Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-10-07 · 41 (7.10.1892) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
41 (7.10.1892)
Date
1892-10-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020941--01777-3025834
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 41 Orskrrrri(chischr Wochrnschrifi Seite 7LL nur wenig religiöse Bedürfnisse habe. Damit war die Meinung, ' welche die Welt bis dahin von der Bedeutung des Monotheismus und dem Verdienste des jüdischen Volkes um denselben hegte, über den Haufen gestoßen. Man kann sich denken, daß diese seltsame Ansicht nicht ohne Widerspruch blieb. Bedeutende christliche Gelehrte, wie Diestel und Max Müller, unter den Juden Munk und Steinthal traten mit aller Entschiedenheit in beweiskräftigen Abhandlungen dagegen auf. Irren wir nicht, so war es berj letztere, der mit einer einfachen, witzigen Wendung die Hohlheit der Renan'schen Behauptungen aufdeckte. „Blos ein Gott" — ruft er aus — „wie armselig!" Dieser Ausruf allein genügt, um auch dem Laien zum Bewußtsein zu bringen, daß die Ansicht Renan's über den Monotheismus, als die Erfindung eines beschränkten Geistes, unmöglich richtig sein könne. Der Reichthum des Polytheismus muß hinter die Beschränktheit des Monotheismus zurücktteten, weniger ist hier mehr, das „Minimum der Religion" ist die Heilslehre der gebildeten Welt geworden. Dieses hat Renan dreißig Jahre später selbst anerkannt. Wäre er ein verknöcherter Stubenhocker gewesen, der sich seine Kreise nicht stören läßt, so würde er seine ursprüngliche Ansicht über den Monotheismus allem Widerspruche zum Trotze ausrecht erhalten haben. Aber er hat nicht Anstand genommen, in einem Vortrage, den er am 26. Mai 1883 in der Gesellschaft für das Studium des Judenthums zu Paris gehalten, Folgendes zu erklären: „Das, meine Herren, ist der Ruhm Ihres Volkes, der Ruhm Israels, das ist das große Geheimniß, das seiner Hut anverttaut worden; im Schoße Ihrer Rasse, ungefähr 800 Jahre vor Christus — jene Jahre lassen sich nicht so genau berechnen — im Schoße Ihrer Raffe hat sich der Uebergang von der primitiven Religion, voll ungesunder abergläubischer Vorstellungen, zur reinen, man darf sagen definitiven Religion der Menschheit vollzogen." In gleicher Weise hat Renan sein Urtheil über die alten Propheten geändert. Er hatte sie früher als „Reactionäre, die sich immer auf em früheres Ideal beziehen", bezeichnet. Aber in dem erwähnten Vortrag lautet sein Urtheil über sie: „Die wahren Gründer des Christenthums sind jene großen Propheten, welche die reine, von rohen Formen befreite, im Gemüth und im Geiste lebende Religion verkündet haben, eineReligion folglich, welche Allen gemeinsam sein kann und soll, eine ideale Religion, die in der Verkündung des Reiches Gottes auf Erden und in der Hoffnung auf ein Zeitalter der Gerechtigkeit für die arme Menschheit besteht." Renan bietet somit daserhebende Schauspiel eines Autors, der durch fortgesetzte Vertiefung in seinen Gegenstand sein Urtheil immer mehr und mehr geläutert und der selbst aus seinen Studien am meisten gelernt hat. Für die Juden ist sein Zeugniß deshalb von der größten Bedeutung. Er war nicht immer derselben Ansicht, aber weil sie sich immer mehr klärte und an seinen Studien reiste, deshalb besitzt sie umso größere Dignität und eines seiner letzten Urtheile kann daher den Juden gegenüber den Anwürfen der Antisemiten zum gerechten Tröste gereichen: „Das jüdische Volk hat seines gleichen nicht, wenn man den Nachdruck auf ein Ideal der Gerechtigkeit und häuslicher Tugenden legt." Für die große Welt ist Renan am meisten durch sein „Leben Jesu" bekannt geworden, mit welchem er als der Rivale von David Friedrich Strauß, dem Verfasser des gleichnamigen Werkes, auf den wiffenschaftltchen Kampfplatz trat. Beide Schriften entziehen sich für uns Juden der öffentlichen Besprechung. Wenigstens jetzt noch und vielleicht noch für lange. Was man uns aber nicht versagen wird, das ist eine Vergleichung der beiden Autoren, welche die christliche Kirche aufgewühlt haben, hinsichtlich ihrer Stellung zu Juden und Judenthum. Strauß, den selbst der gemeine Manu in Ludwigsburg als den „Antichrist" bezeichnete und scheute, hat seine Anttpathie gegen Juden und Judenthum nie überwunden, nie verleugnet, und obgleich er das Christenthum in jeder anderen Richtung abgestreift hatte, so blieb er in diesem Punkte ein Christ des unverfälschten deutschen Mittelalters. Die Monarchie blieb diesem Freidenker ein Mysterium, das er sich gefallen ließ, und wahrscheinlich betrachtete er auch die Geringschätzung des Juden als ein solches nicht weiter zu ergründendes