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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-14 · 42 (14.10.1892) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
42 (14.10.1892)
Date
1892-10-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 754 Vestrrrrirtzische Wochrnschrifl Nr. 43 Leon Gordon. Am 16. v. M. hat einer der berühmtesten neuhebräischen Dichter, Leon Gordon in Petersburg seine Augen für immer geschloffen. Nur wenige Juden wiffen, wer Gordon war und was er dem Gesammtjudenthum gewesen. Es ist deshalb eine Ehrenpflicht der deutsch-jüdischen Publizistik, die deutschen Juden auf das Ableben eines Mannes aufmerksam zu machen, dessen dichterischer Geist, durch keine Landesgrenze beengt, ganz Israel umfaßte und dessen Lied in der lieblich klingenden Sprache der Väter dem Wohl und Wehe, der Freude und dem Leide aller Stammesgenossen in gleichem Maße geweiht war. Wir übertreiben nicht, wenn wir behaupten, daß Leon, oder wie er allgemein genannt wurde, Jehuda Leb Gordon, der Jehuda Halewi des XIX. Jahrhunderts war. Wer wirklich gut hebräisch versteht, wer wirklich Sinn kür die majestätische Schönheit der heiligen Sprache besitzt, der wird b im Lesen der Gordon'schen Gedichte unserem Urtheil sicher beipflichten. Der Verblichene wurde am 21. Kislew 5518 in Wilna geboren und genoß, wie alle seine Zeitgenossen seine Ausbildung im ..Cheder" und nachher in der „Jeschivah". Als 17 jähriger Jüngling wußte er die beiden Talmude fast auswendig. Dies hielt ihn aber durchaus nicht ab, sich auch profanes Wiffen anzueignen. Die Hoffnungen und Erwartungen seiner Angehörigen und Verwandten, daß er ein allgemein anerkannter „Gaon" in Israel werden würde, sind allerdings nicht in Erfüllung gegangen; allein kaum waren einige Jahre verstrichen, seitdem er das „Beth Hamidrasch" verlassen hatte, und wir begegnen ihm schon als Mitarbeiter in- und ausländischer Zeitungen und vernehmen die wohlklingenden Töne seines Erstlingsliedes „Die Liebe David's und Michal's", das, in meisterhaftem Hebräisch gehalten, die Morgenröthe einer neuen Zeit für die hebräische Dichtung ankündigte. I. B. Levinsohn, dem Gordon sein Erstlingswerk zur Begutachtung eingeschickt hatte, erblickte mit scharfem Auge sofort Gordon's dichterisches Talent und ermunterte ihn mit begeisterten Worten zu weiterem dichterischen und literarischen Schaffen. Gordon lebte von nun an nur für seine russischen Glaubensgenossen, deren Rechte er nach Außen durch seine vorzüglichen Aufsätze im „Raswiet", „Zion", „Den" und „Golos" vertrat und für deren innere Emanzipation er durch seine trefflichen hebräischen Schriften sorgte. Im Jahre 1872 übersiedelte er nach Petersburg, wo er das Amt eines Secretärs bei der dortigen jüdischen Gemeinde und bei dem „Verein zur Förderung der Bildung unter den Juden Rußlands" bekleidete. Im Aufwage dieses Vereins übersetzte er auch die fünf Bücher Moses ins Russische. Im Jahre 1874 erschien seine hebräische satirische Erzählung „Olam Keminhago“, die ihm die Herzen der russischjüdischen Jugend im Sturme eroberte. Von 1881 bis 1883 war er Mitglied der Redaction des „Woschod". In dieser Zeit sowie von 1885 bis 1888 ward ihm auch die redactionelle Leitung des hebräischen Tageblattes „Hamelitz" übertragen. Die Krone seines literarischen Schaffens aber bildeten seine gefeierten hebräischen Dichtungen, welche von den Freunden der hebräischen Sprache zu seinem 25 jährigen Schriftsteller-Jubiläum, nachdem sie ihm als Ehrengabe eine goldene Feder und einen silbernen Becher überreicht, gesammelt und unter dem Titel „Gordon's sämmtliche Gedichte" in vier Bänden herausgegeben wurden. Seit zwei Jahren von einem tückischen Leiden heimgesucht, suchte er vergangenen Winter in Berlin Heilung, er unterzog sich hier einer Operation, welche aber keinen guten Verlau' nahm. Als er sein Ende herannahen fühlte, eilte er nach Petersburg zurück, um vor seinen Tode noch manches begonnene Wer^ zu vollenden. Domänen-Minister und Grotz- Rsbbiner. Petersburg, 5. October. Die Judenfrage in Rußland, speciell die Frage, ob die jüdischen Ackerbau-Colonien weiter zu bestehen haben oder nicht, ist in ein entschiedenes Stadium gerückt. Bekanntermaßen ist dem russischen Ministerrathe ein Gesetzproject vorgelegt worden, welches sehr harte Bestimmungen gegen die ohnedies in ihren Rechten ungemein beschränkten Juden enthält. Zu den wetteren Einschränkungen wollte der Domänen-Minister Ostrowsky nicht die Einwilligung ertheilen; in erster Linie war der Minister jedoch gegen die Aufhebung jener