Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 41 Vrflrrrrichifrtze Worhenschrtft. feeue 745 Gablonz a. d. Neisse, 28. September. (Tempeleinweihung) Vom herrlichsten Wetter begünstigt, fand heute die Einweihung des hiesigen, nach den Plänen und unter der Leitung des Architekten kaiserl. königl. Baurathes Wilhelm Stiaßny in Wien neuerbauten israelitischen Tempels unter regster Betheiligung der gesammten Bevölkerung statt. Präcise 4 Uhr fanden si ch die Ehrengäste, sümmtliche städtischen und staatlichen Behörden, mit dem Bezirkshauptmann und dem Bürgermeister an der Spitze, im Gotteshause ein. Der Cultusvvrsteher, Herr Daniel Mendl, begrüßte die Erschienenen und hielt eine herzliche Ansprache, in welcher er dankbar des Schutzes gedachte, den die Inden von Staat und Stadt genießen, so daß sie nun eine Stätte ihrem Gottesdienste widmen dürfen. Der Redner schloß mit einem Hoch auf Se. Majestät den Kaiser, in ivelches die Versammelten begeistert einstimmlen. — Der Obmann des Bauconlite, Herr Lustig, gab eine Beschreibung des Gotteshauses und dankte allen Jeneu, welche die Bestrebungen des Baucomile gefördert haben. — Herr Bürgermeister Posselt hielt eine kurze Ansprache, in welcher er u. A. sagte: An diesem Baue haben Menschen mitgearbeitet, ohne Unterschied der Nationalität und Confessiou. Möge von ihm Friede ausgehen, daß wir geeint gegen gemeinsame Feinde kämpfen können. Der Erbauer des Tempels, Baurath Stiaßny aus Wien ergreift das Wort, schildert in meisterhafter Rede die Geschichte des Baues, „an welchem Künstler unb Handwerker ohne Unterschied der Confession und Nationalität in Eintracht zusammen gewirkt," erflehete den Schutz des „Allmächtigen Baun.eisters der Welten" für das neue Haus und ersuchte den Hu. Bezirkshauptmann u. Hn. Bürgermeister, sowie den Präses der isr. Cultusgemeinde und den Obmann des Baucomitvs, die drei Hammerschläge zu vollbringen. Redner fügte hinzu: „Indem Sie, meine Herren, das Werk der drei Hammerschläge leisten,, werden Sie die Vollendung des Baues feierlich verkünden und demselben die volle Weihe verleihen. Durch diese symbolische Arbeit werden Sie aber auch der Arbeit jenen Tribut der Ehre zollen, welchen ihr Niemand im Staate versagen darf. Denn das Mauern gilt seit altersher als eine königliche Kunst und Fürsten und Herrscher haben sich mit Stolz zu ihren Jüngern bekannt. So auch unser erhabener Kaiser und Herr, durch Dessen ' Initiative seit mehr als einem Menschenaller die Baukunst in Oesterreich zu hoher Blüthe und zu großem Ansehen gelangt ist. Und so möge sich von Neuem die Wahrheit und die Würde des uralten Meistersprnches erweisen, den ich zu den meinige» erwählt habe: „Wer den wahren Sinn der Dinge will erschauen. Muß den Stein mit eig'ner Hand behauen." Die Festpredigt hielt der Herr Dr. Baneth. Durch angenehmen Vortrag, wie durch Gedankenreichthum hat sich der neue Rabbiner recht günstig ekngeführt. Der Predigt war der schöne Text „das Gotteshaus ein Haus der Liebe" zu Grunde gelegt. Nun bestieg Rabbiner Dr. Kisch aus Prag, der gerade vor 20 Jahren noch als Breslauer Seminarist die ersten jüdischen Predigten in Gablonz gehalten hatte, die Kanzel, ent. zündete das ewige Licht und sprach dabei: Ein jüdisches Gotteshaus wird geweiht, indem eine ewige Lampe eutzündet wird. Denn im jüdischen Gotteshause gibt es keine That, kein Wort, keinen Gedanken, der das Licht scheuen darf. Licht, Liebe, Segen soll von nun ab aus diesem Hause strahlen. Hier wird täglich der Segen Arons gesprochen werden, in welchem Frieden von Gott erfleht wird für alle Völker, für alle Menschen, die Söhne eines Vaters im Himmel sind. Wie einst Salamon den ersten israelitischen Tempel weihte, indem er betete, daß die Gebete Aller in demselben erhört werden sollen, welcher Nation sie seien, so segne ich Euch Alle mit dem alten Gottessegen. Hieraus verrichtete der Rabbiner von Reichenberg, Herr Dr. Hofsmann, das Kaisergebet, womit die erhebende Feier, zu deren Weihe d-. prächtigen Gesänge des Reichenberger Tempelchores wesentlich beitrugen, ihren Abschluß fand. Die Synagoge ist im maurischen Style nach Plänen gebaut, die der k. k. Baurath Stiaßny in der uneigennützig'cn Weise der Gemeinde zur Verfügung gestellt hatte. Sarajevo. Die österr.