Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-07 · 41 (7.10.1892) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
41 (7.10.1892)
Date
1892-10-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020941--01785-3025842
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 41 Krstrrreirtzifrtze WochrnfrtzrisL. Seite 743 w e r d c n d e n N i e d e r g a n g v o n H a n d e l u n d G e w e r b e zu setzen. Nachdem noch mehrere Redner die Bedeutung der kaiserlichen Worte an die Abgeordneten Dr. Sneß und Richter hervorgehoben hatten, wurde beschlossen, die Protestvers ammlung am D o n n ersta g den 13. d. M. einzub e r u f e n. Triest, 3. October. Wir finden in dem hiesigen Journale ,11 Mattino“ einen bemerkenswerthen Aufsatz über ben Antisemitismus, welcher desto interessanter ist, als in der Redaction des genannten Blattes kein einziger jüdischer Mitarbeiter sich befindet und dies daher für den liberalen Sinn unserer italienischen Bevölkerung bezeichnend ist. Anknüpfend an die jüngsten Judenverfolgungen in Galizien wird bemerkt, wie erniedrigend und beschämend dieses Phänomen von Rassenverfolgung, Haß und Neid am Ende des 19. Jahr- Hunderts ist, da man doch in unseren Zeiten des Fortschrittes und der. freiheitlichen Bestrebungen erwarten dürfte, daß alte Borurtheile geschwunden, welche uns wie eine bleierne Kappe bedecken? Was bezwecken die Antisemiten? Sie appelliren an die niedrigsten Gefühle der Menschen, an die verwerflichsten Borurtheile, an die unlautersten Leidenschaften, an die unsauberste Rachsucht. Ja, sogar in Frankreich, Ja terra madre della libertä-1, das Mutterland der Freiheit, regt sich der Antisemitismus unter der Maske der politischen, finanziellen, öconomischen odersocialen Frage. Man will ihn mit dem Socialismus vergleichen. Nein, der Socialismus wendet sich gegen das Capital, nicht gegen den Glauben. Was sind die Antisemiten? Speculanten auf den niederen Bolkssinn, welche im Trüben fischen und nur im Gerichtssaale entlarvt werden können. Wohin fübrte uns daher unser Fortschritt, unser Zukunftstraum, die vielen Jahrhundert emsigen Schaffens, fragt der Verfasser. Zur Rückkehr in die alte, in die leidenschaftlichste Intoleranz. Hinzugefügt wird, daß im freien Italien man den Antisemitismus nur vom Hörensagen kennt und im Lande diese häßlichste der Leidenschaften nie festen Fuß gefaßt. K. L. Budapest. (Bischof und Rabbiner.) Aus Arad wird dem „N. Pol. Bolksbl." geschrieben: Der Csanöder Bischof Alexander Dessewffy weilte jüngst drei Tage in Arad. Bei einem Banket, welches der Minoritenorden zu Ehren des hohen Gastes veranstaltete und zu welchem auch die Vertreter aller anderen Confessionen geladen waren, richtete der Oberrabbiner der Araber israelitischen Gemeinde Dr. Rosenberg an den Kirchenfürsten eine Ansprache, worin es u. A. hieß: „Die katholischen Bischöfe glänzten immer durch ihre Vaterlandsliebe; sie ehrten stets die Selbstständigkeit und Constitution des ungarischen Staates und vertheidigten dieselbe nicht nur nach unten, sondern auch nach oben; die Vorgänger des Bischofs Dessewffy, Benovics und Horvath, dienten dem Baterlande ohne Leidenschaft, aber mit ausdauernder Begeisterung und ließen sich stets nur von dem Lichte des urtheilenden Geistes, nie aber von den trügerischen Gefühlen der Leidenschaft leiten. Wir sind überzeugt, daß Bischof Dessewffy in den Tagen, wo angesichts der stets heftiger werdenden socialistischen Strömungen die Pflege der Religion und Veredlung der Sitten in erhöhter Weise nothlvendig wird auf dem Pfade seiner Vorgänger wandeln wird." Die Rede des Rabbiners war von überraschender Wirkung. Der Bischof erhob sich von seinem Sitze und eilte zu dem Rabbiner, den^ er kiißte und dem er erklärte, daß jedes Wort ihm bis ins Herz drang. Die Gesellschaft aber feierte d"n Rabbiner in der auszeichnendsten Weise für seine männliche, der Aktualität nicht entbehrende Rede. Berlin. Ueber den neuen Antisemiteu-Zlpostel Paulus Meyer hat Pastor Bodelschwingh in Bielefeld folgendes Schreiben an einen Arzt gerichtet: Bielefeld, 27. Sept. 1892. Sehr geehrter Herr Sanitätsrath! Es ist mir leider nicht möglich gewesen, aus dem unermeßlichen Borrath älterer Briefe das Schriftstück über den p. Meyer aufzufinden. Ich kann nur bezeugen, daß die englischen Freunde, ehrenhafte Männer, an ihm dieselben Erfahrungen gemacht haben wie wir. — Ein ungemessenes Maß von cynischem Undank gegen alle seine Wohlthäter, die schließlich seinen lvahren Character erkannten und seinen ungemessenen Ansprüchen nicht genügen wollten! — Ueber sein