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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-28 · 44 (28.10.1892) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ar. 44 Wien, 28. Oktober 1892. IX. Jahrgang Crntralorgan für die gessmmten Interessen des Iudenthums. Eigrnthümrr: Neichsraths-Ab-rordnetrr vr. Kloch -HKH- R. ft. PostsPsreaffenamk Vlr«ri»svrrftrtzr Nr. 810.976. Nrdsrtion «. Administration: Wir« 1. Lothrnthurmstraßr 39. «ran aoonmri net allen Kvstanstallrn de» In- und Anslandrs. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Ein hohes Condolenzschreiben. — Das Maber Jabok und Ernst Renan. — Die antisemitische Hetze gegen das „bürgert. Brauhaus in Pilsen". — Fürst Bismarck in antisemitischer Beleuchtung. — Ein österr. israel. Gemeindebnnd. — Reminiscenzen an das deutsche Wartburgfest. — Das Schulgebet und die jüdischen Kinder. — Historische Parallele. — (I o r r espo ndenzen: Wien, Troppau, Prag, Dresden, Paris, Petersburg. — Vermischtes: Wien, Ottakring, Klosterneuburg, Holleschau, Prag, Beraun, Sedletz-Prtschitz, Andrichau, Hunsdors, Czernowitz, Brünn, Troppau, Stuttgart, Weimar, Berlin, Königsberg, Paris, Rußland, Petersburg, Washington. — Feuilleton: Alle Heiligen. — Literatur. — Wochenkalender. — Kundmachung. — Inserate. Ein hohes Condolenzschreiben. Die katholischen Oberhirten Oesterreichs haben am 20. October an den Cardinal-Erzbischof Dr. Gruscha anläßlich der gegen ihn von antisemitischer Seite gefallenen Angriffe ein^Schreiben gerichtet, worin sie ihn ihrer Theilnahme versicherten. In demselben heißt es: „Mit innigster Theilnahme und tiefstem Schmerze verfolgen die . . . Bischöfe die schweren Kränkungen, die Ew. Eminenz bereits wiederholt, namentlich in den letzten Tagen in unqualificirbarer Weise zugefügt worden sind, wobei man noch vermeinte, durch ein derart! ge s Vorgehen der heiligen Sache -es Christenthums einen Dienst zu erweisen." Unterzeichnet ist dieses Schreiben: „Franz Cardinal Sch önborn, Fürster^bischof von Prag. Johann Baptist Zw erg er, Fürstbischof von Seckau. Matthäus Joseph Binder, Bischof von St. Pölten. Franz Salesius Bauer, Bischof von Brünn. Jacab Missia, Fürstbischof von Laibach Franz Salesius Doppelbauer, Bischof von Linz. Joseph K a h n, Fürstbischof von Gurk." Der außerordentliche Act dieser Condolenz wird erklärlich durch die besondere Niedertracht der dem Cardinal zugefügten öffentlichen Insolenz! Am 20. October erklärte Mechanikus Schneider in einer Versammlung des Wählervereines der „Vereinigten Christen" vom XIV. Bezirk den Cardinal Fürst Erzbischof Gruscha von Wien für — „verjudet." Er bezeichnete es als „eine Schande, daß der hohe Clerus und Cardinal Gruscha gegen den Antisemitismus auftreten." „Das komme davon, weildieWiener Erzbischöfe von — Juden gewählt werden." Selbstverständlich folgte den Ausführungen Schneider's demonstrativer Beifall mit Händeklatschen und Hochrufen. Ein jüdischer Redner der gegen den Wiener Oberrabbiner in einer Versammlung von Juden eines Aehnlichen sich unterfangen, würde unter Entrüstung der Zuhörer den Saal verlassen müssen. Mechanikus Schneider wurde bejubelt. In einer öffentlichen Versammlung sogenannter „Bereinigter Christen" wird der Wiener Fürst-Erzbischof insultirt, als ein Bischof dargestellt, dessen oberhirtliche Wirksamkeit erkennen läßt, daß er „von Juden gewählt worden", dem nicht das Seelenheil seiner Diöcesanen, sondern Rücksichten auf seine „jüdischen Wähler" am Herzen liegt. Und diese ebenso blöde, als niederträchtige Verleumdung