Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 766 Vestenrichllchr Wochenschrift. Nr. 43 man dem Juden gegenüber jede Niedertracht, jede Lüge und Verleumdung, Meineid und Geschichtssälschung für gestattet erachtet, daß die schamlose Verlogenheit bereits jedes Mäntelchen verschmäht, weil dem unwissenden Pöbel Alles zugemuthet werden kann. Kleine Blüthenlese. Beim Durchsehen von antisemitischen Zeitschriften stellt sich mit der größten Regelmäßigkeit — man möge sich durch langjährige Gewohnheit noch so gestählt und abgehärtet wähnen — ein Gefühl rasch aufwallenden, empörten Zornes ein, welches sich dann allgemach bis zum Ekel abschwächt und beruhigt. Gewerbs- und gewohnheitsmäßig im Großen ausgeübte Niedertracht wirkt eben nach ganz anderen Gesetzen auf uns ein, als der Einzelverschleiß von verächtlichen Gesinnungen und die isolirten Ausbrüche der verthierten Rohheit. Dadurch, daß in dem antisemitischen Spielzeug die Kurbel mit ungewöhnlicher Raschheit gedreht wird, entsteht die optische Täuschung, als ob die fortlaufende Reihe der Schändlichkeitn zu einem einzigen Gesammtbilde Zusammenflüsse, ein organisches Ganze formire — die einzelnen Facten sind nicht mehr genau wahrzunehmen und zu sondern. Aus diesem Grunde fällt es selbst dem gewissenhaften Beobachter schwer, die verschiedenen Stadien dieses Fäulnisprocesses, der nur aus Uebergängen zu bestehen scheint, zu constatiren. Und für genau so schwierig erklären wir die Aufgabe, das Allerniederträchtigste aus den jüngsten Nummern Bergani, Schönerer und Karl Hermann, (der Vater des Kleinen heißt Wolf!) herauszuheben. Dennoch wollen wir den Versuch auf gut Glück wagen. Aber den Bergani schieben wir doch für diesmal wohlweislich zur Seite, denn gleich ganze Nummern wiederzugeben, wehrt der beschränkte Raum und wäre auch die Sorte Papier, auf der das vorliegende Blatt gedruckt wird, für diesen Zweck lange nicht geduldig genug. Heute sollen blos die Deutschnationalen ein bischen 'ran. Da haben wir den jungen Karl Herrmann. Ist das ein schlim- Knabe?! Weil er nicht gleich in den Reichsrath gewählt wurde, schreit er und randalirt und ist unartig und strampelt mit argenc Gezeter. Der Reichsrath gehört doch nur für die Großen! Der ist weder eine Krippe, noch ein Kindergarten, noch ein Refugium für verwahrloste Jungens. Hören wir mal, wie dieses, leider Gottes lange nicht streng genug gehaltene enkaut terrible sich benimmt: „Ich achte, was in einem Juden blatte steht und was aus dem Hirn eines jüdischen Journalisten hervorgeht, an Werth dem Straßenkoth und Gosseninhalt gleich." Karl Hermann, das gefällt uns gar nicht von dir. Du bist sehr unarttg, du garstiger Knabe. Doch, es kommt noch schlimmer, in der nächsten Spalte über die letzte Wahl: »Die Besorgnis um das Schicksal eines zurückgebliebenen Begleiters veranlaßte mich, bald darauf auf den Platz zurückzukehren; die Juden — denn die „freisinnigen" Wähler waren durchwegs Juden und zwar „echte" — wollten in geradezu unglaublich frecher Weise mir und meinem Begleiter den Zutritt verwehren; ein Maccabäer mit hohem Cylinder sprang wie ein verrückter Derwisch um mich herum, und bald umheulte, umschimpfte, umtobte uns eine Masie, in deren verzerrten Gesichtern von Menschlichem wenig zu spüren war; man glaubte eine Horde tollwüthiger Schimpansen zu sehen. Bon einer Furcht oder Gefahr auf unserer Seite war natürlich keine Rede, da die Kerle, so wüthend sie Stöcke und Fäuste schwangen, so sehr sie speichelten und schimpften, doch auf Deutsche keinen furchtbaren, sondern nur einen ungeheuer komischen Eindruck machen konnten. (Renommist!) Da wir aber, um nicht am Ende als die Belästigten mit der Polizei Anstand zu bekommen, uns auf ruhige, lediglich abwehrende Armbewegungen beschränkten,(Aha!) obwohl durch ein paar kräftige Hiebe die ganze Bande zu verjagen gewesen wäre, so wurde das Drängen immer größer und dies, sowie die geradezu schreckliche, für jeden Deutschen athembeklemmende und Uebelkeiten hervorrufende Ausdünstung der zusammengeballten „freisinnigen" Wählerschaft wurde uns unbequem. Das