Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 736 Vrstrrrrtchischr Wochenschrift. Nr. 41 Auffrischung zu bedürfen, noch ist es nicht allzulange her. wie er gegen die Uebermacht der schwarzen Liechtenstein-Husaren tapfer und rühmlich unterlag. Er fiel wie ein Held! Nur mit dem erfreulichen Unterschied, daß er wieder fröhliche Urständ feiern soll. Wir wollen ihn wieder ein wenig recht lebendig machen und die Herren sollen ihn auf's Neue zu spüren bekommen, sie sollen wieder seine Worte hören. Es klingt urwüchsig und derb — es ist was von der knorrigen, drauf los schlagenden Beredtsamkeit Luthers in seiner Rede. Er ist ein wackerer Kampfhahn, den der Streit um die gute Sache, nicht blos der guten Sache, sondern auch des Streites wegen vom Herzen freut. Luther jawohl, aber mit ein wenig ^brabama Sancta Clara versetzt. Er soll ihnen kapuzinern, daß ihnen die Ohren gellen, er soll, wahrlich, er soll! Unsere Zeit ist arm an festgefügten politischen Charakteren. Sie nivellirt und uniformirt. Nie hat es so viel Leute gegeben, die einander so ähnlich gesehen, wie eben heutzutage. Die politischen Physiognomien — eine wie die Andere. Aber unser Candidat ist kein Typus, er ist eine Individualität, erist eine abgeschloffene fest conturirte Persönlichkeit. Ist denn gar solch großerUeberfluß an politischen Talenten, daß wir noch lang überlegen sollen, ob — oder ob nicht? — Zaudern, Schwanken, wäre gefährlich, öffnete nur den mandatsgierigen Gegnern die willkommene Gaffe. Wer jetzt viel von den feineren Nüancen und Schattirungen des Liberalismus faseln wollte, den schieben wir ganz einfach bei Seite. Der Zeitpunkt wäre sehr ungünstig gewählt zu derlei Subtilitäten. Ein Mann der Freiheit und des Fortschrittes will die Brücke zu schlagen versuchen über die großen, socialen Conflicte der Gegenwart, die durch Todtschweigen und Jgnoriren einerseits und durch Mißverstehen und Verhetzung andererseits täglich erschreckender und bedrohlicher werden. Das Bogel-Strauß-Spieleu muß ein Ende haben. Wir wollen den Thatsachen in das Gesicht sehen und die großen Fragen, die zur Beantwortung drängen, wenigstens erwägen. Er ist ein idealer Politiker, ein Optimist vom reinsten Wasser, ein Schwärmer, wenn man will, ein Menschheitsretter — was verschlägt's! Just so einen brauchen wir in unserer schwarzseherischen Zeit. Er glaubt noch an eine veredelnde Zukunft der Menschheit, wo alles rings um ihn her in Politik, Literatur und Kunst ihren Nieder- und Untergang krächzend prophezeiet „Das Ideal ist das, was man nicht erreicht!" Altes Wort, vom vielen Citiren schon fadenscheinig. Aber das Streben allein nach Unerreichbarem ist edel und groß. Und wenn es schon unerreichbar bleiben muß und soll — wo steht denn geschrieben, daß wir ihm nicht wenigstens näher rücken können? „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Menschenrechte!!" Sonderbarer Candidat, sonderbares Programm. Es klingt wie ein Märchen aus vergangenen Zeiten zu uns herüber. Wir sind ganz andere Lieder gewohnt, Gassenhauer von empörender Banalität auf dem Brettel beim goldenen Luchsen in die Welt hinausgekräht, polittsche Zoten von einer Nacktheit und Frivolität der Gesinnung, vorgetragen vom Fürsten — Pignatelli! — nichts mehr davon. Es scheint sich gewaltig zu Enve zu neigen mtt der Herrlichkeit dieser Sorte. Das Morgenroth der besseren Zukunft dämmert,am Rande des Horizontes — ein feiner goldener Lichtfaden —" aber es ist doch die Sonne, die ihn verheißungsvoll gesendet. Und den Dr. Kronawetter wollen wir als schmetternden Herold dieser Zukunft in das Haus der Volksvertreter senden. Er, dieser ideale, dieser „naive" Politiker, wie sie ihn heißen, wird den gewissen Herren schon den Standpunkt klar machen. Ihm ist der Mensch nicht „Zuthat seiner Röcke" — ihm ist er vor allem — Mensch. Das kann nicht drastisch genug gesagt und nicht oft genug wiederholt werden. Noch immer ist die Zeit eine schwere Zeit des Kampfes. Wohl scheint sich die Entscheidung vorzubereiten und auf die gerechte Seile Hinzuneigen, aber noch immer gilt es zu streiten. Auf einen so starken und treuen Bundesge« noffen in diesem Ringen um die edelsten Güter der Menschheit können wir unmöglich verzichten. Die näheren Unterschiede zwischen Liberalismus und Demokratie wollen wir dann später mit Gründlichkeit und Genauigkeit prüfen, bis wir — gesiegt haben. Heute sollen sie uns nur als zwei parallele Linien