Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 770 Vrstrrrrtchifchr Wvchenschrifl. Nr. 43 wieder das Wort ergriffen haben, wenn es mir nicht von Seite unserer Bereinsleitung nahegelegt worden wäre, eine knappe "Uebersicht des Standpunktes zu geben, welchen unser Verein den vorliegenden Fragen gegenüber einnimmt. Berufene Redner werden vertiefte und eingehende Ausführungen darüber bringen; mir wollen Sie gestatten, nur skizzenhafte Umrisse zu geben. Meine Herren! Die traurigen und schmachvollen Vorkommniffe, welche die unmittelbare Veranlaffung zur Einberufung dieser Versammlung gegeben haben, sind als Ausschreitungen des Antisemitismus bezeichnet worden. Das sind sie nicht, meine Herren. Der Antisemitismus macht keine Ausschreitung, er ist eine solche: er ist ein Frevel an der Moral , an der Gerechtigkeit, an der Menschlichkeit. (Beifall.) Wer überrascht gewesen sein sollte von jenen Scenen, der hat nie eine Vorstellung gehabt von dem eigentlichen Wesen des Antisemitismus, welcher schlecht ist in seinem tiefsten Kern, und deshalb nur Schlechtes erzeugen kann. Jene Vorkommnisse mußten eintreffen als unausweichliche Consequenz — und geben Sie sich keinen Täuschungen hin, meine Herren, wenn jene Individuen die Herrschaft gewönnen, dann müßte der Genius der Menschheit schweigend sein Antlitz verhüllen; denn in schaudervolle That würde sich verwandeln, was bis jetzt nur in Worten sich äußern kann. Ueber jene Individuen als solche ist nichts zu sagen — sie selbst haben sich das moralische Kainszeichen auf die Stirn gebrannt. (Beifall.) Aber der ftevelhaste Haß, den sie mit wahnsinniger Wuth gegen Mitbürger schüren, ist zu gefährlich, als daß man ihn mit kalter Gleichgiltigkeit, mit vornehmer Ruhe hingehen lassen könnte. Ueber den Antisemitismus will ich heute nicht zu Ihnen sprechen, nur wiederholen will ich, was meiner tiefsten heiligen Ueberzeugung entspricht, daß derselbe aus dem Gemeinen in der Menschennatur seinen Ursprung nimmt, daß er einer der schwersten Borwürfe gegen das menschliche Herz ist. Und wer ihn nicht von Anfang an als Frevel empfunden, wer sich nicht von Anbeginn über seine unbedingte Verwerflichkeit klar gewesen ist, selbst dem müssen doch allmählig die Augen geöffnet sein. Wehrlose zu überfallen ist feig; schutzlose Frauen zu insultiren ist gemein; Frauenehre ist selbst dem Rohen heilig — dem Antisemiten ist sie es nicht. (Stürmischer Beifall.) Der Beruf des Arztes ist geweiht; opferwillig scheut er nie sein Leben; der Pest, dem Tode schaut er pflichttreu in's Angesicht. Die Hospitäler sind Gotteshäuser; Erbarmen und Menschenliebe haben sie gesttstet für das unsägliche Elend der Armen und Verlassenen. In lichte Höhen hebt die Wissenschaft ihre Jünger, welche mit ernstem Sinne ihr dienen, aber hinab in den Staub, in den Schmutz zerrt sie alle der Antisemitismus. Meine Herren! Wir sind hier zusammengekommen, Männer aus allen Berufsclassen, aus verschiedenen Parteien. Aber nicht Politik wollen wir treiben, diese hat mit unseren Bestrebungen nichts zu thun. Ohne Unterschied der politischen Partei können, wollen wir uns einigen in dem Einen Gedanken, daß es gilt, offen und entschieden einzutreten für eine hohe, sittliche Pflicht, daß es gilt, rückhaltlos und feierlich Protest zu erheben nicht blos gegen die sogenannten Auswüchse des Antisemitismus, sondern gegen diesen selbst, welcher wie ein schleichendes Gift an den Seelen frißt. (Lebhafte Zustimmung.) Ihnen Allen, meine Herren, schlägt das Herz für Menschlichkeit. Sie Alle verabscheuen die Ungerechtigkeit. Wohlan erheben wir unsere Stimmen, rufen wir den Lässigen zu, rütteln wir die Gleichgiltigen auf! (Beifall.) Thue jeder seine Schuldigkeit auch nach dieser Richtung, dann werden die Nebel sich senken, die Luft wird wieder klar werden, und ftiedlich können, in neidlosem Wettbewerb um die Güter des Tages wie um alles Höchste des Menschengeistes, die Bürger dieser Stadt wieder nebeneinander schaffen. (Lebhafter Beifall.) Und zum Schluffe möchte ich von dieser Stätte einen treuen nnd warmen Mahnruf an einen irregeleiteten Bruchtheil unserer Jugend ergehen laffen. Daß ein Theil derselben von der traurigen Verirrung gestreift worden ist, zeigt, toie verderblich das Gift wirkt. Denn das Herz der Jugend ist gut, ihr Sinn ist frisch, ihr Gemüth für alles Schöne empfänglich. Die wahre Religiosität, welche treue Mutterliebe in ihre Seelen gepflanzt und edle Priester in der Jugend gepflegt haben, und der hohe Idealismus, mit welchem die wahre Wissenschaft sie erfüllt, diese beiden im Vereine werden sie auf den rechten Weg zurückführen. Beide aber lehren, daß das Höchste sei, Gerechtigkeit und Menschenliebe zu üben. (Anhaltender, stürmischer Beifall.) Die Ovationen, welche die Versammlung