Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 40 (30.9.1892)
- Date
- 1892-09-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 730 Krstrrrrtchische Wochrnschrist. 9^r. 40 „Schau, Schau! Papa! Welche Ueberraschung!" dann fiel sie ihm, von der Erinnerung doch übermannt, um den Hals- Am nächsten Abend erschien der Hausirer wie an jedem anderen Abende in dem Gasthause; aber er sah noch wehmüthiger aus, als sonst. „Ach, mein Herr, ich bin einmal unglücklich", begann er nach unserer Begrüßung, die Wiedergefundene ist nicht mehr meine Tochter, was ich befürchtete, ist wahr, sie ist vom Stamme abgefallen und steht ganz unter der Herrschaft des Mannes, der sie ver- und entführte, und er gedenkt nicht einmal, sie zu heiraten, sondern will nur ihre Talente ausbeuten und sie dann dem Elende und der Schande preisgeben. Sie weiß das Alles sehr gut, aber sie kann von chm nicht laffen. Es ist bis jetzt noch nicht jedes kindliche und jüdische Gefühl in ihr erstorben. Sie machte mir Geldanerbietungen, daß^ich den elenden Hausirhandel aufgeben könnte; aber ich will nichts aus solch' unreinen Quellen; sie sagte, sie wolle das antisemitische Lied nicht mehr singen und wenn sie auch auf die Bretter geschleppt würde. Doch wie lange werden diese schwachen Fmcken von Gefühlen noch glimmen? Am zweitnächsten Tage hätte laut gedrucktem Programme dieses Mädchen wieder in demselben Locale auftreten sotten, aber am Beginne der Vorstellung erschien der Dircctor der Gesellschaft auf der Bühne und kündigte an, daß der Gast krankheitshalber nicht auftreten könne. Eine Woche verging, ohne daß das Mädchen gesungen hatte. Der Hausirer kam jeden Abend, aber er war in sich gekehrt und wich meinen Fragen au-. Endlich sprach er: „Sie ist abgereist, wohin weiß ich nicht. Ich Hab' sie weggetrieben, ich hatte ihr Vorstellungen gemacht, wie ein jüdischer Vater sie seinem Kinde schuldig ist, aber der Vater ist doch stärker in mir als der Jude, ihr Verlust zerreißt mir wieder das Herz auf's Neue. Ich bedauere fast, daß ich sie wieder gesehen habe — ich war schon so ruhig." Seitdem schleicht der Arme wie ein Schatten daher, gebrochen an Geist und Körper, ein Bild des Jammers selbst für die Antisemiten dieses Locales. Dis Lehrerin. (Aus den Papieren eines alten Pädagogen.) Die israelitische Schule zu * * * hatte bei ihrem Entstehen die schwersten Kämpfe nach außen zu bestehen. Ihre ersten Feinde waren die Masten, die sich einen jüdischen Unterricht in anderer Weise, als im Cheder gar nicht denken konnten; dann kamen die Reichen in den Gemeinde, die sich schämten, daß nun ihre Kinder mit den Kindern der Armen in einer Bank sitzen sollten und den letzteren bei Fleiß und Talent die Möglichkeit geboten ist, sogar weiter zu kommen, als die ihrigen. Ihr größter Feind war aber der katholische Ortspfarrer, der nach der Thun'schen Schulverfaffung der Schulinspector auch für die jüdische Schule zu sein hatte, ein an das Mittelalter gemahnendes Gesetz, wonach dieJudenzum Anhören chcistlicherPredigten gezwungen wurden. Der höchwürdige Herr besuchte zwar die jüdische Schule niemals, aber er benützte die in Umlauf gesetzten Klagen gegen die Lehrer, welche zumeist deren Jrreligiösität bettafen, und schickte fortwährend schriftliche Ermahnungen und Drohungen mtt der Anzeige an die Oberbehörde an den dirigirenden Lehrer. Der Pfarrer war der größte Oeconomiebesitzer des Ortes, er versorgte die ganze Gaffe mit Milch, und von Gelle, der Milchjüdin, erfuhr er, was über die Lehrer gesprochen wurde und durch dieselbe machte er tvieder publik, was er an sie geschrieben. Gelle war eine Schulfeindin aus materiellem Interesse. Ihr Mann hielt ein Cheder und kam durch die Schule uni sein Brot. So suchte man das Ansehen der Schule planmäßig zu untergraben und die Lehrer in steter Angst vor ihrer Entlastung zu halten. Die glänzenden Resultate der ersten Jahresprüsung haben >jrdoch die Sttmmung zu Gunsten der Schule und Lehrer geäitbert, und um das Hebräische bei den Knaben noch mehr pflegen zu können, beschloß der Vorstand, eine separate Mädchenschule zu creiren. Es wurde ein Concurs auf die Lehrerinstelle ausgeschrieben und von mehreren Mitbewerberinnen erlangte dieselbe Fräulein Adele . . . Sie war aus der Hauptstadt und hatte erst vor Kurzem ihr Examen gemacht. Arm vom Hause aus, wollte sie sich eine selbstständige Existenz gründen, und damals verflieg sich die