Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Vestrrrrichtsche Wochenschrift. Sette 775 Nr. 43 drei Wochen später war er schon der Assistent des berühmten Desmarres. Neben den Fachstudien, denen er mit staunenswerthem Eifer oblag, bewahrte er stets ein warmes Interesse für Literatur, Kunst und Politik. Der Freiheitskampf traf Hirschler in Frankreich und er nahm im Geiste den regsten Antheil an ihm. In seinem Tagebuch nimmt nun die Politik den breitesten Platz ein. Obgleich er sich in. Paris bereits eine Position geschaffen hat und ihm dort eine schöne Zukunft winkt, kehrt er im Sommer 1849 nach Pest zurück, um hier zu practiciren. Hier verbündeie er sich mit gleichgesinnten Collegen, um die arg darniederliegende ärztliche Wissenschaft im Vaterlande zu heben. Um die Mitte der Fünfziger Jahre bewirbt er sich um eine Docentur, die ihm jedoch trotz Balaffa's Fürsprache rundweg abgeschlagen wird. Trotzdem hält er für angehende Aerzte Vorträge, die sich immer regeren Zuspruchs erfreuen. — Eingehend schildert Vidor die ausgedehnte wissenschaftliche und literarische Thätigkeit, welche Hirschler in den fünfziger, sechziger, siebziger Jahren und noch im Anfang der achtziger Jahre entfaltete, bis ihn seine Erblindung zur Unthätigkeit zwang. Vortragender geht dann auf die bei Lebzeiten erfolgte Würdigung der Verdienste Hirschler's über. Hirschler war von 1856 bis 1880 Directionsmitglied des Budapester königl. Aerztevereins. von 1874 bis 1880 war er Präsident und von 1881 bis 1891 Ehrenmitglied desselben. HervorragendeBerdienste hat sich Hirschler um seine Glaubensgenossen erworben. 1868 kam auf seine Initiative hin der aus den Vertretern der ungarischen Judenschaft bestehende Congreß zu Stande, zu dessen Präsidenten Hirschler erwählt wurde. Nach monatelaugen Disputen wurde endlich das von Hirschler erwünschte Statut geschaffen, welches jedoch vom Parlament abgelehnt wurde. Trotzdem gelang es Hirschler, die Idee des Rabbi-Seminars zu retten, in welchem Rabbiner und Prediger von zeitgemäßer Bildung herangezogen werden. Nach der politischen Action widmete sich Hirschler wieder seiner Fachthätigkeit, in welcher er gleichfalls Hervorragendes leistete. Der Vortragende liefert sodann eine überaus sympathische Characterskizze Hirschler's, in welcher dessen Bescheidenheit besonders hervorgehoben wird. In Folge seiner Verdienste wurde Hirschler von Sr. Majestät zum Magnatenhaus-Mitglied ernannt, doch hatte sein bescheidener Character diese Auszeichnung nicht gesucht, und als er sie dennoch erhalten, da freute sie ihn nicht so sehr seinetwegen, als vielmehr wegen seines Stammes, den er als durch seine Ernennung geehrt betrachtete. Nach einer Schilderung Hirschler's als Familienvater und als practischen Arzt schließt Redner seinen Bortrag mit folgenden Worten: „Indem ich diese Erinnerungsblätter auf den Tisch unseres Vereines lege, dessen belebende Seele er einst gewesen, glaube ich, daß, so lange diese Corporation mit ernstem Schaffen auf dem schönen Pfade fortschreiten wird, den er im Verein mit Mehreren, später mit Vielen ebnete, so lange bie_ Epigonen das pietätvolle Bewußtsein wahren werden, daß sie auf den Schultern der Vorgänger stehen: so lange wird der Name Hirschler nicht vergessen werden." Dresden. (Aus dem M u st e r l a n d e d e s Antisemitismus.) Wir lesen in den „Deutschsocialen Blättern": „Selbstmorde kommen am häufigsten im Königreich Sachsen vor. Der Jahresdurchschnitt von 1887 bis 1889 beträgt in Sachsen im Alter bis zu 14 Jahren 9 Selbstmörder: von 14 bis 21; 116; von 22 bis 60: 731; von 60 bis 70: 143: von 70 bis 80: 61; von 80 und mehr Jahren 11 Selbstmörder. Berechnet man nach diesen Durchschnittsziffern die Zahl der Selbstmörder, die in den verschiedenen Altersclassen auf 100000 Lebende kommt, so ergibt sich, daß in Sachsen auf diese Zahl im Alter bis zu 14 Jahren 3 (in Preußen 18, von 14 bis 21 Jahren 23 1 (13'3), von 22 bis 60 Jahren 201 7 (126'7), von 60 bis 70 Jahren 87'7 (51'7), von 70 bis 80 Jahren 89 7 (54'3). von 80 Jahren und mehr 110. (604) Selbstmörder entfallen. Hieraus ergibt sich ein Durchschnitt von 70 Percent um den die Zahl der. sächsischen Selbstmörder die der preußischen überragt: diese Zahl wird in der höchsten Altersclasse und im Alter zwischen 14 und 21 Jahren noch überstiegen, in den übrigen Altersclassen nicht erreicht." Das Leipziger Antisemitenblatt fühlt sich bewogen, dieses Ergebniß statistischer Aufzeichnungen zu erläutern, und schreibt: „Wahrscheinlich dürfte diese befremdliche Erscheinung des sonst so mustergiltigen sächsischen Volkslebens in den gesteigerten seelischen Aufregungen, die die in Sachsen