hiesiges Betragen brauche ich Ihnen nichts zu melden und fasse es kurz dahin zusammen, daß ich in meinem ganzen Leben von tiefer Gesunkenheit, Bosheit, Lügenhaftigkeit und Hoffart — überhaupt von bodenloser Gemeinheit kein solches Beispiel kennen gelernt habe, wie diesen Menschen! Gottlob hat er ja seine Sache ausgespielt! — Er ist ja aus Preußen ausgewiesen! Wir haben ja schon vor einiger Zeit an das Polizeipräsidium in Berlin geschrieben, um demselben über den Menschen klaren Wein einzuschänken. Ebenso ist dem Berliner Vor teher der Jndcnmission darüber Mittheilung gemacht worden. Damit ist wohl seine Rolle in Deutschland am Ende und wir werden hoffentlich diesen Menschen nie wieder auf deutschem Boden antreffen! Hochachtungsvoll ergebenst F. Bodelschwingh, P. Das ist der Talmud-Eideshelfer der Herren Bachler und Genoffen. Bunzlau, 25. September. Das hiesige „Stadtblatt" bringt folgendes „Eingesandt,,: „In einem von der antisemitischen Buchhandlung zu Berlin zum Kauf ausgebotenen und angeblich von einem Bunzlauer Bürger hier verbreiteten Flugblatte, überschrieben: „Der Werth des jüdischen Eides," wird unter Mittheilung eines in einem alten Gebetbuche von Juden am Versöhnungsfeste abzuhaltenden Gebetes ausgeführt, daß nah diesem Gebete die von Juden geleisteten und von einem Berföhnungstage zum andern zu leistenden Eide für nicht bindend erklärt werden. Diese Ausführung ist falsch und zwar nur veranlaßt durch absichtliche Weglassung des Wortes „u n s" in der Uebersetzung des Gebetes und durch absichtliches Verschweigen der dem Gebete beigefügten erläuternden Anmerkung, sowie, daß seit Jahrzehnten in den Gebetbüchern von Dr. Geiger. Dr. Joel und noch anderen Gebetbüchern dieses Gebet zur Vermeidung von Mißverständniffen ganz weggelassen ist. In dem Flngblatte lautet die Uebersetzung: „Alle Gelübde, Entsagungen, Bannungen, Entziehungen. Kasteiungen und Gelöbnisse unter jedem Namen, auch alle Schwüre, so wir gelobt, geschworen, gebannt und entsagt habe-- werden :c. Weggelassen ist das Wort „uns", durch dessen Beifügung der Satz lautet: „Auch alle Schwüre, so wir uns gelobt, geschworen, gebannt :c." Die aus dem alten Gebetbuche des Dr. Michael Sachs in Berlin (1858) beigefügte Anmerkung aber lautet: „Die Formel hat zum Zwecke, etwa in Uebereilnng. heftiger Aufwallung ohne die Erwägung der Ausjührbarkcit gethaner Schwüre und Gelöbnisse, durch welche sich der Mensch eine Entsagung auferlegt, oder sich zu einer, nur ihn selbst betreffenden Leistung verpflichtet, und die ihm aus dem Gedächtnisse entschwunden sein könnte, für nichtig zu erklären. Bon einer Auflösung oder Nichtigkeitserklärung von Verpflichtungen hingegen, die bewußt und überlegt übernommen sind, sowie von solchen, die wir anderen Menschen gegenüber auf uns haben, sowie von Eiden, die zur Bethenerung der Wahrheit im Privalverkehr oder vor Gericht geschworen sind, kann keine Rede sein, und hat aus solche die Formel des Gebetes niemals Anwendung finden sollen." Die falsche Uebersetzung des Gebetes, das Verschweigen der Erläuterung der Gebetformel, und daß obiges Gebet in den neuen Gebetbüchern überhaupt nicht mehr enthalten ist, characterisiren das Flugblatt als eine zum Haffe aufreizende ganz gemeine Verleumdung der Juden. Unser Mitbürger würde daher besser gethan haben, das Blatt zu unterdrücken, statt durch dessen Verbreitung Zwietracht zu säen. Bunzlau, den 24. September 1892. Minsberg, Geheimer Justizrath." (Was diesem „Eingesandt" eine besondere Bedeutung giebt, ist, daß der hochgeehrte Einsender Katholik ist und diese öffentliche Kundgebung aus eigenem Antriebe erließ.) Paris. Die Juden in französischer Gesellschaft. Aus Paris schreibt man dem „Budapester Tageblatt": Man hat den französischen Juden aus Anlaß der jüngsten gegen sie gerichteten Drumont'schen „Liebenswürdigkeiten" u. A. auch den Vorwurf gemacht, daß ihre hervorragenden Männer nur aus den: Handels- und Bankwesen zu finden sind. Wie sehr diese Anschuldigung allen Grundes entbehrt, beweist folgende Statistik, welche durchaus keinen Anspruch aus Vollzähligkeit machen will. In der Journalistik und Literattlr haben fich einen bedeutenden Namen erworben: Albert Millaud, Mitarbeiter des „Figaro" dessen Vater Polidore Millaud, der das „Pettt Journal", die verbreitetste Zeitung in ganz Frankreich, gegründet hat: Jules Claretie, hervorragender Romanschriftsteller, Mitglied der Academie und Director der ersten französischen Buhne; Anatol, Mitarbeiter des „Temps", dessen Begründer gleichfalls ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.