Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-21 · 43 (21.10.1892) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
43 (21.10.1892)
Date
1892-10-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020943--01815-3025874
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 43 Vestrrrrichifchr Wochenschrift. Serie 771 Die vom Gemeinderathe Frauenberger beantragte Resolution wurde unter begeisterter Zustimmung einhellig angenommen. Reichsrathsabgeordneter Dr. Kronawetter betrat nun, von sympathischen Zurufen lebhaft begrüßt, die Rednerbühne. Mit Bezug auf Schneider's Bemerkungen über jene unglücklichen Frauen, welche durch gesellschaftliche Mißstände dem Laster in die Arme getrieben werden, sagte Dr. Kronawetter: Er glaube nicht, daß Jemand, der so genaue Listen führt, daß er weiß, ob an einem Tage mehr oder weniger Frauen spazieren gehen, rein und ohne Sünde sei (Beifall und Heiterkeit). Dem Frauengeschlechte sei noch eine Menge anständiger Erwerbsarten verschlossen, und daher sei es Pflicht der Humanität, den Gefallenen emporzuhelfen. Weiters besprach Dr. Kronawetter das Berhältniß der Wählerschaft zu ihren Abgeordneten und meinte in Bezug ans die Wählerschaft Schneider's: Eine Wählerschaft, welche sich ihrer Rechte bewußt ist und weiß, was sie von ihren Abgeordneten zu fordern hat, kann nicht eine Minute länger dulden, daß ein solcher Mensch sie vertrete. Ihre Pflicht sei es, diesen Abgeordneten vor ihr Gericht zu ziehen. Es sei traurig, daß die Wählerschaft darauf nicht reagire, ja daß man ihm sogar in Wirthshäusern Recht gibt, zeuge von tiefer sittlicher Verwilderung (Lebhafter Beifall). Dieß zeige, daß es den Kampf nicht werth war, solchen Wählern das Wahlrecht zu verschaffen, daß sie dieses Rechtes nicht würdig sind. Redner beantragt hierauf einen Zusatz zur bereits angenommenen Resolution, dahin lautend, daß die Versammlung tief bedaure, daß dieser Vertreter noch heute nicht von seiner Wählerschaft zur Rechenschaft gezogen werde (Lebhafter Beifall). — Dieser Zusatz wurde einstimmig angenommen. Landtagsabgeordneter N o s k e ergriff dann das Wort in seiner Eigenschaft als Mitglied des niederösterreichischen Landtages. Dieser Herr Schneider sitze wohl neben ehrenwerthen Männern im Landtage (Leider N, aber ihr College ist Schneider nicht (Lebhafter Beifall). Man sage vielfach, es sei überflüssig, gegen solche Personen aufzutreten: das sei nicht richtig. Versammlungen, tute die heutige, haben einen guten Zweck. Sie zeigen den anständigen Elementen unter den Antisemiten (Oho! Rufe: Das gibt es nicht! », wie tief sie herabsinken, wenn sie sich in dieser Gesellschaft befinden. Und es werde dazu kommen, daß sie sich dessen schämen. Redner protestirt dagegen, daß man mit den Antisemiten Abmachungen treffe. Er werde immer mit aller Entschiedenheit dagegen protestiren. In den Berwaltungskörpern müsse man von dem Grundsatz ausgehen: ^Gleiches Recht für Alle. Die Antisemiten sagen aber : Recht für die Einen, Unrecht für die Anderen »Beifall). Solche Personen können nicht zur Verwaltung berufen werden. Mit den Antisemiten pactirt man nicht, hier heißt es Kampf bis zur Vernichtung (Stürmischer Beifall. Dr. Seidler aus Hietzing gab sodann mit Rücksicht auf die Rede Dr. Kronawetters die Erklärung ab. daß die Wählerschaft Schneiders durchaus nicht gleichgiltig den Vorgängen im Landtage gegenüberstehe. Es