gelten, die, ohne sich zu kreuzen, gleichem Ziele zustreben. Es wird doch kemer unserer Wähler liberaler sein wollen als der Dr. Plener?! Kronawetter ist unser Candidat. Er muß aus der Urne mit imposanter Mehrheit hervorgehen, Wir sind unseren Gegnern dies kleine Vergnügen schuldig. Hütet Euch aber vor Ueberrumpelung, wieget Euch nicht allzufrüh in Sicherheit. Keiner verabsäume seine Wählerpflicht, die heute wichtiger geworden, als sie je gewesen. Alle Mann an Bord! K-y. Rede des Herrn Magistratsrathes Dr. Ferdinand Kronawetter gehalten im Vereine „Oesterr. israelitische Union" am 3. Oetober 1892. Der Ve'-einspräsident Herr Cultusoorsteher vr. Josef Grünfeld eröffnet die Sitzung, begrüßte die zahlreiche Versammlung, die erschienenen Gäste und ertheilte das Wortd.mMagistratsrathe Herrn vr. Kronawetter. Dieser, mit lebhaftem Beifall bei seinem Erscheinen begrüßt, ergreift das Wort zu nachstehender Ansprache: Sehr geehrte Herren! Ich bin dem ehrenden Aufrufe Ihres Vorstandes gefolgt und bin anläßlich meiner Berufung zur Candidatur für das erledigte Mandat des I. Bezirkes in Ihrer Mitte erschienen. Ich bin gern in Ihre Mitte getreten, weil es mir, möge die Wahl so oder so ausfallen, so lange ich lebe, eine freudige Erinnerung bleiben wird, daß eine so große Anzahl ehrenwerther Männer des I. Bezirkes mich für würdig erachtete, nachdem ich schon aus dem politischen Leben zurückgetreten war, von Neuem zu einer politischen Thätigkeit berufen zu werden. (Bravo!) Ich sehe in dieser ehrenwerthen Berufung einen Beweis dafür, daß jene Grundsätze, von denen ich in meiner öffentlichen Thätigkeit ausging, daß jene Zwecke, die ich zu erreichen strebte, doch keine leeren Phantome sind, und daß sie einer Verwirklichung bedürfen, wenn eine so große Anzahl hervorragender und intelligenter Männer mich noch einmal berufen, sie an der ersten Stelle des Reiches zu vertreten. Erwarten Sie, geehrte Herren, heute von mir keine ausführliche Candidatenrede; ich werde morgen in der vom liberalen Central-Wahlcomite in den Musikvereinssaal einberufenen Wählerversammlung ausführlicher sein müssen. Ich werde daher heute, außer, wenn an mich eine Aufforderung ergehen sollte, nicht über unsere Verfassung, deren Mängel und über die Art und Weise sprechen, wie die Verfassung weiter ausgebaut werden soll, nicht über unser Verhältnis zu den auswärtigen Mächten, nicht über die Frage des Krieges und des Friedens, nicht über die Aufgabe der Abgeordneten, wenn sie in die Delegation berufen werden, nicht über die Nationalitätenftage, nicht über die Jnstiz- und Steuerreform, oder Schul-, Preß-, Credit-, Handels- und Gewerbewesen. Hier in Ihrer Mitte ist es, glaube ich, zunächst meine Aufgabe, kurz meine Stellung zu der jetzigen Strömung zu präcisiren. die leider nicht von heute ist, sondern beinahe seit einem halben Jahrzehnte und nicht blos in Wien, sondern in unserem ganzen cisleithanischen Vaterlande herrscht, zu jener reactionären und antiliberalen Strömung, von der es gar nie zu erwarten gewesen wäre, daß sie je in Wien einziehen werde. Da kann ich Ihnen gegenüber nur das, was ich oft und oft gesprochen habe, wiederholen, daß das Recht in mir immer einen unerschütterlichen, treuen Vertheidiger gefunden hat und finden werde (Lebhafte Bravorufe u. Händeklatschen), daß ich, wenn die Rechte meiner Mitmenschen, welcher Confession und Nationalität immer, irgendwie, sei es direct oder indirect, verletzt oder angegriffen werden, für sie einstehen und eher meinen Posten, auf den ich berufen bin, verlaffen werde, als in der Richtung irgend eine Concession zu machen. (Beifall.) Als Beweis hiefür möge Ihnen Folgendes dienen: Sie wissen, daß der vierte Stand, der besitzlose Stand, keine Vertreter besitzt, vom Bezirks-Ausschusse bis zum Reichsratbe hinauf. So oft ich aber sah, daß unseren besitzlosen Mitbürgern Unrecht geschah, daß ihnen jene wenigen Rechte, die ihnen gerade so wie uns durch die Staatsgrundgesetze gewährleistet sind, verkürzt und verkümmert werden, bin ich im Reichsrathe für sie eingetreten, obwohl ich von ihnen keine Stimme, die sie ia gar nicht geben können, und keinen materiellen Vortheil erwarten konnte; ich bin für sie eingetteten, weil ich gefunden habe, daß ihnen Unrecht geschieht (Bravo) und weil es Pflicht eines jeden Volksvertreters ist, dagegen aufzutreten, wenn er sieht, daß seinen Mitbürgern ein Unrecht zugefügt wird und wo ich finden