Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020943--01823-3025882- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 43 OrKerreichische Wochenschrift. Seite 77S Nur die gelben Rosen der Laube, welche sie mit dem Schatten ihrer Blätter den Augen der Lebenden entrückten — diese Rosen und Palmen, welche ihre Wedel schützend über sie breitete, fürchtete sie nicht, denn hätten sie die Aermste verrathen wollen, dann wäre ihr Geheimnis schon lange preisgegeben. Und immer, wenn sie mit dem Aufwande ihrer ganzen Willenskraft sich von der liebgewonnenen Rosenlaube losriß, dann spähte sie ängstlich rundum, ob kein unberufener Lauscher in der Nähe, sie traute weder den Vögeln, noch dem Bambusrohr, weder den Bananen, noch den Lorbeerbäumen, ja nicht einmal den unschuldigen Lilien. Immer deutlicher flüsterten sich die Sclaven zu, daß Zenub den Verstand verloren. Das Gerücht drang bis zu den Ohren des stolzen Pascha, er wollte von einer wahnsinnigen Tochter nichts wissen. Eines Tages hockte im Alabastersaale Zenub auf dem Divan, und getraute sich nicht einmal den Kopf zu heben, rundum zu blicken. Der furchtbare Eunuch brachte eine Tasse schwarzen Mocca hinein und reichte ihr dieselbe. Mechanisch öffnete sie halb die Lippen und leerte die Tasse auf einen Zug. Der Eunuch entfernte sich mit der leeren Tasse, welche einen eigenthüml chen aromatischen Duft verbreitete und ein sardoniches Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Eine halbe Stunde später verspürte Zenub einen brennenden zerfleischenden Schmerz in ihrem Innern. Sie fühlte das Wehen des Todes und so trat sie zum letzten Male den Gang in ihre rosenumflochteue Laube. Sie streckte sich auf den Teppich aus grünem Blattwerk aus und entschlummerte für ewig. Die Sage ging, daß der Alte einen Riesendiamanten opferte, um seine irrsinnige Tochter ins Jenseits zu spediren. Der Sclave hätte den Edelstein pulverisirt und dem Mocca beigemischt, welchen sie ahnungslos trank. Man erzählt auch, daß die Leiche Zenubs lauge Zeit nicht aufgefunden werden konnte, denn das Grab, das sie sich erwählt, ruhte versteckt in einem Wald von Bananen. Nach dem Tode störte man ihre Ruhe nicht mehr, man betette sie unter dem duftigen lauschigen Rosenbaldachin und dort ruht sie noch heute. Sie starb, weil die Liebe in ihrem Herzen stärker war, als der Wille ihres grausamen Vaters. — Vudaprster Leben.') An dem Kreuzpunkte der Hungaria- und Elisabeth-Straße steht seit kurzem ein neues einstöckiges Haus, das die Aufmerksamkeit aller Vorübergehenden auf sich lenkt. Es ist dies das neue Siechenhaus des Pester „Heiligen Vereins" der Israeliten, der sogenannten „Chewra Kadischa", eine Heimstätte echten Wohlthnns. Bisher waren die Pfleglinge der Chewra Kadischa in einem kleinen Hause der Damjanich-Gasse untcrgebracht, allein die immer mehr steigenden Anforderungen, welche an die Leitung dieses Institutes gestellt wurden, bewogen dieselbe, für einen neuen und zeitgemäßen Bau Sorge zu tragen. Wie immer, wenn es sich um die Beschaffung der materiellen Mittel für eine solche von echten Humanismus zeugende Anstalt handelt, war es auch diesmal private Wohlthätigkeit, die Großartiges leistete. Ein 87-jähriger Greis, Armin Kann, hiuterließ sein ganzes, nahezu 140.000 Gulden betragendes Vermögen der Chewra Kadischa mit der Bestimmung, daß aus dieser Summe ein neues Siechenhaus erbaut werde. In einer außerordentlichen Generalversammlung, die am 19. Juli 1891 stattfand, wurde ein aus Carl Reuß, Baron Sigmund Schoßberger, Ludwig Baumgarten, Jacob Deutsch, Samuel Deutsch. Moritz Heidelberg jun., Leopold Keppich, I. S. Oppenheim und Bernhard Rust bestehendes Count« delegirt, welches die Aufgabe hatte, die Ausführung des Baues zu überwachen. Unter den eingelangten Plänen wurde derjenige des Architekten Freund als der entsprechendste befunden und auf Grundlage desselben kam der neue Bau innerhalb der kurzen Frist von sechs Monaten zu Stande. Das Siechenhaus der Chewra Kadischa hat mit der eigentlichen Krankenpflege nichts zu thnn. In dasselbe werden nur gesunde, jedoch bereits erwerbsunfähige Greise ausgenommen (der jüngste unter den jetzigen Pfleglingen zählt