Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-30 · 40 (30.9.1892) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
40 (30.9.1892)
Date
1892-09-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020940--01764-3025820
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 40 Dryrrrrichlfchr Wochenschrift. Seite 723 im Feuilleton erscheinen lassen. Wir freuen uns wirklich sehr darauf. Wir brennen vor Ungeduld. Auch Ernst Schneider wird als Uebersetzer aus dem Französischen und Italienischen sich produciren. Natürlich bloß antisemitische Schriften wird der. Herr Mechanikns verdeutschen. Schweren Stand wird er allerdings haben, wenn er auf der Höhe seiner bisherigen Fälschungen, wird halten wollen. Aber so blöd, hirnverbrannt, wie „Brandstätter brummt", Feuilleton vom Sonntag, wird es gewiß nicht werden können. Das ist das Dümmste, was seit Erfindung der Buchdruckerkunst gedruckt worden. Es ist von dem sehr geschätzten Schriftsteller Gustav Joung. Antisemitische Statistik. In seinem Buche von Richard Andree „Zur Volkskunde der Juden" (1881 Bielefeld) findet sich eine Stelle, die beweist, daß auch antisemitische Tendenzen in streng wissenschaftliche Bücher bineinwehen können. Es handelt sich um die Statistik der unehelichen Kinder bei Juden und Christen. (S. 73.) Unter den geborenen jüdischen Kindern ergeben sich in: Niederösterreich 96,5 Procent eheliche und 3,5 Procent uneheliche Böhmen 97,8 „ „ „ 2,2 Mähren 98,1 „ „ „ 1,9 Schlesien 98,1 „ „ „ 1,9 „ „ Galizien 86,1 „ „ „ 13,9 Bukowina 55,2 „ „ „ 44,8 „ „ Bon den hohen Ziffern der unehelichen Geburten für Galizien und Bukowina schreibt Andree, „sie fallen sehr 31t Ungunsten der Juden ans und gewähren uns kein glänzendes Bild von der Sittlichkeit dieser Juden". Andree schreibt also die ungünstigen Ziffern der Juden Galiziens und der Bukowina der tiefstehenden Moral dieser Juden zu, wiewohl es 4hm bekannt sein mußte, daß es sich hier um Kinder solcher Ehen handelt, die zwar keine staatliche Anerkennung haben, die aber kirchlich, d. h. nach jüdischrituellem Gesetze vollzogen wordensind. Theils mangelt es dort an Rabbinern mit staatlicher Anerkennung, theils an Matrikenführung, aus welchem Grunde die Leute meistens nicht in der Lage sind, einen staatsgiltigen Trauungsschein zu produciren. Die Eheleute, welche kirchlich getraut worden sind, sehen ihre Ehe als rechtsgiltig vollzogen an und die Kinder dieser Ehen darf man nicht mit einem moralischen Mackel belegen, noch lveniger in Parallele bringen mit den unehelichen Geburten in civilisirten Gegenden. Zwei Seiten darauf (S. 75) zeigt der Verfasser, daß in Bayern die Zahl der unehelichen Geburten (1876) sich folgendermaßen vertheilte: Katholiken 13,0 Procent Evangelische 12,9 ,. Juden 1.0 „ „Man kann wohl nicht irren", fügt Andree hinzu, „wenn man dieses Berhältniß nicht der Rasse und Confession, sondern der Gesammtheit der socialen und öconomischen Verhältnisse zuschreibt." Also zweierlei Maß! Einmal, bei den Juden sind es moralische Ursachen, welche die hohe Ziffer der unehelichen Geburten veranlassen, das andere Mal, bei den Protestanten und Katholiken sind es sociale und ökonomische Factoren! Das ist unwissenschaftlich und falsch! Entweder schätzt man alle Ziffern nach ihrer positiven Moralität ab, oder nach ihren socialen Ursachen! Einen doppelten Maßstab anzuwenden ist eine Ungerechtigkeit! Kossuth und der Rabbi. Anläßlich der Feier von Kossuth's, des ungarischen Freiheitsheroen 90. Geburtstag entnehmen wir einem ungarischen Blatte folgende Episode aus dem Leben Kossuth's. Im Revolutionsheere haben bekanntlich auch Inden unter den Fahnen Kossuth's gestritten und sind für die hehre Idee der Freiheit freudig in den Tod gegangen. Doch nicht nur die Kraft der Wahrheit und der Ueberzeugung, zwischen Kossuth und den Juden bestand noch eine persönliche Fühlung, ein mystischer Zusammenhang, wovon man im Revolutionsjahre viel erzählte, eine Tradition, die den Nimbus einer religiösen Legende um das Haupt des unsterblichen Patrioten wob. Diese abergläubische Pietät hing nämlich mit einer Episode aus der Jugend Kossuth's zusammen. Der Vater Kossuth's lebte als Advocat im Norden Ungarns, wo der Zuzug aus Polen am stärksten war. Diese aus Polen eingewanderten „Chaffidim" mit