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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-21 · 43 (21.10.1892) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
43 (21.10.1892)
Date
1892-10-21
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 778 OrKrrrrichtschr WorhrnschrM. Nr. 43 dem Stadtrathe der Cultusgemeinde zu diesem Zwecke geschenkten Grunde erbaut wurde. Derselbe liegt mitten in der Stadt auf einem freien Hügel und ist dieses Gotteshaus weithin sichtbar. Der Präsident der Republik hat in einem am 6. September an den Vorstand der Cultusgemeinde gerichteten Schreiben mitgetheilt, daß er mit dem gesammten Ministerrathe dem Weihefeste beiwohnen werde. Feuilleton. Zenub. (Eine Rilgejchichte) von Este ja. Deutsch von Hermann Lkwenthal. Das Urtheil war gefällt. Zenub sollte ihr iunges Leben im Kerker verbüßen. O der ärmsten Zenub! Ihre wunderbaren, schwarzen träumerischen Augen blicken gar so traurig-ttübe in diese Welt. Kein sonniges Lächeln kräuselte diese Korallenlippen. Ihr Kerker weiß in Weiß. Alabaster-Columnen tragen Kuppeln und Balkone, die Alabastersäle sind mit Teppichen bedeck, daran schließen sich Alabaster-Loggien-Corridore, Wände, Soffiten, Alles in Alabaster. Zenub's Verließ war traurig wie der Tod, kalt wie der Tod, schaurig-schön wie der Tod, gleich wie mit einem Leichentuch ausspaliert im Innern rundum. Die Gefängniswärter waren schwarze Sclaven-Eunuchen und schwaze Cypreffen. Diese kannten für Zenub kein Mitleid; hoch aufgerichtet, steif und stumm schienen sie kein Herz zu haben. Wachen standen bei ihr, ferner imposante Baum-Riesen, Sykomoren von stattlichem Wuchs mit einer prachtvolleren Krone, als alle Kronen des Weltballs. Greise, gleichgiltig, stumpf sehen sie auf die Eingekerkerte herab, denn das Herz war in ihren Leibern schon erstorben. Zenub war gleichwie von der Wache umringt. Ein ganzes Heer von Orangenbäumen, ein ganzes Spalier Aprikosen bänmchen und weiter schlangen sich Rosenhaine und hie und da ragten himmelanstrebend breitverästete Platanen. Von kleinwinzigen zarten Anemonen, von Heliottops und Wasserlilien angefangen, bis herab zu Camelienbüschen, Tengen und Lianen, alles alles bewachte Zenub, danlit sie sich nicht aus ihrem Gewahrsam fortstehle, entschlüpfe. Darum eben mochte sie kein Pflänzchen in diesem herrlichen wallumgürteten Paradies leiden. Es war ihr, als ob jedes- Veilchen, jede Chrysantee nnd jede Epheuranke ihre Bewegungen belauerte, um es ihrem Vater zu hinter bringen, sie anzuklagen, sie zu verderben. Deshalb getraute sie sich nicht einmal, über chre Lage nachzudenken, denn sie verdächtigte jede Blume und die Vögel und die Sonnenstrahlen, daß sie fürwitzig, neugierig in ihr Herzinnerstes hineingucken, um herauszulesen, ob darin kein vom Vater verpöntes Gefühl lebt. Ihr Vater, der reiche Kiamil Pascha gebot ihr, ihre Liebe einem Manne zu schenken, den nicht ihr Herz erwählt. Wenn er in Liebessachen stummen sclavischen Gehorsam von ihr forderte, warum hatte er sie dann inmitten eines freien Volks erziehen lasten, warum hatte er geduldet, daß sie europäische Bildung genieße, warum hatte er geduldet, daß ihr Klarheit, Erleuchtung werde, daß das Herz kein Joch kennt und daß auch seine väterliche Gewalt hier ihre natürliche Grenze findet? Drei volle Jahre hatte Zenub die veredelnde Macht westlicher Cultur unter dem ewig umnebelten düsteren Himmel Alt- Englands auf sich einwirken lasten; freimüthig blickte sie auf freie Menschen und mit freiem Herzen hatte sie einen Ungläubigen liebgewonnen. Bor dreizehn Jahren war's, da Zenub zum ersten Male die Augen aufschlug; dreizehn Jahre — das Kind hatte sich zur Jungfrau entfaltet. Da enttiß sie der Vater der dunklen Umgebung im Westen und brachte sie an das Ufer des Nil. Man stülpk ihr einen Jnschmuk auf's Haupt, man sperrte sie auf eine schöne ewigblühende Insel ein und man bedeutete ihr, daß Frauenwille nicht über gewiste Schranken hinausgehen darf, daß das Weib nicht nach seinem Gutdünken denken, daß das Weib ihr Herz nicht an einen Ungläubigen verschenken darf. . . Der Vater führte ihr den jungen Said-Bey zu. Said glich in kinem Zug Zenub's Herzensauserkorenen. In seinen Augen spiegelte sich kein klarer edler Gedanke; nur das Feuer thierischer Sinnlichkit glomm darin. Seine Stimme