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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-07 · 41 (7.10.1892) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
41 (7.10.1892)
Date
1892-10-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 742 Österreichische Wochenschrift. Nr. 41 gelegen ist, aus dem Herzen Pressen. Ja, voll — übervoll! .... So weit »darf es nicht kommen, daß eine Partei, welche Tücke, Arglist und Niedertracht auf ihr Banner geschrieben hat, das große Wort führt und die Welt glauben macht: „In unserem Lager ist Oesterreich!" Der Antisemitismus, wie er sich in der allerletzten Zeit entfaltet hat, ist iu Tollheit und Tobsucht verfallen, Individuen, welche nicht einmal die Eigenschaft „Halbbildung" für sich in Anspruch nehmen können, wagen es. in officieller Versammlung der Landesvertretung gegen die Wissenschaft aufzutretcn, sie herabzusetzen, sie zu schmähen, zu verleumden, zu besudeln! Da ist es hoch an her Zeit, daß ein einziger Schrei der Entrüstung und der Verdammung durch das ganze Land gehe. Nicht schweigen dürfen wir mehr, nicht die Ansicht theilen: Narren läßt man austoben. Nein, wenn Irrsinnige gefährlich werden, legt man ihnen die Zwangsjacke an, und diese Vorsichtsmaßregel ist nun auch jener unheilbringenden Schaar gegenüber anzuwenden, deren Streben dahin geht, Oesterreich aus der Reihe der civilisirten Nationen in die der Barbaren zu drängen. Unser Vaterland bietet der Welt das Schauspiel, daß eine Partei ganz offen und unverhohlen auf das Ziel losgeht, eine nach Millionest zählende Gruppe von Mitbürgern dem allgemeinen Hasse preiszugeben, gegen dieselbe zu hetzen, ja in deutlichen Worten deren Vernichtung zu predigen. In der arglistigsten, nichtswürdigsten Weise sucht diese Partei die desolaten Verhältnisse des russischen Staates zu ihren Zwecken zu verwerthen und die ungebiloeten Massen zu ähnlichen Ausschreitungen heranzuziehen, wie sie drüben im höchsten Augenblicke der Noch, im Momente der drohendsten Choleragefahr stattgefunden haben. Statt daß die Gesammtheit sich einmüthig auf diese Epidemiegefahr vorbereitet, trachtet man dieselbe noch zu verdoppeln, zu verzehnfachen, indem man den ungebildeten, leichtgläubigen Theil der Bevölkerung aufwiegelt, ihn gegen die behördlichen Erlässe aufstachelt und ihm das mittelalterliche Märchen aufbiirdet, Juden und Cholera seien miteinander identisch. Leider ist das gemeingefährliche Jndividium, das solches gelbem, durch das heilige Recht der Immunität gedeckt und für den Staatsanwalt unerreichbar. Wohl aber sind wir alle berechtigt und verpflichtet, unseren Gefühlen Ausdruck zu gebeit und nach den letzten empörenden Borkomniffen einen lauten Protest zu erheben. In erster Linie rufen wir. der Verein zur Abwehr des Antisemitismus, diesen Protest in die Welt. Wir glauben aber, dies nicht allein in unserem Namen thun zu sollen, sondern im Namen der großen erdrückenden Majorität von ganz Oesterreich! Der Zeitpunkt ist gekommen, da es sich aufraffen heißt, da jeder seine Stimme abgeben soll, der bisher geschwiegen, in der Meinung, die verderbliche Bewegung des Antisemitismus werde in den Sand verlaufen. Um so besser, wenn sie in den letzten Zügen liegt, wenn dieser tolle Aufschrei, den wir in den letzten Tagen vernommen, der Schrei der Agonie ist — um so nachdrücklicher muffen wir über nun noch dieses Delirium bändigen, den rasenden Tollhauslern