defectem Talar verunstalteter Geberde, Stirnlöckchen und „Streimel" (aus Lammfellen geformten Kopfbedeckung), begegneten selbst unter orthodoxen Glaubensgenossen einer instinctiven Entfremdung. Da geschah es, daß Kossuth's Vater einen erbitterten Proceß gegen den im Rufe heiliger Askese und Gottesfurcht stehenden Oberrabbi von 8ätor-^.tAa-vjheI^ führte — ein langwieriger Streit, der in Jahrzehnten erst beigelegt werden konnte. Mittlerweile starb der alte „Fiskal", Kossuth's Vater, ihm folgten zwei Söhne ins Grab. Naturgemäß war der Tod der drei aus dem Hause Kossuth als eine göttliche Strafe gedeutet, nicht nur die Juden, auch Katholiken und Protestanten begannen den Rabbi als ein überirdisches Wesen zu betrachten, zu dem die Gläubigen in Massen pilgerten, der Rabbi hatte wohlweislich keinen Einspruch gegen die mysteriöse Auffassung seiner Macht eingelegt. Der Tod des Gatten und ihrer Söhne erschütterte die Mutter Koffuths, die schlichte, in protestantischer Gläubigkeit fest ankernde würdige Matrone, die später in bewegten Tagen nicht nur selbst inbrünstig betete für ihren Sohn Ludwig, sondern auch für dessen Leben in katholischen und jüdischen Gotteshäusern Gebete verrichten ließ. Den quälenden Gedanken jedoch konnte sie aus ihrem mütterlichen Herzen nicht bannen, daß vielleicht der Fluch des Rabbi auch auf dem Haupte ihres einzigen Sohnes lastet; sie zauderte nicht lange, erschien persönlich beim Rabbi, Vergebung und Vergessen bittend für alle Unbill die ihr verklärter Gatte als Advocat verursachte und um Gnade flehend für ihren am Leben gebliebenen einzigen Sohn. Diese Bitte gab dem Rabbi Veranlassung, Einblick zu nehmen in das Seelenleben des kleinen Ludwig Kossuth. dessen Neigungen und Charactereigenschaften zu erlauschen, und als der greise Rabbi sich die Ueberzeugung verschaffte, daß in der Seele des Kindes die Borurtheile die Gebote der Liebe für die Mitmensch n nicht zu tilgen im Stande waren, legte er die zitternde Rechte segnend auf das Haupt des Knaben. Die Worte des Rabbis mit denen er seinen Segensspruch geleitete, bewahrte treulich Ludwig Kossuth, und vergaß nicht die Worte des segnenden Rabbi aus den Psalmen Capitel 60, Vers 6, der lautet: „Nossato lireecho neas lehissnosses luipae „Ko sehet“ sela." „Ein Panier gabst du deinen Gläubigen, daß sie sich schmücken für die Wahrheit", und da Koschet — und Kossuth einen symbolischen Gleicyklang besitzen, gab man den Worten jene erhebende Sinnesdeutung: „Ein Panier liehest du deinen Bekennern, sich zu schmücken für „Kossuth" — (Koschet). Nun, hat das zum Mysticismus neigende Judenthum jener bewegten Zeit einen Fingerzeig erhalten, wonach Kossuth's Namen eine biblische Bedeutung einnehme, so ward die Verfügung getroffen, daß der erwähnte Psalm in allen Synagogen — während der kriegerischen Epoche — recitirt werde, .und das ungarische Judenthum hat gläubig und unerschütterlich bei Kossuth's Fahne ausgeharrt, wie noch heute unwandelbar! Was Kossuth's Persönlichkeit belangt, blieb jene Episode nicht eindruckslos, denn er war der Profit für Glaubensfreiheit und Glaubensgleichheit im Ungarlande. Schon in der Schule machte er keinen Unterschied im religiösen Bekenntnisse seiner Mitschüler und auch späterhin obgleich die Verkörperung der Gleichberechtigungsidee — die im Principe bereits lebte — durch die Verhältnisse aufgeschoben wurde, zeichnete Kossuth auch als Politiker Juden mit seinem Vertrauen aus, übertrug Juden die Ausführung hochwichtiger Ideen, ja einer seiner Secretäre — Dr. D i 0 st e g i — war selbst auch Jude. Tempel-Einweihung in Graz. Donnerstag, 'den 15. d. M. fand hier die feierliche Einweihung der neuerbauten Synagoge statt. Der nach Entwürfen des Herrn Architecten Maximilian Kätscher aus Wien vom hiesigen Baumeister Heller aufgeführte prächtige Kuppelbau im rein romanischen Style erhebt sich nach allen Seiten von Vorgärten umgeben am Nikolaiquai an der Ecke der Zweigelgasse in rothem und weißem Ziegelbau. Die Gesammtwirkung des Tempels mit der großen,30 Meter hohen, achteckigen Kuppel mit goldschimmernden Tambour auf quadratischem Unterbau, den Portal- und Chorgiebeln, mit den zwei den letzteren flankirenden Treppenthürmen und den zwei Längs-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.