hatte nicht den weichen, melodisch-einschmeichelnden Tonfall, sondern sie klang herb und rauh. Die Worte rangen sich nur mühsam von den Lippen. Der alte Pascha hatte der Tochter bedeutet: „Dein Zukünftiger steht vor Dir." Zenub wußte, daß all' ihr Flehen um Erbarmen erfolglos, vergeblich wäre; sie verlegte sich also gar nicht auf's Bitten und Beschwören, sondern sie erklärte ihrem Vater rundweg: „Vater, Said-Bey mißfällt mir ganz und gar, ich werde niemals sein Weib!" Der Alabaster-Palast und die ältesten Sykomoren erinnerten sich nicht, jemals Zeuge so furchtbarer Scenen gewesen zu sein, wie solche nun infolge des Widerstandes Zenub's sich abspielten. Von jenem Moment an war die Tochter dem alten Pascha verhaßt. Er ließ sie allein in ihrem weißen hainumrauschten Verließ schmachten. Der Hain war von Mauern umringt, welche die trüben Fluten des Nil ümspnlten. Einige und zehn Nubier, Chams dräuende Söhne, bewachten den Eingang und wichen keinen Schritt von der Thorschwelle. Mittelst eines kleinen Nachens wurde die Gefangene mit- Nahrung versorgt. Ans diesem kleinen Nachen waren alle Gedankenstrahlen Zennbs concentrirt. Sie wußte, daß der Geliebte an ihre Befreiung denke und sie rechnete darauf, daß es ihm durch einen günstigen Zufall gelingen werde, in ihren Kerker einzudringen. Wochen, Monate, Jahre schmiedeten die Ewigkeit im Gleichmaß kommender und vergehender Tage zur Kette aneinander — er kam nicht. Hin und wieder glaubte sie wohl unter den Mauern des Gartens den Schatten eines fremden Kahnes vorbeihuschen zu sehen — doch, ach! die Mauer war so hoch und die argus- - äugigen Eunuchen wachten. In der Mitte des Gartens spiegelte sich ein kleiner See im Sonnengold; aus den lasurblauen Wellen ragten Felsgrotten und weiße Schwertlilien lugten mit ihren schlanken großen Kelchen aus dem Gestein hervor, als ob die unterseeischen Geister sie auf Kundschaft ausgesandt, zu erfahren, was Zenub treibt und deshalb fürchtete sie das junge Mädchen. Seerosen, blüthenüberschüttete Zweige badeten sich in den Fluchen, schillernde Falter umgaukelten Myriaden Libellen. Die Mücken umkreisten fortwährend diese Rosen. Auch sie flößten Zenub große Angst ein, denn sie konnten ja über den Wall hinaus ins Freie schlüpfen und dem Vater das Geheimnis ihres Herzens verrathen ... O der ärmsten Zenub! Sie erbebte auch vor der Majestät ihres Vaters. Der Athem erstarb in ihrer Brust, sie zitterte wie Espenlaub, wenn sie das Nahen seiner Schritte hörte. Dann wunderte sie sich im Stillen selbst, woher sie den Muth nahm, dem Alten Widerstand zu leisten. Der Verstand und ihr guter Wille unterordneten sich dem Vater, doch das liebedurchglühte Herz war und blieb rebellisch. Der Vater drohte ihr mit dem Tode, wenn sie noch länger in ihrem Trotz verharrte, doch Zenub graute nicht vor dem Tode. — Vom ewig-blauen Himmel sendete der Sonnenball sengende Sttahlen herab, die Glühhitze legte sich beengend wie ein Alp auf die Brust — es herrschte eine solche Glut in diesen Räumen, unter diesen, wie der Hauch des Todes frostig berührenden Säulengängen, daß sogar die Libellen, die Falter und Mücken ihren Wirbeltanz um die Rosen aufgaben; und in diesem Sonnenbrände zitterte Zenub vor Kälte, sie schauerte bei jedem Geräusch zusammen, vor Angst, daß ihre Henkernahen - . . Die Sclaven, Eunuchen, begannen unter einander zu tuscheln, daß es mit Zenub seit einiger Zeit nicht ganz richtig wäre, daß sie vor ihrem eigenen Schatten Fucht habe, daß sie beim Auflattern eines Vogels zusammenfahre, daß sie zittere, wenn der Sammum Sandhosen emporwirbelt. Zenub fürchtete sogar das Sandkörnchen, denn ach, wenn dieses Sandkörnchen dem Vater verriethe, daß indiesem Garten sich an die Mauer eine rosenumbuschte Laube lehnte, so schattenreich, daß keines Sterblichen Auge sie in dieser von Rosen und Blattwerk gebildeten natürlichen Altane zu entdecken vermochte. Und wenn gar das Sandkörnchen dem Vater ausplauderte, daß Zenub in die Gartenmauer an dieser lauschigen Stelle mühsam eine Oeffnung gebohrt, daß sie stundenlang vor dieser kleinen Lücke verbringe, mit den Augen sehnsuchtsvoll in der blauen Ferne den Kahn mit dem Befreier suchend. Er hatte keine Ahnung davon, sonst hätte er sie auf der Stelle getödtet.

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