werde schon in der nächsten Zeit eine Versammlung stattfinden, in welcher man über das Vorgehen Schneiders zu Gericht sitzen werde. Ueberhaupt werde daselbst eine rege Agitation gegen den Antisemitismus entfaltet, welche auch in anderen Wahlbezirken Nachahmung finden sollte. Nachdem noch mehrere Redner dem Wunsche Ausdruck gegeben. daß die heutige Versammlung den Ausgangspunkt einer intensiven Agitation der freisinnigen Bürgerschaft gegen das Ueberhandnehmen des Antisemitismus bilden möge, wurde dem Präsidium des Abwehrvereines für die Veranstaltung der Protestkundgebung der Dank ausgesprochen und die Versammlung unter Hochrufen auf Dr. Nothnagel und Freiherrn von Suttner geschloffen. Fürst Bismarck in antisemitischer Beleuchtung, (Fortsetzung der Auszüge aus dem antisemitischen B u ch e: „D i e W ahr h e it über Bismarck. Ein Wort an die deutsche Nation von Balder." Verlag von Carl Milde in Leipzig.) XV. „ . . . Die politischen Kämpfe jener unklaren Zeiten (1847) waren auf den parlamentarischen Boden gedrängt. In diesen Kämpfen war die Rede die entscheidende Waffe. Die Conservativen hatten nicht allein schlechte, sondern gar keine Redner, indes die Liberalen durch vortrefflich geübte Kämpfer der Rede vertreten waren. — Unter den Blinden ist der Einäugige König. — Und Bismarck hatte deshalb leichtes Spiel, auf Seiten der conservativen Partei bald als einer der hervorragendsten Redeführer zu erscheinen. Er mußte daourch nicht allein bei den Conservativen, sondern vornehmlich auch bei seinem Herrscher in ein besonderes Ansehen kommen. Es ist dabei bemerkenswerth, daß Bismarck die von der liberalen Partei geplante Emancipation der Juden zum Gegenstände seiner Erörterungen in gegnerischer Weise machen mußte . . . Oratorische Meisterwerke hat der damals 32jährige Bismarck mit jenen Reden allerdings nicht geleistet." XVI. „ . . . Im August 1851 ward Bismarck von seinem Könige zum Bundestags-Gesandten zur Vertretung Preußens in Frankfurt am Main ernannt. . . Schon mit einer ersten Amtshandlung trat Bismarck in Frankfurt in einen wunderlichen Contrast mit seiner parlamentarischen Parteinahme im Jahre 1847. Er miethete sich in der Billa des Juden Rothschild ein. Nach einem achtjährigen meist mit Jagden gewürzten Aufenthalte zu Frankfurt, aus deffen Resultaten sich nichts ermähnen läßt, ward Bismarck schließlich als Gesandter nach Petersburg versetzt . . . Jeder unbefangene klare Beurtheiler muß aus den Thatsachen zu dem Resultate kommen, das alle Politik Bismarcks stets eine Sackgassen-Politik gewesen ist, die nur durch Gewaltmaßregeln schließlich eine Remedur zu finden vermochte und alle Erfolge dieses großen Staatsmannes beruhen darin, daß es der preußischen Heeresführung im gegebenen Momente dann stets gelang, den gordischen Knoten, welchen die Bismarck'sche Politik geschürzt, in siegreicher Weise zu zerhauen. Auch in Frankfurt waren die Verhältnisse nach Ablauf einer 8jährrgen Thätigkeit Bismarcks in eine Lage gekommen, die er. nur dadurch glaubte repariren zu können, daß er zum Kriege (mit Oesterreich) drängte." XVII. „ . . . Durch das einsichtslose Verfahren der sogenannten liberalen Parteien war die militärische Gewalt des Königs in ein immer größeres Gedränge gerathen, ans dem nur ein noch ganz rücksichtsloses Verfahren einen Ausweg zu schaffen vermochte und hiezu konnte nur der Gesandte am russischen