Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr . 41 Orstrreirhifrhr Wochrnpehrift. S«;ite 741 freilich genug, daß tiefdenkende Männer, denen doch gerade die historische Forschung so theuer war, es zu übersehen vermochten, wie ganz im Gegentheile die Predigt, ein vollberechtigter Autochton auf jüdischem Boden, — wie sehr auch die äußere Form im Laufe der Jahrhunderte gewechselt — ihrem innersten Wesen nach zu allen Zeiten unserer Geschichte der eifrigsten Pflege und Hingebung bei den Lehrern des Volkes sich erfreute. Hat doch eine wissenschaftliche Autorität, wie Zunz, es uirwiderleglich dargethan, daß die bei allen Bekenntnissen herrschend gewordene Institution der Predigt erst von der Synagoge ausgegangen, wo sie ihre eigentliche Heim- und Geburtsstätte hatte. Nun, man darf cs gewiß mit Genugthuung begrüßen, daß jene Geringachtung der Kanzelrede nunmehr ein überwundener Standpunkt geworden. Das Ansehen der Predigt hat sich in den Augen unserer Gelehrten vollkommen rehabilitirt. Wir sehen die bedeutendsten Forscher, die eine mit Recht bewunderte literarische Rührigkeit entfalten, auch der Kanzelrede ihre volle geistige Schöpferkraft zuwenden, weil sie innerlichst von der Anschauung sich beherrscht fühlen, daß die Predigt — die thatsächlich das Wellbürgerthum sich eroberte — jedoch an ihrer jüdischen Heimstätte noch immer ihre ursprüngliche Wesenheit beizubehalten hat, nämlich die feinsinnige, geistvolle Auslegeriik des Bibelwortes zu sein, das in seineri göttlichen Tiefe und Fülle .dem Lehrer des Volkes den ewig unerschöpflichen Sioff bietet, die edelsten Gedanken und die höchsten Wahrheiten stets frisch und neu zu wecken und zu befestigen in den Herzen. Und indem wir nun den angezeigten zwei homiletischen Publikationen uns zuwenden, so finden wir sofort in den 8nd. 1 hier angezeigten Predigten unsere eben ausgesprochene Ansicht vollauf bestätigt. Der Verfasser derselben war doch unbestritten bedeutend als Gelehrter und Forscher, aber wie sehr ernst er es trotzdem mit seinem Berufe als Kanzelredner genommen und wie hochbedeutsam die Aufgabe in seinen Augen stand, davon legt diese Predigtsammlung ein lautredendes Zengniß ab. Wir verkennen nicht, das in den 40 hier enthaltenen Predigten '.die Mannigfaltigkeit der Themen — was uns, nach eigener Erfahrung, für die Wirksamkeit der Kanzelrede von nicht zu unterschätzender Bedeutung erscheint — nicht genug zum Ausdruck gelangte, und was namentlich in den 18 für Neujahrsfest und Versöhnungstag bestimmten Predigten uns ganz besonders auffiel — allein wir finden andererseits hier eine Reihe von Predigten, die wir mustergiltig nennen können und die eine hervorragende Meisterschaft bekunden. So beispielsweise gleich die erste in dieser Predigtsammlung. Die 8iil). 2 angezeigten Predigten sind, wie schon der Titel besagt, Ca ualreden, die aber jeder Denkende mit großem Interesse lesen wird, was namentlich von den in dieser Sammlung enthaltenen Grabreden gilt, in denen ein hochwichtiges Stück Zeitgeschichte sich spiegelt. Wir sehen hier nämlich Männer wie Zunz, P. F. Frankl, Manuel Joel, Grätz, Laster, Wolfgang Straßmann, Ludwig Löwe, und noch eine ganze Reihe hochverdienter Männer, durch die feinsinnige Characterzeichnung, wie lebend an uns vorüöerziehen. — Dr. Maybaum, Verfasser der „Jüdischen Homiletik," hat sich schon seit Langem (vgl. „Fest- und Gelegenheits-Predigten," Breslau, 1878) als Meister der Rede und als geistvoller Ausleger des Bibelwortes bewährt, so daß wir der weiteren Folge seiner homiletischen Arbeiten mit Vergnügen entgegensehen. Rabbiner Dr. S ch m i e d l. (horreMnämren. Wien. (Ein frommer Katholik über die Schrift eines Juden.) Daß über ein Buch ein Zeitungsartikel geschrieben tvird, das ist etwas alltägliches, ja Allstündliches; ganz außerordentliches ist es aber, wenn ein Zeitungsartikel zum Text eines Buches gemacht und wie ein alter Classiker mit Uebersetzung, Commentar und Anmerkungen herausgegeben wird. Eine solche Auszeichnung ist den in den Beilagen der „Allgemeinen Zeitung" in München vor einigen Jahren erschienenen Artikeln über den berühmten katholischen Philosophen und Ordensgründer Antonio Rosmini zu Theil geworden. Das ungefähr hundert Seiten starke Merkchen Antonio Rosmini e la sua vita von Mario Manfroni ist im vorigen Jahre in Roveredo in zweiter, verbesserter Auflage erschienen und ist, wie der Verfasser in der Einleitung sagt, nichts anderes als eine Uebersetzung der „höchst bedeutenden Artikel" der „Allgemeinen Zeitung", denen er einige Betrachtungen und Anmerkungen angefügt Hai um manche Ungenauigkeiten des Autors zu berichtigen und manches nicht klar oder nicht ausführlich genug Dargestellte besser auszuführen und in's gehörige Licht zu stellen." Obwohl der erwähnte Artikel nur mit den Anfangsbuchstaben Ll. L. bezeichnet war, sagt Herr Manfroni, er halte den in italienischen Dingen wohlbewanderten israelitischen Schriftsteller Dr. Marcus Landau für den Verfasser und fügt hinzu: „Diese Artikel stehen mit der Sprache des katholischen Episkopats (über Rosmini) in einem den deutschen Juden um so ehrenderen Contrast, als er weniger verpflichtet war, die Dienste, welche Rosmini der Kirche geleistet hatte, zu kennen und zu würdigen" ... .