energische Eingreifen der wackeren Feuerwehr befreite uns aus dieser üblen Lage. Ich kann mit meinem Worte bekräftigen, daß kein Schlag oder Stockhieb mich traf, weil ich mit leichter Mühe alle mir gütigst zugedachten zn pariren vermochte. Für meine Ruhe und Zurückhaltung in diesem Falle, wo so viele schöne Gesichter um Berücksichtigung ordentlich flehten, habe ich mir bereits selbst meine Bewunderung ausgesprochen, ich verzichte also auf anderweitige Belobungsdecrete." Wie gefallen den Lesern diese Großsprechereien ä la Falstaff. Diese handgreiflichen Lügen — na aus dem Jungen kann noch was werden! Er „berechtigt" zu den schönsten Hoffnungen. Daß er Goethe zum Antisemiten stempeln möchte in seiner „Ostdeutschen Rundschau" ist ein zu barocker Emfall und nur der Sonderbarkeit wegen erwähnenswerth. Die „Oesterr. Wochenschrift" hat sich schon vor Jahren mtt diesem Thema beschäftigt und ist in gewissenhafter Weise auf Grundlage von factischen unbestreitbaren Belegen und Beweisstücken zu dem entgegengesetzten Resultat gelangt. Siehe den Aufsatz: „Goethe und das Judenthum" in Nr. 32, vom 19. August 1887. Die große Jugend des Herausgebers entschuldigt freilich wohl Manches, aber doch lange nicht Alles. Damit er aber nicht allzu stolz auf die Ehre werde, daß wir ihn ausnahmsweise so ernst genommen und ihm eine so ausführliche Zurechtweisung angedeihen ließen — brechen wir jetzt ab und wenden uns seinem Herrn und Meister zu. Das Wichtigste und einzig Interessante in dem albernen Krimskrams, genannt „Unverfälschte", ist das „Briefkastel", welches den weitaus größten Theil des „Blattes" in Anspruch nimmt. Wir bitten nns noch eine Zeitung in dieser buckligen Welt zu nennen, wo dieses Mißverhältniß zu finden ist. Eine Hundehütte mit einem hohen gothischen Thurm, der alle Häuser in der Runde überragt! Eine von Herrn Schneiders — Favoritinnen mit einer 30 Meter langen Schleppe! — In jeder Nummer wird mitgetheilt, wer die Richter im Proceß Schönerer waren. Es fragt doch keine Katz mehr darnach! In der letzten Nummer aber steht: „Blindwüthende Rache ist eine der charakteristischen Rasseneigenschaften der Juden." Und in ganz derselben Nummer letzt sich der rassenreine Arier mit teuflischer Bosheit an dem Unglück, welches einem braven Mann von tadellosem Rufe, einen pflichtgetreuen Beamten, den Herrn LGR. Schmiedel, der einst unter seinen Richtern war, betroffen. Er schreibt: Landesgerichts-Raltz Srtzmiedrl wurde von Wien nartz Steyr versetzt. „Ein Diseiplinar-Erkenntnis. Wie die „Allgemeine Juristen-Zeitung" erfährt, ist gegen einen Landesgerichtsrath in Wien das Disciplinarverfahren eingeleitet worden. Den Anlaß zu diesem seltenen Schritte gab ein Borkommniß ganz besonderer Art, welches in einer öffentlichen Verhandlung zur Sprache kam. Der Kassier eines Krankenvereines, welcher wegen Veruntreuung verurtheilt worden war, hatte eine Nichtigkeitsbeschwerde eingebracht, welcher der Kaffationshof auch Folge gab, indem dieser eine neue Verhandlung anordnete. In dieser Verhandlung nun, welche mit einem Freispruche endete, wies der Vertheidiger darauf hin, daß die Nichttgkeitsbeschwerde acht volle Monate im Bureau des Landesgerichtsrathes liegen geblieben sei und daß der Angeklagte wegen Collusionsgefahr ebensolange in Untersuchungshaft gehalten wurde. Diese Mittheilung erwies sich bei der amtlichen Erhebung als richtig; der Landesgerichtsrath wurde zunächst seiner Function als Vorsitzender enthoben, hierauf wurde das gerichtliche Disciplinarverfahren eingeleitet und auf Grund desselben der betreffende Landesgerichtsrath zur strafweisen Versetzung zu einem ländlichen Bezirksgerichte verurtheilt." In dem Briefkasten heißt es natürlich: „Konstantinopel. Richter Um Processe gegen Schönerer waren die Räche: Holzinger, Lorenz, Raisky und Schmiedel. — Bei der Verhandlung über die Nichtigkeitsbeschwerde war R. v. Schmerling Vorsitzender." Und an anderer Stelle nochmals: „Proeetz Sch. Wie die Zeitungen kürzlich meldeten, wurde Landesgerichtsrath Ed. Schmiedel von Wien zum Kreisgerichte nach Steyr versetzt. U. d. G."