Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 776 Orflrrreirhrsrhr Worhenschrist Nr. 43 dachte ich an M. Drumont. Ich erinnerte mich, daß er mir eines Tages gesagt hatte: Ich liebe den Czar wahrhaftig! da er ja Antisemit ist!" Nach einem tiefen Seufzer erzählte derJude weiter: Sie wissen gewiß, daß noch viel mehr Juden ermordet wurden, viele wurden verwundet, man hat niemals die genaue Zahl gekannt, da man dieselbe verheimlicht hat, aber ich habe viele gesehen — in unserem Viertel mindestens 15, andere haben mehr gesehen, auch in der Stadt gab es sehr viele-eine Frau wurde vergewaltigt und blieb halbtodt zwischen ihren beiden Kindern liegen-es war fürchterlich! — Wie erklären Sie all' das? — Er zuckte mit den Achseln: Man kann es nicht erklären. — Man sagt ihnen, die Juden seien Schuld daran, wenn sie unglücklich sind, sie glauben es, dann fühlen sie, daß sie unterstützt und aufgemuntert werden, Sie begreifen? Es gibt viele Fabriken in Lodz, gewiß gibt es auch viele, die ihre Arbeiter ausbeuten — aber die Christen nicht weniger als die Juden — endlich warum überfallen sie gerade die armen Juden, wie wir, die ebenso hart ihr Leben fristen wie sie? Auch ich habe gearbeitet so lange ich konnte, jetzt bin ich zu alt. Mein Sohn, der schwächlich war, wollte sich erst für das Rechtsstudium vorbereiten und gab Lectionen, aber als er sein Diplom erlangt hatte, wurden die Juden von der Praxis ausgeschlossen. Verzweifelt darüber, daß er seine Jugend mit zweckloser Arbeit verbracht hatte, ließ er seine Studien im Stich und lernte Klempnerei. — Um unseren Lebensunterhalt zu erwerben, mußte er doch etwas anfangen! — Da er doch intelligenter war, so wurde er bald Geselle — aber gerade als er anfing, genug für den Unterhalt zu verdienen, da- — Sagt man nicht, es seien zu viele Juden.in Lodz? unterbrach ich ihn, um ihn von dieser Erinnerung abzulenken. Man verjagt sie ja von allen Orten. — Man gestattet ihnen nicht in Polen zu leben, darum kommen sie hierher, sie müssen ja doch irgendwo leben.- London. Die Demolirung eines Bethauses in L o n d o n. In Folgeleines Beschlusses des County-Council muß das alte jüdische Bethaus «Letb bamiäraseb« wegen Baufälligkeit abgetragen werden. Bevor dieser Beschluß zur Ausführung kam, wurden noch die jüngste» jüdischen Feste gefeiert. Aus Anlaß des Neujahrsfestes hatte der Vorsitzende Mr. Simon Cohen die üblichen Glückwünsche an die hervorragendsten Persönlichkeiten ausgesendet und von Allen kamen die herzlichsten Danksagungen zurück. „Evening News and Post" theilt diese Dankschreiben mit und erwähnt, daß die Königin, der Prinz von Wales, Salisbury, Gladstone, Rosebery, der Erzbischof von Canterbury u. A. Dankbriefe an den Vorsitzenden gelangen ließen. Der Lordmayor schrieb, „er hoffe, es werde uiemals eine Zeit kommen, in dem ein Lordmayor seines Amtes vergessen werde, der Almosenier der öffentlichen Wohlthätigkeit, der Dolmetsch seiner Mitbürger in Werken der Philantropie und des Wohlwollens zu sein allen Classen und allen Secten gegenüber, die verletzt und unterdrückt sind." Und der Erzdechant Sinclair schrieb: „Wir Alle beten zu demselben Gott. Wir Christen glauben, daß Er derselbe ist im neuen wie im alten Testamente." Der Bisckof von London sagte in seinem Briefe: „Von ganzem Herzen bete ich zum himmlischen Vater, dem Eurigen, der auch der unserige ist, er möge Euch mit irdischem und geisttgem Glücke segnen für das ganze Jahr hindurch, das Ihr soeben beginnt. Ich werde mich glücklich fühlen, wenn ich, geleitet von seiner himmlischen Liebe, irgendwie beitragen kann, um Euer Wohlergehen in dieser wie in jener Welt zu fördern." Die Briefe machten auf Alle, die sie hörten, den tiefften Eindruck. Dann fand in feierlicher Weise der Abschied vom alten Bethause statt. Nun wird ein neues Haus gebaut werden, wo wie im alten für die ärmsten Juden Gottesdienst wird gehalten werden und wo diese Armen in der Zeit der Noth auch eine Zufluchtstätte finden werden. Umrofrte Wien. Wie die „Wiener Zeitung" im amtlichen Theile publicirt, hat der Kaiser dem österreichisch-ungarischen Generalconsul in Liverpool, Herrn Ritter Cohen v. Tengervar, den Titel und Character eines Ministerialrathes verliehen. Der deutsche Kaiser hat dem österr. Rittmeister Bardach von Chlumberg den Krouen-Orden dritter Claffe verliehen. Wien. (40jähriges Jubiläum.) Einer