Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 42 (14.10.1892)
- Date
- 1892-10-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 42 Krktrrrrlchifchr Wochenschrift Seite 757 Elberfeld. (Wieder Einer.) Aus Elberfeld wird berichtet: Aufsehen erregt hier das Verschwinden des bisherigen Hausvaters des Rettungshauses der evangelisch-lutherischen Gemeinde Namens Waser. Er hat sich an ihm anvertrauten Kindern der Anstalt sittlich schwer vergangen. Als die Sache in vergangener Woche ruchbar wurde, hat er sich nach Amerika geflüchtet. Der antisemitische Schneidermeister Ernst Seitz, welcher wegen Betruges zu einem Monate Gefängniß verurtheilt wurde, hat ein mit zahlreichen Unterschriften, meist Hochconservativer und Antisemiten, versehenes Gnadengesuch an den Kaiser eingereicht, welches jedoch abschlägig beschieden wurde. Es ist jedenfalls eine merkwürdige Betätigung der „staatserhaltenden", conservativen Grundsätze, seinen politischen Einfluß zur Strafloshaltung eines gemeinen Verbrechers aufzubieten. Allerdings war derselbe ein wackerer Gesinnungsgenosse. — f- London. (Zur jüdischen Beruf sthätigkeitentnehmen wir dem „Jewish Chronicle" die folgenden Notizen: . . . Jüdische Berufsthätigkeit hat sich auch der arctischen Forschung gewidmet . . . Einer der Genossen Lieutenant Pearys i>n Winterquartier von Mc. Cormick war Professor Angelo Hülprin. Derselbe befehligte auch die Hilfsexpedition, die Peary und seine muthige Frau vor 14 Tagen in ihr Vaterland zurückbrach te . . . Bei dieser Gelegenheit mag daran erinnert werden, daß zwei Juden an der Lady Franklin Bay-Expedition unter Lieutenant Greely Theil nahmen, die am höchsten nach Norden vorgedrungen ist. Der eine war Eduard Israel, der als Astronom die Expedition begleitete, der andere Josef Bender. Beide fanden ihr Grab in der eisigen Wildniß des fernen Nordens. Lieutenant Greely's Bericht über diese bemerkenswerthe Reise erwähnt häufig Israels Leistungen und Heroismus. Am jüdischen Neujahrsfeiertag nahmen am Gottesdienst in der Synagoge von Cardiff 4 Matrosen Theil. London. Oberrabbiner Adler erhielt Samstag den 24. September ein Telegramm von Mr. Moris Cohn, Lehrer an der Schule in Bagdad, in welchem derselbe von einem bevorstehenden Massacre der Juden in Hamadan berichtete und um die Intervention der engl. Glaubensgenossen dringendst ersuchte. Mr. Schloß und Mr. Lelvis Emanuel von der Anglo Jewish- Society begaben sich in das auswärtige Amt, wo sie bei dem Vertreter Earl of Rosebery volles Entgegenkommen fanden, so daß Mr. Emanuel bereits um Mitternacht im Besitze des nachstehenden Telegrammes war: „Ihrer Majestät Minister in Teheran wurde telegraphisch beauftragt, alle ihm dienlich scheinende Maßnahmen zu treffen, um die drohende Verfolgung der Juden in Hamadan hintanzuhalten, indem dieser Ort (Hamadan) bedeutend näher zu Teheran als zu Bagdad gelegen ist. — Rosebery." Am 27. September erhielt Lord Rothschild ein Schreiben von Rosebery, in welchem derselbe von dem Ergebnisse der Intervention des englischen Botschafters in Teheran berichtet: „Sir F. Lascelles Antwort langte heute Früh an. Er berichtet, daß er bereits mit dem Amines -Sultan über die Beschwerde der Juden in Hamadan gesprochen hatte, aber infolge meines Telegrammes eine neue Vorstellung gemacht habe. Da Awm-e8-8ultar sagte, daß zwar eine Gegenklage von Seiten der Muselmänner der Stadt angebracht worden sei, der Schah aber strengen Befehl an den Mollah Abdullah gesendet habe von der weiteren Verfolgung d?r Juden abzulassen unter Strafandrohung im Falle des Zuwiderhandelns." Am 28. September langte ein Telegramm des englischen Botschafters ein, laut welchem ein halbes Bataillon Soldaten zur Aufrechthaltung der Ordnung nach Hamadan abgegangen ist. — So sind denn Dank der raschen Intervention des Lord Rosebery die Juden in Hamadan aus ihrer gefährlichen Lage befielt worden. In der Sonntag abgehaltenen Sitzung der Anglo-Jewish-Society gab Obmann Sir John Simon dem Danke in beredten Worten Ausdruck. Auch wurde von dieser Corporation in Gemeinschaft mit dem Board of Deputies ein Dankschreiben an Earl of Rosebery gerichtet. Conftantinopel, 28. September. Die „Osmanische Post", das Organ der hiesigen römisch-katholischen Deutschen, wendet sich gegen den in Deutschland grassirenden Antisemitismus in einem energischen Artikel, in welchem es u. A. heißt: „Wenn es einer der Vorzüge des Deutschen ist, wahr und ehrlich zu sein dann haben die Antisemiten wohl kaum etwas mit dem Deutschthum gemein, denn schon ihr Name ist eine Lüge und undeutsch. Sie behaupten gegen die semitische Rasse anzukämpfen, stehen abev" nicht den Semiten, sondern