Hofe, der Schüler Gortfchakoffs als d.r geeignete Mann erscheinen und der König ernannte Bismarck zum Ministerpräsidenten . . Mit den von Bismarck dabei gemachten Aeußerungen: „der Tod auf dem Schaffst ist unter Umständen ebenso ehrenvoll wie auf dem Schlachtfelde!" oder: „Ich kann mir schlimmere Todesarien denken, als die Hinrichtung", wollte er nur Angst vor der Revolution einjagen und die Gefahr des „Cvnslicts" «mit dem Parlamente) größer erscheinen laffen. als sie es wirklich war . . . Uebrigens ist Dicfe „Cvuflictszeit" nur von Bismarckischer Seite io aufgebauscht worden, um ihn in einem bedeutungsvolleren Lichte erscheinen zu lassen, als er es verdiente . . . Um über die Schwierigkeiten im Jnnenr hinweg zu kommen, war ein Krieg allerdings ein radikales auf Leben und Tod des ganzen Staates gehendes Mittel . . . Krieg war immer das endliche Ergebniß aller Politik Bismarcks . . . Was konnte ein Bismarck verlieren? . . . Liefen die von ihm angezettelten Kriege übel aus, so war er nur der Diener seines Herrn gewesen, und konnte denselben jederzeit verlassen; glückten die Kriege, desto besser für ihn ... Es ist nicht zu bezweifeln. daß nicht die nachmals so gefeierten nationalen Ziele, sondern nur die Verhältnisse im Innern die Ursache des Krieges (mit Dänemark) waren." XVIII. „ . . . In der Zeit seines Aufenthaltes in Gastein > l865) hielt es jener Bismarck, der im Jahre 1847 seiner Meinung von der Würdelosigkeit der Juden eitlen so beredten Ausdruck gab, jetzt als preußischer Ministerpräsident, Gatte und Vater dreier Kinder, als seiner Würde nicht widersprechend, seiner zarten Freundschaft für eine jüdische Dame Pauline Lucca dadurch Ausdruck zu geben, daß er sich mit derselben auf einem Bilde photographieren ließ. . . Diese „Lucc.r- Photographie" verdient in Hinsicht auf das nachmalige Lcbeu und Wirken Bismarcks doch eine ganz besondere Beachtung. Der überzeugungstreue Antisemit des Jahres 1847, Bismarck, war inzwischen ein so mächtiger Mann geworden, daß die Judenschaft mit ihm zu rechnen hatte. Die Juden, die Bismarck früher so außerordentlich verabscheut und so heftig befehdet hatte, mußten es für gerathen finden, sich mit dieser Macht in anderer Weise zu stellen, und — „Wo der Teufel nicht selbst kommen kann, schickt er ein Weib!" — Es ist wahrscheinlich, daß die ersten Anfänge zu dieser Umstimmung schon aus jenen Zeiten datiren, als Bismarck in Frankfurt die "Billa des bekannten Rothschild als Amtswohnung für sich als preußischen Gesandten und damit der große Antisemit von Anno 1817 einen Juden als Hauswirth zu nehmen, keinen Anstand nahm. Der Vertreter Rothschilds war in Berlin — Bleichröder! Hier mag der erste Anknüpfungspunkt zu suchen sein." XIX. „ . . . Das gewaltige Hazardspiel (der Krieg mit Oesterreich 1866) war gelungen . . . Nicht durch dje diplomatische Klugheit Bismarcks, die geradewegs auf ein russisches Satrapenthum Preußens lossteuerte, sondern durch die unvergleichliche Geschicklichkeit, mit der König Wilhelm und Moltke die mit dem Zündnadelgewehr ausgerüstete preußische Tapferkeit zu Siegen leitete ... Es ist einer der dunkelsten, aber durchaus charakteristischen Punkte Bismarck'scher Politik, daß damals die Erfolge preußischer Heeresleitung nicht ausgebeutet worden sind ... In einem Briefe an seine Gemahlin vom 9. Juli 1866

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.