Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 7ä4 Or-rrvedWchr Wachrnschrtst. Nr. 41 Krieg gegen unsere Glaubensgenossen zu predigen. Nicht zum erstenmale spricht es der Kaiser aus, daß er seine schützende Hand über seine jüdischen Unterchanen halt. „Ich will Frieden unter meinen Völkern!" „Ich dulde keine Judenhetze in meinem Reiche!" „Ich weiß es, die Juden sind gute Patrioten." So hat der Kaiser zu wiederholten Malen gesprochen, ohne daß die Hetzer und Wühler, die Fälscher und Volksbetrüger diese warnenden Worte hatten verstehen wollen. In der Anerkennung der patriotisch«: Haltung der Juden lag eine indirecte Verurcheilung des Antisemitismus. Jenes Lumpengesindel aber, welches die Judenhetze in den Dimst der Bewegung gestellt hat, die ihre Weisungen von einer außerhalb des Staates stehenden Macht erhält, fälschte auch die Kaiserworte und belog die Bevölkemng über die edlen Intentionen des Monarchen. Der Weg, den diese ruchlose Bewegung genommen, ist heute klar zu überblicken. Ucker dieses nichtswürdige Treiben hat nun der Kaiser selbst dasVerdammungsurtheil gesprochen. Er hat es als einen Scandal und als eine Schande vor der ganzen Welt bezeichnet, und alle ehrlichen und anständigen Bürger Wiens und Oesterreichs fühlen, daß dieses Kaiserwort endlich, endlich die Befreiung und Erlösung von einem schweren und drückenden Banne bringt, daß auch die Langmuth und Geduld des edelsten und mildesten aller Monarchen an ihrem Ende angelangt ist. * Die Lüge und der Betrug aber gehen ihren Weg weiter, und die Fälscherbande setzt auch heute noch ihr Handwerk fort. Die Verlogenheit ist das Lebenselement der Liechtenstein und Lueger, der Schneider und Vergani und die Fälschung macht auch vor den Stufen des Thrones nicht Halt. Das „Deutsche Volksblatt" verzeichnet die Aeußerung des Kaisers gegenüber dem gesinnungsverwandten Abgeordneten Richter und bemerkt dazu wörtlich' „Wir meinen, der Kaiser hat da wieder einmal ein gutes Wort zur rechten Zeit gesprochen. Die Zustände im niederösterreichifchen Landtage sind unhaltbar, da bei dem Terrorismus, den die liberale Partei daselbst ausübt, an eine sachliche Arbeit unserer Landcsvertretung nicht zu denken ist. Die wüsten Sccnen, die die Liberalen im niederösterreichischen Landtage hervorgerufen haben, .sind noch in Aller Gedächtniß. In Aller Erinnerung ist noch die Thatsache, daß die Liberalen sogar den von dem Kaiser ernannten Landmarschall Graf Kinsky mit Angriffen überhäuften, als er, eingedenk seines Eides, seines Amtes unparteiisch waltete und sich dem liberalen Tenorismus nicht fügte. Das ist eine Schande und ein Scandal! Und da muß Wandel geschaffen werden!" In Prag sitzt der k. k. Professor Rohling, der mit Meineiden in der ganzen Welt hausiren geht; im Reichsrache sitzt der Prinz Liechtenstein, der seine eigene Vergangenheit verleugnet; im Landtage sitzt Emst Schneider, der Stampiglien und Stimmzettel fälscht und zu falschen Zeugenaussagen verleitet, und in der linken Bahngasse sitzt Emst Vergani, der des Kaisels Worte in ihr Gegentheil verkehrt. Mit bübischer' Frechheit werden diese Worte so gedeutet, als ob sie auf die Liberalen gemünzt wären, obwohl die Entrüstung des Kaisers gegenüber dem Antisemiten Richter in unzweideutiger Weise zum Ausdruck kam. Das Fälschen ist ja ein ureigenes christlich-sociales Metier. Stampiglienfälscher, Zeugnißfälscher, Stimmzettelfälscher, Eidesfälscher, Talmud- und Bibelfälscher, ja selbst Wechselfälscher zählte nacheinander diese Lumpenbande zu ihren.Führern. Nun werden auch die Worte Sr. Majestät, vom Throne herab zu dm Völkern Oesterreichs gesprochen, frech und schamlos verzerrt, entstellt und gefälscht. So wird die Mrfurcht vor dem Monarchen in dem Organe des Prinzen Liechtenstein vor Aller Welt in frecher Weise verletzt und verhöhnt. Auf die Bemerkung des Herrn Prof. Sneß: „Wir können unserer Entrüstung Ausdmck geben, aber wir können nicht Scandal mit Scandalen beantworten," sagte der Kaiser: „Da haben Sie Recht," und trotzdem wird von den Soldknechten des Prinzen Liechtenstein dem Volke vorgelogen: „Es bedeuten die Kaisenvorte die schärfste Verurtheilung des Treibens der liberalen Partei." Nun haben wir allerdings von dieser Lumpenbande nichts anderes erwartet, allein wir fragen, ob ein Prinz Liechtenstein alsCavalier undOfficier an solch offener Verhöhnung des monarchischen Empfindens Antheil haben darf? Aber wie tief auch das geistige Niveau eines Theiles der Wiener Wählerschaft herabgedrückt worden, wie sehr auch der Sinn für Wahrheit und Sittlichkeit abgeschwächt sein mag, noch hört der Wiener auf seinen Kaiser, noch fühlt er mit ihm und noch weiß er zu unterscheiden, ob man ihm ein Kaiserwort unverfälscht zur Kenntniß bringt oder ob man es dreht und wendet. Wir meinen, daß den Volksbetrügern die Stunde geschlagen hat. Wer immer bis heute in Gleichgiltigkeit und in berechtigtem Ekel geschwiegen hat, wenn es gleich seine Pflicht gewesen wäre, zu reden, der wird in Zukunft reden, nachdem der Kaiser in loderndem Zorne gesprochen hat. Denn wer auch fürderhin feige zurückweichen wollte, der würde sich mitschuldig machen an der Schande, die eine Schaar von Lotterbuben über Oesterreich gebracht hat. Von Hoch- und Landesver-rath ausgehend, ist sie dahin gelangt, Recht und Gesetz, die Autorität des Rechtes und die Gebote der Sittlichkeit zu schänden. Ein überwiesener Verbrecher, ein Mensch, der längst für's Zuchthaus reif ist, ist mit dem Ehrenamte eines Volksver-treters bekleidet worden und er benützt diese Stellung dazu, um der Wahrheit und der Moral frech ins Gesicht zu schlagen, um sein Vaterland vor ganz Europa zu prostituiren. Ernst Renan. Der Tod dieses berühmten französischen Gelehrten muß von der jüdischen Publicistik mit Trauer verzeichnet werden. Seine Lebensarbeit war der Erforschung und Darstellung der Geschichte des Volkes Israel zugewendet. Was von dieser epochemachenden Leistung dauernden Werth besitzt, fällt der strengen Wissenschaft zu beurtheilen anheim. Die jüdische Publicistik dagegen muß dankbar das unsterbliche Verdienst hervorheben, welches Renan durch die Bekämpfung.des Antisemitismus sich erworben hat. Er wurde nicht müde, in Wort und Schrift dieser Verirrung entgegenzutreten und sein Urtheil, als das eines der besten Kenner des jüdischen Volkes, konnte nicht verfehlen, in der ganzen gebildeten Welt tiefen und nachhaltigen Eindruck zu machen. Wenn man den Entwicklungsgang dieses bedeutenden Mannes verfolgt, so macht man die Wahrnehmung, welche auch die Lebensläufe anderer hervorragender Gelehrter an die Hand geben, die Wahrnehmung nämlich, daß der wahre Forscher oft am Ende seiner Laufbahn bei Ueberzeugungen anlangt, welche geradezu denjenigen entgegengesetzt sind, mit welchen er begonnen hat. Diese Wandlung hat nichts mit der tadelnswerthen Jnconsequenz gemein, die weder eine Ueberzeugung jemals gewonnen, noch eine zu verlieren hat, sondern sie ist ein Zeichen und Ergebniß der ehrlichen Forschung, die keine vorgefaßte Meinung kennt und sich nicht scheut, erkannte Jrrthümer aufzugeben, gemäß dem Worte des Dichters: „Die durch Jrrthum zur Wahrheit reisen, das sind die Weisen, die im Jrrsthum verharren, das sind die Narren". In dieser Beziehung darf Renan einer der Weisesten des Jahrhunderts genannt w«den. In seiner ersten bedeutenden Arbeit, oer allgemeinen Geschichte der semitischen Sprachen, welche Anfangs der fünfziger Jahre erschien, zeigte sich Renan noch befangen in einer ebenso eigenthümlichen, wie verkehrten Anschauung von den Semiten im Allgemeinen, wie von den Juden im Besonderen. Auf diesem Standpunkte könnte man Renan gewissermaßen einen Vorläufer der Antisemiten nennen, und wenn die letzteren überhaupt etwas gelernt hätten,oder lernen würden, so hätten sie Renan längst als einen der Ihrigen reclamirt. Er stellte nämlich die Behauptung auf. daß der Monotheismus, der Stolz des Volkes Israel, allen Semiten gemeinsam sei und daß er nicht einen Vorzug bedeute, sondern vielmehr ein Armuthszeugniß des „trockenen und engen" semitischen Geistes bilde. Renan bezeichnete den Monotheismus als ein Minimum von Religion, als die Frucht einer Raffe, die