Axiom. Wie kommt es nun, daß sein Geistesgenosse Renan in diesem Bettachte eine ganz verschiedene, ja ganz entgegengesetzte Entwicklung aufweist? Renan war weder geschworener Monarchist, noch geschworener Judenfeind. Vielleicht fällt hier die deutsche Gründlichkeit ausschlaggebend ins Gewicht. Man hat Renan Oberflächlichkeit vorgeworfen und als Historiker erscheint er vielen mehr ein Dichter denn ein Denker. Wer aber im Laufe seiner Lebensarbeit lernt, Vorurtheile abzustreifen, und die Krittk, die er an Büchern übt, bei sich nicht unterläßt, der ist nicht oberflächlich, und der poetische Hauch, der über einem solchen Leben ausgebreitet ist, wiegt mehr, als die verstandesmäßige Krittk, die von einem kalten Herzen ausgeht und die Herzen Anderer nicht warm macht. David Srrauß ist im Ganzen und Großen ohne Einfluß auf das deutsche Volk geblieben und es ist ihm auch nicht jene öffentliche Dankbarkeit zu Theil geworden, wie Renan, den das französische Volk durch Beisetzung seiner Leiche im Pantheon ehrt. Wenn diese Beisetzung erfolgt, so haben auch die Juden alle Veranlassung, einen Kranz auf seinen Sarg zu legen. M. G. Alle Mann an Bord! (Zur Reichsraths-Wahl im 1. Bezirk.) Am Montag also! Brauchen wir unseren Lesern erst noch des Langen und Breiten zu sagen, um was es sich diesmal handelt, brauchen wir ihnen erst noch die eminente Wichtigkeit gerade dieser Wahl vorzuführen und ist es nöthig, ausführlich zu erörtern, wer der Dr. Krona wett er eigentlich ist.? Nichts von alldem. Die Sache liegt für jeden Einsichtsvollen aufgeschlagen, wie ein offenes Buch. Wir haben ganz einfach zu zeigen, ob der erste Bezirk von Wien würdig ist, von einem so makellosen und in jeder Faser seines Wesens unbedingt wahrhaftigen Politiker, wie der Dr. Kronawetter einer ist und jederzeit war, vertreten zu werden. Weiter gar nichts! Das ist Alles. Und wir hoffen, der Beweis werde uns über Erwarten glänzend gelingen. Gott geb's und thne jeder das Seinige redlich dazu. Und selbst wenn wir nicht wüßten, daß er einfach-und fachkundiger Mann, ein schlagferttger, gewandter Debatter, ein schneidiger, energischer Parlamentarier, ein Meister echt wienerischer, derb-natürlicher Beredsamkeit ist — wenn wir all dies nicht oder nur vom Hörensagen wüßten, wir müßten ihm dennoch alle insgesammt unsere Sttmmen zuwenden. Gewiß, wir müßten. Denn ein Mann, der von den Anttsemiten, von Schönerer bis ganz herunter, zu Bergani, derart gehaßt wird, — der i st ein Ehrenmann.! — Ei wie der Schönerer grollt aus seinem Wetterwinkel, wie seine Bande, den Hauptmann nachäffend, die Zähne fletscht, der K. H. Wolf ihn nach Leibeskräften in dem für wenige Auserwählte ganz insgeheim erscheinenden Blättchen begeifert und wie der Bergani kläfft und schäumt — und winselt und hin und wider rennt und ganz außer sich geräth — der Bergani. Sie hingen ihm gar so gern eines an, sie durchstöberten die ältesten Jahrgänge der vergeffensten Zeitungen. Nichts brachten sie zu Tage als dummes Zeug, nicht des Lesens und noch weniger ernster Widerlegung werth; daß Kronawetter einstmals mit den Liberalen nicht auf dem allerbesten Fuße gestanden — wo lebt der Unwissende, der das nicht wußte? Daß die Liberalen sich einst gegen ihre naturgemäßen Bundesgenossen waffneten, daß sie diesen verhängnisvollen Jrrthum heute wettmachen wollen eben durch die Wahl Kronawetters — das treibt jene zu den unglaublichsten Sprüngen der Verzweiflung. Sie sträuben sich vergeblich gegen das Unabwendbare mit Händen und Füßen. Sie echauffiren sich ganz umsonst, die Edlen. Und wenn sie noch wahnwitzigere, noch ausfichtslosere Gegen-Candidaturen aus dem Boden stampften, als sie ohnedies thun, er würde nur um so gewisser gewählt werden, weil er der Mann ist, dem von Rechtswegen ein Mandat gebührt, sowie einer Menge von nicht näher zu bezeichnenden Personen keines gebührt. Kronawetter ist Bolksmann vom Scheitel bis zur Sohle. Aus dem Volke stammt er, im Volke wurzelt er, seine beste Kraft zieht der Urwüchsige aus dem Volke. Er der natürliche Anwalt aller Unterdrückten und Bedrängten, ist demgemäß auch der unsere. Sein Gerechtigkeitssinn fühtt febe_ uns gescheh'ne Unbill mit, als ob er sie selbst am eigenen Leib ersiihre. Wäre er vor Jahr und Tag wie Andere, minder gefestete Charactere antisemittsch geworden, er stünde ganz anders vor uns, als mächtiger, gebietender, als gefürchteter Führer, nicht als mandatsverlustiger Candidat, der wieder Einlaß fordert in's Haus der Bolksvertteter. — Noch lebt die Geschichte in Aller Gedächtnis fort, wie er sein Mandat verlor, um heute einer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.