Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 40 (30.9.1892)
- Date
- 1892-09-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 722 Vestrrrrichifchr Wochenschrifi. Nr. 40 Polonski. Vom Impfen hält er nichts, rein gar nichts. Das ist Terrorismus. Und dann der Wäschehändler Gregorig, der hat den Profeffor der Medicin verdonnert, der hat der Leuchte der Wiffenschaft heimgeleuchtet. Der versteht's! Die Leute werden künftighin gar nicht mehr zum Nothnagel, zum Billroth oder zum Kahler gehen wollen. Alles wird zum Gregorig laufen oder zu sonst einem alten Weib. Wie kann man sich so blamiren, Professor Ludwig? Wie kann man sich solche Blößen geben vor Männern der Wiffenschaft, Herr Rector? Seine Magnificenz als Ignorant dastehend vor Bergani und Gregorig dem Weisen! Ich möchte nicht in Ludwigs Haut gesteckt haben. Da hat er einmal gesehen, daß Bildung, Intelligenz, positives Wissen nichts vermögen und keinen Antisemiten hinter dem Ofen hervorlocken. Da hat er endlich erfahren, daß es durchaus nicht nöthig ist, irgend etwas zu lernen und zu wissen, um über einen Gegenstand zu reden und zu urtheilen. Eine gute Schreilunge genügt. Schallblasen im Maul wie die Brüllaffen in Südamerika sollten sie nur noch dazu haben — dann wären sie noch beweiskräftiger. Doch da läßt sich nichts machen. Das ist ein Uebersehen der Natur. — Dann kam noch der Lueger dazu und ergriff die Partei der alten Weiber. „Die verstehen mehr wie die Doctoren." Das ist nun auch meine Ansicht, mir vollkommen aus der Seele gesprochen. Wenn ich nur wo so ein Weib wüßte — müßte just kein altes sein ich ließ' mich sofort in ihren Curs irscribiren. Die Wissenschaft ist — jetzt weiß man es endlich allgemein, was ich seit Jahren docire — ein großer Schwindel! Die Wahrheit steht ohnedies im „Deutschen Volksblatt" wozu sich noch mit ihrer Erforschung abgeben. Erscheint zweimal täglich — die Wahrheit, und ist nunmehr auch in den k. k. Tabaktrafiken erhältlich. Und bei Gregorig dem Weisen sind nicht nur Unterröckchen, Höslein, gut sitzende Hemden für Tag und Nacht zu haben, nicht blos Krätzelchen und Manschettelein werden zum Putzen übernommen — es sind auch goldene Lehren und tiefe Wiffensworte über medicinische Fragen dort billig zu bekommen. Billig? Ganz umsonst. Die frechen Juden werden sie zwar dennoch unverschämt theuer finden, aber ich bin der Ansicht, daß jedes Wort aus dem Munde dieses Schwätzmeisters pures Gold ist. Auch hat er dein Statthalter gesagt: Er (Gregorig) ließe sich nicht lächerlich machen. Ich habe einen Semiten zufällig darüber reden hören, der meinte, Gregorig der Weise habe Recht, er besorge das selbst viel besser. Jüdische Frechheit, so was! Hoch Hofrath Gregorig, der Erleuchtete, der für Kneippwäsche im Landtag Propaganda macht! Ich finde, daß dies der einzig geeignete Ort hiefür ist. Die Juden sind anderer Meinung, aber die verstehen nichts anderes, als die Ausbeutung des armen arischen Volkes. Ich bin der begeistertste Anhänger Gregorig's, Vergani's, Lueger's seit der Stunde geworden, da sie die Ueberflüffigkeit, Nutzlosigkeit und hört, hört! — ja Schädlichkeit der Wissenschaften nnd des damit unlöslich verknüpften Studiums proclamirten! Hoch Hoch — Pfui! pfui! Ich habe in meinem Enthusiasmus mich vergessen und einen kräftigen Schluck aus dem Tintenfasse gethan. Eckelhaftes doppel-copirendes Alizarin! Lachen Sie nicht, Mila, fürtreffliche Cassirin des Sitzes. Schadenfteude darf man blos nach arischem Moralcodex über Semiten widerfahrene Unbill empfinden. In diesem Falle wird sie zur Pflicht. Johannes, halten Sie sich nicht Ihr verehrungswürdiges Bäuchlein. Schütteln Sie sich nicht so, hören Sie, das ist mir peinlich — lassen Sie mich doch weiter schreiben.- Wo bin ich stehen geblieben — bei den Scandalen im Landtage-ja! — Hab s schon! — „Pfui!" Das ist der Faden, Ich fahre fort. Apropos, Pfui! Hast Du die Kol-Nidre-Artikel des „Deutschen Volksblattes" gelesen? Die haben den Juden schön in die Neujahrssuppe gespuckt. Aus—ge—zeich—net! was? Mit hebräischen Lettern gar. Das machte Effect. Habe noch nie so gelacht. Herrlicher Fall. Wer wird jetzt noch einem Judeneide Glauben schenken? Nicht einmal so viel wie einem Rohlingeide. Uebrigens die Geschichte mit Rohlings zwei Briefen verstehe ich nicht, absolut nicht. Ich selbst habe schon oft Briefe geschrieben, wo ich nnch nicht ganz nebelfrei fühlte, aber so was Confilses doch niemals. Wer jetzt der superlative Esel ist, ist im gegenwärtigen Stadium bereits aufgeklärt. Die europäische Sitte mag sich nur das Maul wischen. Die hat ihr Theil auch weggekriegt. Ich kann mir in dieser dunkeln Geschichte nur Eins denken: Die Juden sind schuld! Ter Hummelsheim muß ein Jnd sein! Hummelsheim, Hummelsheim?? Kommt mir ein bischen verdächtig vor. Er hat den Rohling provocirt mit seiner Anfrage. Vertrauensvoll setzt sich der nieder und schreibt ein paar sinnige Zeilen über superlative Esel; die taktlosen Judenblätter drucken es gleich nach; Rohling muß widerrufen. Die zwei Widerrufe hätte er aber in einen zusammenziehen sollen, dann wäre die ganze Sache klarer und schöner und besser ausgegangen. Etwa so: „Auf Grund des §. 