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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-30 · 40 (30.9.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
40 (30.9.1892)
Date
1892-09-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 724 Orprrrrirtztschr Wochrnschrifi. Nr. 40 fanden mit großen reichen Gruppenfenstern, wird durch die Silhouette des nachbarlichen, gleichfalls im romanischen Style erbauten Schul- und Amtshauses wirksam gehoben. Die Feier begann im Hofraume vor der Synagoge zwischen dem Tempel und dem Schulhause. Durch zwei Triumpfpforten führte der Weg zwischen Tannenbäumen zu einem mit Blumen geschmückten Honoratioren-Zelte, in welchem die Bildnisse des Kaiserpaares angebracht waren und Fauteuils für die Ehrengäste bereit standen. Als Ehrengäste waren erschienen: Se. Excellenz der Herr Statthalter Baron Kübeck, Graf Ed. Attems in Vertretung des Landeshauptmannes, FML. v. Fux, Landtags-Abgeordneter Dr. Karl Bayer, Regierungsrath Professor Wastler, Polizeirath Hölzl, Bürgermeister Dr. Portugall, Bice-Bürgermeister Dr. Franz Bayer, Professor Dr. Wilhelm, mehrere Gemeinderäthe, Handelskammer-Präsident Schreiner, Amtsdirector Dr. Franz Feill und sonsttge geladene Persönlichkeiten. Präcise 10 Uhr Vormittags nahm di- Feier ihren Anfang. Der Architect Herr Maximilian Kätscher hielt folgende Ansprache: „Als ich vor Jahresfrist mit der ehrenvollen Aufgabe betraut wurde, dieses Gotteshaus zu errichten, ging ich freudig und mit Begeisterung an's Werk und ich bin glücklich, dasselbe mit Unterstützung des löblichen Tempelbau-Comites und meiner Mttarbeiter vollendet zu haben. Indem ich Ihnen, hochverehrter Herr Präses die Schlüssel des Hauses übergebe, flehe ich Gottes Segen herab auf diese dem Glauben geweihte Stätte und auf die fromme Gemeinde. Mögen in diesen Hallen bis in die fernsten Zeiten die Psalmen gen Himmel schweben, zu Gottes Lob und Preis." Mit diesen Worten übergab der Redner die Schlüssel des Tempels, welche, auf einem weißseidenen goldgestickten Polster, dessen' Schleifen weißgekleidete Mädchen hielten, von Fräulein Mühsam präsentirt wurden, an den Präses der Gemeinde Herrn M Fürst, welcher sie mit einigen Worten des Dankes entgegennahm. Hierauf begrüßte der Präsesstellvertreter, Herr Samuel Reisner, im Namen der Cultusgemeinde die Festgäste, darunter die Vertreter der Cultusgemeinde in Steinamanger. Das neue Gotteshaus — sagte er — werde einen Markstein bilden in der Geschichte der Israeliten in Steiermark, denn es sei seit Jahrhunderten wieder das Erste in diesem Kronlande. Unter unsäglichen Opfern und Mühen sei es erbaut worden, und von dem Gefühle der Dankbarkeit sei die Gemeinde erfüllt für den Kaiser, welcher der Gemeinde seinen mächtigen Schutz gewährt und für den Tempelbau eine steuerfreie Lotterie bewilligte, deren Ergebniß fast die Hälfte der Baukosten gedeckt habe. Der Redner dankte weiter den übrigen Behörden, dem Architekten Maximilian Kätscher und dem Baumeister Karl Heller und schloß mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser. Unter dem Vortritte weißgekleideter Mädchen erfolgte hierauf der Einzug in die Synagoge, deren Architektur und Ausstattung einen sehr würdigen, stimmungsvollen Eindruck machte.' Nach einem Präludium und einem erhebenden Choräle „Wie herrlich sind deine Zelte Jakob", trat Herr Oberrabbiner Güdemann aus Wien auf dem Platz des Predigers und hielt die Festrede. Er sprach über den Abschnitt aus dem Buche Moses „Wir stehen alle vor Gott". Nicht immer, sagte der Redner, stehen wir vor Gott, sondern nur in. Zustande der Sammlung und in weihevoller Stimmung. Eine besondere Veranlassung hiezu gebe die heutige Feier. Sie erlange durch die besonderen zeitlichen und örtlichen Verhältnisse eine geschichtliche Bedeutung. Denn 400 Jahre seien es her, daß die jüdischen Glaubensgenossen aus Steiermark und Kärnten vertrieben worden seien. Seit damals habe es hierzulande für die Bekenner dieses Glaubens kein Gotteshaus gegeben, das ursprünglich und vom Grund aus hiezu bestimmt gewesen sei. Wo aber die Juden kein rechtes Gotteshaus haben, da fühlen sie sich nicht zu Hause. Aber mit dem heutigen Tage umfange die Glaubensgenossen dieses schöne Gotteshaus, und der gegenwärtige Augenblick nehme den Faden auf, der vor400Jahren abgerissen worden sei. Heute setze sich wieder derZeiger auf der Uhr der jüdischen Glaubensgenoffenschaft in Steiermark in Bewegung und er zeige auf Morgenstunde. Das neue Gotteshaus sei ein geschichtliches Denkmal, welches gleichsam die Kluft zwischen zwei entlegenen Culturepochen ausfülle. Im Laufe seiner Erörterungen, was nach der Lehre des Judenthums und seiner Geschichte