Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 4 L Oestrrrirhifrhr Moctzensrhrift Sette 739 Es ist also geradezu ausgeschlossen, daß ein Jude eine Carriere wählt, wo nicht einmal ein Christ, der kein Cavalier ist, weiter kommen kann. Die Juden müssen also dort bleiben, wo sie etwas leisten können, und das war seit vielen Jahrhunderten der ärztliche Stand. Mit.Recht hat der Herr Reichsrathsabgeordnete Dr. Bloch hervorgehoben, daß Päpste, Kaiser und Könige es nicht verschmäht haben, von Juden und Sarazenen, die ja seiner Zeit an der Spitzender Medicin standen, sich curiren zu lassen, und die heutige Wissenschaft ruht auf dem, was die spanischen Araber und die Juden geleistet haben. Er hat auch mit Recht hervorgehoben, daß auch der Abg. Geßm a n n, der frühere Democrat und jetzige Antisemit, den Juden Weiß, ich kenne ihn persönlich, als Hausarzt hat. Es wurde gesagt: die Aerzte schicken die Christen in das Spital, damit sie an der Cholera sterben. Sind denn aber die Spitäler nur Abgabsorte für die Cholera? Uebrigens wird jeder, der die Spitäler kennt, bedauern, daß in der Bevölkerung noch eine solche Abneigung gegen die Spitäler besteht. Wenn der Kranke in der Werkstätte, beim Ofen, in einem Winkel'auf Stroh liegt und um ihn gearbeitet und geheizt wird, kann das mit der Pflege verglichen werden, die ein Kranker im Spital findet. Ich glaube, jeder christliche Arzt würde auf die Angehörigen eines solchen Kranken mit aller Ueberzeugung, denn Spitalszwang gibt es nicht, dahin einzuwirken suchen, daß sie ihn ins Spital geben. Gestatten Sie noch zu erwähnen, wie roh und herzlos Dinge berührt wurden, die der Abg. Schneider gar nicht versteht. Er sagte, er habe den Tag vorher mehr gefunden, an geunssen Tagen aber weniger, und das Mehr bildeten die Jüdinnen. Wie herzlos wird da von einem socialen Mißstande gesprochen, der mit der Confession gar nicht zusammenhängt. Wenn je ein Wort wahr ist, so ist es jenes von Christus: „Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf ihn." Der Mensch kennt die Bevölkerungsclassen nicht, aus denen sich die Prostituirten decken. Die thun es nicht zum Vergnügen oder weil sie nicht arbeiten wollen. Hat er je einem solchen armen Geschöpfe die Möglichkeit geboten, zu einem anständigen Erwerbe zu gelangen? Er würde erfahren haben, daß unter 100 gewiß 99 sich sofort von diesem Leben lossagen würden, weil es ihnen kein Vergnügen macht, sich jedem hinzugeben. Eine Freude machte es höchstens dem Herrn Abgeordneten, als er herumging. So steht die Sache in Wirklichkeit, und derjenige, der da einschreiten will, hat gegen die Armuth und nicht gegen die Confession zu kämpfen; er hat dafür zu sorgen, daß auch jene weibliche Bevölkerung, welche nicht heirathet, einen anständigen Erwerb hat, daß sie arbeiten kann, lvenn sie arbeiten will. Wenn man das nicht kann, so ist das ein Mangel unserer gesellschaftlichen Zustände. Man sollte daher nicht den Stein auf jene unglücklichen Opfer werfen. Ich gehöre dem Ausschüsse des Vereines zur Bekämpfung des Antisemitismus an; in der heutigen Sitzung, der ich nicht auwohnen kann, weil ich hier spreche, wird beschlossen werden, eine Versammlung einzuberufen, um die Mißbilligung aller anständigen Menschen über jene Aeußerungen auszusprechen. Sie können überzeugt sein, daß die Empörung und Entrüstung aller guten und edel denkenden, Menschen so groß ist, daß, . . . wir werden ja sehen, es muß auch in der größeren Bevölkerung noch so viel Gerechtigkeitssinn existiren, daß sie endlich diese Rohheiten und Gemeinheiten so verurtheilt, wie sie es verdienen. Ich will heute nicht weiter über alle erörterten Fragen sprechen. Bon jenen Grundsätzen, die mich bisher leiteten, werde ich mich auch in der Zukunft leiten lassen, ohne einem Lobe oder einem Tadel zugänglich zu sein. Ich bin wirthschaftlich vollkommen unabhängig. Ich lebe von meiner Arbeit (Bravo!) und die erhält mich und meine Familie anständig, wenn auch nicht besonders luxuriös. Ich kann jeden Moment den Reichsrath verlassen; ich brauche nichts, und wer meine öffentliche Thätigkeit kennt, wird bestätigen, daß ich in meinem Leben nichts dadurch erreicht habe. Die Stelle, die ich ha* wenn sie auch dem einen oder anderen zu hoch dotirt ^..cheint, habe ich mir durch 30 jährige Arbeit erworben. Man muß übrigens nicht blos die große Gage, 2700 fl. ist ja am Ende keine so große Gage, betrachten, sondern auch die Leistung bewerthen. Ich könnte ziffermäßig berechnen, was ich der Gemeinde Wien geleistet habe, z. B. durch die Ausscheidung der Bororte aus der Armenverpflegung Wiens; ich verweise auf unsere städtischen Kasernen, auf die Tramwaygeschichte, wo das Document allein ein paar Millionen werth ist und u. s. w. Es kann ja einer, der 400 