des greisen Wiener Cardinals, der schon vermöge seiner bewunderungswürdigen Sittenreinheit, ja vermöge seines hohen Alters jedem Gesitteten Ehrfurcht einflößen soll, wird in der Residenz von „vereinigten Christen" mit lautem Beifall und Händeklatschen bejubelt! Zehn Jahre des Antisemitismus haben die Wählermassen so weit gebracht, daß ihr keine Verleumdung zu absurd, keine Niedertracht zu gemein mehr ist. Der Geschmack an der Gemeinheit ward allmählig in ihnen erzogen, pädagogisch ausgebildet. Zuerst erzählte man von Rothschild, Baron Hirsch und von den Juden überhaupt die albernsten Verleumdungen, darauf ging man einen Schritt weiter, man berichtete schauerliche Dinge von den Geheimjuden, den Getauften, dann verwischte man die Unterscheidung zwischen „Juden" und „Judenknechten", so daß es dem Belieben freistand, jeden Gegner als „Judenknecht" unschädlich zu machen. Nun ist das Volk glücklich so weit, daß man ihm auch einen Cardinal Gruscha als „Judenknecht" präsentiren darf und gewohnheitsmäßig bejubelt es den — Redner, wie es jede Niedertracht des Zeugniß- und Stampiglienfälschers bisher noch bejubelt hat. Im gleichen Tone schrieb aber auch Herr Bergani am selben Tage wörtlich: „Uebrigens wäre unsere Anficht nach Derartiges gar nicht möglich, wenn der Episcopat wirklich auf der Höhe seiner Aufgabe stände und, statt sich um reine Aentzerlichkeiten zu kümmern, sein Augenmerk lieber auf die antireligiösen Bestrebungen der judenliberalen Partei richten würde." Diese Insolenz war zu lesen im officiellen Organ der Wiener „Vereinigten Christen", ohne daß die Parteigenossen sich dagegen auflehnten, ohne daß das Blatt auch nur einen einzigen seiner Gönner verloren hätte! Herr Schneider aber erfuhr plötzlich, daß der^ österreichische Episcopat in einer Enunciation über sein Treiben ein Verdammungsurtheil auszusprechen sich gedrungen fühle und er beeilte sich öffentlich Abbitte zu thun. Er hat ja viel auf dem Gewissen und mancherlei zu fürchten, geradeso wie sein Freund und College Herr Dr. Lueger. In einer Zuschrift an das „Vaterland" vom 23. October erklärt Herr D r. Lueger. „Ich habe Herrn Schneider sofort nach seiner Rede aufmerksam gemacht, daß er sich bezüglich des Verhaltens Sr. Eminenz in der Frage des stummen Kreuzzeichens im Jrrthume befinde. Die Judenzeitungen brachten nun blos den Angriff Schneider's, sie brachten aber nicht die von mir vorgenommene Richtigstellung. Der Zweck dieses Manövers ist für Jeden klar. Es sollte wieder Zwietracht in die Reihen der Christen gesäet und es sollte insbesondere die christlichsociale Partei als eine Partei hingestellt werden, welche gegen die Kirchenfürsten bei jeder Gelegenheit feindlich auftritt." Allein das „Vaterland" constatirt, daß nicht etwa die „Judenzeitungen" allein, sondern auch das officielle Organ der Herren Dr. Lueger und Prinzen Liechtenstein in seinem Berichte über jene Versammlung vom 20. October von dieser Inschutznahme des Wiener Fürsterzbischofs durch Herrn Dr. Lueger nichts weiß und nichts meldet. Wie sollten die liberalen Blätter über Vorgänge in Antisemitenversammlungen genauer informirt sein, als das officielle Antisemitenorgan? Diese Anklage gegen die liberale Presse ist ein Act gemeinsten Jesuitismus: die liberalen Blätter können unmöglich aus einer Rede etwas reproduciren, was seinem eigenen Organ unbekannt geblieben. Das „Deutsche Bolksbl." aber hat nicht nur diese Erklärung des Herrn Dr. Lueger nicht publicirt, sondern

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