den Juden feindlich gegenüber. Wären die Antisemiten wenigstens ehrlich und aufrichtig, dann müßten sie sich einfach Judenfeinde nennen, denn das sind sie, und nicht Semitengegner. Allerdings klingt aber der Ausdrnck„Judeufeinde" so unendlich roh, daß selbst diese Herren ihn zu benutzen sich scheuen. Wenn wir gegen den Antisemitismus austreten, so geschieht es im Sinne der Berurtheilung, die derselbe von der höchsten autoritativen Stelle, vom Heiligen Vater selbst erfahren hat, der diese ganze Bewegung als unchristlich verwarf. Wer aber, tvie es die Antisemiten thun, den Juden wegen dessen Abstammung verdammt, wer behauptet, daß der Jude von Natur aus der Inbegriff des Schlechten sei, beleidigt die Mutter des Stifters unserer Religion, die Jüdin war, der beschimpft die Aposteln, die als Juden geboren wurden, der Rasse nach aber immer Juden bleiben. Und darum haben wir Recht, wenn wir behaupten, daß Niemand Antisemit sein und auf den Ehrennamen eines Christen Anspruch machen kann." Conftantinopel. Der „Stamboul" veröffentlicht folgende Mittheilung: „Bor ungefähr zehn Monaten verschwand ein Albanese aus Silivrien; das Verbrechen wurde den Juden zur Last gelegt. Trotzdem wurden die dortigen Israeliten, Dank dem Schutze der Behörden, nicht belästigt. Nun hat man dieser Tage die Mörder entdeckt unter Verhältnissen, die an's Wunderbare streifen: Der gemordete Albanese hatte einen Bruder, der Bäcker war, oder vielmehr Angestellter in einer Bäckerei. Mit diesem Bruder hatte er in Silivrien zwei Oefen zur Brodbäckerei^eingerichtet, die die beiden schon bestehenden Oefen der Stadt schädigte. Da bereitete nun ein gewisser Aorghi, ehemaliger Meister des Bäckergesellen, im Einverständniß mit drei anderen Bäckern, Wassil, Stamati, und Strati einen „Coup" gegen den Besitzer der beiden Backöfen vor. Vermittelst einer List zog Aorghi den Albanesen, natürlich den reichen Albanesen, in den Ofen einer der erwähnten Bäcker. Wassil indessen versetzte seinem Concurrenten einen Schlag mit der Axt, daß er todt hinfiel. Nachdem sie die Leiche in einem Keller des Ofens begraben hatten, theilten die Mörder das Geld, welches sie in den Taschen des Opfers fanden. Der Mörder Wassil nun vertraute sein Geheimniß nach Ablauf von drei Monaten einem Forstbeamten an. Dieser, der in Adrianopel wegen eines Verbrechens im Gefängnisse saß, erzählte die Thatsache einem Dritten, der zufällig ein Agent der Geheimpolizei war. Der Agent berichtete die Sacke S. Ex. Edib Pascha, der alsbald dem Mutehraris von Tschatalga telegraphirte. Der Pvlizeichef ließ die Straßen zwischen dem israel. und dem griechischen Viertel umstellen, und der Leichnam wurde bald entdeckt. Das ganze Volk versammelte sich, um mit eigenen Augen das Opfer zu sehen. Es wurde bestattet und alle Einwohner, ohne Unterschied, beglückwünschten die Israeliten, deren Schuldlosigkeit erwiesen wurde." Tunis. Das Leben und Treiben der nordafrikanischeu Juden schildert Rudolf Fitzner (Tunis) in Nr. 9 des „Globus": „Die nordafrikanischeu Juden leben streng nach den Gesetzen ihrer Religion. Wenn sie auch durch Jahrtausende geknechtet wurden, so hielt sie doch stets der Glaube auftecht, daß sie allein die Kinder des allserwählten Volkes wären, und ließ sie stumm und geduldig alle Prüfungen und Erniedrigurigen ertragen. Sie halten sich für die Glieder einer geistigen Aristokratie. Ein Theil derselben hat sich dem Handwerk gewidmet und gewinnt in ehrlicher Arbeit ein ehrliches Brot. In den Bazaren findet man sie vielfach als Schneider, Schuhmacher, Glaser, Metall- und Goldarbeiter thätig, und diese Handwerker haben bei fleißiger Arbeit oft einen nicht geringen Grad von Geschicklichkeit im Gebrauch ihrer primitiven Werkzeuge erworben. Andere sind Seifensieder, Stnbenmaler, Welßtüncher oder spielen bei festlichen Gelegenheiten als Musikanten Geige, Clarinette und Tamburin: auch jüdische Köche und Kutscher sind in den Küstenstädten eine häufige Erscheinung. Die jüdischen Gemeinden schließen sich einander eng zusammen und bilden eine festgefügte Phalarlx gegen die sie umgebende Welt der Ungläubigen. Der Rabbiner besitzt eine fast unumschränkte Macht, über die Angehörigen seiner Synagoge, er verhängt Strafen von leichter Geldbuße bis zum Bannfluch und sorgt außerdem in der umfassendsten Weise für nothleidende Genossen. Ein Jude wird nie in Noth und Elend verkommen, er findet einen starken Stützpunkt in seiner Gemeinde, dieihm durch Gewährung von Mitteln, Credit nnd Anempfehlungen wieder die Wege öffnet, ein neues Geschäft zu beginnen. Wie die Glieder der Gemeinde sich eng aneinander schließen, so ist auch das Familienleben über-