Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 788 Orstrwrktzischr Wochenschrift. Nr. 41 ein radical-fteifinnige- Element hineinkommen. Genau das Gwentheil; sie bilden die reaktionärste Schichte, die wir Häven. — Wenn die Reaktion so fortarbkitet und die Liberalen so lässig wie bisher ihr entgegentreten, so ist nicht abzusehen, wie die Dinge enden werden. Hegel sagt zwar: „Alles, was einen Widerspruch in sich trägt, geht an diesem Widerspruche zu Grunde." Das ist allerdings richtig; allein, es dauert mitunter hübsch lange. Die reaktionär-feudalistische Partei hat beinahe ein Jahrtausend regiert, von Karl dem Großen bis zur französischen Revolution, und heute sind es nicht Ruinen, die davon hinausreichen, sondern ganz prächtige Paläste von reaktionären Ueberbleibseln, die wir noch zu überwinden haben. So wird zwischen Mödling und Brunn ein Jesuitenkloster für 150 Mann gebaut; man staunt, woher die Geldmittel dazu kommen. Die Jesuitenschulen bekommen, obwohl die Statuten des Ordens direct die Unterordnung unter die weltlichen Behörden verbieten, das Oeffentlichkeitsrecht. Niemandem von Ihnen wird es einfallen, jene geistlichen Orden, die nach ihrim Statuten zum Unterrichte berufen sind und die sich der staatlichen Aufsicht willig unterordnen, in ihrer Thätigkeit zu hemmen, fällt es einem von Ihnen ein, dem Schottengymnasium in Wien oder dem Melker Gymnasium oder dem in Seitenstetten das Oeffentlichkeitsrecht zu entziehen. (Rufe: Nein!) Keiner von Ihnen, ich bin es überzeugt, denn jeder, der Kinder dort hatte, wird nur das Beste erzählen können. Ich selber bin ins Schottengymnasium gegangen, in meiner Classe saßen Protestanten und Jsraeltten, und die sind genau so behandelt worden, wie die Katholiken (Ruf: Helfersstorfer!) Auch der jetzige Probst geht so vor. Welcher Unterschied aber zwischen diesen Sckulen und den Jesuitenschulen! Diese haben nur die Aufgabe, den Schülern die Herrschaft der Kirche über den Staat einzudrillen. Ist es die Mathematik oder die Naturwissenschaft oder die Geographie, überall wird die Wissenschaft entstellt, gefälscht, anders tradirt, nur in dem Geiste der Statuten, die absolut eine Unterordnung unter die staatl. Aufficht nicht dulden. Der verstorbene Minister Giskra hielt einmal im Abgeordnetenhause eine beinahe Zstündige Rede; keine Phrasen, sondern er wies aus den Statuten und der Geschichte des Ordens bis in das kleinste Detail nach, daß, so lange der Jesuitenorden so besteht, wie es seine Statuten vorschreiben, er unmöglich zur Erziehung und zum Unterrichte in einem constituttonellen und freisinnigen Staate befähigt werden kann. Ich will nicht dieses Thema wetter ausführen und verweise nur auf diese ausgezeichnete Rede Giskra's in der Via. Session. Freilich warf man ihm vor: „Du warst ja selbst Minister und hast die Leute aus Feldkirch nicht weggejagt." Das sind eben die Schwächen und Inkonsequenzen, das ist das Nachgeben, das Pactiren, das Rechnen mit den gegebenen Verhältnissen u. s. w., etwas, was ich mir nicht angewöhnen könnte. Ich habe mir immer gedacht, was in der Idee richtig ist, muß auch in der Wirklichkeit richtig sein; über Principien läßt sich nicht handeln und mäkeln, sie sind richtig oderunrichttg, das Gesetz, die Verwaltung und der Geist der Beamtenschaft müffen sich darnach richten, uud da gibt es kein Laues. Ich bin auch immer konsequent geblieben, und werde, wmn ich wieder zu einer öffentlichen Thättgkeit berufen werde, von meinen Priucipien nicht ein Haar aufgeben, aber nicht nur theoretisch, sondern ich werde auch ihre Verwirklichung fordern. Ich weiß, es nützt nichts; aber es ist gut, wenn Jemand das .sagt; man entgeht damit der Versumpfung und verhindert, daß sich die Charakterlosigkeit immer mehr im öffentlichen Leben breit mache, und das hat auch sein Gutes. Ich komme auf die Vorgänge, im niederösterreichischen Landtage zurück. „An den Früchten werdet Ihr sie erkennen", steht in der heiligen Schrift. Hätten die Wählerschaften noch einen Rest gesunden Sinnes, an den Früchten, die in der Landstube gezeitigt wurden, mußten Sie mit Schaudern erkennen, was sie hineingepflanzt haben. Es wurde dort über die Aerzte in einer Weise gesprochen, die in den Bauernstuben unerhört ist; wir wiffen ja von den Bauern, daß sie kein großes Dertrauen zu den Aerzten haben; der Bauer geht zuerst zum Halter und in zweiter Instanz zum Bader. Aber mit einer solchen Unkenntniß wurde über den ärztlichen Stand und den Werth der Wiffenschaft noch nie gesprochen. Allerdings gibt es hervorragende Aerzte, die der Impfung keinen großen Werth beilegten, ich erinnere an den Sanitätsrath und Direktor des Wiedener Krankenhauses Lorinser, und an die