dem Hoftathe Dr. Nothnagel bereitete, veranlaßten den gefeierten Redner, noch folgende Worte zu sprechen: Ich bin gerührt von der freundlichen Zustimmung, welche Sie mir zutheil werden ließen. Ich habe dafür nur ein Wort: ich thne nichts, als was ich für meine einfache Pflicht halte. (Beifall.) Hierauf nahm Dr. Scholz das Wort, um Namens der Aerzte gegen die diesem Stande im niederösterreichischen Landtage widerfahrenen Beschimpfungen zu protestiren. Er widerlegte die einzelnen Angriffe. Was den Vorwurf anlangt, daß in einem Falle ein Arzt sich Uebereifer zu Schulden kommen ließ, so verwies Redner auf Hamburg, wo das Zuwarten so vielen Schaden angerichtet hatte. Was für ein Geschrei wäre erhoben worden, wenn ein solcher Fall nicht angezeigt worden wäre! Man weiß nicht, was man bei diesen Angriffen auf die Aerzte mehr bewundern soll, den Unverstand oder die Frechheit dieser Leute, wenn ein Abgeordneter sagte, die Doctoren verständen weniger als die alten Weiber. (Rufe: Pfui Lueger!) Der betreffende Herr hat, wenn er krank war, den ärztlichen Rath nicht verschmäht. Jetzt will er allerdings alle alten Weiber zu Freundinnen haben. Ich will, sagte Redner unter lebhafter Heiterkeit der Versammlung, die Klugheit dieser Frauen nicht öffentlich bezweifeln, sonst hetze ich sie mir alle auf den Hals. Dr. Scholz fuhr dann fort: Ich werde der Wissenschaft nicht die Schande anthun, sie gegen derartige Angriffe zu vertheidigen. Die Wissenschaft befindet sich dem gegenüber in der Lage eines anständigen Menschen, welchen-Gassenbuben mit Koth bewerfen. Er ist nicht in der Lage, auch in Koth zu greifen. (Rufe: Pfui Gregorig.) Der Redner besprach sodann den Anwurf, daß man die Kranken in's Spital schicke, um sie dort zu tödten! (Stürmische Pfui-Rufe.) Jeder Arzt betrachte es als eine Ehrensache, so wenig Todte als möglich in seiner Behandlung aufzuweisen. Uebrigens beweise die von den modernen Aerzten gepflegte Hygiene, daß sie nicht von Egoismus geleitet werden, denn sie entziehen sich dadurch selbst den Boden, auf dem bisher ihre Existenz ruhte. Durch solche Verhetzung berauben die angeblichen Vertreter des Volkes dasselbe einer Wohlthat. Wenn sich diese Leute Christlich- Sociale nennen, so ist dies eine Lüge. Das Christliche schänden sie, das Sociaüstische mißbrauchen sie. Es sei höchste Zeit, daß die Bevölkerung gegen solche Ausschreitungen Stellung nehme. Diese Leute kann man nicht auf dem Wege der Ehre bekämpfen, da sie sich von Ehre und Anstand losgesagt haben. (Beifall.) Gemeinderath Frauenberger beantragte hierauf folgende Resolution: „Die im Saale Wimberger versammelten Männer aus allen Schichten der Bevölkerung, aus allen Bezirken Wiens, auf das tiefste empört über das verderbliche, allen Gesetzen der Menschlichkeit nnd Gerechtigkeit hohnsprechende Treiben der Antisemiten, welches in jahrelangen, zahllosen, täglich sich wiederholenden Worten und Handlungen gegen Mitbürger sich offenbart und jüngst in den scandalösen Scenen des niederösterreichischen Landtages einen geradezu ruchlosen Höhepunkt erreicht uitb bis zu einem anarchistischen Wuthausbruche geführt hat — erheben ihre Stimme zu einem feierlichen und energischen Protest gegen diese Schmach für ihre Vaterstadt und erwarten, daß die berufenen autoritativen Persönlichkeiten diesem Treiben mit jener Energie entgegentreten werden, welche die Moral, die Gesittung, die Versassungsgesetze zur Pflicht machen." (Stürmischer Beifall.) In der Begründung der Resolution beleuchtete Gemeinderath Frauenberger die Mittel, deren sich die Antisemiten bei ihrer Agitation bedienen. Eine revolutionäre Bewegung verdiene der Antisemitismus genannt zu werden, und zu bedauern sei es, daß in den Hirtenbriefen nicht gegen diese anarchischen Tendenzen Stellung genommen wird, denn dieselben laufen den Christenthum auch zuwider; es müsse sich eine Stelle im Gesetze finden, die, um Wiederholungen ähnlicher Scenen vorzubeugen, zur schärfsten Anwendung gebracht werden sollte. Leider habe der Landmarschall all die Excefse ruhig hingenommen, nnd um so entschiedener müsse die selbstständig denkende Bevölkerung gegen derart unerhörten Scandal ihre Stimme erheben. Einem Schneider gegenüber sei es wohl überflüssig, jüdische Frauenehre in Schutz zu nehmen, traurig und eine höchst bedauerliche Erscheinung sei es jedoch, daß all die Niederträchtigkeiten ungeahndet geblieben seien; aus der Wählerschaft müsse den berufsmäßigen Hetzern ein gebieterisches Halt zugerufen werden, immer mächtiger müsse eine umfassende Agitatton die Massen gegen Verdummung und Verrohung schützen — und hoffentlich werde, wenn die Gesetze in entsprechender Weife gehandhabt werden, auch endlich die letzte Stunde der Volksverhetzer schlagen (Lebhafter Beifall).