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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-07 · 41 (7.10.1892) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
41 (7.10.1892)
Date
1892-10-07
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 746 Orsterrrichtzchr Wochenschrift. Nr. 41 „Aber was sollen wir thun, Hochwürden'?" fragten sie zitternd. „Was?" schnaubte er sie an, „Was? Den Lehrer sofort wegschicken. Gebt ihm eine kleine Abfertigung; Ihr habt's ja und könnt es chun. Bis morgen Früh darf der kecke Junge nicht mehr hier sein. Jetzt geht-" Bestürzt entfernte sich der Vorstand. Der Lehrer wurde in die Gemeindestube beschicken und dort ihm unter Kundgebungen des Mitleids der Beschluß eröffnet, daß er, um jeden Chilul-Haschem zu verhüten, noch mit dem nächsten Zuge, der um 12 Uhr Nachts nach der Hauptstadt geht, den Ort verlaffen müffe. Es war schon spät Abends; der unglückliche Lehrer wollte seine Geliebte nicht in's Gerede bringen, und unterließ es dah^r, von chr Abschied zu nehmen. Am nächsten Morgen hieß es allgemein, der Lehrer sei in der Nacht auf und davon. Der Vorstand hielt die Ursache des ganzen Vorfalles geheim. Gleich bei seiner Ankunft in der Hauptstadt schrieb der Lehrer an seine Geliebte. Sie bekam den Brief nicht, ebensowenig wie späte« Briefe. Der Postmeister des Ortes war eine Kreatur des Pfarrers. Es befremdet das Mädchen wohl, daß ihr Geliebter nichts von sich hören ließ, doch hatte sie volles Vertrauen in seine Liebe. Sie zog sich mehr und mehr in sich selbst zurück und widmete sich mit um so größerem Eifer den Pflichten ihres Berufes. Der Pfarrer besuchte noch immer ihre Schule. Aber die Jüdin war noch unnahbarer als bis jetzt. Er schmiedete Rache und Gelle war sein Werkzeug. Plötzlich glaubte die Lehrerin zu bemerken, daß man sie scheu und neugierig betrachtete. „Was haben sie?" dachte sie und mied von da an jede Gesellschaft. Von ihrem Geliebten kam keine Zeile — allmählig faßte der Gedanke in ihrem Hirn Wurzel: „Er hat dich vergessen!" und der Gram darüber verzehrte sie. Als sie an einem Sabbate Nachmittag hinter den Garten, den Corso von. . . spazieren ging, wichen ihr alle Frauen und Mädchen ostentativ aus. Die Arme erbleichte, dann färbte tiefe Gluth ihre Wangen — welches Verbrechen hatte sie begangen, daß man chre Nähe floh? Zum erstenmale nahm sie Zuflucht zu einer Lehrersgattin, und diese entdeckte chr nach langem Sträuben, daß in der ganzen Gasse das Gerede sei, sie — sie — leide an den Folgen — des nächtlichen Rendezvous mit dem flüchtigen Lehrer. Das Mädchen war sprachlos vor Entsetzen. Also das war's. Man hält sie für schuldig, glaubt nicht an ihre Reinheit. Ihr Herz blutete. Wenige Tage darauf machte die unglückliche Lehrerin sogar die Entdeckung, daß die Schülerinnen ihr den Respect verweigerten und viele ganz ausblieb n, statt ihrer aber Briefe von den Eltern kamen mit giftigen Stichelreden und Beleidigungen. Das Mädchen trug ihr Leid, auf die Vorsehung hoffend und in dem guten Glauben, daß ihr endlich Gerechtigkeit widerfahren niüsse. Umsonst! Am nächsten Sabbatabende saß die Lehrerin bleichen Antlitzes in ihrem Stübchen übereinem Gebetbuch. Sie hatte das weiße Neid angelegt, das sie bei ihrem Examen getragen, die Thränen rieselten leise über die blassen Wangen. Nun stand sie auf, ging zum offenen Fenster, warf noch einen Blick in den friedlichen Garten, einen im Zimmer umher, dann verließ sie leise das Haus. Die Nacht war dunkel und Alles schlief bereits. In der Mitte der Gaffe befand sich ein tiefer Brunnen. Wie ein Geist schlich das arme Mädchen bis an die niedrige Einfassung desselben und schwang sich hinüber — ein gurgelnder Laut — und in der Tiefe war Alles still, wie zuvor. Als die Sttahlen der Frühsonne herabfchauten auf die Gaffe von . . . sahen sie ihre Bevölkerung in Hellen Haufen den Brunnen umstehen. Die erste Magd, die des Morgens ihren Kübel zu füllen kam, hatte in der Tiefe etwas Weißes entdeckt. Man zog mit vieler Mühe die Leiche der Lehrerin aus dem Brunnen. Der Weg zum jüdischen Friedhofe von . . . führt vor dem Pfarrhofe vorbei. Als man die Leiche der Lehrerin hinaustrug, lag der Pfarrer mit einer langen Pfeife über die Fensterbrüstung und murmelte: „Die dumme Jüdin, sie hätt' das beste Leben haben können!" Von zwei koscheren Sommer- Nestaurativnrn. Das Gasthaus „zur Sonne" ist ein altbekanntes. Man findet es in jeder Stadt, wo eine