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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-30 · 40 (30.9.1892) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
40 (30.9.1892)
Date
1892-09-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 40 Vrstrrrrichischr Wochenschrift. Seite 729 Hilfe zu versorgen. Rev. S. Singer bringt diesen Plan nunmehr zur Ausfühlung/ nachdem Dank der Munificenz der Lady Rothschild und Mrs. N. Montefiore, welche den erforderlichen Betrag von 3000 Pf. St. zur Verfügung stellten, ein passendes Haus in Gun-Street angetanst werden konnte. London. Am Sonntag vor dem Neujahrsfeste wurde die neue Hampstead-Synagoge feierlich eingeweiht, wobei Oberrabbiner Dr. Adler die Weiherede hielt. Die Synagoge wurde nach den Plänen des Architekten M. Delissa Joseph in der kurzen Zeit von acht Monaten und drei Wochen erbaut nud hat einen Fassungsraum von 656 Sitzen. 2)ork. Eine kleine Anzahl von Juden hat sich im Laufe des letzten Jahres hier niedergelassen. Anläßlich der Feiertage wandten sich dieselben an den Oberrabbiner mit der Bitte, ihnen die Abhaltung eines Gottesdienstes während der hohen Festtage zu ermöglichen. Dr. Adler sandte hierauf eine Thora-Rolle und einen Schosar. Es wird demnach das erste Mal seit der Vertreibung der Juden aus Jork im Jahre 1290 hier wieder jüdischer Gottesdienst abgehalten. Warschau. Nach Mittheilung der „VmsebavsKi Dnievnik" ist in Grayova eine große Anzahl russischer Juden, welche aus verschiedenen Theilen des Reiches, insbesondere aus Odessa kamen, um nach Amerika auszuwandern, angesammelt. Die preußischen Behörden verweigern den Uebertritt ans das deutsche Gebiet, weil die Auswanderer nicht die nöthigen Mittel zur Fortsetzung der Reise besitzen, da die Auswanderungs-Comites in Preußen mit Rücksicht auf die Choleragefahr ihre Thätigkeit eingestellt haben. Der Gouverneur von Warschau hat sich telegraphisch an den Gouverneur von Odessa gewendet und denselben auf die mit weiterer Ansammlung Ausgewiesener verbundene Gefahr für den Gesundheitszustand der Provinz aufmerksam gemacht. Netv-Aork. Der Dampfer „Skandia", welcher Freitag aus Hamburg hier ankam, hatte während der Ueberfahrt 32 Todesfälle zu verzeichnen; die meisten der Verstorbenen waren russische Juden. Vier weitere Todesfälle ereigneten sich an Bord seit Landung des Schiffes. Feuilleton. Die Wiedergefundene. In der Nähe des Hauses, wo ich vergangenen Winter im nordwestlichen Theile der Leopoldstadt wohnte, befindet sich ein Gasthaus, in welchem allabendlich Volkssänger spielen. Das Gros des Publicums dieses Locales besteht aus kleinen Gelverbsleuten, welche mit ihren Frauen und Töchtern hieher kommen, um sich ungenirt zu unterhalten. Mitten unter den Hüten der Männer sieht nian zuweilen die weiße Haube einer Hausmeisterin und häufig auch die robusten Gesichter der Krowaten und Krowatinnen, die in diesem Viertel einen bedeutenden Theil der Bevölkerung ausmachen. Diese, obwohl sic am Wenigsten davon verstehen, sind die dankbarsten Zuhörer der Künstler, die lautesten Lacher und Klatscher bei jedenr derben Coupletspaß und die Gerührtesten, wenn auf der „Bühne" eine sentimentale Seite angeschlagen wird. Bei der Zusammensetzung dieses Publicums fehlt es natürlich auch nicht an dem antisemitischen Element, obwohl der Wirth wie möglich neutral ist und Streitigkeiten nicht aufkommen läßt. In Ermangelung anderer Ressourcen in der Nähe besuchte ich fast jeden Abend dieses Gasthaus und fand einmal Gelegenheit, einen jüdischen Hausirer, der an einem Nebentische eine Hetze im antisemitischen Style auszustehen hatte, durch meine energische Intervention zu - befreien und seine Angreifer sogar zu seinen Kunden zu machen , ein Wechsel, wie er bei der Naivität des Volkes nicht selten ist. Seitdem fühlte sich dieser Hausirer mir verpflichtet und aus diesem Verhältnisse entwickelte sich zwischen uns eine Art vertraulicher Verkehr. Der Tisch, an dem ich saß, war immer der erste, den der Hausirer besuchte, wenn er mit seinem Kram in's Gastzimmer trat, und er stand oft lange bei mir und erzählte mir von seinen Lebensverhältnissen und Schicksalen wie einem Freunde. Hätte ich mich etwa seiner schämen sollen? Hatte dieser arme alte Hausirer nicht so eine schöne menschenwürdige Gestalt wie nur einer der Gäste des Locales? Ich erfuhr von ihm, daß er