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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-14 · 42 (14.10.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
42 (14.10.1892)
Date
1892-10-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 756 Oestrrrrtchtlchr WochrnschrM Nr. 42 Wie«. (Herrn Bergani's Gesinnungsgenosse.) Durch zweieinhalb Jahre ging die Hausbesorgerin Rosa Goldman« mit der Armenbüchse zu den Wohnparteien des Hauses Leffinggaffe 18, ohne daß mittlerweile ihre Gebahrung mit den. gesammelten Geldern auch nur einmal controlirt worden wäre! Als sie nach zweieinhalb Jahren sich doch dazu entschloß, die Armenbüchse dem Armenrath Johann Pippal auszufolgen, lagen in derselben nicht mehr als — vier Kreuzer. Eine Aufklärung dieser seltsamen Erscheinung zu geben, war die Hausbesorgerin nicht verlegen. Sie behauptete nämlich, von den meisten Wohnparteien nichts erhalten zu haben, „weil dieselben Juden seien, die den Annen nichts schenken". Ihr Gatte, der in der Brigittenau als Antisemit gilt, unterstützte diese Verantwortung. Aber die Erhebungen zeigten, daß sämmtliche Wohnparteien an jedem Sonntage Geld in die Armenbüchse geworfen hatten und schon längst zu dem Verdachte gekommen waren, daß. die Hausbesorgerin die Büchse heimlich öffne und entleere. Rosa Goldmann wurde zu einem Monate Arrests verurtheilt; ihr Gatte Casimir aber, der gleichfalls angeklagt worden war, freigesprochen. Wien. Das „Vaterland" und das „Deutsche Volksblatt" melden aus Graz: Als Se. Excellenz der hochw. Herr Fürstbischof Doctor Zw erg er am 26. August d. I. bei Gelegenheit einer Jnspection im Mürzthale die Ortschaft Mitterdorf paffirte, soll, wie das „Grazer Tagblatt" berichtet, der Sohn des Großgrundbesitzers Julius v. L e o n, in Gesellschaft Anderer hinter dem Wagen des Bischofs reitend, die religiöse Ceremonie der Segenertheilung durch Nachäffung verspottet haben. Mehrere Zeugen dieser unqualificirbaren Handlung, welche in Mitterdorf und Umgebung allgemeines öffentliches Aergerniß erregte, und umso unerklärlicher ist. als die Familie Leon erst in jüngster Zeit zur katholischen Kirche übergetreten ist, haben die Anzeige erstattet, und das k. k. Kreisgericht Leoben hat gegen die Beschuldigten die strafgerichtliche Untersuchung anhängig gemacht." Soweit der anttsemittsche Bericht. Wir unsererseits constatiren blos, daß Herr Julius Ritter von Leon der „orientalischen Religion" längst nicht mehr angehört und der „abendländischen Civilisation"sich „affimilirt" hat. Er kehrt seine Nichtzugehörigkeit zum Judenthum sehr stramm hervor. Man möge also aus seinem Verhalten kein antisemitisches Capital schlagen. Berlin. »Ion ölet — sagte Kaiser Vespasian, denken auch die deutschen Anttsemiten. Die antisemttische „Staatsbürgerztg" bringt seit Kurzem in ihrem Jnseratentheile ein ständiges Verzeichnis christlichdeutscher Geschäfte. Man sollte nun meinen, daß ein solches Blatt sich ganz „judenrein" hält, d. h. die Geschäftsanzeigen von Juden streng zurückweist. Wie sieht es aber in Wirklichkeit damit aus? Am letzten Sonnabend sprach in einer antisemitischen Volksversammlung zu Steglitz der Chefredacteur der „Staatsbürgerztg." Dr. Bachler über das Thema: „Gibt es eine Verjudung?" Nach ihm hielt sein inttmer Freund Ahlwardt einen Vorttag. „Im Laufe der sich daran schließenden Discusfion" (wir citiren wörtlich nach einem Referate der antisemitffchen „N. deutschen Ztg.") „beschwerte sich der Vorsitzende des Jünglingsbundes darüber, daß die „Staatsbürgerzeitung" in ihren Leitarükeln zwar antisemittsch sei, unter dem Sttich aber zweifelhaft werde, jüdische Annoncen aufnehme, ja im redacttonellen Theile sogar für jüdische Firmen Reclame mache, wie für die Salomon'sche Handelsschule und das Cafe Friedrichs Hof, das dem Juden Koßmann gehöre. Erst kürzlich sei es vorgekommen, daß ein nach Berlin zugezogener Antisemit durch eine solche jüdische Annonce bei einem Juden seine Einrichtung gekauft habe. (Hört! Hört!) Dr. Bachler verwahrt sich dagegen, daß ein so junger Mann, wie der Vorredner, ihm, der im anttsemiüschen Dienste ergraut ist, der der anttsemittsche» Sache seine Gesundheit und manches Andere, was er ziffermäßig belegen könne, geopfert habe, Vorschriften machen wolle. Die „Staatsbürgerzeitung" hänge nicht von den Anttsemiten ab, sondern der Antisemitismus sei durch die „Staatsbürgerzeitung" in die Höhe gekommen. Sie komme allen gerechten Wünschen nach, wolle man ihr aber den Knüppel zwischen die Beine werfen, nun gut, sie ist auf alles vorbereitet. Die Annoncenfrage ist eine Existenzfrage: die Zeitung läßt sich da keine Vorschriften machen, wird auch Annoncen von Juden nach wie vor aufnehmen, und er, Redner, sehe nicht ein, weshalb man nicht das von Juden gebrachte Geld annehmen solle (Widerspruch). Die Handelsschule von Salomo« sei nicht jüdisch. Durch geschickte Vermittlung gelang es dem Vorsitzenden, den unangenehmen Eindruck dieses Zwischenfalles abzuschwächen." Die „Staatsbürgerzeitung" hat in ihrem Berichte über die betr. Versammlung jenes unangenehme Intermezzo wohlweislich verschwiegen. Berlin. Die antisemitischen Blätter sind sehr ungehalten darüber, daß jüdische Leute sich mit ziemlich namhaften Beträgen an den Sammlungen für die Hamburger Nothleidenden betheiligen. Sie finden das protzig und erblicken in den Spenden einen neuen Beweis dafür, daß die Juden das deutsche Volk ausplündern, weil sie sonst derartige Aufwendungen zu wohlthätigen Zwecken nicht machen könnten. — Wie es der Jude anfangen mag, er. ist schlimm dran. Gibt er Geld, so ist das ein Beweis für ein Protzen- und Bampyrthum, gibt er aber keins, so ist er herzlos und geizig. Wie richtig hast Du doch das fanatische Gelichter beurtheilt, Lessing, Du großer Weiser, als Du Dein berühmt gewordenes Wort niederschriebst: „Thut Nichts, der Jude wird verbrannt." Eine Anzahl von Männern und Frauen versandte in diesen Tagen Einladungen zu einer vom 18. bis 21. Oktober d. I. anberaumten Versammlung in der „Ressource" (Commandantenstraße 57), in welcher eine „Gesellschaft für ethische Cultur" begründet werden soll. Dem beigefügten Satzungsentwurf entnehmen wir M 1 und 2: § 1. Es ist der Zweck der Gesellschaft, im Kreise ihrer Mitglieder und außerhalb desselbenals das Gemeinsame und Verbindende, unabhängig von allen Verschiedenheiten der Lebensverhältnisse, sowie der religiösen und politischen Anschauungen, die Entwicklung ethischer Cultur zu Pflegen. Unter ethischer Cultur als Ziel ihrer Bestrebungen versteht die Gesellschaft einen Zustand, in welchem Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit, Menschlichkeit und gegenseitige Achtung walten. — § 2. Zur Erreichung des Zweckes der Gesellschaft sollen zunächst folgende Bethätigungen dienen: 1. Veranstaltungen zur Hebung der ethischen Jugenderziehung in allen ihren Stufen und zur Pflege des wahrhaft Menschlichen und Gemeinsamen im ethischen Unterricht, unabhängig von den trennenden Lehren der religiösen Confessionen und der Parteien; 2. Veranstaltungen von Vorträgen und Erörterungen über ethische Forderungen und Probleme im Kreise der Mitglieder und Pflege der weihevollen Wirkungen der Wissenschaft und Kunst auf die weitesten Kreise des Volkes - 3. Verbreitung von ethisch förderlichen Erörterungen durch Bücher, Zeitschriften, Flugblätter, ZeitungsaNikel n. s. w.; Beiheiligung an der Hebung der Lebenslage der ärmeren Volksschichten, sowie an dem Schutze und der Hilfe für alle Leidenden und Bedrängten gegen jede Art von Unglück und Unrecht. Unter den Einladenden befinden sich unter anderen Koryphäen die Herren Geh. Sanitätsrath Dr. Kristeller- Berlin und Prof. Dr. Hermann Cohn-Marburg, sowie die bekannte Friedensbottn Baronin Bertha v. Suttner. Berlin. Eine brutale Mißhandlung, welche ein Berliner Antisemit am 29. September Abends gegen eiffeinhalb Uhr in der Krausenstraße nahe am Dönhoffsplatz verübt hat, ist an die Unrechte Adresse gekommen. Der Held fixirte — so berichtet das „B. T." — einen ihm entgegenkommenden jungen Mann in so auffälliger Weise, das Letzterer glaubte, einen Bekannten vor sich zu haben und deshalb stehen blieb. Da fuhr ihn jener Held mit den Worten an: „Was wünschen Sie. von mir? Sie sind ja wohl ein Judenst." — „Sie irrer! sich", entgegnete der Angefahrene auf das häßliche Schimpfwort, „ich bin kein Jude". — „Doch, S,e sind einer", replicirte darauf der radaulustige Antisemit und schlug, als der junge Mann seine Mißbilligung über ein solches Betragen aussprach, auf diesen mit dem Regenschirm so wüthend ein, daß der Schirm zerbrach und dem Schläger nur die Krücke mit einem Theil des abgesplitterten Stockes in der Hand blieb. Mit diesen Ueberresten führte der Held die Schläge weiter fort und verletzte dadurch den jungen Mann derart an der Schläfe, daß er über und über blutete. Passanten, welche Zeugen dieses rohen Ueberfalles waren, holten einen Schutzmann hinzu, welcher den Schläger sowohl, als auch den Geschlagenen nach der Wache des 40. Polizeibureaus am Spittelberg brachte. Dort legitimirte sich der Antisemit als ein gewisser Georg Habel, Höchstestr. 16, der Ueberfallene als der Kellner Otto Schneider, Marienstr. 25. Letzterer wurde von dem ämtirenden Beamten aufgefordert, sich nach der Sanitätswache zu begeben, um sich die Wunde verbinden und sich ein ärztliches Attest über die Verletzung ausstellen zu kaffen. Dies ist geschehen und somit Aussicht vorhanden, daß Herr Georg Habel für seine Ausschreitung nachträglich einen gebührenden Denkzettel erhalten wird?

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