besonders hoch entwickelte industrielle Thätigkeit mit sich bringt, ihre Erklärung finden." Werden in Sachsen die „seelischen Aufregungen" nicht auch durch den dort besonders hoch entwickelten Antisemitismus gesteigert? Stuttgart, 12. October. Wegen Beleidigung der israelitischen Religionsgesellschaft stand gestern der Redacteur Kleenkann von der „Ulmer Schnettpost" vor dem Ulmer Schwurgericht. Die Anklage betraf einen von Kleemann verfaßten antisemitischen Tendenzartikel „Der Talmud" Der Angeklagte berief sich auf Prof. Rohling, dessen Werk ihm als Grundlage des Artikels gedient habe. Die Sachverständigen, Kirchenrath Wassermann-Stuttgart und Pfarrer Pressel-Cannstatt, erklärten übereinstimmend, daß die im Rohling angeführten Stetten, worauf Kleemann seine antisemitischen Auslassungen stützte, im Talmud nicht Vorkommen. Der Staatsanwalt setzte auseinander, daß die jüdische Religionsgemeinschaft durch den von Kleemann verfaßten Artikel beschimpft worden sei. Der Bertheidiger dagegen behauptete, daß nur die jüdische Sittenlehre angegriffen sei. Die Geschworenen verneinten die Frage, ob eine Beschimpfung der Religionsgesellschaft vorlieqe. Somit mußte der Gerichtshof auf Freisprechung erkennen. Köln. 14. October. Die „Kölnische Zeitung" meldet aus Petersburg: In der letzten Sitzung des Ministercomites kam es zwischen P obedonoszew und dem Minister Witte in Folge der Behauptung des Präses der heiligen Synode, in neuester Zeit mache sich wieder in vielen Dingen, besonders im Finanzministerium, der Einfluß der Juden sehr bemerkbar, zu einer sehr erregten Scene. Der Streit spitzte sich derart zu, daß der Präsident des Ministercomites eingreifen mußte. Paris. Der bekannte Pariser Journalist Jules Huret, welcher ganz Europa bereist, um Material über die sociale Frage zu sammeln und bereits mehrfache Jnterwievs mit mehr oder weniger hervorragenden Persönlichkeiten abgehalten und deren Ergebnisse im Pariser „Figaro" veröffentlicht^ hat, ist auf feiner Wanderung in Lodz angelangt, wo derselbe Studien über die Ursachen der Arbeiterkrawalle und Judenverfolgung im Monate Mai d. I. macht. Die frischen Eindrücke, an Ort und Stelle gesammelt, werden von ihm unter dem Titel: „La Qnestiou Sociale“ im „Figaro" veröffentlicht. Ein Theil dieser Publication ist an die Adresse von Drumont gerichtet und hat gegenständlich ein besonderes Interesse, weshalb dieselbe — auszugsweise — mitgetheilt zu werden verdient. Huret schreibt: „Ich widme die nachstehenden Zeilen M. Drumont. Er wird wohl glauben, daß ich übertreibe? Aber wäre er nur mit dabeigewesen, als ich in die „Altstadt" ging, uni einen alten Juden aufzusuchen, dessen Sohn im Alter von 24 Jahren am 4 Mai getödtet wurde. Der gute Alte trug noch im Gesicht fürchterliche Spuren der Wunden, welche er bei Bertheidigung seines Lebens erhielt: die Haut des Gesichtes war ein Schürf, ein Auge war halb zerschlagen und die Hände waren auch voll Risse . . . Mein Begleiter erklärte ihm auf polnisch, daß ich aus Paris komme und mich für' die Ereigniye in Lodz interessire . . . Nach und nach kam das Gespräch auf die Vorfälle vom 4. Mai. Als wir da angelangt waren, hörte der Greis plötzlich auf zu reden, seine Hände begannen stärker zu zittern, seine Augen wurden feucht, Thränen rollten über die Narben seiner Wangen und verloren sich in seinen silberweißen Bart, dann begann er zu sprechen, mit thränenerstickter Stimme, die alten zerfetzten Finger auf der Stirne, mit einer Geste grenzenloser Verzweiflung: Warum, mein Herr, warum kamen sie. um uns zu tödten? Was haben wir ihnen gethan? Was hat ihnen mein Sohn gethan? Weil wir Juden sind? Ist das unsere Schuld, daß wir Juden sind? Was würden die Christen dazu sagen, wenn man känie, ihre Kinder zu tödten, weil sie Christen sind?- — „Warum sind sie zu Euch gekommen?" frug ich. — »Ich weiß nicht warum. Ich hörte einen Lärm in der Straße, öffnete, um zu schauen, denn ich begriff nichts was vorging. Da kamen sie herein, etwa zwölf Mann, und fingen an, die Scheiben und Möbel zu zerschlagen; ich setzte mich nach Möglichkeit zur Wehre, als mein Sohn, der Spänglerarbeiter war, eintrat ... Er warf sich auf die Leute, die mich schlugen, und zwei von ihnen versetzten ihm Schläge mit Stangen auf den Kopf, so stark, daß er hinfiel, den Blick auf mich gerichtet, er starb auf der Stelle" . . . Der Greis fuhr sich dabei an den Kopf, seine langen Haare bedeckten sein Gesicht, sein Körper zuckte unter heftigem Schluchzen, fast Röcheln. Ich war beschämt und betrübt, daß ich den Schmerz des Alten erneuert hatte . . . aber ich überlegte bei mir, ob es nicht nützlich wäre, das zu erzählen, und damals