das Gotteshaus im allgemeinen und besonders dieses Gotteshaus zu bedeuten habe, sagte der Redner: „In das Gotteshaus dürfen uns nicht einmal die Erinnerungen folgen an die Unbilden und Verdächtigungen, welchen die Juden auch heute noch leider ausgesetzt sind", und indem er an die Worte des Propheten Bileam erinnerte, welcher das Gotteshaus mit den Wasserbächen vergleicht, die Wiesen und Gärten befruchten, sagt er: „Unter den edlen Grundsätzen, welche die Gläubigen aus dem Tempel mit hinausnehmen sollen, ist die Menschenliebe, die Wohlthätigkeit und die Wahrhaftigkeit und trotz aller Anfeindungen zaubern diese Tugenden um uns einen Garten, der nicht nur für uns da ist, sondern den wir auch für unsere Mitmenschen offenhalten, damit sie sich daran erfreuen und ergötzen. Aus der Geschichte des Judenthums geht hervor, daß die Juden in dieser Provinz große, ihnen heute nicht gedankte Verdienste um die Förderung der Cultur, u. zw. der deutschen Cultur sich erworben haben, diese deutsche Cultur hat im Lande an den Juden eifrige Pfleger gefunden, hier wohnten zahlreiche deutsche Juden und mit jener Liebe, mit jener Zähigkeit, womit der Jude an allen vaterländischen Einflüssen und Einwirkungen haftet, bildeten sie gleichsam freiwillige Wachtposten an dem Schatze deutscher Sprache und deutscher Sitte, und wer weiß, wenn man diese Vorposten vor 400 Jahren nicht vertrieben hätte, ob diese Schätze nicht auch heute bestünden und weitere Grenzen beherrschten als es heute der Fall ist. Die Juden brachten deutsche Sprache und deutsches Wesen bis nach Italien. Noch erinnern die Namen mancher Judenfamilien in Italien daran, daß ihre Vorfahren vor 400 Jahren in Marburg seßhaft gewesen waren. In Padua, Venedig, Verona, Treviso und Udina da wohnten und lehrten deutsche Juden und sie gaben diesen Städten ihre deutschen Namen zu einer Zeit, wo diese Bezeichnungen in Deutschland längst außer Uebung gekommen waren. Auf dem Handelswege nach Italien ist auch unsere theure deutsche Muttersprache verbreitet worden. Hier ist es also am wenigsten gerechtfertigt, gegen die Inden das Deutschthum auszuspielen, als ob es ihnen fremd und gleichgiltig wäre. Die Geschichte lehrt das Gegentheil, und die weiteren Forschungen, an deren Anfang wir erst stehen, werden es bekräftigen. Das neue Gotteshaus möge immer auch ein Hort der Vaterlandsliebe, der Liebe zur Muttersprache und zur vaterländischen Cultur verbleiben." Nach der Rede vollzog der Ober-Rabbiner das Anzünden des „ewigen Lichtes" unter Segenssprüchen auf das Kaiserhaus, das Land und die Stadt. Hierauf wurde die Bundeslade mit ,wajbi binsoa“ eröffnet und hielten die Thorarollen unter den Klängen von ,.ana adönai hoschia na“, Psalm 24 „seu schearim raschechem“ ihren feierlichen Einzug in den Tempel. Nachdem die Thorarollen in die Buudeslade eingestellt waren, recitirte Herr Ober-Cantor Paul Horn „unmueba jomar“. Nun ergriff der hiesige Rabbiner Herr Dr. S. Mühsam das Wort zu einer bedeutsamen gehaltvollen Weihrede, in welcher er den Gedanken ausführte, das neu erbaute Gotteshaus erwecke den erhabenen Doppelgedanken an Gott und an den Menschen. Der Redner führte in ergreifenden Worten die Segnungen des Gottesgedaukens und des Gedankens der Menschenliebe aus, der von demselben unzertrennlich sei. Den Schluß der Rede bildete ein Gebet für das Kaiserhaus, auf welches die Absingung der Volkshymne erfolgte. Hierauf recitirte Herr Ober-Cantor Horn iu künstlerisch gelungener Weise das Gebet uüsmor selür channukath habajitlu Den Schluß bildete der vom Chore vorgetragene Psalm „adon olarn“. Beim Verlassen des Festraumes bat der Präses der Cultusgemeinde den Statthalter, derselbe wolle den Ausdruck der Treue und des Dankes an die Stufen des kaiserlichen Thrones bringen, was der Statthalter mit verbindlichen Worten zusagte. Sodann äußerte derselbe in Bezug auf die Rede des Oberrabbiners Dr. Güdemann: „Sagen Sie demselben, seine Rede kam vom Herzen, ging zum Herzen, und gab auch zum Nachdenken Anlaß". Abends fand in dem neuen, geräumigen Sitzungssaale ein Bankett statt, welches von circa 80 Personen besucht war. Dasselbe wurde durch den Gemeindepräses mit einem dreimaligen Hoch auf Se. Majestät eröffnet. Sodann feierte Präses-Stellvertreter die Verdienste des Architecten, und Herr Dr. Spieler die unvergleichliche Festrede des Oberrabbiners Dr. Güdemann, dem eine Dankesdepesche zugesandt wurde. Hoffentlich wird dieser Tag einen Wendepunkt in der Geschichte der hiesigen Gemeinde bilden und das neue Haus einen edlen Kern bilden, um den sich eine immer größere, wachsende und blühende Gemeinde vereint.

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