Frauenemancipation mit ihren Wünschen nicht höher, als bis. zur Lehrerin. Die Mädchenschule hatte weniger Anfechtungen zu erleiden, als die Knabenschule, denn merkwürdigerweise sucht der orthodoxe Jude seinen Töchtern moderne Bildung zu verschaffen, aber auch der Herr Pfarrer interessirte sich sehr für diese jüdische Mädchenschule. Er inspicirte sie mehrere Mal in der Woche, wohnte oft eine Stunde lang dem Unterrichte bei und wenn er sich entfernte, drückte er der Lehrerin immer die Hand und das Feuer in seinen Augen verrieth, daß er seine Gunst gern in einer noch wärmeren Form ausdrücken möchte, wenn die Jüdin nicht durch ihre auch in ihrer Abhängigkeit behauptete Würde Seiner Hochwürden jeden Muth zu mehr Vertraulichkeit benommen hätte. Wir waren drei Lehrer, einer ledig, und es war nur natürlich, daß sich aus dem beruflichen Verkehr zwischen diesem und der Lehrerin ein zarteres Verhältniß entwickelte. Man munkelte bald in der Gasse davon, ohne aber Anstoß daran zu nehmen. Auch dem Pfarrer kam es zu Ohren, ihm war es jedoch weniger gleichgiltig. „Gelle," sagte er eines Morgens zu dieser, als sie im Stalle „bei der Melk" war, „Gelle, Sie bekommt eine ganze Melk geschenkt, wenn Sie mir Gewißheit darüber verschafft, was an der Liebschaft zwischen dem Lehrer und der Lehrerin ist, wovon man in der Gasse spricht." „Hochwürden sollen bedient werden; ich werde mein möglichstes thun, der Sache auf den Grund zu kommen. Das Treiben dieses Lehrergesindels versündigt die ganze Gasse; dem muß ein Ende gemacht werden. Und Gelle hielt Wort. Sie hatte Argusaugen, wenn sie Jemanden vigilirte. An der Rückseite der kleinen Mädchenschule war ein Gärtchen, das die schönsten Rosen und Stiefmütterchen barg. In diesem Gärtchen flüsterten an einem Maiabende, während die Gemeinde zur Sephira in der Synagoge versammelt war, zwei Stimmen. Eine schlanke Jünglingsgestalt hielt die zarte Hand eines jungen Mädchens. Der matte Silberschimmer des Mondes beleuchtete ein elastisch geschnittenes, zartes Gesicht, in dem zwei dunkle Augensterne glänzten. Nun sagte eine weiche melodische StimmeEs ist spät, gehen Sie nun mein Frennd! Gute Nacht." Der junge Mann hielt jedoch die kleine weiße Hand fest: „So bald schicken Sie mich heute heim? Lassen Sie mich nur ein halbes, nur ein Biertelstündchen noch bei Ihnen! Es ist ja ohnedies so selten, daß ich dieses Glück haben kann. Wir werden bewacht, als ob wir ein Verbrechen begehen wollten." Das Mädchen seufzte: „Es wäre um Ihre undummeine Stelle geschehen, wenn die Welt von unseren Zusammenkünften erführe! Doch ich harre aus und warte geduldig, bis ich vor Gott und der Welt die Ihrige sein darf." „Meine Adele! Berttauen Sie nur auf Gott und mich. Unsere Verbindung muß noch heuer vor sich gehen. Wenn die Gemeinde nicht unsere Gehalte erhöht, so suchen wir anderwo Posten. Die Welt ist groß genug. Nun leben Sie wohl, Adele — auf Wiedersehen!" „Gute Nacht!" hauchte das Mädchen. Der junge Mann blickte noch mehrere Male zurück und warf Kußhändchen seinem Ideale zu, schwang sich dann über den Zaun und verschwand in der dunklen Allee hinter der Gasse, während das Mädchen in ihre Wohnung schlich. Jetzt erhob sich im Gärtchen, das der Lehrer und die Lehrerin soeben verlassen, eine kleine Frauengestalt, die hinter einem Jasminstrauch gehockt hatte — es war Gelle. „Holla, sauberes Pärchen! Jetzt Hab' ich Euch! Das soll der Schule keine Rosen tragen!" Ganz seltsam funkelten die Aeuglein Gelle's im Mondschein, dann ballte sie die Faust gegen das Fenster der Lehrerin und schlich sich zum Gartenzaun, in dem sie sich schon früher eine schmale Lücke geschaffen, durch die sie nun in den offenen Hof schlüpfte, von wo aus sie wieder das Freie gewann. (Schluß folgt.) Literatur. Cultur-Bilder aus dem jüdischen Leben in Galizien. Neue Folge. Von Nathan Samuely 1892, Verlag von Robert Friese in Leipzig. Der Verfasser ist uns ein lieber Bekannter als Schilderer und Zeichner des galizischen Ghettolebens, und wenn man Sacher-Masoch und Carl Emil Franzos nannte, mußte immer auch Samuely erwähnt werden als aller guten Dinge dritter in diesem Genre; in dieser neuen Folge seiner Bilder bietet er uns aber noch Liebenswürdigeres als in feinen früheren, und bei aller Anerkennung für die beiden genannten Schriftsteller müssen wir doch Samuely die Palme zuerkennen, denn seine Bilder sind naturgetreu, während jene zu viel idea-