unserer geachtetsten Gelehrten, Prof. Dr. Gerson Wolf, dessen historische Schriften wegen der Reichhaltigkeit ihres Quellenmaterials wie wegen der großen Gewissenhaftigkeit ihres Autors weit verbreiteten Ruf genießen, begeht in diesen Tagen ein Jubiläum. Herr Dr. Wolf wirkt nämlich fett 40 Jahren als Religions-Lehrer, bzhw. Schulinspector der israelitischen Cultusgemeinde in Wien und hat sich auch in dieser Amtstätigkeit immer durch große Pflichttteue ausgezeichnet. Ans diesem Anlasse hat Herr Dr. Wolf bereits in den letzten Tagen die Beglückwünschungs-Deputation des Vorstandes und der Beamtenschaft der Cultusgemeinde empfangen, wobei ihm sein von Künstlerhand ausgeführtes Porträt als Ehrengeschenk überreicht wurde. Aus allen Gesellschaftskreisen sind Herrn Prof. Wolf zahlreiche Zeichen der Sympathie und Verehrung zugekommen. Wien. In der Nacht vom 2. auf den 3. d. M. ist der Religionslehrer Herr Dr. Leopold Goldberger einem Herzschlage erlegen. Seit dem Jahre 1876 war er am städt. Gymnasium in der Taborstraße und an der städt. Oberrealschule auf der Landstraße thätig und wirkte überdies an der Mädchenbürgerschule in der Czerningasse. Der Verblichene war ein pflichteifriger, tüchtiger Lehrer, ein treuer College, ein guter Mensch, der sich in den weitesten Kreisen der hiesigen jüdischen Bevölkerung großer Popularität und Beliebtheit erfreute. An dem Leichenbegängnisse nahmen viele Collegen, Freunde und Schüler des Verewigten, theil; Vertreter des Cultusvorstandes Herr Landesschulrath Dr. G. Kohn, auch mehrere nichtjüdische Professoren der genannten Mittelschulen, einige in ihrer Amtsuniform, waren erschienen, sowie der Provisor der oberwähnten Bürgerschule Herr Mück. Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt eine ergreifende Leichenrede und Obercantor Goldstein verrichtete die rituellen Gebete. Am offenen Grabe sprach noch Herr Religionsinspector Dr. G. Wolf kurze, schöne Worte. Wien. (Prediger Mannheimerverein.) Am 17. October, dem Geburtstage des edlen Stifters, wurden die Zinsen des Capitals, der Jahresbeiträge und Spenden, im Ganzen fl. 1450 an 51 Petenten (6 Rabbiner, 14 Rabbinerswitwen, 15 Lehrer und 16 Lehrerswitwen) vertheilt. Sieben Petenten erhielten Gaben ä fl. 50 und 44 k fl. 25. Nikolsburg. Die hiesige Altschul-Synagoge wurde vor einigen Monaten renovirt. Dem ernsten Bestreben der Tempelvorsteher ist es zu verdanken, daß die Renovirnng glänzend ausfiel und diese an sich wunderschöne Synagoge sehr viel gewann. Der in Wien und allenthalben rühmlichst bekannte Architect Herr Maximilian Fleischer hatte die Neuausstattung übernommen. Wie überrascht war die Tempelsection, als Herr Architect Fleischer jüngst auf jedes Entgelt für seine persönlichen Leistungen verzichtete. Dieser edle Großmuth verdient öffentlichen Dank; die ganze Gemeinde Nikolsburg ist auch wirklich dem edelmüthigen Manne zu großem Danke verpflichtet, dessen Namen in ihr stets mit dem Gefühle größter Hochachtung und Werthschätzung genannt werden wird. Brody. Zum Bürgermeister unserer Stadt wurde Herr Dr. Paul Goldhaber an Stelle des als Notar nach Lemberg berufenen Herrn Witoslawski zum Bürgermeister gewählt. Böhm.-Leipa. Mittwoch am 12. October 1892 , Nachmittags 3 Uhr fand programmäßig die feierliche Installation des neugewählten Predigers Herrn Dr. Josef Wiesen im israelittschen Tempel in Böhm.-Leipa statt. Der Tempel wurde zu diesem Zwecke festlich decorirt und sämmtliche Mitglieder der Cultusgemeinde sowohl als zahlreiche Bürger der Stadt hatten sich daselbst eingefunden, so zwar, daß das Bethaus bis auf das letzte Plätzchen gefüllt war. Der neue Rabbiner wurde von einer Deputation des Vorstandes am Bahnhofe empfangen, von da in den Tempel begleitet und in der Vorhalle desselben von einem Mädchen der Bürgerschule- und einem Studirenden der VIII. Claffe des Gymnasiums im Namen der Schuljugend durch eine Ansprache begrüßt. Beim Einttitt in den Tempel wurden ihm vom Vorstande die Thorarollen entgegen getragen und durch Absingen des „Boruch habou sein Einzug gefeiert. Sichtlich ergriffen über die weihevolle Festesstimmung hielt Dr. Wiesen in erhebenden Worten eine recht würdevolle Festrede, mit welcher er in erster Reihe dem Vorstande sowohl als allen andern Anwesenden fiir den unerwarteten Empfang dankte, die strengen Grundsätze darlegte, unter welchen er die