Privilegien, welche den jüdischen Ackerbau-Colonien im Gouvernement Jekaterinoslaw durch Rescript vom 16. Februar 1861 gewährt wnrden. Die Meinung des Ministers über die Colonienwirtchaft der Juden war die beste, obwohl sich die südlichen Gouverneure in den bezüglichen Berichten an die Regierung zur entgegengesetzten Ansicht bekannten und besonders die Thatsache Iftrvorhoben, daß unter den 32.257 Seelen, denen die II.OOODesjatins Ländereien zugewiesen sind, nahezu 1000 Personen nicht mit Ackerbau, sondern „ihren Neigungen nach", wie es im Motivenberichte heißt, „mit Handel beschäftigen". Um sich nun über die Lage der jüdischen Colonisten selbst zu überzeugen begab sich Minister Ostrowsky selbst in die Colonien; die Berathung der Judenrrage wurde deshalb bis zu seiner Rückkehr vertagt. An den Grenzen der Gouvernements wurde der Domänen- Minister von einer Juden-Deputation in festlicher Weise empfangen. Bei diesem Anlasse hielt der Groß-Rabbiner der Colonien, Blumenfeld, an den Minister eine Ansprache, die auch für weitere Kreise von Interesse ist. „Ihre Anwesenheit, Excellenz", hieß es unter Anderem in der Rede, „ist für uns die Bürgschaft, daß die bedeutungsvolle Judenfrage einer baldigen und befriedigenden Lösung entgegengeht. Jeder von uns fühlt in diesem Augenblicke, daß das Schicksal der jüdischen Colonien von Ihrem maßgebenden Urtheil abhängt. Doch wir fürchten dieses Gericht, dieses Urtheil nicht, ebensowenig wie wir das Gericht des himmlischen Vaters furchten, das gegenwärtig (der Zeitpunkt ist zwischen Rosch-Hasch^na und Jom Kipur) nicht nur über die Juden, sondern über Alles Irdische gehalten wird. Wir fürchten das göttliche Gericht nicht, ebensowenig wie uns das irdische schreckt; nicht darum, daß wir uns frei von Schuld und Fehler wissen — das wäre Verblendung — sondern weil wir auf die Objectivität und Gerechtigkeit Sr. Excellenz vertrauen, und weil wir von der Hoffnung beseelt sind, daß unser glorreicher Czar Alexander III., mit den besten Wünschen erfüllt ist. Ueberzeugen Sie sich selbst, Excellenz, von unserem Fleiße, und wenden Sie die Ränke ab, die uns unsere Feinde geschmiedet haben. Ueberzeugen Sie sich selbst, und Sie werden sehen, daß die jüdischen Colonisten ihrer Aufgabe gerecht werden, daß ihre Wirthschaft eine ersprießliche ist. Stehen Sie uns bei.- Excellenz, und erhalten Sie uns die Arbeit, die unsere Väter einst im heiligen Lande mit großem Erfolge betrieben haben. Erhalten Sie uns. diese Arbeit, auf daß die Juden mit vollem Rechte sagen können, sie befänden sich nun auch im heiligen Lande, im heiligen Rußland." — Die Worte des Groß-Rabbiner Blumenfeld machten aus den Minister einen tiefen Eindruck. Minister Ostrowsky reichte dem Rabbiner die Hand und versprach der Deputation, daß er mit besten Wissen und Gewissen die Lage der Colonien prüfen und demgemäß einen Bericht erstatten werde. Wie in kompetenten Kreisen verlautet, ist der für die jüdischen Colonisten äußerst günstige Bericht des Domänen- Ministers bereits hier angelangt. Zur Erinnerung an Renan. Während der großen Ferien 1856 ging ich nach Paris. Ich ging jedoch nicht direct auf mein Ziel los. Ich war in Leipzig, wo ich Herrn Prediger Dr. Jellinek persönlich kennen lernte und ihn predigen hörte. Ich besuchte meinen verewigten Freund Dr. Ludwig Philippson, der zur Sommerfrische mit Familie im Harz weilte, ich war in Ostende, um mit meinem väterlichen Freunde Dr. B. Beer aus Dresden, der daselbst die Seebäder gebrauchte, zusammenzutreffen rc. Meine erste Haltestelle war Breslau. Daselbst besuchte ich unter anderen den Director des Seminars Dr. Zacharias Frankel. Ich hatte ihn persönlich im Jahre 1854 in Dresden kennen gelernt. Ich war nämlich gerade an dem Sabbath dort, an welchem er als Oberrabbiner in einer Predigt von seiner Gemeinde Abschied nahm, um Tags darauf nach Breslau zu gehen. Ich stand überdies mit ihm in schriftlichem Verkehre, da ich Mitarbeiter seiner „Monatschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" war und will ich es heute bekennen, daß ich der Verfasser der Briefe aus Wien und aus Oesterreich überhaupt war. Ich theilte Frankel meine Absicht, nach Paris zu gehen, mit und bemerkte, daß ich auch die Lidliotbögae imperiale besuchen werde. Renan war damals Beamter in dieser Bibliothek und Frankel ftagte mich, ob ich ein Empfehlungsschreiben an Renan habe, was ich verneinte. Hierauf ftagte er weiter, ob ich über Renan schon etwas veröffentlicht habe. Auch diese Frage mußte ich ver-

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