Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 42 (14.10.1892)
- Date
- 1892-10-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 758 Vrstrrrrichische Wochenschrift. Nr. 43 aus innig und meist glücklich. Obgleich dem Juden hierzulande die Vielweiberei gestattet ist, macht er doch von diesem Rechte nur in seltenen Fällen Gebrauch. Gewöhnlich findet die Heirat schon in sehr jugendlichem Alter statt, zwischen Jünglingen von 16 oder 18 Jahren und Mädchen von 12 bis 14 Jahren, die kaum die Grenze der Mannbarkeit erreicht haben. Sehr gern vermählen auch Väter ihre jungen Söhne mit Mädchen, die um 10 oder 12 Jahre älter sind, als diese, ohne befürchten zu müssen, daß diese Ehen bei dem großen Altersunterschiede unglücklich werden möchten. Am liebsten werden Ehen im nächsten Berwandtenkreise geschlossen, mn nicht das Vermögen der Familie zu zersplittern: Heiraten mit Andersgläubigen finden eigentlich nie statt; fällt ein Jude einer solchen Verirrung anheim, so wird er aus der Gemeinde gestoßen. Eine natürliche Folge der craffen Unwissenheit, in der die meisten Juden leben, war, daß der Aberglaube üppig ranken und die Sitten und Gebräuche vielfach beeinflussen konnte. Durch die Bemühungen der ^Ilianes israetite", die in allen bedeutenden Städten gut eingerichtete und mit tüchtigen Lehrern besetzte Knaben- und Betschulen begründet hat, ist in den letzten Jahren auch schon mehr Aufklärung in breiteren Volksschichten geschaffen und das Los der Juden in Marokko und Tripolitanien (wo sie noch vollständig von der muhammedanischen Bevölkerung abhängig sind, im Ghetto wohnen und ein Schutzgeld zahlen müssen) gebessert worden. In Algerien sind die Juden heute vorwiegend eurvpäisirt und haben sogar das französische Bürgerrecht'erhalten." VenmMes. Wi u. (Personalnachricht).Fräulein Frieda Neurath, Tochter des verstorbenen Kaufmannes Jacob Ncrrath in Wien, hat sich mit Herrn Sigmund Krauß aus Neutra in Ungarn verlobt. Wie«. Geehrter Herr Redacteur! Mehrseitig gefragt, ob ich der Verfasser der in der letzten Nummer Ihres sehr geschätzten Blattes enthaltenen mit F Unterzeichneten Verse: „Der Kaiser hat gesprochen" bin, bitte ich durch gefälligen Abdruck dieser Zeilen zu bestätigen, daß dieselben nicht von mir herrühren. Ludwig Aug. Frankl. Wie«. Herr Alexander Scharf, Eigeuthümer und Herausgeber der „Sonn- und Montags-Zeitung" wurde von einem schweren Schicksalsschlage betroffen. Samstag, den 8. d. M., 7*6 Uhr Abends, starb im 53. Lebensjahre, dessen Gattin, Frau Alexandrine Scharf, nach langem, schwerem Leiden. Die Dahingeschiedene, ein Muster edelster Weiblichkeit, an Geist und Gemüth reich ausgestattet, hat sich die Liebe und die Verehrung Aller zu erwerben gewußt, die sie im Leben gekannt haben. Dienstag Vormittag fand das Leichenbegängniß unter zahlreicher Betheiligung der Bevölkerung statt. Im Trauerhause, Wipplingerstraße 38, sah man den Landmarschall Grafen Christian Kinsky, Baron Brenner-Felsach, viele Schriftsteller, Vertreter der Cultusgemeinde, die Redacteure und das gesammte Personale der „Sonn- und Montags-Zeitung" u. A. Obercantor Singer executirte die rituellen Gesänge. Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt die Grabrede. Wien. (Eine antisemitische Lehranstalt.) Der als Antisemit bestbekannte Ingenieur Fraßl in Währing errichtet eine Lehranstalt für Mechanik und Elektrotechnik. Jüdische Eltern, welche ihre Kinder ein.r antisemitischen Lehrmethode unterwerfen wollen, haben Gelegenheit, jene Lehranstalt zu benützen, die zu diesem Zwecke wärmstens empfohlen werden darf. Wie«. (Die Jüdin Wolter.) Ein antisemitischer „Literat", der sich v. Wemis nennt, bezeichnet in einem Antisemitenblatte Charlotte Wolter „als eine von den Juden vergötterte Heldin ihres Stammes." „Aus nicht z« erörternde« Gründen.^ Der bekannte Antisemitenführer Dr. König aus Witten veröffentlicht folgende Elcklärung: „Da verschiedene antisemitische Zeitungen ttotz meiner öffentlichen Erklärung im Märkischen Tagblatt, welche ich demselben habe zugehen lassen, fortfahren, irrthümlich meinen Namen unter den Aufruf zu Sammlungen für Entdeckung des Mörders des Knaben Hamann zu setzen, erkläre ich hiemit nochmals, daß mein Name nur aus Versehen unter diesen Aufruf, den ich aus hier nicht zu erörternden Gründen für vollständig zwecklos halte, gelangt ist." Graz. (Fremde Corruption.) Aus Graz wird dem „Freien Blatt" geschrieben: Ein hiesiges junges Tagblatt, welches, zumeist verschämt, die Antisemiterei betreibt, feierte neulich seinen Geburtstag und benützte