die moralische Zwangsjacke anlegen — und dies kann dadurch geschehen, daß unser Protest m allen Landen der österreichischen Monarchie ein lautes, ein Alles vbertönendes Echo findet. Ein Mißttauens-, ein Entrüstungsvotum, das diese Gesellschaft von unheilbringenden, gemeingefährlichen Radaumachern zu Boden drückt — das verlangen wir und das wird deu Nachbarvölkern den Beweis liefern, daß unser Vaterland sich im entscheidenden Augenblicke aufgerafft hat, daß es nie und nimmer gewillt ist, mit einem Häuflein btindwüthiger Fanatiker und verächtlicher Streber solidarisch erklärt zu werden. Auf, zur Thal! .... Hie Gerechttgkeit — hie Niedertracht: . . . A. Gundaccar Freiherr v. Suttner. Wie«, 4. October. (Die Aerzte und die Antisemiten.) Zu Beginn der heutigen sehr zahlreich besuchten Vollversammlung des Medicinischen Doctoren-Collegiu'ms hielt der Präsident desselben, Profeffor v. Red er, folgende Ansprache: Es wurde mir von verschiedenen Seiten nahegelegt, in der ersten ärztlichen Versammlung eine Kundgebung gegen die im niederösterreichischen Landtage gegen unseren Stand gerichteten Angriffe zu veranlaffen. Was die erste Herausforderung betrifft, so ist dieselbe in erster Linie gegen unsere Wissenschaft gekehrt. Ich glaube, es ist unter unserer Würde, etwas darauf zu antworten. Wenn Jemand die Arbeiten sämmtlicher Forscher, die sich mit Medicin befassen, in den Staub zieht, so ist dies «ne eigene Ansicht, eine Sonderbarkeit, die sich nur schwer corrigiren läßt. Bon größerer Bedeutung ist die zweite von derselben Partei ausgegangene Anschuldigung und Verdächtigung der Spitäler und jener Aerzte, welche ihre Dienste und ihr Leben dem Staate und der Menschheit im Falle einer Epidemie zur Verfügung gestellt haben. Bedenkt man, mit welcher Hingebung und Aufopferung die Aerzte und ganz besonders die jungen Aerzte ihr Leben einsetzen; mit welchen Schwierigkeiten Entbehrungen und Gefahren dieselben zu kämpfen haben; bedenfr män ferner, daß die Spitäler die humanste Institution sind, die wir im Staate überhaupt haben, so kann ich weiter nichts sagen, als daß die Betreffenden nur von dem zügellosesten Hasse erfüllt sein müffen, wenn sie Beschuldigungen ausstoßen konnten, die uns mit dem größten Abscheu erfüllen. Lassen wir das lieber und wenden lvir uns der ernsten Arbeit zu. (Lebhafter Beifall.) Wien, 3. October. (Die Arbeiter gegen die Christlich-Socialen.) Im Gasthause „zur Schießstätte" . in Hütteldorf fand gestern Vormittags eine auch von vielen Kleingewerbetreibenden, landwirthschaftlichen Arbeitern und Frauen besuchte Volksversammlung statt, welche sich zu einer Kundgebung gegen die christlich-sociale Partei gestaltete. Der Einberufer, Arbeiter I e r s o h n, erklärte als Zweck der Versammlung, den Wühlereien der Christlich-Socialen im XIII. Bezirke cntgegenzutreten, welche in Ausführung der Beschlüsse des Katholikentages eine erhöhte Agitation in den Arbeiterkreisen entfalten und das Volk zu verwirren suchen. I ers o h n fordert etwa antvesende Christlich-Sociale auf, sich zum Worte zu melden, und sichert ihnen die vollste Redefreiheit zu. Der Referent, Arbeiterführer B r o d aus Wien, besprach die Ziele der Social- Democratie und deren Berhältniß zur christlich-socialen Partei. Die Social-Democraten bekämpfen die Christlich-Socialen, weil diese eine reactionäre Partei sind und nicht aus Liebe zum Großcapital. Die Christlich-Socialen