Ablehnung des Zwangsimpfgesetzes bei der Volksabstimmung in der Schweiz. Man kann also darüber besonderer Meinung sein, darf aber diesen mcht so rohen Ausdruck geben, ohne die Argumente pro und contra zu kennen, ohne zu wissen, warum man dagegen auftritt. Wer kann aber verkennen, was die Wissenschaft Staunenswerthes auf dem Gebiete der Chirurgie in den letzten Decennien getriftet hat. Jene Leute haben nicht den allermindesten Begriff von Allem, hatten auch nicht Gelegenheit, eine kleine Operation an sich vorzunehmen (Rufe: Leider!) Sie haben keine Idee davon, wie da gesorgt wird für das Wohl aller Menschen, vom Aermsten bis zum Monarchen, denn die Wiffenschaft ist ein allgemein menschliches Gut und an keine Raffe oder Confcssion gebunden, und es ist lächerlich, von einer deuffchen oder französischen Wiffenschaft zu reden. Md er steht ans den Schultern seiner Vorgänger, in der MatMnatik, Physik u. s. w. steheu wir auf den Schultern der alten Griechen und diese auf jenen der Phönicier. Ist daher das nicht zu beklagen, was Leute in der Landstube sagten, die berufen wurden, als die Quintessenz (Heiterkeit) und als die Blüthe der Wählerschaft. Es ist für Oesterreich beschämend, wenn man derlei Dinge im Auslande liest, das doch glaubt, daß nur die Besten und Geschicktesten, die Creme, berufen werden. Was muß man im Auslande für eine Meinung von Wählern haben, deren Blüthe jene Männer sind (Heiterkeit)? Was soll man erst von der Landbevölkerung halten, wenn die Leute im Centrum, wo Kunst, Wiffenschaft und Intelligenz vereinigt sein sollen, solche Vertreter entsenden? Das sind Diüge, die den Gedanken erzeugen, man wolle nichts mehr von der Oeffentlichkeit wissen, mau werkle nur das herunter, was man für das tägliche Brod zu thun hat, und kümmere sich um Anderes nicht. Auch da macht sich der Brodneid geltend. Ich kenne einen Mann, der in der Josefstadt im Jahre 1873 emen demokratischen Verein gründete (Rufe: Schrank) und der Bruder jenes Mannes ist, der die Demokratie organisiere. Der Mann ist Med. Doktor und Polizeiarzt; auf einmal im Jahre 1889 wurde er wüthender Antisemit und fiel von der demokratischen Partei ab. Als ich ihn einmal ftagte, warum er Antisemit geworden sei, ich aber nicht, sagte er: Sie haben halt keine Geschäfte gemacht; wenn Sie wüßten, wie die Juden es verstehen, in der ärztlichen Praxis Geld zu machen! Da sind wir nichts. Also nur gewöhnlicher Brodneid bei einem gebildeten Menschrn! Sie dürfen sich darüber nicht wundern, daß der Handwerker dieses Gefühl hat, wenn ein Mann mit Facultätsstudium und einer solchen Vergangenheit kein höheres Motiv kennt. Welcher Stand ist es aber denn, der dem Juden trotz der Staatsgrundgesetze offen steht? Nur die Journalistik und der ärztliche Stand. Philosophie kann er nicht mehr studiren, tveil er eine Professur nicht bekommt, — was er an der jüdischtheologischen Facultät bekommt, ist ja sehr wenig. — Welchen Anfeindungen ist ein Jude ausgesetzt, bis er Universitätsprofessor wird? Wenn nun gar, wie Sie im niederösterreichischen Amtskalender sehen können, bei den Bezirkshauptmannschaften, der Statthalterei und den Ministerien nicht einmal ein bürgerlicher Christ vorwärts kommt, wie kann da ein Jude diesen Beruf wählen. Hiebei sei nur die Frage gestattet: Soll denn in der That in den wenigen Adeligen, die die Universität absolviren, die ganze Intelligenz der Universität verkörpert sein und sollen denn die Bürgerlichen nichts haben, als ein Stroh- oder Heuhirn? Sie sehen, wir nähern uns den Zeiten, wo wie im Mittelalter alle Aemter nur als Ergänzung der Apanagen für jene Adeligen dienten, die nicht Majoratsherren waren. Das sind traurige Zustände. Bevor der allgemeine Landfriede erlassen wurde, betrachtete der Staat als seine Aufgabe, nur den Schutz nach Außen, das Faustrecht war erlaubt, nur mußte es 3 Tage vor der Fehde angeKndigt werden. So vor nicht ganz 500 Jahren. Wie unendlich zahlreich sind aber heute die Aufgaben des Staates. „Er ist dazu berufen, alle Zwecke der Menschheit zu erfüllen, wo die Kraft des Einzelnen nicht ausreicht." Der Staat hat heute nicht bloß für die Bertheidigung gegen auswärtige Feinde, nicht bloß für die Rechtspflege zu sorgen, er hat für die körperliche Gesundheit seiner Angehörigen und für ihre geistige Heranbildung alle Maßregeln zu treffen, die einzelne nicht treffen können. Immer mehr erweitern sich die Aufgaben des Staates und seiner Organe, und da sollte man daher nicht in jene Zeit znrückgehen, wo einzelne Kasten privilegirt waren, als Organ des Staates thätig zu sein, und nicht aus rein äußerlichen Gründen bestimmte Angehörige einer Kaste vorschieben und aus denselben Gründen andere , unterdrücken.