früher in besseren Verhältnissen gelebt, ein gutsituirter Kaufmann in einer Provinzstadt gewesen war, und nur durch Machinationen christlicher Concurrenten ruinirt worden ist, daß er gezwungen wurde, die Stadt, wo seine Eltern gelebt und er geboren wurde, mit Weib und Kind zu verlassen. Er sei jetzt zwanzig Jahre in Wien, seine Frau starb hier vor Kränkungen und Entbehrungen und ließ ihn mit dönl Kinde zurück, einem Mädchen von fünf Jahren. Er erzog das Kind, so gut er eben vermochte, er legte sich alle erdenklichen Entbehrungen aus, damit seine Tochter französisch sprechen und Clavier spielen lernen könne. Mit fünfzehn Jahren hatte Ella — so hieß die Kleine — einen Lehrer des Institutes, das sie besuchte, zum Liebhaber; mit sechszehn Jahren war sie mit ihm verschwunden und ist seitdem verschollen. „Ja, mein Herr, es sind just zehn Jahre her, daß ich von ihr nichts mehr gehört habe. Man gewöhnt sich freilich an Alles, aber immerhin, gibt es Augenblicke in denen es Einen wieder packt und centnerschwer auf's Herz fällt. Mein schwerster Kummer ist, daß sie von einem Christen ver- und entführt wurde, und nicht nur mir, sondern wahrscheinlich auch vom Stamme abgefallen ist." Am nächsten Tage brachte mir der Hausirer eine kleine Photographie, welche ein kleines, etwa zwölf- bis dreizehnjähriges Mädchen darstellte. Das ordinäre Bildchen war schon ein wenig verblichen, doch erkannte man noch ein keckes Stumpfnäschen, leicht gekerbte Lippen und tolle Augen. „Sie ist allerliebst," sagte ich. „Nicht wahr? Ah, wenn Sie sie erst in ihrem fünfzehnten Lebensjahre gesehen hätten!" Und dabei rieselten einige schwere Thränen über die furchigen Wangen, und um an all' das dumme Zeug, das jetzt seine Gedanken durchwühlte, zu vergessen, entfernte er sich schnell von mir und ging eifrig dem Geschäfte nach, von Tisch zu Tisch seine Waare anbietend und anpreisend. Eines Abends gab's bei der Bolkssänger-Gesellschaft dieses Locales eine Debütantin. Das Programm wurde wie gewöhnlich abgehaspelt, bis endlich die mit fetten Buchstaben gedruckte Nummer „Vorträge" kam, die von der hinter drei Sternen verborgenen Debütantin gehalten werden sollen. Ein Murmeln der Erwartung lief durch's Auditorium, als die Künstlerin aus das Brettel rauschte. Es war ein brünettes, etwas starkes Frauenzimmer von volksthümlicher Schönheit; um den Mund lag ein Zug von Gutmüthigkeit und aus den Augen sprühten Funken unbändiger Ausgelassenheit, die schon jede feinere Empfindung erstickte. Sie sang mit einer ein wenig verblaßten Stimme. Ihr erstes Lied war mit einem stark antisemitisch angehauchten Refrain und die „Diva" betonte diesen noch besonders und wies dabei lachend auf den Hausirer, den sie als den einzigen Juden im Locale vermuthete. Das Couplet fand stürmischen Beifall. Alle Augen des Publicums waren aus den Hausirer gerichtet, der, von Schamröthe. übergossen, sich am liebsten unter einen Tisch verkrochen hätte. Während die Debütantin die zweite Strophe sang, erbleichte der arme Jude plötzlich. Seine Lippen begannen zu zittern, sein Blick war starr aus das Antlitz der Sängerin geheftet und er murmelte mir zu: „Aber — aber — mein Gott — sie ist es ja!" „Wer denn?" "Meine Tochter! meine Ella!" „Sind Sie dessen sicher?" Tatsächlich erkannte ich bei näherer und längerer Betrachtung eine Ähnlichkeit zwischen der Sängerin und dem «leinen Mädchen aus der Photographie. -„Wenn dem so ist", sprach ich zu dem Armen, „so müssen Sie sie nach Schluß der Vorstellung erwarten". „Ja — ja gewiß, aber — ich weiß nicht, ob — — wollen Sie mir eine Gnade erweisen, dann, bitte, kommen Sie mit mir!" „Mit größtem Vergnügen." Das Mädchen sang immer neue übermüthige Lieder und das Publicum beklatschte ihre Leistungen mit frenetischem Jubel. Die Debütantin hatte einen beträchtlichen Erfolg erzielt. Gegen Ende des Abends, wartete ich mit dem armen Hausirer an einer Seitenthür des Saales, durch welche die „Künstler" durch mußten. Die Heldin des Abends erschien, sie reichte den Arm einem Manne, den ich im Auditorium bemerkt hatte. Der Hausirer näherte sich den Beiden. „Madame — Madame!" „Was gibt's?" „Sie-Sie-Du erkennst mich nicht mehr?" Das Mädchen betrachtete den Alten mit großer Aufmerksamkeit und sagte dann ruhig, als ob sie ihn gestern zum letzten Male gesehen hätte:

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