meute gegen sie in gleicher Weise mobilisirt, wie gegen die Juden. Diese Eventualität wird im Augenpunkt gehalten. Das Naber Jabok und Ernst Renan. In seiner vollendeten Lichtgestalt hat uns der verklärte Ernst Renan erscheinen müssen, als uns sein Testament bekannt wurde, in welchem er gleichsam den letzten unverrückbaren Nagel für das Werk seines geistigen Ringens, seiner Ueberzeugung und seiner Lebensanschauung hämmerte. „Jetzt", so heißt es in dem Testamente, „so lange noch mein Geist in voller Kraft, im gesunden Leibe wirkt und leuchtet, jetzt spreche ich meine Ueberzeugung aus, der mein Zeugniß gilt; das ist die Wahrheit, in welcher sich mein inneres Wesen kundgibt. Sollte je etwas Anderes von mir verlauten, sollte von mir kund werden, daß ich etwa angesichts des Todes auf dem Sterbelager etwa Entgegengesetztes bekannt habe; so erkläre ich es heute schon bei vollem Geisteslichte als ungiltig, als bloße Ausgeburt kranker Sinne, gestörten Bewußtseins und erstorbener Denkfähigkeit; denn nur ein gesunder Mensch kann wissen und erklären, was mit ihm eins, und was ihm fremd ist." Muß es nun nicht auf uns Israeliten besonders ergreifend und erhebend wirken, da wir in diesen Worten die fast wortgetreue Uebersetzung einer Stelle in unserem Naber Jabok erkennen? Das Naber Jabok ist das allerletzte unserer zahlreichen religiösen Bücher; denn mit ihm meldet sich bereits der Tod ins Haus, und scheu geht ihm aus dem Wege alles, was sich im Leben durch Liebesbande vereinigt fühlt. Das Naber Jabok ist der Lotse, welcher das letzte Lebenswrak an den Klippen und Strandungen des Todeskampfes in den Hafen der Seligkeit leiten soll. Da thut es wohl, zu wissen, daß man einer verläßlichen Führung überantwortet ist. Aber alles Rührende und Erhabene, Feierliche, Tröstende und Verklärende, wie es der Naber Jabok für diese düstere Ueberfahrt in Bereitschaft hat, erscheint uns noch vertrauenswürdiger, da wir es auf der Licht- und Geisteshöhe eines Ernst Renan erkennen. Das Naber Jabok, welches in seinen Elementen noch den biblischen uralten Büchern, der Nisebna, und dem Talmud entstammt, das so aus dem grauen Alterthume emporragt, aus dem düsteren Mittelalter uns überkommen ist, kann sich heute noch im Zeitalter der Aufklärung, der Wissenschaft und milden Auffassung den strahlenden Llchtgestalten unseres Jahrhunderts als ebenbürtig an die Seite stellen. Denn so lautet unter anderen liebevollen Wegweisungen ein Capitel in diesem Buche unter dem Titel Leder NeeeirathModaah, zu sagen, so lange noch der Kranke bei voller Geisteskraft ist. „Zu den menschenfeindlichen Zufällen gehört es, daß der Mensch in den letzten Lebensstunden auf dem Sterbelager so oft im Geiste verwirrt wird. Da steigen zerrissene Vorstellungsbilder im wüsten Durcheinander empor und Geistesschwäche läßt ihn fallen von der Höhe seiner freien Selbstbestimmung in die Tiefe der Unzurechnungsfähigkeit. „Da sind wir unberechenbaren Mächten oder auch bösem Mißbrauche preisgegeben. „In der ernsten Stunde des Hinscheidens, die so geeignet wäre zur großen Abrechnung, zum letzten Hammerschlage unserer Vollendung, kann es darum auch Vorkommen, daß wir in Geistesumnachtung und Unzurechnungsfähigkeit die Ueberzeugung eines ganzen Lebens verleugnen, fremde Götter gar bekennen, die i.n Leben dem Herzen nie heilig gewesen sind.

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