diesen Anlaß, um sich einem verehelichen Lesepublicum zur geneigten Unterstützung zu empfehlen. Es rühmte sich seiner streng nationalen Gesinnung und seines Kampfes gegen fremde Corruption. Warum nur gegen fremde und nicht auch gegen einheimische Corruption? Interessant ist es, daß die financielle Hauptkraft dieses journalistischen Unternehmens die Witwe jenes Wiener ZeituNgsgründers ist, von dem angeblich der Ausspruch herrührt: „Ich bin ein Kaufmann und verkaufe Oeffentlichkeit." Dem Ideal dieses journalistischen Geschäftsmannes hätte sicherlich nur eine Zeitung entsprochen, in welcher für jede Texteinschaltung, mag es sich um eilte Thronrede der Königin von England oder um einen Eisenbahnunfall handeln, eine Jnsertionsgebühr zu entrichten gewesen wäre. Daß sein Geld jetzt solchen Zwecken dient, ist tragikomisch. NU 11. Prag, 9. October. Bei der heute abgehaltenen außerordentlichen General-Versammlung der „Chewra Kadischa" wurde unser geschätzter Mitarbeiter Herr Mathias Kisch mit bedeutender Majorität zum Custos ernannt. Böhm. Leista. Unser neugewählter Rabbiner Herr Dr. Josef Wiesen aus Osterode am Harz wurde am 12. d. M. feierlichst installirt. f'ölleschau, den 5. October 1892. Anläßlich des Namensr. Majestät des Kaisers, fand in der deutschen Volksschule in der Israeliten-Gemeinde Holleschau eine erhebende Feier statt. Im festlich geschmückten Lehrzimmer waren sämmtliche Schulkinder versammelt, welche durch Bortrag pattiotischer Gedichte und Lieder Zeugniß ihrer patriotischen Gesinnung und Liebe für unseren guten Kaiser ablegten. Der leider zu kleine Raum des Lehrzimmers war von den Ellern der Kinder dicht gefüllt. Der Herr k. k. Bezirkshauptmann, Herr k. k Bezirkscommissär und Herr Statthaltereiconcipient, sowie der Herr k. k. Bezirksschulinspector, der Ortsschulrath und Mitglieder der Gemeinde-Berttetung beehrten die Schule durch ihren Besuch und waren über alle Maßen befriedigt über die vorgetragenen Gedichte und Lieder. Der Schulleiter S. Hönig feierte in warmen Worten die Vorzüge unseres guten Kaisers und forderte die Kinder auf, durch Liebe zu unserem Mouarchen und durch stren- Beachtung seiner Gesetze ihm ihre Dankbarkeit zu bezeugen, der Herr k. k. Bezirkshauptmann dankte dem Lehrkörper für das gute Gelingen dieses schönen Festes und ermahnte die Kinder ihres größten Wohlthäters stets eingedenk zu sein. Mit der Absingung der Bolkshymne endigte diese schöne Feier. Protznitz. Aus Anlaß der Donnerstag am 13. d. M. stattfindenden Protestversammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus in Wien, haben die hiesigen Bereinsmitglieder eineZustimmungsadreffe mit 40 Unterschriften der Bereinsleilung übermittelt. Die Adresse protesttrt in energischen Ausdrücken gegen die Rohheit und Brutalität, welche aus der Mitte des n.-ö. Landtages in alle Landestheile sich auszubreiten droht. Eine ähnliche Kundgebung hat auch der deutsch-politische Verein in Proßnitz beschlossen. Randnitz, den 9. October. Unserem hochverdienten Cultus-Vorsteher, Herrn M. Dr. Adolf Eisler, wurde anläßlich der siebzigjährigen Geburtstagsfeier am ersten Suckothfeste eine Ovation dargebracht, welche lebhaft davon Zeugnis ablegte, welche tiefe Verehrung der Jubilar allenthalben genießt. Nach beendigtem Mussaphgottesdienste führten die Spitzen der Gemeinde Herrn Dr. Eisler in den mit exotischen Pflanzen geschmückten Sitzungssaal, woselbst die ganze Gemeinde den Ankommenden freudig begrüßte. Der Borstandstellvertreter, Herr Adolf Braun, feierte die Verdienste des Jubilars, der durch vierzig Jahre dem Cultusgemeinde-Ausschuffe angehört, seit zehn Jahren als Vorsteher an der Spitze der Gemeinde ist und um die Hebung derselben durch Eintracht im Innern, durch das Ansehen nach Außen eifrig bemüht ist, unter dessen Aegide vieles zur Weckung des religiösen Sinnes, insbesondere durch die Wiederbesetzung des so lange vacanten Rabbinatsstuhles und zur Consolidirung der Gemeinde geschehen ist. Unter den Schöpfungen ist der Bau eines prachtvollen zweistöckigen Gemeindehauses in erster Reihe zu nennen. Hierauf überreichte er ihm als Ehrengabe der Gemeinde einen kostbaren silbernen Pokal mit einer diesbezüglichen Inschrift. Der Rabbiner Dr. M. Klotz bewies sich in seiner Ansprache auch hier als Meister der Rede. Hierauf folgten die Begrüßungen der Vorstände der Chewra Kadischa des Bickur-Cholim und des Frauenvereines. Herr Cautor Reich, der beim Gottesdienste einen im gediegenen Hebräisch verfaßten Mischeberach verrichtet hatte, brachte die Glückwünsche der Cultus-