haben sich einige socialistische Schlagworte angeeignet, mit denen dieselben hausiren gehen und den Kleinbürger retten wollen. Wutchl wendet sich gegen die Capläne, welche zu den Leuten sagen: „Wenn du kein Jude bist, so mußt du ein Christ sein oder du bist ein Judenknecht!" (Gelächter.) Die Antisemiten wollen revolutionär sein, während sie in der That reactionär sind — sie bekämpfen das Capital, aber nur das jüdische, sie wollen die Abkürzung der Arbeitszeit, jedoch nur in der Großindustrie. In dem Treiben eines Latschka und Scheicher liegt ein unlöslicher Widerspruch. In den Kirchen predigen sie, daß die Ordnung der Dinge eine göttliche sei, in den Vereinen revolutioniren sie das Volk, damit es sich gegen diese Ordnung auflehne. S e m e n e c bemerkt, daß die Christlich-Socialen sich einen Namen gegeben, der ans sie nicht passe. Geht man in die Kirche, so höre man in der Predigt die Mahnung: „Handelt christlich!" „Handeln nun." fragt Redner, „Führer der Christlich-Socialen so? Was zahlt denn ein Prinz Liechtenstein seinen Arbeitern: .(Rufe: 15 fr-!) Ist das christlich? Und ein solcher Mann läßt sich zum Volksvertreter wählen!" (Pfui-Rufe.) Die Versammlung schloß mit der Annahme einer Resolution, in welcher die Anwesende» den Principien der Social-Democratie zuzustimmen erklären. Wien. (Die Protestkundgebung über die Vorgänge im niederösterreichischen Landtage.) Der Ausschuß des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus hielt vorgestern unter Zuziehung zahlreicher Vertrauensniänner eine Sitzung ab, in welcher das Programm für die im Lause der nächsten Woche zu veranstaltende Protestkundgebung gegenüber den antisemitischen Ausschreitungen in der letzten Landtagssession berathen wurde. Nachdem Gemeinderath Dr. Uhl als Vorsitzender bekannt gegeben hatte, daß 27 Vereine ihre Zustimmung zur geplanten Protestkundgebung schriftlich eingesendet haben, nahm Hofrath Professor Nothnagel das Wort, um die Stellung des Vereines gegenüber den unqnalificirbaren Ausführungen der antisemitischen Wortführer zu präcisiren. Daß dieselben nicht unerwidert bleiben können, führte der berühmte Gelehrte aus, sei Jedermann klar, in dem nur noch der Rest eines Gefühles von Anstand und guter Sitte wohnt. Es handle sich nur darum, durch eine imposante Manifestation darznthun, daß die Bevölkerung auf solch rüde Excesse die gebührende Autwort nicht schuldig bleibt. Die Personen, welche in Frage kommen, stehen tief unter jeder Discussion. Hofrath Nothnagel schlug sodann vor, auch an die Aerzte Einladungen zur projectirten Protestversammlung ergehen zu lassen und einen derselben (Primararzt Dr. Scholz) mit der Aufgabe zu betrauen, Namens der Aerzte gegen die antisemitischen Insinuationen Verwahrung einzulegen. Landtags-Abgeordneter Gerhardus schilderte in drastischer Weise die Vorgänge in jener denkwürdigen Landtagssitzung und sprach sein Bedauern darüber aus, daß nicht von maßgebender Seite spontan unter dem Eindrücke der beschämenden Ausschreitungen den Hetzern die verdiente Abfertigung zu Theil geworden sei. Die Versammlung beauftragte Dr. Uhl und Professor Benedikt mit der endgiltigen Stylisirung der Resolution, worauf noch Gemeinderath D j ö r u p den Antrag einbrachte, auf die Tagesordnung der Versammlung auch ein Referat über den seit Entstehen des Antisemitismus immer intensive«.

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