fl. bekommt, keine äquivalente Leistung bieten. Man darf da nicht eine Ziffer gegen die andere stellen, das kann man beim Addiren und Subtrahiren thun. Sie müffen sich tragen: Was wird gegeben und was wird geboten? Ich weiß z. B. daß Profefforen im Abgeordnetenhause fitzen, die beinahe durch 20 Jahre ihre Professorengage ganz umsonst einstecken (so ist es!), und daneben bekommen sie noch Diäten. Ich habe aber, solange ich dem Abgeordnetenbause angehörte, meine Verpflichtungen als Beamter erfüllt, habe nicht einen Kreuzer umsonst eingesteckt, und die Gemeinde Wien hat dadurch, daß ich Abgeordneter war, auch nicht Einen Diurnisten mehr bezahlen müffen. für braucht man also das nicht vorzuhalten. Schon in der heiligen Schrift steht: Jeder Arbeiter ist des Lohnes werth, und für den Lohn, den ich in materieller Beziehung bekommen habe, — meine politischen Gegner waren aufrichtig und ehrlich genug es anzuerkennen — habe ich der Gemeinde, der ich gedient habe, auch das entsprechende Aequivalent geboten. Geehrte Herren! Ich danke Ihnen, daß Sie mir so lange zugehört haben. Ich empfehle meine Candidatur ihrem Wohlwollen. (Lebhafter u. langanhaltender Beifall u. Händeklatschen.) Reichsraths-Abgeordneter Dr. Bloch ergreift hieraus das Wort. Unter Hinweis auf die Vorgänge im n.-ö. Landtage hebt er hervor, daß die Staatsbürger israelit. Confession die Wahrung ihrer heiligsten Interessen ruhig dem obersten Hüter der Verfassung anvertrauen können. Vom Throne herab ist heute ein kaiserliches Urtheil über Schneider und Genossen in das Reich gerufen worden, welches die gesammte Bande niederschmettert und sie in ihrer wahren Gestalt enthüllt. Diese Scenen seien eine Schande, so lautet des Kaisers Wort; es richtet die Angreifer und bereitet den Angegriffenen die höchste Genugthuung (die Versammlung bricht in Hochrufe auf den Kaiser aus), und dafür gebühre dem edelsinnigen Monarchen innigster Dank (erneuerte Hochrufe). Zur Candidatur Kronawetters constatirt der Redner, daß diese getragen wird von Männern, welche nicht blos den verschiedensten Schichten der Bevölkerung, den verschiedensten Lebensstellungen, sondern sogar den verschiedensten politischen Parteien angehören. Liberale und Demokraten schaaren sich vereint mit den Anhängern der nationalen Gleichberechtigung um die Candidatur Kronawetter's. Innerhalb der verschiedensten Parteien hat Kronawetter seine Freunde und Verehrer. Diejenigen, welche seine politische Gesinnung nicht theilen, verehren seine Charakterstärke, seine unentwegte Gefinnungstreue. Wir sehen und wählen in ihm einen politischen Charakter, der sich und seinen Idealen stets treu geblieben. Nun hat allerdings Mfgr. Wiefiuger in dem Organe des Prinzen Liechtenstein es unternommen, Dr. Krona Wetter des Gesinnungswechsels zu zeihen und er klagt ihn an, er wäre verjudet und lasse sich von jüdischen Journalisten loben. Gestatten Sie mir eine kleine Reminiscenz. Herr Wiesinger war von 1875—1886 Eigenthümer eines katholischen Tagblattes „Gemeinde-Zeitung". Als seine politischen und volkswirthschaftlichen Redacteure bestellte er zwei Juden. Unter seiner Aufsicht und Mitwirkung haben also jüdische Journalisten die „Interessen des katholischen Volkes" und die Jntereffen der clericalen Partei vertreten. Nach seinem geistlichen Avancement zum Stadtpfarrer von St. Peter verkaufte er das Blatt an einen jüdischen Journalisten. Die „Gemeinde- Zeitung" wurde auch von dem neuen jüdischen Eigenthümer als „katholisches" Blatt weitergeführt und der fürsterzbischöfliche Consistorialrath und Ehren-Kämmerer Sr. Heiligkeit, Herr Dr. Wiesinger, ließ seinen Namen als Chef-Redacteur an der Spitze des Blattes stehen. Als solcher fungirte er bis 31. Mai 1887 und versorgte die „Gemeinde-Zeitung" anfangs täglich, dann jeden zweiten Tag mit politischen Leitartikeln und Entrefilets. In dieser Eigenschaft bezog Dr. Wiefinger eine Gage von wöchentlich zwanzig Gulden. Ein kirchlicher Würdenträger, der sich für seine journalistischen Beiträge in einem katholischen Blatte von einem Juden bezahlen läßt! So hat Herr Wiefinger im Dienste jüdischer Journalisten gegen Entlohnung gearbeitet. Um Geld war also Herr,Wiesinger auch den Juden zu Diensten, um Geld hat Herr Wiefinger jüdischen Journalisten Gnfluß und Macht in der clericalen Presse und in der clericalen Partei eingeräumt. Ueber eine solche Gesinnungslumperei maße ich mir kein Urtheil an, aber ein Wiefinger sollte gegen einen Kronawetter nicht als Ankläger auftreten (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Im Uebrigen mahnt der Redner zur Wachsamkeit und warnt vor Siegeszuversicht. Die Gegner entfalten eine fieberhafte Agitation und wollen wir nicht unangenehme Ueberraschungen erleben, so müffen wir dafür sorgen, daß Jeder-