Hochschule existirt, und aus einem Studmiten, der nicht öfter bei der Sonne dinirte, ist noch selten etwas Rechtes geworden. Denn ein voller Bauch studirt nicht gern, haben schon die alten Römer behauptet; das Gasthaus „zur Sonne" verhält aber seine Gäste zur strengsten Diät. Da vertritt die Rocktasche Schüssel und Teller und das ganze Menu besteht aus trockenem Brote. Dabei werden nicht einmal die Hufeland'schen Regeln beobachtet, wie man essen soll, um zu gedeihen. Die Gäste bei der Sonne sind gehende Gäste, wie es in gewissen Weinschänken nur stehende Gäste gibt, und während des Gehens denken sie noch über verschiedene wissenschaftliche Themata nach, was nach Hufeland der Verdauung am schädlichsten sein soll, weil man nicht zween Herren, dem Körper und dem Geiste, zu gleicher Zeit dienen kann. Und wenn ja ein Hausherr fett geworden, hatte er es sicher nicht dem Umstande zu verdanken, daß er sich beim Essen auch geistig beschäftigte. Das Gasthaus „zur Sonne" hat auch in der Neuzeit durch das Entstehen der Volksküchen seine Stammgäste nicht verloren, denn die armen Studenten ahnen ihre künftige Größe, sehen sich im Geiste schon in Amt und Stellung und denken aut Oaesar, aut nihil, Braten oder Brot, nicht aber Volksküchensuppe, die eine Repräsentantin der Neuzeit geworden, wie die Klostersuppe die des Mittelalters und die Spartanersuppe die des Alterthums war. Und wenn sich auch inancher arme Student schon der Großmacht des Magens beugen wollte, hat er vielleicht nicht die paar Kreuzer das Linsengericht zu bezahlen, wofür er noch obendrein das Erstgeburtsrecht des Geistes, den Segen der Armuth, verleugnen müßte. Insbesondere sind dies jene armen Studenten, welche, wie einzelne Rothkehlchen über'n Winter im Gebirgsdorf, über die großen Ferien in der Stadt Zurückbleiben müssen, weil kein glückliches Elternhaus sie erwartet; in der Stadt aber im Sommer, während die reichen Familien auf dem Lande leben, mit dem Hofmeistern nichts ist und selbst Lectionen nicht zu bekommen sind. Quartier müssen die Armen haben; auf Bücher für das neue Schuljahr müssen sie auch schon jetzt sorgen, denn, das Verkümmeln der alten genügt noch nicht, um neue anschafftn zu können, weniger aus Schuld der Antiquare als der Herren Professoren, deren schriftstellerische Fruchtbarkeit dafür sorgt, daß die alten Bücher nicht auf die Secundo-Genitur der Studirenden übergehen können und jedes Schulbuch nach dem Schuljahr nur den Werth eines alten Kalenders hat-einen blanken Hut müssen sie erst recht haben, um nicht ihrer Menschenwürde verlustig zu werden: wo sollen sie nun bei diesen unabweislichen Bedürfnissen noch auf eine andere Kost als auf die bei der „Sonne" hernehmen? Das Gasthaus „zur Sonne" ist koscher, denn, seine Stammgäste sind meistens jüdische Studenten. Der Wissensdrang treibt auch den armen jüdischen Jüngling zum Studiren und er kann nicht mit seinen arischen Commilitonen kneipen, sondern muß sich mit dem Menu bei der Sonne begnügen, das schon die alten Rabbiner zusammengestellt haben, weil im Judenthnm niemals der Reichthum allein die Prädestination zuni Studiren gab, und es dem Antisemitismus auch nie gelingen wird, den allgemeinen Wissenstrieb im Judenthum zu ersticken. Es gibt noch ein zweites Gasthaus, das sehr alt, ja noch älter als das erste« ist, denn es war, wie in Amerika das Gasthaus das Erste einer jeden neuen Ansiedlung ist, das Erste bei Gründung der Welt — das Gasthaus zum grünen Baum, r ohne Gänsfüßchen. Aber Jahrtausende lang waren die Gäste dieses Hotels blos die gottbegnadeten Sänger der Lüste, die Vögel von Wald und Flur; erst in unserer Zeit, seit der Aera der Industrie, hat das Gasthaus zum grünen Baum neue Stammgäste hinzubekommen, und das sind die Fabriksarbeiter. Mit dem Glockenschlag Zwölf sieben in den Fabriken Mensch und Maschine still; Punkt ein Uhr beginnt wieder ihre Thätigkeit. In dieser kurzen Zwischenzeit können Arbeiter und Arbeiterinnen nicht den weiten Weg zwischen ihren Wohnungen und dem Fabrikslocale zweimal zurücklegen, in den Gassen und Straßen der Stadt wollen sie auch nicht rudelweise herumvagiren; sie suchen daher die nächstgelegenen öffentlichen Gärten und Anlagen auf und diese erfüllen um die Mittagszeit ihre, volksthümlichste Bestimmung. Im Gasthause zum grünen Baum sind die Gäste ungenirter als tm Gasthause „zur Sonne". Da schämt sich Einer

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