-ungar. israelitische Cultusgemeinde in Sarajevo verbrachte die diesjährigen hohen Feiertage in äußerst erhebender Weise. Zur Hebung des religiösen Gefühles beschloß nämlich der hiesige Gemeindevorstand die Berufung eines jungen Predigers. Die Wahl fiel auf den Doctoranden Herrn Moritz Schwarz, dem Sohne des Oberrabbiners aus Csakaturn. Derselbe hatte das verflossene Studienjahr in Berlin verbracht und ist hauptsächlich Zögling des Budapester Seminars. Der junge Redner erschien und erzielte durch seine geistvollen, actuellen und formvollendeten Reden einen durchschlagenden Erfolg. Seine Festpredigten erbauten und entzückten das zahlreich erschienene Publicum im wahren Sinne des Wortes. In Folge der Eloquenz des jungen Rhetorikers war die religiöse Stimmung eine äußerst gehobene. Berlin, 25. September. Zwischen der russischen Botschaft und der belgischen Gesandtschaft am Berliner Hofe ist ein ' noch ungelöster Streitfall ausgebrochen. Die rusfische Botschaft will nur diejenigen belgischen Pässe visiren, welche die Religion des Paßinhabers angeben. Run gestattet aber die belgische Verfassung nicht, den Belgiern die Frage nach ihrer Religion amtlich vorzulegen. Derartige Versuche sind stets gescheitert, und viele Belgier haben auf die Frage, welcher Religion sie angchören, einfach geantwortet: „gar keiner." Der belgische Gesandte ist somit nicht in der Lage, Pässe mit Religionsangabe vorzulegen, und die russische Botschaft erklärt sich auf Anweisung ihrer Regierung außer Stande, derartige Pässe zu beglaubigen. Auf die Lösung des Streites darf man gespannt sein. Dessau, 20. September. Gestern beging Hofbankier Baron M. von Cohn das Fest seines 80. Geburtstages und des 75 jährigen Bestehens seiner Firma, aus welchem Anlässe ihm Seitens Sr. Hoheit dem Herzog das Großkreuz des Herzog!. Hausordens in Brillanten verliehen wurde, den Staatsminister Dr. v. Koseritz persönlich überbrachte. Auch Deputationen der Stadtvertretung unter Führung des Herrn Oberbürgermeisters Dr. Funk, der jüdischen Gemeinde, der Chewra Kadischa rc. brachten dem Jubilar ihre Glückwünsche dar. Livorno. Der Bildhauer Jona Rüben hat auf der Schale eines Straußeneies die Wappen von 100 italienischen Städten und das Wappen des königlichen Hauses von Savoyen angebracht und schenkte dieses Kunstwerk dem König, Dieser dankte dem Künstler in einem Schreiben und machte ihm eine goldene Uhr mit den königlichen Insignien zum Geschenke. Feuilleton. Mv Lehrerin. (Aus den Papieren eines alten Pädagogen.) (Schluß.) Am nächsten Morgen berichtete Gelle dem Pfarrer haarklein Alles, was sie gesehen und gehört hatte. Voll sittlicher Entrüstung schrie der geistliche Herr ein um's andere Mal: „Darum so spröd und züchtig! In stiller Nacht mit dem Lehrer scharmuziren, daß es eine Art hat. Wart' Jüdin, Dir tränk ich's ein und Deinem Galan dazu!" Se. Hochwürden.entdeckte nun das Bewußtsein seiner Amtspflicht und fing an, auch die Knabenschule zu besuchen. Am längsten verweilte er immer in der Classe des Lehrers, den er jetzt so gründlich haßte, und ging niemals von ihm weg, ohne ihm im Beisein der Schüler eine Rüge über schlechte Methode oder Unwissenheit zu ertheilen. Und das war gerade der geschickteste Lehrer, der sogar acadeniische Bildung hatte. Die Liebe der Schüler gab dem jungen Manne lange den Muth, diese Kränkungen in seiner Amtsthätigkeit zu ertragen, aber endlich erlangte doch das Temperament die Herrschaft über ihn, und als einmal der Pfarrer wieder bei einem Besirche ihm eine scharfe Rüge ertheilte, sagte er laut: „Wenn Sie, Herr Pfarrer, das Messelesen so verstehen, wie das Unterrichten, find Sie ein schlechter Geistlicher." Bor Wuth schnaubend verließ der hochwürdige Herr das Schulzimmer und eilte nach Hause. Roch an demselben Abende ließ er den gesammten Vorstand der jüdischen Gemeinde zu sich in den Pfarrhof berufen. Als Willkommen sagte er zu ihnen mit vor Zorn noch mehr als sonst geröthetem Gesichte: „Ihr Juden treibt es mit eurem Schulschwindel noch so weit, daß man euch allsammt austreiben wird." Und als die Armen demüthig ftagten, was denn vorgefallen sei, gebot er ihnen Schweigen, er werde ihnen schon sagen, was er wolle. Und nun trug er ihnen vor, was ihm heute in der jüdischen Schule begegnet sei: „Der kecke Judenjunge, der Lehrer R . . . ., hat mich heute nicht nur in meiner Amtswürde als Schulinspector beleidigt, sondern auch noch den katholischen Geistlichen in mir verhöhnt. Wenn ihr mir nicht Satissaction verschafft, werde ich darüber an die oberste Schulbehörde referiren und Somrtag in der Kirche davon predigen. Für die Consequenzen bin ich nicht verantwortlich." Die Juden erschrocken. Der Pfarrer war im Stande, eine Judenhetze zu arrangiren; er hatte schon im Revolutionsjahre einen gelungenen Versuch dazu gemacht.