„Die beste Widerlegung der gegen den italienischen Priester und seine Lehren ausgestreuten Verleumdungen ist die Darstellung seines Lebens durch den, einer anderen Religion, einer anderen Nationalität und anderen, polittschen Principien angehörenden Autor. Dieser Einleitung folgt die sinngetreue und recht fließend geschriebene Uebersetzung der Artikel der „Allg. Ztg.", und zwar nicht ununterbrochen sondern in 17 Capitel getheilt. Auf jedes Capitel der Uebersetzung folgen die Bemerkungen, Nachträge und hie und da Einwendungen des Uebersetzers, auf die hier nicht eingegangen werden kann. Wir wollen hier nur darauf aufmerksam machen wie die unparteiische Arbeit eines Juden ül»2r einen berühmten katholischen Philosophen und Priester gerade bei wirklich frommen Katholiken Anerkennung findet. Und ein solcher zu sein, beiheuert Herr Manfroni: „Die katholische Religion ist die Religion des Landes und der Familie, in denen ich geboren wurde, welche ich von Kindheit an zu verehren und zu lieben von meiner Mutter gelehrt wurde ... an die ich mit allen meinen Erinnerungen und Hoffnungen, mit allen Schmerzen nnd Freuden gebunden bin." Daß er dabei, ja vielleicht gerade deßhalb ein eifriger Gegner der Jesuiten und ihres Treibens ist, kann man leicht begreifen. Freidenker und Ungläubige intereffiren sich in Italien wenig für Rosmini; wenn also nach zwei Jahren schon eine zweite Auflage von Manfroni's Merkchen erschien, nachdem die erste Auflage rasch vergriffen wurde,- so beweist es, daß die Arbeit des deutschen Juden und seines italienischen Commentators gerade in den Kreisen frommer Katholiken viele Leser fand. Für Hetzcapläne und antisemitische Demagogen ist es freilich keine Lectüre. Wien. Das Opfer eines jüdische« Wüstlings. Unter diesem gehässigen Titel bringt das „Deuffche Volksblatt" folgende Notiz: „Dienstag Früh wurde unterhalb der Schiffmühlen im Prater ein Sonnenschirm, ein Damen-Strohhut, ein Paar Glace- Handschuhe und ein Schnittmnsterbuch gefunden. In diesem lag ein mit Bleistift geschriebener Zettel, des Inhalts, daß die Eigenthümerin dieser Effecten wegen unglücklicher Liebe ihren Tod in den Wellen der Donau gesucht habe. Die gefundenen Gegenstände wurden als Eigenthum der seit Früh abgängigen 18jährigen Näherin Elisabeth Hartmann, Erdbergermais Nr. 1542 wohnhaft gewesen, agnoszirt. Das Mädchen hat thatsächlich seinen Tod in den Wellen der Donau gesucht und geffmdeu. Ueber die Ursachen des Selbstmordes gehen uns von berufener Seite folgende Mittheilungen zu: Diese Elise Hartmann war ein von Gesundheit strotzendes, außergewöhnlich schönes, braves Mädchen, das dem serbischen Juden Georg Demettowitsch zum Opfer fiel. Derselbe hat dem Mädchen das Heiraten versprochen uud hätte die Hochzeit heuer an ihrem Namenstage sein sollen. Das Mädchen ließ sich von den Vorspiegelungen des Juden bethören, und nachdem sie die Folgen des Fehltrittes ihm offenbarte, schrieb ihr der Jude, seine Eltern duldeten nicht, daß er eine Christin heirate. Außerdem erfuhr man, daß er ohnedies verheiratet, aber geschieden von seiner Frau und Vater mehrerer Kinder sei. Auf dies hin wurde das^Mädchen tiefsinnig und wollte sich vergangene Woche bereits das Leben nehmen, wurde jedoch von ihren Angehörigen davon abgehalten. Alle, die das Mädchen kannten, bedauern die Arme tief, da sie wegen ihrer Liebenswürdigkeit sehr gut gelitten war. Besonders zu bemitleiden ist ihre Familie, die durch diesen Juden unglücklich wurde selbe ist sehr anständig und geachtet. Der Jude ist bei der Caffe am Biehmarkte angestellt, that sehr groß, fuhr immer im Fiaker und die Leute glaubten, das Mädchen werde ihr Glück machen. Er ist sofort, nachdem es bekannt wurde, daß das Mädchen ins Wasser gegangen, in seine Heimat nach Serbien abgefahren, um den Folgen seiner Schurkerei auszuweichen." Wie man uns mittheilt, ist diese Erzählung vollständig wahr, bis auf den einen einzigen Umstand: der Held dieser Geschichte, Georg Demetrowitsch, ist nämlich kein Jude, sondern auf dem Schweinemarkt in Wien, wo er als Agent der Depositenbank bedienstet war, allgemein als antisemitischer Agitator bekannt. Wien. Die Wiener Tagesblätter publiciren nachstehenden Aufruf: Das Maß ist voll.' Dieser Ruf mußte sich in den letzten Tagen jedem Oesterreicher, dem an der Ehre seines Vaterlandes