bereits über 70 Jahre) und haben nur diejenigen Anspruch, ausgenommen zu werden, welche entweder Mitglieder der Chewra Kadischa ') „Budapester Tagblatt" waren oder durch öffentliches Wirken hervorragten. An dieser Stelle sei auch hervorgehoben, daß die Pester „Chewra Kadischa" unermüdlich auf dem Gebiete öffentlichen Wohlthuns thätig ist. Als älteste Institution dieser Art und über materielle Mittel verfügend, wie wohl kein zweiter ähnlicher Verein, hatte sich besonders die Krankenpflege und die thatkrästige Unterstützung von Reconvalescenten zur Aufgabe gestellt. Während z. B. die Wiener Chewra Kadischa nur an 700 Mitglieder zählt, sind der Pester mehr als 5000 beigetreten und darunter mehr als ein Fünftel, die über den regelmäßigen Jahresbeitrag hinaus, auch noch bedeutendes an freiwilligen Beiträgen leisten. An der Spitze derselben steht in Carl Reuß ein Leiter, welchen man mit Recht den Großschatzmeister der Wohlthätigkeit nennen dürfte; denn trotz seines hohen Alters läßt es sich der wackere Mann nicht nehmen, überall persönlich mitznwirken, wo es sich um die Linderung menschlichen Elends handelt. Ihm zur Seite steht als Secretär Dr. Wilhelm Mezei, deffen humanes Wesen all jenen, welche den Weg des Elends wandeln, nicht wenig das Tragen der schweren Last erleichtert. Daß eine solche Societät, noch dazu auf reiche Erfahrung gestützt, bei der Einrichtung eines Siechenhauses das Beste und Zweckentsprechendste wählen würde, läßt sich leicht begreifen. In der That macht auch das neue Siechenhaus den Eindruck eines behaglichen Heims, in welchem eine Gesellschaft von alten Herren (in der Damenabtheilung natürlich von Damen) einer behaglichen und ungezwungenen Conversation sich hingibt. Derzeit sind in der Anstalt 87 Pfleglinge, allein es ist Raum für über 70 vorhanden. Durch einen weiten Hof, von welchem ein Theil eben parkirt wird und als Garten verwendet werden soll, gelangt man in eine Vorhalle, die rechts und links Einblick in Conversationszimmer, Lesezimmer und Speisezimmer gestattet. All diese Räumlichkeiten sind mit höchstem Comfort eingerichtet und dem entsprechend ist auch die Verpflegung und sonstige Lebensweise. Nebst einem Curator, welcher die Aufsicht über das ganze Haus führt, ist ein entsprechendes Bedienungspersonal vorhanden, welches für die Wünsche und Bedienung der Pfleglinge zu sorgen hat. Dieselben erhalten zweimal täglich Wein, nahrhafte Mittags- und Abendkost, ferner ein entsprechendes Frühstück. Die Hausordnung ist eine überaus milde, wenn auch dafür gesorgt wird, daß alles seinen regelmäßigen Gang und Verlaus nimmt. Erwähnenswerth sind noch die prächtig eingerichteten Badestuben und der Flurgang, wo bei schlechtem Wetter Spaziergänge unternommen werden können. Ein eigenes Aufsichtscomite. dessen Mitglieder unter Anderen auch Frau Rosalie Kaffowitz, die Ehrenpräsidentin des israelitischen Knabenwaisenhausis und Jacob Deutsch, Präsident desselben Institutes sind, hat die Aufgabe, in kurzbemessenen Zwischenräumen das Siechenhaus zu inspiciren, etwaige Wünsche und Beschwerden entgegenzunehmen. Es kommt jedoch selten dazu, denn berechtigte Wünsche werden ohneweiters und noch ehe das Aufsichtscomite einschreitet, erfüllt. Daß aber zu Beschwerden wenig Ursache vorhanoen ist, davon zeugen diese zufriedenen Mienen, diese in heiterer Ruhe dahinwandelnden Gestalten, unter denen es eine ganze Serie von interessanten Charakterköpfen gibt. Die feierliche Eröffnung des neuen Siechenhauses findet erst im nächsten Frühjahre statt, denn bis dahin soll erst der Hof parkirt, der Garten eingerichtet und manches Fehlende ergänzt werden, seiner Bestimmung ist jedoch das Gebäude bereits übergeben lvorden; denn eine hervorragende Persönlichkeit der „Chewra Kadischa" bemerkte sehr richtig „Der äußere Pomp kann noch warten, nicht aber jene Greise und Erwerbsunfähige, welchen das Haus als Asyl dienen soll" F. Wochenkalendrr. Tischri-Cheschwan 5653. — Oktober 1892 301 Freitag 21 Nosch.-Chodesch Moled Cheschwan 11 Samstag 22 znrt nm 3*» 18'" Früh. 2 Sonntag 23 1 Noah m Eintritt der Nacht 31 Montag 24 | nm 5*> 32'9'" 4j Dienstag 25 1 5; Mittwoch 26 0 Donnerstag 27 j 7 Freitag 28 p