19 bemeineide ich, daß der Brief, welchen ich an den mir bekannten Herrn Hummelsheim gerichtet habe, von mir an selbigen gar nicht gerichtet werden konnte, da ich Herrn Hummelsheim gar nicht kenne. Ich erinnere mich ganz genau daran, daß ich an Gedächtnisschwäche leide. Richtig ist nur, daß ich in meinem Leben mehrere Briefe geschrieben habe. Aber nicht alle waren an Herrn Hummelsheim gerichtet. Warum soll also gerade der in Rede stehende an ihn gerichtet gewesen sein, da ich dessen Namen, wie ich mich genau erinnere, vergessen habe? Dem Hummelsheim erstens habe ich ganz etwas anderes geschrieben. Zweitens habe ich dieses andere nicht dem Hummelsheim geschrieben und drittens war der Krug —" So ungefähr hätte Rohling berichtigen müssen. Die europäische Sitte hätte er ganz gut fortlassen können. Die hat damit gar nichts zu schaffen. Die geht uns Antisemiten überhaupt den blauen Teufel an. Rohling, bleib' bei Deinem Meineid! U. D. G. Teutobold. Eine Sonntags-Nummer. Ehren-Vergani leitartikelte in seinem letzten Albernen vom 25., über Kronawetter und findet es für angemessen, über — „politischen Character" zu schwefeln. Wer lacht da? Ich glaube, er war es selbst. Er glossirt eine Rede Kronawetters von 1882 und wagt es, das Wort „Wahrheitsliebe" in seinem verlogenen Schund-Blatt zu drucken. Wahrheitsliebe! — Wie kann man so unvorsichtig sein? Da lachen doch alle Katzen auf den Dächern, wenn der mit der Wahrheitsliebe kommt! Thun Sie das nicht mehr, in Ihrem eigenen Interesse warnen wir Sie. Lassen Sie die Wahrheitsliebe nur wie bisher ganz bei Seite — aber ganz — wie bisher! Nun ein paar Stellen rasch herausgegriffen, um unseren Lesern irr thunlichster Raschheit und Kürze ein Bild zu entrollen von einem echten Verganischen Leitartikel: „Wie bei diesem Anlasse, so hat Kronawetter sehr ost, nur noch in viel schärferen Ausdrücken, die liberale Partei als den Inbegriff politischer und bürgerlicher Corruption, frecher Heuchelei und moralischer Verkommenheit bezeichnet, wofür w i r d i e v o n i h m s e l b st u n d v o n seinen Gegnern herrührenden Beweise successive erbringen werden." Also successive? Aha! Warum nicht gleich, nicht allsogleich? Derlei Beweise folgen bei honnetten Leuten einer Anschuldigung unmittelbar auf dem Fuße. Sonst heißt das allgemein eine niederträchtige Verdächtigung. Aber weiter um ein Haus: „Ebenso hat er sich insbesondere in den Jahren 1882 bis 1886 von dem tiefsten Hasse gegen das Judenthum und insbesondere gegen die jüdische Journalistik erfüllt gezeigt, wofür der gerichtsordnungsmäßige Beweis jederzeit producirt werden kann. Kann? Warum bringst Du ihn nicht schon, verdächtigendes, verläumderisches Schlaucherl? — Im Verlaufe des Weiteren, das in ganz ähnlichem Unsinne gehalten erscheint, findet Ehren-Bergani, daß die liberale Partei durch die Wahl Kronawetters „sich — selber — in's Gesicht spucke". Das ist eine so große Kunst, daß — bei aller Hochachtung vor den hervorragenden Talenten, über welche die Linke verfügt, wir dennoch fürchten, daß Vergani, den Tausendkünstler ausgenommen, der Alles kann — diese schwierige Kunst, das „sich selber in's Gesicht spucken" Niemand wird zu Stande bringen. Er soll es vormachen, er kann's gewiß. Das Beste an seinem Leitartikel — den Schluß natürlich ausgenommen, weil es da aus ist — bleibt der Titel, der trefflich gewählt und ungemein bezeichnend ist. Er könnte durch keinen besseren ersetzt werden und lautet: „Der Gipfel der Unverfrorenheit." — Daß in den Landtagsberichten Gregorig als anständiger, ruhiger und gesitteter Parlamentarier auftritt, hingegen — „Sueß" störende Zwischenrufe erschallen läßt, die allgemeinen Unwillen erregen, ist höchst bemerkenswerth. — Die Judenblätter könnten von dem wahrheitsliebenden Vergani so manches lernen. Unter anderem auch, wie rastlos man im Erwerben neuer Mitarbeiter sein müsse. Fürst Lichtenstein wird" im „D. B." eine stylistische Uebung: „Das Reich der Römer